Stell dir vor, du verlierst deine große Liebe – doch das Leben schenkt dir noch eine Chance

Stell dir vor, du hast deine große Liebe gefunden. Stell dir vor, ihr heiratet, lebt zusammen und plant eure gemeinsame Zukunft. Stell dir auch vor, dass einige Dinge passieren, die einen Schatten über eure Beziehung werfen. Stell dir vor, dass du nichtsdestotrotz ohne deine große Liebe nicht leben könntest. Bis ein Unfall euch für immer auseinanderreißt. Und plötzlich bist du alleine – du und dein gebrochenes Herz.

Doch scheinbar hat das Schicksal Mitleid mit dir, denn es schenkt dir eine neue Chance und lässt dich deine große Liebe noch einmal kennenlernen. Du verliebst dich noch einmal. Erlebst den ersten Kuss. Das erste Mal "Ich liebe dich". Den ersten Streit. Die erste gemeinsame Wohnung. Aber du weißt auch, dass der Todestag immer näher rückt ... Was würdest du tun?

Gewinnspiel


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Leseprobe: Before you go – Jeder letzte Tag mit dir

29. Juni 2013
Es ist ein heißer Tag, und die Sonne strahlt vom Himmel,
doch Zoe ist so traurig wie noch nie in ihrem Leben. Mit
blassem, ausdruckslosem Gesicht steigt sie aus dem schwarzen
Auto und macht sich unsicher auf den Weg zu dem bedrückenden
Backsteingebäude. Ihre Mutter eilt hinter ihr
her und greift beschützend nach ihrem Ellbogen.
Etliche Menschen warten vor dem Eingang. Die Sonne
steht so hoch, dass sie kaum Schatten werfen, und das Licht
ist so grell, dass Zoe ihre Gesichter nicht erkennen kann.
Einige rauchen und blasen wabernde Wolken in die warme
Sommerluft. Sie beobachten Zoe, jemand wirft ihr zur Begrüßung
ein kurzes Lächeln zu, aber sie bemerkt es kaum.
Zoe und ihre Mutter betreten das Gebäude und gehen
steif auf die erste Reihe zu. Zoes Schwiegermutter Susan
ist bereits da. Ihre Augen wirken trotz des sorgsam aufgetragenen
Make-ups rot und geschwollen. Sie ringt sich ein
schwaches Lächeln ab, als sich die beiden Frauen neben sie
setzen. Zoe nimmt Susans Hand und hält sie fest umklammert.
Man hört das Schniefen und das Gemurmel der anderen
Trauergäste, die sich langsam auf ihre Plätze begeben, doch
Zoes ganze Aufmerksamkeit gilt Eds Sarg, der umgeben von
Blumen und Kerzen im vorderen Teil der Trauerhalle steht.
Sie starrt auf die schlichte Holzkiste und kann einfach nicht
glauben, dass sich tatsächlich der Körper ihres geliebten
Mannes darin befinden soll. Es erscheint ihr so surreal.
Und so unfair.

An dem Tag, an dem er gestorben ist, war es ebenfalls
unerträglich heiß gewesen. Am Morgen hatte sie wie immer
wahllos Dinge in ihre Handtasche gestopft: ihren Laptop,
den Kalender, einen Apfel, ihr Handy, eine Cola light, ein
Buch, ihr iPad. Wie ein Film läuft alles, was passiert ist,
nun an ihr vorbei.
»Wenn du noch mehr hineinstopfst, brauchst du einen
Packesel, um die Tasche zur Arbeit zu befördern«, sagte Ed
und kam mit der Zahnbürste im Mund auf sie zu.
Zoe sah, wie Zahnpasta von seinem Kinn aufs Parkett
tropfte.

Sie verdrehte die Augen. »Um Himmels willen, Ed«,
fuhr sie ihn ungeduldig an. Sie wusste genau, dass sie überreagierte,
dass er nur versuchte, die Stimmung zu heben,
doch sie konnte nichts gegen ihre Wut tun. Sie stapfte ins
Badezimmer, um Toilettenpapier zu holen und die Zahnpasta
damit aufzuwischen, dabei sah sie, dass einer ihrer
Fingernägel eingerissen war. »Verdammt noch mal«, murmelte
sie und spürte, wie bittere Galle in ihr hochstieg.
Fieberhaft riss sie sämtliche Badezimmerschranktüren
auf und suchte nach einer Nagelschere. Sie war spät dran,
und Ed ging ihr gehörig auf die Nerven. Sie musste schleunigst
raus aus der Wohnung. Endlich fand sie die Schere,
schnitt den Nagel ab, warf sie zurück in den Schrank und
knallte die Türen zu.

Ed stand im Wohnzimmer und schmollte. Er versuchte,
ihr nicht in die Quere zu kommen, und sie konnte ihm
keinen Vorwurf machen. Sie war in letzter Zeit ständig
schlechter Stimmung. Der Zorn brodelte unter der Oberfläche,
bereit, jeden Moment hervorzubrechen. Die Tatsache,
dass sie sich dessen bewusst war, bedeutete jedoch
nicht, dass sie die Situation unter Kontrolle hatte. Sie
wusste, dass die Hormone daran schuld waren. Es waren
immer die verdammten Hormone.
Sie lief in die Diele und zog ihre Sandalen an. Eds gedämpfte
Stimme drang aus dem Wohnzimmer an ihr Ohr.
»Was?«, fuhr sie ihn an, als er zur Haustür ging. Seinen
Fahrradhelm hatte er schon aufgesetzt.
»Ich fahr dann mal«, sagte er nur. »Wir sehen uns spä-
ter.«
»Gut«, erwiderte sie barsch.
Zoe war nicht in der Stimmung für mehr. Er wandte sich
ab und ging hinaus, Sekunden später fiel die Tür zu. Sie
hörte, dass er sein Fahrrad aufschloss und schließlich davonfuhr.
Ihr Herz zog sich vor Bedauern zusammen, doch
sie ignorierte es.

Es war das letzte Mal, dass sie ihn lebend sah.
Zoe erhielt die Nachricht erst einige Zeit später. Sie hatte
den ganzen Vormittag in einer Besprechung verbracht, sich
dann in der kleinen Küche einen Kaffee gemacht. Als sie
mit dem Becher in der Hand an ihren Schreibtisch zurückging,
sah sie ihre Chefin Olive mit aschfahlem Gesicht auf
sich zukommen.
»Olive? Ist alles in Ordnung?«, fragte Zoe.
Olive sagte einige Sekunden lang gar nichts, und Zoe
begann sofort, sich Sorgen zu machen. Hatte sie vielleicht
einen Fehler gemacht, was die Arbeit betraf? Befand sie
sich in ernsten Schwierigkeiten?
»Komm bitte mit«, forderte Olive sie auf. Ihre Stimme
klang freundlich und beschwichtigend und nicht etwa
barsch, was Zoe noch mehr verwirrte. Sie folgte ihr in das
Besprechungszimmer zurück, aus dem sie gerade gekommen
war, und Olive schloss die Tür. »Setz dich«, bat sie Zoe und
deutete auf einen Stuhl, ehe sie sich selbst niederließ. »Bitte.«
Zoe hockte sich nervös auf die Stuhlkante. Ihre Hände begannen
zu zittern. »Zoe«, begann Olive mit ernster Stimme.
»Ich … ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll … Es gab
einen Unfall. Ed wurde von einem Bus angefahren.«
Olive brach ab, und Zoe hielt den Atem an. Sie hoffte,
dass Olive die nächsten Worte so schnell wie möglich aussprach,
auch wenn sie sie eigentlich gar nicht hören wollte.
Ein sanftes Klopfen durchbrach die furchtbare Stille,
Zoe wäre vor Schreck beinahe aufgesprungen. Olive eilte
zur Tür und öffnete sie. Zoe sah einen Polizisten und eine
Polizistin, hörte, dass sie nach ihr fragten. In diesem Moment
zerbrach Zoes Welt in tausend Scherben.
Ein ersticktes Schluchzen drang aus ihrer Kehle. Sie versuchte
aufzustehen, doch ihre Beine gaben unter ihr nach,
und sie fiel auf den Stuhl zurück. Ihre Hände zitterten nun
unkontrollierbar, und als die Beamten das Zimmer betraten,
suchte Zoe Olives Blick. Ihre Augen flehten sie an, ihr
zu sagen, dass hier ein schreckliches Missverständnis vorlag.
Olive wich ihrem Blick aus.

