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SPECIAL zu Barney Hoskyns »Tom Waits«

Auf der Suche nach Tom Waits

von Klaus Greifenstein

Die David-Letterman-Show beginnt mit dem Tusch der Studio-Band. Der Moderator rückt seine Brille zurecht und kündigt den Gast des Abends an: "Ladies and Gentlemen – Tom Waits!" Sekunden später betritt ein Mann die Bühne, der aufgeräumt und charmant von seinen Kindern erzählt.
Man ertappt sich dabei, diesen Typen für einen gemeinen Schwindler zu halten, einen Doppelgänger des großen Songwriters. Wo ist die glimmende Kippe, wo hat der Typ seine Whiskeyflasche versteckt? Wo ist mein Tom Waits geblieben, der Säufer, der mich in die Welt der Ausgestoßenen entführt? Und dann plötzlich der Gedanke: Hat es diesen Waits vielleicht nie gegeben …?


Franks wilde Jahre
„Ich wurde in einer Aprilnacht des Jahres 1949 gezeugt. Zwischen einer zerbrochenen Flasche Four Roses Bourbon, einer glimmenden Lucky Strike, einem halben Thunfisch-Sandwich und dem Geruch von Old Spice …“.
Die klassische Waits-Anwort, auf die Frage seiner Herkunft. Sie scheint direkt aus einem seiner Songtexte zu stammen und gibt doch nichts vom wahren Tom preis. Trotzdem verraten diese Zeilen zumindest ein wenig über seine Jugend, oder, genauer gesagt: seinen Vater. Jesse Frank James war ein Spanischlehrer mit einem schweren Alkoholproblem, der die Familie verließ, als Tom 10 Jahre alt war. Die Erinnerung an diese Zeit sind gemeinsame Stunden auf Barhockern in verrauchten Spelunken. Der Rest bleibt blass. „Nach so einer Trennung flüchtet man auf eine Reise“, sagt Waits über die Situation, „und findet sich irgendwann vor einer Jukebox kniend und zu Ray Charles betend …“

Die Jukebox im Napoleone's
Diese Jukebox steht in National City, Kalifornien. Im Napoleone's, einer Pizzeria, wo der 16-jährige Tom seine ersten Dollars verdient. Er wohnt jetzt mit Mutter und Schwester im knapp vier Kilometer entfernten Chula Vista, geht auf die Highschool, die ihn allerdings mehr als langweilt. Interessanter sind die Gestalten die spätnachts das Napoleone's bevölkern, Nutten, Kleinkriminelle, Billardhaie. Sie und die Jukebox befeuern seine Fantasie und seinen Drang die Kreaturen der Nacht in Songs und Gedichten zu verewigen. Tom lernt ein paar Akkorde auf Gitarre und Klavier, träumt von der großen Bühne. Leider fehlt in National City die Plattform, um das Bestreben in die Praxis umsetzen. Aber San Diego ist nicht weit, wo die angesagten Clubs zu finden sind. Eine Stadt, die auf einen wie ihn gewartet hat.

Ein Rebell gegen die Rebellen
Als Pizzamann mit weißer Schürze macht er dort im Jahr 1969 einen gewaltigen Karriereschritt. Als Türsteher im Heritage, dem angesagtesten Club der Stadt, fällt er durch seine Entertainerqualitäten auf. Bald brilliert er nicht an der Tür, sondern auf der Bühne mit Spoken-Word-Darbietungen, von denen man in ganz San Diego spricht. Andere Club-Besitzer engagieren ihn, er dehnt seine Aktivitäten bis ins 180 Kilometer entfernte Hollywood aus. Begeistert begrüßt man ihn als Gegenentwurf zur Hippie-Szene, einen „Rebell gegen die Rebellen“ wie er sich selbst nennt, und nach einem Open-Stage-Auftritt bekommt Tom seinen ersten Plattenvertrag.
Bei seinen Shows mimt er den knarzigen Trinker, eine Kunstfigur, die immer mehr mit dem echten Tom verschmilzt. Als er 1974 in das heruntergekommene Hotel Tropicana zieht, hat er sich endgültig in die erfundene Bühnenfigur verwandelt. Ein unsteter Trunkenbold, der mit anderen Abgestürzten abhängt, auf der Flucht vor sich selbst.

