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SPECIAL zu Bartholomäus Grill »Ach, Afrika«

"Ach, Afrika" - Notwendige Korrekturen am Zerrbild des Kontinents

Von Heinz Delvendahl

Berlin (dpa) - Warum macht Afrika immer nur Negativschlagzeilen? Warum kommt dieser Kontinent nicht auf die Beine? Viele Klischees sind im Schwange, Urteile werden schnell gefällt. Bartholomäus Grill, der seit zehn Jahren aus Afrika berichtet und noch viel länger darüber schreibt, bemüht sich in "Ach, Afrika" um ein realistisches Bild des Kontinents, wenn er sich auch seiner Grenzen bewusst ist: "Du kannst Afrika und die Afrikaner nur mit dem europäischen Blick darstellen. Du hast keinen anderen." Bei aller Bescheidenheit: Dies ist eines der besten Afrika-Bücher der vergangenen Jahre. Seine Lektüre macht manche andere überflüssig.

Grill zitiert Axelle Kabou, eine Kameruner Politexpertin. "Sie macht nicht nur machtkranke Staatschefs und korrupte Eliten für die Malaise des Kontinents verantwortlich, sondern auch das ganz normale Volk. Die Afrikaner glaubten immer noch, der Rest der Welt schulde ihnen die Rettung ihres Kontinents - als späte Kompensation für erlittenes Unrecht; ihre Opfer- und Bettlerhaltung werde durch die Humanitätsduselei naiver weißer Helfer bestärkt."

Starke Worte. Ein weißer Autor hätte Hemmungen, es so deutlich zu sagen. Und doch: Auch Grill muss das offenkundige Versagen geißeln. Die raffgierigen, korrupten, sich an die Macht klammernden Big Men. Der frühere nigerianische Militärdiktator Sani Abacha hatte Milliarden ins Ausland geschafft, bevor er nach einer Überdosis Viagra in den Armen dreier Prostituierter starb. Die Bürgerkriege. Die abgehackten Gliedmaßen in Sierra Leone. Die ruandischen Flüchtlingsmassen, die Grill im Osten Kongos besuchte. Die Millionen Toten der Aids-Pandemie, die die weitere Existenz mancher Staaten in Frage stellt.

Grill gesteht freimütig frühere Fehlurteile ein. Wie konnte es sein, dass sich die allermeisten Korrespondenten vor 20 Jahren so in Robert Mugabe getäuscht haben, der Simbabwe, die "Kornkammer Afrikas", zum Lebensmittelbettler heruntergewirtschaftet hat? "Der Chronist wird vorsichtig in Afrika. Er will, die Verluderung der politischen Eliten im Hinterkopf, nicht mehr ausschließen, dass sich die Geschichte andernorts wiederholt. Warum sind ehrenwerte Männer, die einst Befreiungskriege führten, Kolonialregime überwanden und mit großen Idealen antraten, zu lausigen Despoten degeneriert?"

Afrika hat viele Facetten. Unmöglich, ihnen allen gerecht zu werden. "Manchmal möchte man glauben, der Kontinent führe ein Doppelleben", schreibt Grill, "ein verdammtes, über das wir Korrespondenten berichten, und ein gesegnetes, das wir beschweigen. Aber Afrika ist immer beides, es schleudert uns wie auf einer Achterbahn der Gefühle zwischen den Extremen hin und her."

Amerikanische Steuergelder dürften nicht mehr "in Rattenlöchern verschwinden", begründete US-Senator Jesse Helms das Nichteingreifen im Kongo und anderen Bürgerkriegen. "Ein Satz, der die Haltung des reichen, mächtigen Teils der Welt auf den Punkt bringt", merkt Grill an. "Afrika wird abgeschrieben: geostrategisch unbedeutend, wirtschaftlich marginal, politisch ein hoffnungsloser Fall."

Manchmal, wenn ihn Afro-Pessimismus zu übermannen drohte, fuhr Grill in die Township Alexandra bei Kapstadt, zu Joseph Makapan, der - selbst an den Rollstuhl gefesselt - eine Behindertenwerkstatt gegründet hatte.
"Er verkörpert all die Eigenschaften, die ich an Afrika und den Afrikanern bewundere: die entwaffnende Heiterkeit und Zuversicht, den Erfindungsreichtum der Armut, die Kräfte, die aus der Verzweiflung geboren werden, dieses große unerschütterliche Trotzdem." Im vergangenen Februar ist Makapan gestorben.

Ach, Afrika Blick ins Buch

Bartholomäus Grill

Ach, Afrika

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