Zoe starrte auf die Schuhe der Polizistin. Sie waren derart
auf Hochglanz poliert, dass sich das Licht der Neonröhren
in ihnen spiegelte. Sie stellte sich vor, wie sich diese
Frau am Morgen für ihren Arbeitstag bereit gemacht hatte.
Wie sie in der Küche gestanden, ihre Schuhe poliert und
über den Tag nachgedacht hatte, der vor ihr lag. Hatte sie
erwartet, dass sie später einer Frau eine schreckliche Nachricht
überbringen musste?

»Zoe?«, hörte sie eine Stimme.
Sie hob den Kopf. Die beiden Beamten und Olive schienen
darauf zu warten, dass sie etwas sagte.
»Ich … ich …« Doch sie schaffte es einfach nicht. »Wo
ist er?«, brachte sie schließlich heraus.
Der Polizist schien erleichtert, endlich etwas tun zu können.
Er kam einen Schritt auf sie zu. »Er wurde ins Royal
Free Hospital gebracht«, antwortete er. »Es tut mir sehr
leid, aber er … Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun.«
Er hielt kurz inne. »Wenn Sie möchten, bringen wir Sie zu
ihm«, fügte er dann hinzu.
Wie gelähmt nickte Zoe und stand auf.
Olive eilte auf sie zu, auch sie schien begierig darauf,
eine Aufgabe zu bekommen. »Holen wir erst einmal deine
Sachen, meine Liebe«, sagte sie und dirigierte Zoe zur Tür
hinaus.

Zoe nahm ihre Tasche, die sie unter den Schreibtisch gestellt
hatte, zog ihre Strickjacke von der Stuhllehne und
ließ ihren Blick über den Tisch wandern, um sicherzugehen,
dass sie auch nichts vergessen hatte. Dann folgten sie
und Olive den beiden Polizisten zu dem wartenden Streifenwagen.
Olive half ihr hinein.

Auf den Straßen war es seltsam ruhig. In Zoes Hinterkopf
machte sich der Gedanke breit, dass es Menschen gab,
die erfahren mussten, was passiert war. Sie holte ihr Handy
heraus und tippte eine vertraute Nummer ein, Janes Nummer.
Jane war ihre beste Freundin.
»Hey«, antwortete Jane nach dem ersten Klingeln. Ihre
Stimme klang fröhlich und so unpassend, dass Zoe nach
Luft schnappte. »Zoe, was ist los?«
»Ed …« Ihre Stimme brach, sie kämpfte darum, weitersprechen
zu können. »Es ist Ed. Er ist … Es gab einen Unfall,
und er ist …« Sie schaffte es einfach nicht. Sie konnte
dieses Wort nicht laut aussprechen. Und sie musste es auch
nicht.

»Verdammt, Zoe, wo bist du? Ich komme sofort.«
»Ich bin … im Royal Free. Ich meine … wir fahren gerade
hin.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
»Bin schon unterwegs.«
Als sie das Telefonat beendet hatte, hielt der Streifenwagen
auch schon vor dem Krankenhaus. Es blieb keine
Zeit mehr, noch jemanden anzurufen. Das braune Backsteingebäude
hob sich seltsam unheimlich vor dem blauen
Himmel ab. Zoe stieg aus dem Wagen. Nun begannen auch
ihre Beine zu zittern, und sie stolperte. Gleich nahm die
Poli zistin ihren Arm, um sie zu stützen. Wie hieß sie noch?
Zoe wünschte, sie könnte sich an ihren Namen erinnern.
Hatte sie ihren Namen überhaupt genannt? Sie gingen gemeinsam
auf die Eingangstür zu, und als sich diese hinter
ihnen schloss, hatte Zoe plötzlich das Gefühl, in der Hölle
zu sein.

Sie wurde in ein kleines Zimmer mit einer Sitzgruppe
gebracht. Während sie wartete, starrte sie mit leerem Blick
auf die Plakate an der Wand, die Beratungen im Trauerfall
oder bei Depressionen anboten, ohne sie jedoch wirklich
wahrzunehmen. Die Anstrengung, an gar nichts zu denken,
raubte ihr die letzte Kraft.
Schließlich hörte sie eine vertraute Stimme, hob den
Blick und sah Jane. Sie lief auf ihre Freundin zu und schloss
sie fest in die Arme. Und dann begann Zoe zu weinen. Ihr
Schluchzen war so gewaltig, dass ihr ganzer Körper bebte.
Sie hatte das Gefühl, in der Mitte auseinanderzubrechen.
»Er … er ist tot«, stieß sie unter Tränen hervor.
»O nein … Zoe …«
Jane hielt sie fest und streichelte ihr über den Rücken,
bis ihr Schluchzen verebbte. Dann setzten sie sich Hand in
Hand.
»Ich hab mich heute Morgen einfach schrecklich verhalten«,
erklärte Zoe, als sich ihr Atem langsam beruhigt
hatte. »Er konnte mich nicht einmal ansehen. Er muss mich
verabscheut haben, Jane.«
»Zoe, Ed hätte dich niemals verabscheut. Er hat dich
vergöttert, und er wusste, dass du ihn liebst. Bitte mach dir
keine Gedanken darüber, Süße.«
»Aber ich war so wütend auf ihn, dabei hat er absolut
nichts falsch gemacht. Ich habe mich nicht einmal von ihm
verabschiedet, und jetzt ist er für immer fort, und ich kann
ihm nie mehr sagen, wie sehr ich ihn liebe. Es ist zu spät.
Was um alles in der Welt soll ich jetzt nur tun?«
Ehe Jane antworten konnte, erschien ein Arzt. Sanft erklärte
er Zoe, sie müsse Ed identifizieren, er bringe sie jetzt
zu ihm. Sie hörte wie durch einen Nebel hindurch, dass Ed
von einem Bus angefahren worden war und nicht die geringste
Chance gehabt hatte. Als er ins Krankenhaus eingeliefert
worden war, war er bereits tot gewesen. Die Worte
»Schädelhirntrauma« und »Wir konnten nichts mehr für
ihn tun« drangen zu Zoe durch. Sie ertrug den Gedanken
nicht, dass Ed vielleicht unter Schmerzen gelitten hatte, bevor
er gestorben war.

Warum hatte sie ihn gehen lassen, ohne ihm zu sagen,
dass sie ihn liebte? Hätte sie ihn umarmt und damit seinen
Aufbruch noch um ein paar Augenblicke hinausgezögert,
wäre er noch am Leben, und sie hätten ihre Probleme in
den Griff bekommen, da war sie sich ganz sicher. Hätte sie
ihn zur Arbeit gefahren, anstatt ihn mit dem Fahrrad fahren
zu lassen … Sie hatte nie gewollt, dass er mit dem Fahrrad
fuhr. Sie hatte ständig Angst gehabt, dass er angefahren
wurde, dass ihm etwas passierte …
Doch jetzt war es zu spät. Ed war tot.
O mein Gott, Ed war tot.