Wiedergeboren
Dank der Trinkerei kommt er von seinem gehassten Image gar nicht mehr los, das er auf sieben Alben breit ausgewalzt hat. Bis ihm 1980 Francis Ford Coppola den rettenden Strohhalm reicht. Der Regisseur heuert Waits für seinen Film „One From The Heart“ als Komponist an. Mit enormer Selbstdisziplin arbeitet Tom täglich an dem Werk, allein in einem holzgetäfelten Raum.
In dieser Komponier-Stube ändert sich sein Leben für immer, als es eines Tages an die Tür klopft. Waits erinnert sich: „Vor mir stand ein wunderschönes Mädchen. Sie fragte: „Was machst du hier drin?“ Und ich sagte: „Ich schreibe Songs für One From The Heart“. Der Name der jungen Dame war Kathleen Brennan, und die Beziehung entbrannte wie ein Buschfeuer. Tom findet in ihr die Stütze nach der er sich immer gesehnt hat. Sie – eine irisch-stämmige Amerikanerin – zeigt ihm, was Wärme und familiärer Zusammenhalt bedeuten können.
„Ich war am Ende. Ich war süchtig. Ich bin in letzter Minute gerettet worden“, sagt Waits über das schicksalhafte Zusammentreffen, seine Wiedergeburt als Künstler.

Vom Schnaps-Poeten zum Innovator
Vom Schnaps-Poeten der Siebziger verwandelt sich Waits unter Brennans Fittichen zu einem der musikalischen Innovatoren der Achtziger. Kathleens Credo, man müsse keine Schmerzen leiden, um über sie zu singen, wird auch zu seinem. Die großartigsten Waits-Alben von „Swordfishtrombones“ über „Bone Machine“ entstehen. Er erfindet seine eigene Schrottplatz-Rhythmik, spielt schräge, lärmige Blues-Bastarde, kann sich von seinem Bühnen-Alter-Ego lösen. Die Welt von Film und Theater eröffnet sich dem Künstler, er wird Jarmusch-Liebling und kollaboriert bei „Black Rider“, der legendären Persiflage auf den „Freischütz“.
Während er sein Oeuvre stetig erweitert, schottet er sein Privatleben immer mehr ab. Er, der am 7. Dezember seinen 60. Geburtstag feiert, hat schlichtweg keine Lust mehr, die verklärten Vorstellungen von einem Leben am Straßenrand mit seinen Bewunderern zu teilen und hält es ganz wie Charles Bukowski: „Die Leute glauben, ich säße Schnäpse trinkend an der Ecke 50ste und Main, dabei sitze ich mit einem Handtuch um die Hüfte im Spa und sehe mir die Johnny Carson-Show an."

Als Barney Hoskyns beschließt, die Biografie seines Idols Tom Waits zu schreiben, steht er buchstäblich vor verschlossenen Türen. Der engste Zirkel des Künstlers verweigert jede Auskunft, viele ehemalige Begleiter ebenfalls. Hoskyns lässt sich davon nicht beirren. Mit detektivischem Eifer spürt der Musikjournalist den Wurzeln seines Idols nach und schenkt den Fans mit „Ein Leben am Straßenrand“ ein knapp 700-seitiges Werk, das uns den Mann mit dem Image des verlorenen Trinkers erstaunlich nahe bringt. Intime Geständnisse sucht man hier vergeblich, wird aber dafür mehr als entschädigt. Denn nach der Lektüre verknüpfen sich die Menschen, Orte und Momente des Buchs mit Waits' Songs und verleihen ihnen so eine neue Dimension.

Klaus Greifenstein
München, November 2009

Tom Waits Blick ins Buch

Barney Hoskyns

Tom Waits

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