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Begrüßungsrede von Katja Lange-Müller

Terézia Mora: "Auf dem Seil"

Guten Abend, geschätzte Freunde der Literatur unserer heutigen Autorin Terézia Mora und hoffentlich auch der Berliner Akademie der Künste,
guten Abend, liebe Terézia, guten Abend, Jörg Plath!

Vor nunmehr 10 Jahren setzte Terézia Mora einen pummligen, unsichereren Diplom-Informatiker und Großstadt-Indianer namens Darius Kopp ins Buch und damit in die Welt. Dieser Roman mit dem Titel „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ erzählt von dessen Herkunft und Alltag und dem problematischen Zusammen- oder eher Auseinanderleben des Paares Flora/Darius, einem Leben, das ich mir erlaube – ein trauriges Lied abwandelnd – ganz kurz und etwas flapsig wie folgt zu beschreiben:

„Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb.
Die Brücke ward ihnen gestohlen.
Es suchte auch keiner den Dieb.“


Vier Jahre später, 2013, in dem Roman „Das Ungeheuer“, begegneten wir Darius wieder – und Flora auch. Aber Flora, die an einer endogenen Depression litt, ist tot, hat sich nach einem langen, auf mancherlei Art bitterkalten Winter erhängt und Darius allein gelassen, allein mit ihrem auf Ungarisch verfassten, in einem Laptop eingesperrten Tagebuch, das sie wohl nicht mehr löschen konnte oder wollte, bevor sie keinen Abschied nahm. Darius latente Existenzangst weicht der Trauer, einer magmatiefen, die sich während 10 Monaten, in denen er vollends zu verkommen droht, zur exogenen Depression steigert, zumal er sich Floras Aufzeichnungen für viel Geld übersetzen lässt und erfahren muss, dass er von der Frau, die er liebte, rein gar nichts wusste. Aus dem einzigen Mann wird der einsamste Mann, aus dem genusssüchtigen, konfliktscheuen Darius Kopp ein Klon des mythologischen Orpheus. Auch Darius geht ohne Abschied, jedoch nicht in den Tod, sondern auf eine Reise, zuerst nach Ungarn und dann durch diverse Länder Osteuropas. Floras Heimat, das ist den meisten von Ihnen sicher bekannt, war die von Terézia Mora. Sie wurde, so viel oder wenig zu ihrer Biografie sollte ich doch noch sagen, 1971 in Sopron am Neusiedlersee geboren und kam 1990 nach Berlin, wo sie an der Humboldt-Universität Hungarologie und Theaterwissenschaft und anschließend an der Deutschen Film- und Fernsehakademie studierte. Neben den vier Romanen und zwei Erzählungsbänden, die sie bislang verfasste, hat Terézia Mora einige ihrer besten ungarischen Kollegen ins Deutsche übersetzt und so gut wie jeden Literaturpreis erhalten, der hierzulande vergeben wird, zuletzt, im Jahr 2018, den Georg-Büchner-Preis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung.

Vor sechs Jahren begrüßte ich unser Publikum, Terézia Mora und die Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau zum „Ungeheuer“, dem zweiten Band der Trilogie um den IT-Spezialisten Darius Kopp. Und heute nun darf ich Sie begrüßen und natürlich wieder die Autorin und ihren diesmaligen Gesprächspartner Jörg Plath, den Literaturkritiker und Literaturredakteur beim Deutschlandfunk Kultur, der außerdem für die Neue Zürcher Zeitung schreibt; er ist gelernter Buchhändler, studierte in Freiburg, Wien, Berlin Neuere deutsche Literatur und promovierte über den Flaneur Franz Hessel.
– Und ganz besonders herzlich begrüße ich, leider zum wahrscheinlich letzten Mal, auch den uns mittlerweile so vertrauten, in sich widersprüchlichen Darius, der dennoch ein astreiner Renaissancemensch ist, also einer aus einem Guss, allerdings ein sehr moderner, Darius, diesen Anti-Antihelden, der, wenn Terézia Mora die Idee gehabt hätte, ihn probehalber draufzustellen, gemächlich aber zuverlässig von jedem Sockel steigen würde. Darius, der seinen Platz im Leben nur dort und nur dann findet, wo und wenn er wirklich gebraucht wird. Als er jünger war, glaubte er, die Welt stünde ihm offen, er habe alle Möglichkeiten. Doch mit fünfzig „Auf dem Seil“ weiß er zumindest: das Leben ist ein Balanceakt, die Möglichkeiten, die DIR noch bleiben – und hier übernehme ich bewusst das urplötzlich aus dem personalen Erzählen in die direkte Anrede springende DU Terézia Moras, diese fabelhaften Möglichkeiten also, sind nicht mehr unbegrenzt; divers genug sind sie trotzdem: Falls es mit dem Wiedereinstieg in die Netzwerkerei nicht klappen sollte, ein Job in der Gastronomie wird sich schon finden – oder man chauffiert Touristen durch Berlin oder macht sonst irgendetwas, das einem das unentbehrliche Kleingeld verschafft. Freunde, Darius, der, wie sich zeigt, ja selbst Talent zum Freund hat, weiß es, sind wichtiger als Kohle. Und auch wenn er die Liebe, seit Floras Tod, mit Verantwortung verwechselt, ganz allein bleiben will und wird er nicht länger, denn es gibt eine Frau, die ihm gefällt und nicht einschüchtert.

Darius Kopp lernt weder schnell noch freiwillig, aber er lernt. Die Zähne der alten Damen Zeit und Erfahrung haben ihn bearbeitet in den drei Jahren, die er unterwegs war, auf der Flucht vor sich selbst. Er ist noch immer Darius Kopp, jedoch weniger naiv, weniger anspruchsvoll und er kann sich besser in andere Menschen hineinversetzen. Mit seiner geliebten Flora und allem, was sein früheres, bequemeres Leben so ausmachte, hat er schließlich auch die Angst verloren, womöglich sogar die vor dem eigenen Tod. Unser Darius wird seinen holprigen Weg gehen, wohin immer er ihn führt, obwohl Terézia Mora ihn nun „auf eigene Gefahr“ entlässt von ihrer literarischen Intensivstation.

Geschätzte Anwesende, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Auf dem Seil

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