Sie ließ sich wie in Trance an sein Bett führen. Sie schienen
ihn bereits gewaschen zu haben, doch sein Gesicht und
seine Brust waren blutverkrustet. Der Mann mit den Verletzungen,
der hier vor ihr lag, war Ed, ihr Ehemann … Der
Drang, die Hand auszustrecken, ihn zu berühren, ihn zu
umarmen und ihm zu sagen, dass alles wieder in Ordnung
kommen würde, war überwältigend. Doch Zoe wusste,
dass es unmöglich war. Sie nickte dem Arzt zu, wandte sich
ab und verließ, von Jane gestützt, den Raum.
Die nächsten Stunden versanken wie im Nebel. Zoe erinnerte
sich, dass man sie in ein Wartezimmer für Angehörige
brachte, dass ihr jemand Tee reichte und sie tröstend umarmte,
und daran, dass das Personal des Krankenhauses im
Flur hin und her eilte. Dann kam Eds Mum Susan, und die
beiden Frauen hielten einander umklammert, vereint in der
Trauer, die sie beide zu überwältigen drohte.
Und jetzt sind sie hier, in der Trauerhalle. Es sind erst zehn
Tage vergangen, der Schmerz ist jedoch immer noch so groß,
dass Zoe nicht glauben kann, dass sie überhaupt noch atmet.
Ein Schluchzen steigt ihre Kehle hoch und dringt aus
ihrem Mund, und sie schlägt die Hand davor, versucht, die
Fassung zu bewahren. Ihre Mum drückt ihre andere Hand
noch fester.

Dann beginnt die Zeremonie.
Zoe sitzt regungslos da, während der Trauerredner mit
sanfter Stimme freundliche Dinge über ihren Ehemann erzählt.
Schließlich ist sie selbst an der Reihe. Sie weiß nicht,
ob sie es schaffen wird, aber sie hat es Susan versprochen,
und als sie mit dem bereits halb zerknüllten Blatt Papier
die Stufen des Podiums emporsteigt und auf die Menschen
hinunterblickt, die Ed geliebt haben und die auch sie lieben,
weiß sie, dass sie etwas sagen muss. Sie tritt vor das
Mikro fon.
»Ich habe einige Worte niedergeschrieben, die ich sagen
wollte, aber ich bin mir nicht sicher, ob es die richtigen
sind.« Ihre Stimme bricht, und ihre Mutter will schon aufstehen,
um zu ihr zu kommen, doch Zoe schüttelt kaum
merklich den Kopf und atmet tief ein. »Die letzten vierzehn
Jahre war Ed meine Welt. Er war mein Ein und Alles.
Der Gedanke, allein ohne ihn weiterleben zu müssen, ist
unvorstellbar. Ich habe jetzt schon das Gefühl, als würde
nur noch die Hälfte von mir weiterleben. Ich weiß, dass
es heißt, die Zeit heile alle Wunden, aber ich glaube nicht,
dass ich das überhaupt will. Ich will nicht, dass die Erinnerung
an Ed und das, was wir zusammen hatten, jemals
verblasst. Ich will sie für immer in meinem Herzen behalten
und mich in den dunklen Tagen, die zweifellos immer
wieder kommen werden, daran festhalten.« Zoe hält inne
und wirft einen Blick auf ihre Hände. Sie hat sie zu Fäusten
geballt, sodass die Knöchel weiß hervortreten. »Es wird
immer Dinge geben, die ich ihm gern noch gesagt hätte,
und Dinge, von denen ich wünschte, ich hätte sie nie laut
ausgesprochen. Und ich werde mir immer wünschen, ich
könnte einiges rückgängig machen, was ich an dem Tag,
an dem er starb, und auch in den Monaten und Jahren
davor getan habe. Doch das kann ich nicht, und so erinnere
ich mich an die glücklichen Zeiten und versuche, die
schlechten zu vergessen …« Sie hält erneut inne, hebt den
Blick und sieht Jane in die Augen, sieht in das blasse Gesicht
ihrer Freundin, die nur noch ein Schatten ihrer selbst
ist. »Und ich hoffe, euch gelingt das ebenfalls. Denkt voller
Liebe an Ed zurück. Ich bin froh, dass ihr alle hier seid. Ich
bin mir nicht sicher, ob ich es ohne euch schaffen würde.
Danke …«
Schließlich bricht ihre Stimme, die Tränen beginnen zu
fließen, und sie eilt zurück an ihren Platz und in die Arme
ihrer Mutter.

Der Trauerredner spricht weiter, doch Zoe hört ihn
kaum. Endlich ist die Zeremonie zu Ende, und während
sich der Vorhang vor den Sarg senkt, erklingt Eds Lieblingssong.
Under My Thumb von den Rolling Stones.
»Nein!«, ruft Zoe, dreht den Kopf zur Seite, vergräbt ihn
in den Händen und lässt ihren Tränen freien Lauf. Als sie
den Blick hebt, ist Ed verschwunden.
16. August 2013
Zoe steht am Fenster und sieht zu, wie der Regen über das
schmutzige Glas läuft und ihre Laune mit sich davonspült.

Das leise Trommeln der Regentropfen gleicht ihrem Herzschlag,
und sie weiß nicht, wo der Regen endet und wo ihre
Tränen beginnen.
Der Garten ist nur unscharf zu erkennen. Es sind nicht
einmal zwei Monate vergangen seit Eds Tod, und er ist bereits
überwuchert. Die Rosen in ihren Töpfen brechen beinahe
unter ihrem eigenen Gewicht zusammen, Unkraut
und Disteln schießen aus dem Boden, die Terrasse ist glitschig
vom Moos und vom Regen. Zoe schließt einen Moment
die Augen und sieht Ed vor sich, wie er dort draußen
steht, sorgsam Pflanzen setzt und beschneidet und Unkraut
rupft. Dieser kleine Garten war sein ganzer Stolz. Er hat
ihm eine so große Freude bereitet – nicht zuletzt wegen des
Gartens haben sie die Erdgeschosswohnung gekauft.
Eigentlich sollte ich mich besser um ihn kümmern, denkt
Zoe, doch sie hat es noch nicht über sich gebracht hinauszugehen.
Schon beim Gedanken daran, ihn ohne Ed zu betreten,
wird ihr das Herz schwer.

Zoe steckt eine Hand in die Tasche ihrer Strickjacke
und tastet nach dem Blister. Dann wirft sie einen Blick auf
die Uhr. Es sind erst zwei Stunden vergangen, seit sie die
letzte Tablette genommen hat. Ihr wird immer ein wenig
schwindlig von den Antidepressiva, aber sie braucht jetzt
unbedingt noch eine Tablette. Sie steckt schnell eine in den
Mund, schluckt sie trocken hinunter und würgt.
Rasch wendet sie sich vom Fenster ab, geht in die Küche
und zur Hintertür. Der Schlüssel dreht sich nicht sofort, sie
muss es ein paarmal versuchen, bis das Schloss mit einem
Klicken nachgibt. Zoe reißt die Tür auf und stürmt raus.
Es regnet so stark, dass ihr Haar sofort triefend nass ist,
doch sie bemerkt es kaum. Sie läuft über den knirschen-
den Kies auf die Terrasse, reißt eine der Disteln aus, ohne
auf die Dornen zu achten, die sich in ihre Haut bohren. Sie
schleudert die Distel von sich, bevor sie die nächste ausreißt.
Die Wut ergreift von ihr Besitz, sie kann nichts daran
ändern. Sie packt Unkraut um Unkraut, Pflanze um
Pflanze, zerrt daran, denkt nicht darüber nach, was sie tut.
Zoe lässt ihren ganzen Zorn an dem Ort aus, den Ed am
meisten geliebt hat. Sie kann einfach nicht aufhören, sein
Werk zu zerstören.

Der Regen prasselt auf ihren Kopf, ihr Kleid klebt an
ihrer kalten Haut, Wasser tropft von ihren Augenbrauen,
den Lippen und den Wangen. Sie friert dennoch nicht. Sie
spürt nichts. Als schließlich kaum etwas mehr übrig ist, das
sie ausreißen könnte, beschließt sie, wieder ins Haus zu gehen.
Wie in Trance setzt sie vorsichtig einen Fuß auf die
nassen, glitschigen Holzdielen der Terrasse, und da passiert
es. Sie verliert das Gleichgewicht, rudert mit den Armen in
der Luft, versucht, sich an irgendetwas festzuhalten, doch
da ist nichts. Mit dem Rücken schlägt sie auf dem Boden
auf, im nächsten Moment trifft ihr Kopf auf einen Tontopf.
Kurz nimmt sie einen überwältigenden Schmerz wahr,
dann verliert sie das Bewusstsein, und alles wird dunkel.


18. September 1993

Ich bin wach, doch meine Augen sind noch fest geschlossen.
Ich spüre sofort, dass etwas anders ist. Während mein
Gehirn noch damit kämpft herauszufinden, was genau es
ist, kommt mir ein verrückter Gedanke: Vielleicht hatte ich
nur einen furchtbaren Albtraum, und Ed ist gar nicht tot.
Dann erinnere ich mich wieder an alles, mein Magen zieht
sich zusammen, meine Muskeln verkrampfen sich, und ich
habe das Gefühl, das dünne Band, das mich noch an die
Welt und an mein Leben bindet, wird bald für immer zerreißen.
Nun gut, aber was ist heute so anders als sonst?
Ich weiß trotz meiner geschlossenen Augen, dass der
Raum, in dem ich liege, lichtdurchflutet ist, was schon einmal
seltsam ist. Ich schlafe gern im Dunkeln. Habe ich womöglich
gestern Abend vergessen, die Jalousien zu schlie-
ßen? Vielleicht. Aber es fühlt sich definitiv so an, als würde
noch mehr dahinterstecken.

Langsam wird die Erinnerung klarer, sie wartet im Dunkeln
und versucht immer wieder, sich mir zu entziehen.
Ich war im Garten. Es hat in Strömen geregnet, und ich
habe wie von Sinnen Unkraut ausgerissen. Und dann ist
da eine große Leere, in der immer wieder Bilder aufblitzen:
Ich stürze, ein grauenhafter Schmerz schießt durch meinen
Hinterkopf, Rosen, Janes Gesicht, grelles Neonlicht …
und … nichts mehr.
Bin ich vielleicht im Krankenhaus? Das könnte sein. Ich
bin gefallen, habe mir den Kopf angestoßen, und nun liege
ich in einem Krankenbett.
Das ergibt durchaus Sinn, aber irgendwie glaube ich
nicht, dass das alles ist.

Ich behalte meine Augen noch ein wenig länger geschlossen
und lausche angestrengt. Ich höre einen Heizkörper
klopfen, als hätte sich gerade die Heizung eingeschaltet.
Ich höre das entfernte Dröhnen eines Radios und ein Geräusch,
als würde jemand in der Küche mit Geschirr klappern.
Das Rauschen des Wassers, während jemand pfeifend
unter der Dusche steht. Es kommt mir irgendwie vertraut
vor, aber dann auch wieder nicht, allerdings klingt es ganz
sicher nicht so, als wäre ich im Krankenhaus.
Schließlich öffne ich die Augen. Ich sehe eine weiße
Zimmerdecke, die mit den gleichen Schnörkeln und Halbkreisen
verziert ist wie die Decke in meinem ehemaligen
Kinderzimmer. Seltsam, ich habe dieses Muster schon seit
Jahren nicht mehr gesehen. Und dort ist sogar der kleine
rosafarbene Punkt, der auf meiner Kinderzimmerdecke entstanden
ist, als ich einen Lippenstift nach meiner Schwester
geworfen und sie verfehlt habe. Ich schüttle bei der Erinnerung
daran verwirrt den Kopf. Auch der graue Lampenschirm
in der Mitte des Raumes wirkt vertraut. Er zerrt an
meinem Verstand wie ein Kind an einem Mantel. Verzweifelt
versucht er, meine Aufmerksamkeit zu erregen, mich
dazu zu bringen, mich zu erinnern.
Ich wende den Blick nach rechts. Dort befindet sich eine
mit zahllosen Stickern verzierte Kommode aus Kiefernholz
mit einem Spiegel darüber, der von Glühbirnen umrahmt
wird. Es stehen keine Schminkutensilien herum, die Kommode
wirkt dennoch so vertraut, dass es mir den Atem
raubt.

Ich setze mich abrupt und mit klopfendem Herzen auf.
Ich bekomme kaum noch Luft.
Ich habe Angst, mich weiter umzusehen, doch ich muss
es tun. Mein Blick fällt wie vermutet auf einen Kiefernholzkasten.
Eine Tür steht offen, im Inneren befindet sich
eine Reihe leerer Kleiderhaken. Davor stehen ein schwarzer
Koffer und ein Pappkarton, auf dem mit schwarzem
Filzstift der Name ZOE neben einem Smiley mit herausgestreckter
Zunge prangt. Obenauf steht ein mit Klebeband
verschlossener Weinkarton, auf den in leuchtend roten
Buchstaben das Wort WARNUNG gekritzelt wurde. Ich
weiß, dass er meine kostbaren CDs enthält, die ich in der
Nacht zuvor sorgsam zusammengesucht habe.
Ich lasse meinen Blick weiter durchs Zimmer schweifen.
Ich sehe den Kleiderhaken hinter der Tür, an dem immer
mein Morgenmantel hing, meinen alten CD-Player, verpackt
in Luftpolsterfolie, meinen Schreibtisch, von dem sämt liche
Papiere und Schreibutensilien verschwunden sind. Nur
noch ein einsames Gefäß mit ein paar stumpfen Bleistiften
und einem Textmarker ist übrig geblieben. Das hier ist mein
altes Zimmer, und es sieht genauso aus wie an dem Tag, an
dem ich aus meinem Elternhaus ausgezogen bin.
Mein Herz schlägt noch immer wie verrückt, und ich
atme ein paar Mal tief durch. Es besteht kein Grund zur
Sorge, sage ich mir, das hier ist nur ein Traum. Dein Ver-
stand spielt dir einen Streich. Leg dich wieder schlafen, und
alles wird wieder gut. Was auch immer »gut« bedeutet.
Ich lasse meinen Kopf auf das Kissen sinken und schließe
die Augen, doch ich kann nicht widerstehen. Als ich erneut
einen Blick riskiere, ist alles noch so wie zuvor.
Was zum Teufel ist hier los?

Ich schlage die Decke zurück, schwinge meine Beine aus
dem Bett und tappe vorsichtig zum Spiegel. Er ist in etwa
hüfthoch, und ich kann bereits eine kurze Pyjamahose und
ein Unterhemd darin erkennen, während ich darauf zugehe
– einen Pyjama, den ich schon seit Jahren nicht mehr
getragen habe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon bereit
für das bin, was ich gleich sehen werde, aber ich lasse mich
dennoch langsam auf dem Stuhl nieder und wage einen
Blick in den Spiegel.

Ich schnappe nach Luft. Nicht, weil der Anblick so
schrecklich ist. Das hier bin bloß ich. Doch ich bin nicht
achtunddreißig, ich habe keine dunklen Ringe unter den
Augen und keine feinen Falten auf der Stirn. Ich bin achtzehn,
habe rosige Wangen und schwarze Make-up-Spuren
um die Augen herum, mit denen ich aussehe wie Alice
Cooper. Mein Haar ist rotviolett gefärbt und steht wie ein
Heiligenschein von meinem Kopf ab. Ich fahre mit zitternden
Händen hindurch, dann werfe ich mit zusammengekniffenen
Augen einen Blick auf mein Spiegelbild und ziehe
eine Grimasse.
Ich lache laut auf. Der Klang ist so unerwartet, dass
ich zusammenzucke. Ich habe mich schon seit einiger Zeit
nicht mehr selbst lachen gehört. Dennoch scheint es durchaus
angemessen, denn das hier ist eine wirklich irrwitzige
Situation.

Wie kann so etwas möglich sein?
Ich spiele mit dem Gedanken, mich wieder ins Bett zu legen,
den Kopf unter das Kissen zu stecken und so zu tun, als
würde das alles gar nicht passieren, doch irgendwie bin ich
auch ein wenig neugierig darauf, was noch passieren wird.
Verängstigt und verwirrt, das schon, aber eben auch neugierig.
Denn in Wahrheit weiß ich, dass das hier mehr als
nur ein Traum ist. Ich weiß nicht, warum ich es weiß, es ist
einfach so. Es fühlt sich einfach … real an. Es fühlt sich an,
als wäre ich wirklich hier, so seltsam das auch klingen mag.
Ich habe jedoch keine Ahnung, was ich als Nächstes tun
soll. Was tut man denn für gewöhnlich, nachdem man in
der Vergangenheit aufgewacht ist? Gibt es eine Art Gebrauchsanweisung
oder irgendwelche Verhaltensrichtlinien,
die man befolgen sollte? Und wie lange werde ich hier
sein, ehe ich wieder in mein richtiges Leben zurückkehre?
Einen Tag, eine Woche, einen Monat? Für immer? Dieser
Gedanke lässt mich erschaudern.
Ich stehe auf. Am Fußende des Bettes liegen ein paar
Klamotten, die ich im Schlaf zu einem Haufen zusammengetreten
habe. Ich kann mich noch genau daran erinnern,
Ewigkeiten damit verbracht zu haben, mir darüber Gedanken
zu machen, was ich an diesem Tag tragen soll. An meinem
ersten Tag an der Uni. Ich würde nach Newcastle ziehen
und war furchtbar aufgeregt. Natürlich auch ein wenig
verängstigt, aber vor allem aufgeregt.
»Ich kann es kaum erwarten, von hier zu verschwinden«,
hatte ich meiner besten Freundin Amy erklärt. Doch
es war nur Angeberei. In Wahrheit liebte ich mein Zuhause
in Doncaster, meine Eltern und meine kleine Schwester
Becky. Natürlich beklagte ich mich. Aber ich wusste, dass
Mum und Dad mich liebten, und es war alles, was ich bis
dahin gekannt hatte. Der Umzug nach Newcastle, wo mir
alle fremd waren, bedeutete eine große Veränderung. Es
ist schwer vorstellbar, dass ich einmal dieses verängstigte
kleine Mädchen war.

Ich schlüpfe aus meinem Pyjama und in die Kleider am
Bettende: eine schwarz-weiß gestreifte Strumpfhose, ein
kurzes, enges schwarzes Kleid und eine lässige, übergroße
Strickjacke. Ich sehe an mir hinunter. Seltsamerweise fühlen
sich die Klamotten echt gut an.
Ich werfe einen schnellen Blick auf meinen Nachttisch.
Ich bin auf der Suche nach meinem Handy, doch dann
schürze ich die Lippen (und frage mich, ob ich im Schlaf
ebenfalls die Lippen schürze und wie seltsam das aussehen
muss, falls mich gerade jetzt jemand beobachtet). Das
hier ist 1993. 1993 hatte ich noch kein Mobiltelefon, und
eigentlich auch sonst niemand, abgesehen von ein paar Geschäftsmännern.
Lächelnd denke ich an die ersten ziegelsteingroßen
Geräte. Statt meines Handys leuchtet mir die
Zeitanzeige meines Radioweckers entgegen. Zehn nach
acht.

Ich mache mich auf den Weg ins Erdgeschoss, um nachzusehen,
was sonst noch so los ist.
Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass sie drei Tage
lang geweint hat, als ich ausgezogen bin. Und ich habe ihr
kein Wort geglaubt. Meine Mutter weint nicht oft. Sie ist
viel zu beschäftigt damit, sich ständig um alle zu kümmern,
um sich gehen zu lassen. Es erschien mir einfach untypisch
für sie.

Ich steige die Treppe hinunter, spähe in die Küche und
beschließe, Mum noch ein wenig zu beobachten, bevor
sie mich entdeckt. Sie wirkt so jung. Ihre Haare sind nicht
grau, sondern dunkelbraun, und sie ist schlanker. Sie trägt
eine Bluse anstatt der Pullover von Marks & Spencer, in
denen sie mittlerweile ständig herumläuft. Sie sieht so
hübsch aus. Ich habe vollkommen vergessen, dass sie einmal
so aussah. Im Hintergrund dringt eine Stimme aus dem
Radio. Mum räumt die Spülmaschine aus, zwischendurch
tupft sie sich immer wieder mit einem Taschentuch die
Augen ab. Mein Herz geht vor Liebe zu ihr über.
Dann stürmt Becky die Treppe herunter und bricht den
Bann.
»Was stehst du hier so rum?«, fragt sie. Ich starre sie
an, unfähig, ihr zu antworten. Wenn ich Becky mittlerweile
sehe, bin ich jedes Mal schockiert, wie erwachsen sie aussieht.
Sie ist vier Jahre jünger als ich und war für mich
immer meine kleine Schwester, und sie als Erwachsene zu
sehen bringt mich jedes Mal aus der Fassung. Das hier
ist die Becky, die ich dann stets vor mir sehe. Wenn Becky
mich sehen kann, denke ich jäh, dann bedeutet das,
dass mein Traum real ist. Ohne meine Antwort abzuwarten,
poltert sie an mir vorbei in die Küche. »Muuum? Wo
sind meine Hockey-Klamotten?«, jammert sie.
Meine Mutter richtet sich auf. »Dort drüben, Liebes«,
antwortet sie und deutet auf einen ordentlich gebügelten
Stapel Sportshirts und -hosen auf der Arbeitsplatte. Mein
Gott, sie hat wirklich die Geduld einer Heiligen. Als Mum
mich sieht, lächelt sie. »Hallo, Schätzchen. Alles bereit?«
Sie sieht mich also ebenfalls. Gut. Ich atme tief ein und
schenke ihr ein zögerliches Lächeln. Normalerweise hätte
ich ihr eine flapsige Antwort gegeben, wie etwa: Klar, ich
kann es kaum erwarten, von hier zu verschwinden. Doch
nachdem ich gesehen habe, wie niedergeschlagen sie ist,
bringe ich es einfach nicht übers Herz.
»Ja, alles fertig gepackt«, antworte ich, und zum ersten
Mal fallen mir Mums verquollene Augen auf.
Ich gehe zu ihr und umarme sie. Sie scheint überrascht
und braucht ein paar Sekunden, ehe sie darauf reagiert. Ich
nehme ihre nach Maiglöckchen duftende Seife wahr, und
Nostalgie überkommt mich. Wie einfach das Leben damals
war. Wäre es doch nur noch immer so. Wäre meine einzige
Sorge doch immer noch nur die, dass ich bald mein Zuhause
verlassen und neue Freunde finden und mir lediglich
selbst überlegen müsste, was ich zum Frühstück, zu Mittag
und zum Abendessen wollte.

Ich löse mich von meiner Mutter und sehe, wie sie kaum
merklich die Stirn runzelt. Vermutlich fragt sie sich, warum
ich sie umarmt habe. Mein Teenager-Ich hätte so etwas nie
getan – ich war viel zu beschäftigt mit mir selbst, um mir
darüber Gedanken zu machen, ob Mum vielleicht traurig
war. Ich hätte sie wohl eher ignoriert und ihre sauber aufgeräumte
Küche verunstaltet, als kurz innezuhalten und sie
zu umarmen, weil sie traurig aussah.
Es ist ziemlich schwierig, sich wie ein Teenager zu verhalten,
merke ich. Ich bin einfach nicht mehr das Mädchen
von damals. Aber ich werde es wohl versuchen müssen.
Ich gehe zur Spüle und fülle Wasser in den Wasserkocher.
»Tee?«, frage ich in den Raum.
»Ja bitte, Liebes.«
»Yep«, sagt Becky schmatzend. Sie steht vor dem Regal
mit dem Müsli und schaufelt es sich direkt aus der Schachtel
in den Mund, als wäre sie halb verhungert.
Ich stelle den Herd an und lasse mich dann schwer am
Tisch nieder, während ich darauf warte, dass das Wasser zu
kochen beginnt.
»Wo ist Dad?« Ich kann es nicht erwarten, ihn wiederzusehen.
»Er ist bloß schnell raus, um die Zeitung zu holen.«
Meine Mutter zeichnet Anführungszeichen in die Luft.
Wir wissen alle, was es bedeutet, wenn Dad »die Zeitung
holt«: Er geht raus, um eine Zigarette zu rauchen. Er riecht
danach, wenn er wiederkommt, doch wir tun alle so, als
wüssten wir es nicht, und Dad ebenfalls. Ich weiß gar nicht,
warum wir uns überhaupt die Mühe machen. Ich verdrehe
die Augen und sehe Mum zu, die in der Küche hin und her
flitzt. Sie zieht Schubladen auf, wischt imaginäre Krümel
von der Arbeitsplatte und kehrt Müsli vom Boden unter
Beckys Füßen auf.
»Du musst nicht hinter ihr herräumen, das kann sie
durchaus allein.« Ich deute mit dem Kopf auf die Müslispur,
die Becky hinter sich herzieht wie Hänsel und Gretel.
»Halt die Klappe.« Becky ist sauer.
»Schon gut, Liebes. Es macht mir nichts aus. Ich putze
ohnehin.«
»Aber …«
Ich unterbreche mich. Ich kann einfach nicht zusehen, wie
Mum wie ein Dienstmädchen behandelt wird, doch mir ist
nur allzu bewusst, dass ich mich einmal genauso verhalten
habe, weshalb ich mir auf die Zunge beiße. Stattdessen stehe
ich auf und brühe den Tee auf. Ich gebe etwas Milch in die
Becher, Süßstoff für Mum, einen Löffel Zucker für Becky.
»Willst du etwas frühstücken, Liebes?«
Mein Kopf schmerzt, und ich reibe ihn sanft.
»Nein danke. Ich nehme meinen Tee mit hinauf und
packe noch den Rest.«
»In Ordnung. Dann sehen wir uns später. Aber lass dir
nicht zu lange Zeit, Dad will bald losfahren.«
Ich nicke und gehe nach oben, wo ich meinen Tee sachte
neben mein Bett stelle. Dann lege ich mich wieder hin. Ich
muss einen Moment nachdenken.
Ich habe keine Ahnung, wie viel ich von diesem Tag
noch einmal erleben werde, doch es ist seltsam zu wissen,
was als Nächstes passieren wird. In ein paar Stunden werden
Mum, Dad und ich meine wenigen Habseligkeiten in
unser Auto packen, Becky, die zu Hause bleiben darf, um
zum Hockeytraining und anschließend mit ihren Freunden
in der Stadt essen zu gehen, zum Abschied zuwinken und
schließlich nach Newcastle aufbrechen. Dort angekommen,
wird mein Herz beim Anblick der fremden Straßen
wie wild zu hämmern beginnen, wir werden zusammen das
Auto ausladen, und ich werde allein zurückbleiben. Zum
ersten Mal in meinem Leben werde ich auf mich gestellt
sein. Da sind nur meine neuen Mitbewohner.
Und in diesem Augenblick trifft mich die Erkenntnis wie
ein Blitz und raubt mir den Atem. Ich kann nicht glauben,
dass ich so lange gebraucht habe, um mich zu erinnern.
Heute habe ich – zumindest in meinem alten Leben – Ed
kennengelernt. Meinen Ed, um den ich die letzten zwei Monate
getrauert habe, dessen Tod mich innerlich gebrochen,
vollkommen verloren und wütend zurückgelassen hat.
Ich rolle mich zur Seite, halte meinen Bauch fest umklammert
und atme nur noch stoßweise.
Bedeutet das tatsächlich, dass … Ich traue mich kaum,
den Gedanken zu Ende zu denken.

Bedeutet das tatsächlich, dass ich die Chance erhalten
werde, ihn wiederzusehen? Nachdem ich zwei Monate
um ihn getrauert habe und das Gefühl hatte, mir würde
das Herz aus der Brust gerissen? Nachdem ich ständig davon
geträumt habe, seine Bartstoppel zu berühren, ihm die
Haare aus dem Gesicht zu streichen, meine Arme um seinen
gebräunten Nacken zu schlingen und ihn an mich zu
drücken?
Mir wird schwindlig, wenn ich daran denke.
Ich kann es kaum glauben, und dennoch kann ich es
kaum erwarten.
Das Rumpeln des Autos hat mich wohl derart müde gemacht,
dass ich eingeschlafen bin, denn als ich die Augen
öffne, hat Dad bereits den Motor abgestellt, und Mum
dreht sich auf dem Beifahrersitz um, um mich anzulächeln.
Ich lächle zurück.
Dann trifft mich die Erkenntnis erneut mit voller Wucht.
»Alles in Ordnung, Liebes? Du siehst furchtbar blass
aus.«
Ich setze mich auf, wische mir den Speichel aus dem
Mundwinkel und nicke.
»Ja, klar, ich bin bloß eingeschlafen, entschuldigt.«
Dad gibt ein missbilligendes Geräusch von sich. »Das ist
ja mal was ganz Neues.«
»John, lass sie doch in Ruhe.«
»Was denn? Sie ist ein Teenager. So etwas machen Teenager
nun mal.« Dad deutet mit dem Kopf aus dem Fenster.
»Sieh mal, das ist dein neues Zuhause.«
Ich werfe einen Blick auf das kleine Haus, in dem ich
während des kommenden Jahres wohnen werde. Es ist mir
so vertraut wie mein eigenes Gesicht, und ich muss unwillkürlich
lächeln.
Die altersschwache Tür des Reihenhauses steht offen,
und wir steigen gerade aus dem Auto, als eine Frau aus
dem Haus tritt und uns entgegenkommt.
»Hallo …?«, beginnt sie und hält Dad mit einem freundlichen
Lächeln die Hand entgegen.
»John«, antwortet Dad und schüttelt ihre Hand. »John
Morgan. Und das ist meine Frau Sandra.«
Sie schütteln sich ebenfalls die Hände, dann wendet sich
die Frau an mich. »Und du musst Zoe sein«, vermutet sie
und reicht mir ebenfalls die Hand. »Ich bin Janes Mum
Cara. Schön, dich kennenzulernen.«
»Hallo«, murmle ich und versuche, mir nicht anmerken
zu lassen, dass ich sie bereits kenne.
Wir bringen meine Sachen ins Haus und verstauen sie
erst einmal im ersten Zimmer, an dem wir vorbeikommen.
»Ich mache mich einmal auf die Suche nach dem Teekessel«,
erklärt meine Mutter und reißt das Klebeband von
einem der Kartons.
»Das ist nicht notwendig, ich habe bereits eine Kanne
gekocht«, erwidert Cara und führt uns alle in die Küche.
Während meine Eltern sich mit Cara unterhalten, schleiche
ich mich die Treppe hoch, um mich ein wenig umzusehen,
bevor die anderen ankommen. Als ich einen Blick in
das zweite Schlafzimmer werfe, stockt mir kurz der Atem.
Die junge Frau mit dem schwingenden Pferdeschwanz, die
dort mit dem Rücken zu mir steht und gerade ihre Jeans in
ihrem Schrank verstaut, ist mir so vertraut. Sie dreht sich
zu mir um, und ein Lächeln breitet sich auf ihrem bemerkenswert
jungen, hübschen Gesicht aus.

»Hey, ich bin Jane. Und du musst Zoe sein. Komm rein
und setz dich. Falls du irgendwo eine freie Stelle findest.«
Sie schiebt einen Stapel Klamotten beiseite, um etwas Platz
zu machen, und ich setze mich und versuche, mir darüber
klar zu werden, was man zu jemandem sagt, den man genauso
gut kennt wie sich selbst, den man aber vorgeblich
gerade zum ersten Mal sieht. Mein Gott, ich wünschte
wirklich, es gäbe eine Gebrauchsanweisung für das hier.
Das würde die Sache erheblich vereinfachen.
»Es ist schön, dich endlich kennenzulernen«, erkläre ich
schließlich, während ich unsicher auf der Bettkante des
Einzelbettes balanciere.
»Gleichfalls. Ich hatte gehofft, dass du als Erste ankommst.«
Gut, genau so sollte es sein. Die anderen sind noch nicht
hier. Ich sehe mich in dem Zimmer um und lächle. »Dann
sind wir also die einzigen beiden Mädchen hier. Wann
kommen denn die Jungen?«
Sie zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung, ich hoffe
nur, es sind keine Axtmörder.« Sie zwinkert mir zu, und
ich grinse, und einen Moment lang löst sich der Knoten in
meiner Brust. Das hier ist Jane, meine beste Freundin seit
zwanzig Jahren, und es besteht kein Grund zur Sorge. »Wie
heißen sie noch mal?«
»Rob, Simon und Ed«, antworte ich viel zu schnell. Beim
letzten Namen bricht meine Stimme.
Janes Lächeln gerät kurz ins Wanken, doch schon Sekunden
später strahlt sie wieder. »Glaubst du, wir werden
mit einem von ihnen knutschen? Du weißt schon, eine
dieser Romanzen unter Mitbewohnern, die sowieso bald
scheitert, sodass es dann das ganze restliche Jahr über total
eigenartig ist? So was gibt’s ständig, oder nicht? Ich glaube,
das ist Gesetz.«
Meine Wangen brennen. »Ja, das ist praktisch vorprogrammiert.«
Jane quetscht sich vollkommen unbeirrt von meinem
Mangel an Begeisterung neben mich auf das Bett und redet
weiter. »Ich weiß, das ist jetzt vollkommen klischeehaft, aber
was studierst du eigentlich? Ich habe mich für Schauspiel
entschieden. Meine Eltern wollen zwar, dass ich einen ›angemessenen‹
Kurs besuche, aber für alles andere bin ich nicht
clever genug. Und ich denke, es könnte recht lustig werden.«
»Französisch und Marketing.« Das klingt natürlich vollkommen
langweilig, und ich habe das Gefühl, es näher erklären
zu müssen. »Ich dachte, es könnte nicht schaden,
noch eine Sprache zu beherrschen und etwas zu studieren,
das man … du weißt schon … später auch im Beruf gebrauchen
kann.« Ich zucke mit den Schultern.
»Dieses Mädchen hat Ambitionen. Das gefällt mir.« Sie
nimmt einen Pullover von dem Stapel Klamotten und beginnt,
ihn zu falten. »Also, was gibt es sonst noch über dich
zu erzählen? Musik, Filme, Hobbys? Freunde? Bist du vielleicht
eine lesbische Karatemeisterin mit einer Vorliebe für
Jazz?«
»Mein Gott, wenn ich bloß so interessant wäre!« Ich
muss lachen. »Nö, ich bin eigentlich ziemlich langweilig.
Ich stehe auf Rock …« Zum Beweis werfe ich einen Blick
auf mein Outfit. »Außerdem bin ich eine ziemliche Streberin,
und mein Lieblingsfilm ist Zurück in die Zukunft, weil
ich es echt cool fände, in die Vergangenheit zu reisen.« Ich
halte inne, als mir die Bedeutung meiner Worte bewusst
wird. »Und nein. Ich habe keinen Freund. Und auch keine
Freundin.« Natürlich hatte ich schon einige Freunde gehabt,
aber es fühlte sich falsch an, jetzt über sie zu sprechen.
»Und du?«, frage ich.
»Da gibt es ehrlich gesagt nicht viel zu erzählen. Mum
und Dad sind der Meinung, ich hätte meine Jugend mehr
oder weniger vergeudet, weil ich zu viel Zeit trinkend im
Park verbracht und zu wenig für meine Abschlussprüfungen
gepaukt habe, aber das ist okay, denn immerhin bin ich
jetzt hier, und sie können stolz auf mich sein.« Sie verdreht
die Augen. »Ich hatte einen Freund namens Rich, doch er
ist nach Plymouth gegangen, und ich habe ihm gesagt, dass
es nicht viel Sinn hat, wenn wir zusammenbleiben, weshalb
ich ihn wohl nie wiedersehen werde. Aber so habe ich wenigstens
die Chance, ein paar nette, gut aussehende RugbySpieler
abzustauben, während ich hier bin.« Sie grinst verschlagen,
doch bevor ich noch die Gelegenheit habe, ihr
zu antworten, hören wir jemanden schweren Schrittes die
Treppe hochpoltern.

Mein ganzer Körper versteift sich, auch wenn ich mir sicher
bin, dass es nicht Ed ist. Sekunden später taucht ein
Kopf in der Tür auf, und mein Blick fällt auf ein hübsches
Gesicht umrahmt von dichtem schwarzem Haar. Es ist
Rob, und bei seinem Anblick weicht die Anspannung aus
meinem Körper.
»Darf ich mich zu euch gesellen, oder ist das hier eine
reine Frauenveranstaltung?«, fragt er und betritt das Zimmer.
»Nein, komm rein«, erwidert Jane. »Und wer von den
dreien bist du?«
Rob grinst. »Ich bin Rob«, antwortet er. »Der Gutaussehende.«
Ich muss lächeln. Rob sieht tatsächlich sehr gut aus –
aber er ist ein totaler Frauenheld und wird noch vor Ende
des ersten Monats mit der Hälfte der Studienanfängerinnen
geschlafen haben. Außerdem ist er nicht Ed.
»Freut mich, dich kennenzulernen, mein Hübscher«, erkläre
ich. Er lässt sich neben mir auf die Bettkante sinken
und streckt die Beine aus.
Während Jane und Rob sich miteinander unterhalten,
sehe ich mich im Zimmer um. Mein Blick fällt auf die
schwarzen Stellen in der Ecke, wo die Feuchtigkeit sich
ins Mauerwerk gefressen hat, auf die Flecken an der Wand
und die abgerissene Tapete, dort, wo früher Poster befestigt
gewesen sein müssen. Ich denke darüber nach, wie surreal
sich dieser Tag entwickelt hat.
Aus welchem Grund auch immer bin ich plötzlich im
Jahr 1993 und erneut achtzehn Jahre alt. Ich habe keine
Ahnung, ob das hier nur diesen einen Tag oder länger andauert.
Im Moment ist es mir allerdings egal, denn ich
kann nur an eines denken: Ed. Wenn dieser Tag so verläuft
wie beim ersten Mal – und das war bis jetzt der Fall, weshalb
ich keinen Grund sehe, warum es sich noch ändern
sollte –, dann werde ich Ed schon bald wiedersehen.
Aber es wird nicht der Ed sein, den ich mittlerweile
kenne. Es wird der Ed sein, den ich damals kennenlernte.
Ein junger, sexy und ein wenig arroganter Ed, den ich zwar
mochte, in den ich mich aber nicht sofort verliebte. Ich
wurde bei seinem Anblick nicht vom Blitz getroffen, und es
gab auch keine elektrische Spannung, die durch den Raum
schoss. Es gab nur ein ganzes Leben voller Möglichkeiten,
das vor uns lag.

Dieses Mal wird es vermutlich ungeheuer schwer – viel-
leicht sogar unmöglich –, so zu tun, als hätte ich ihn noch
nie gesehen. Ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt und
auch gehasst. Ich habe ihn in meinen Armen gehalten, ihm
Trost gespendet, mich mit ihm gestritten, ihn verloren und
um ihn getrauert. Wie soll ich es nach alldem schaffen, das
hier zu überstehen? Ich habe keine Ahnung.
»Was meinst du?« Ich zucke zusammen, und mein Blick
fällt auf Jane und Rob, die mich abwartend ansehen.
»Tut mir leid, ich war gerade mit den Gedanken woanders.
Was habt ihr gesagt?«
»Sollen wir vielleicht in einen Pub?«, fragt Rob. »Auf
ein schnelles Pint, bevor die anderen ankommen?«
»Gute Idee.« Ich muss mir tatsächlich noch etwas Mut
antrinken, um die nächsten paar Stunden zu überstehen.
Ein Drink wäre jetzt genau das Richtige. Schnell stehe ich
auf. »Ich bringe nur meine Sachen in mein Zimmer, bevor
meine Eltern nach Hause fahren.«
Wir laufen die Treppe hinunter, um uns zu verabschieden,
Dad bringt meine Taschen und Kisten in das Zimmer
neben Janes.
»Pass auf dich auf, Liebes.« Mum umarmt mich innig,
und ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. »Ruf
an, und komm bald einmal nach Hause.«
»Aber nicht zu bald, denn ich habe vor, dein Zimmer zu
vermieten.«
Dad lächelt und umarmt mich kurz, dann fahren die beiden
nach Hause und überlassen mich meinem neuen Leben. Ich werde es schaffen. Ich kann wieder ein Studentenleben
führen. Es ist immerhin nur ein Tag – vielleicht sogar
der Tag, auf den ich gehofft habe, seit mir Ed genommen
wurde.
»Okay, gehen wir«, erkläre ich, atme tief ein und setze
ein gespieltes Grinsen auf, bevor wir uns zu dritt auf den
Weg machen.

Als wir die Schwingtür aufdrücken, packt mich vollkommen
überraschend erneut die Nostalgie. Es ist lange
her, seit ich zum letzten Mal hier war, und die Erinnerungen
überschwemmen mich geradezu. Ich sehe Ed am Billardtisch,
die Stirn hochkonzentriert in Falten gelegt, während
er versucht, die schwarze Kugel einzulochen. Ein halb
geleertes Pint steht auf der Tischkante. Ich erinnere mich,
dass Jane einmal so betrunken war, dass sie vom Stuhl fiel
und sich in einer Ecke zusammenrollte, um ein Nickerchen
zu machen. Ich höre No Rain von Blind Melon aus der
Jukebox dringen und erinnere mich, wie wir sie unablässig
mit Münzen befüllt haben, um unsere Lieblingssongs zu
spielen. Und trotz der vollkommen absurden Situation und
der Vorahnung dessen, was noch kommen wird, spüre ich
plötzlich eine Wärme in mir hochsteigen. Ich verbringe mit
meinen ältesten Freunden, die ich doch eigentlich gerade
erst kennengelernt habe, den Nachmittag …
Drei Stunden später befinden wir uns wieder im Haus.
Mittlerweile ist auch Simon angekommen, und nach einer
kurzen Vorstellung machen wir uns daran, die Küchenschränke
zu inspizieren. Wir teilen uns eine Flasche billigen
Wein, den wir auf dem Nachhauseweg mitgenommen
haben. Er schmeckt wie Abbeizmittel, doch er nimmt mir
noch ein wenig mehr von meiner Angst.

Draußen wird es bereits dunkel, und ich weiß, was das
bedeutet: Ed wird bald kommen. Ich spüre, wie sich der
Knoten in meiner Brust noch weiter zusammenzieht.
Ich habe die Tatsache, dass ich Ed nie wiedersehen
werde, noch nicht richtig akzeptiert, aber irgendwo, tief
im Inneren, weiß ich, dass es wahr ist, und ich habe große
Angst davor, dass seine Gesichtszüge in meiner Erinnerung
langsam zu verschwimmen beginnen, egal wie verzweifelt
ich auch versuche, mich daran zu klammern. Ich kann die
Konturen seines Gesichts mit den Fingerspitzen nachzeichnen,
doch ich kann mich nicht mehr an die genaue Form
seiner Augen erinnern, an den exakten Schwung seiner
Nase oder seiner Lippen, und das macht mich verrückt. Ich
weiß nicht, ob ich es schaffe, ihn vor all diesen Leuten zum
ersten Mal wiederzusehen. Wie soll ich ihn ansehen, ohne
die Hand nach ihm auszustrecken, um ihn zu berühren,
oder schlimmer noch, ohne mich in seine Arme zu werfen?
Die Zeiger der Plastikuhr über der Spüle ticken monoton
vor sich hin, der Wasserhahn tropft unablässig. Ich spüre,
wie meine Hände feucht werden, und fühle mich benommen.
Die Stimmen der anderen sind nur noch ein Murmeln
im Hintergrund, das ich vollkommen ausblende. Stattdessen
konzentriere ich mich nur noch auf das Ein- und Ausatmen,
das stetige Heben und Senken meiner Brust und das
eindringliche Klopfen meines Herzens. Ich will das alles
hier so schnell wie möglich hinter mich bringen.
Und dann klopft es wie als Antwort auf meine Gebete an
der Tür, und ehe noch jemand die Gelegenheit hat, sie zu
öffnen, schwingt sie auch schon auf, und da steht Ed mit
einem strahlenden Lächeln vor uns.
Blut rauscht in meinen Ohren, ich habe das Gefühl, ohnmächtig
zu werden.

Um mich herum versinkt alles in hektischer Aktivität.
Die anderen springen auf, um ihn zu begrüßen, doch ich
bleibe stocksteif sitzen und halte meinen Blick auf einen
Punkt neben seinem Kopf gerichtet, weil ich zu große Angst
habe, ihn direkt anzusehen. Natürlich muss ich irgend wann
genau das tun, und als ich mich zwinge, in seine Richtung
zu blicken, ist es, als würde mir jemand einen Schlag in die
Magengrube verpassen.
O Gott. Er ist es tatsächlich. Er ist tatsächlich hier.

Wenn du einfach nicht warten kannst ...

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Clare Swatman

Before you go

Zoe und Ed sind ein Traumpaar, doch im Laufe der Jahre ist ihre Beziehung ins Wanken geraten. Nach einer ihrer häufigen Auseinandersetzungen geschieht das Unfassbare: Ed stirbt bei einem Unfall. Zoe glaubt, an ihrem Schmerz zu zerbrechen. Wieso hat sie Ed an diesem Morgen nicht mehr gesagt, wie sehr sie ihn liebt? Nachdem sie wenig später schwer stürzt, erwacht sie in einer Version ihres Lebens, in der Ed noch am Leben ist und sich die beiden gerade erst kennenlernen. Fortan hat Zoe die Chance, ihr gemeinsames Leben zu verändern. Bis der Tag von Eds Unfall unaufhaltsam näher rückt …

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