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SPECIAL zu Benjamin Bidder - "Generation Putin" - DVA

Interview mit Benjamin Bidder

Bidder, Benjamin
© Yevgeny Kondakov

Wann hatten Sie die Idee zur »Generation Putin«?

Im August 2014, im Urlaub. In den Monaten zuvor war die Ukraine-Krise eskaliert. Ich hatte einen Monat auf dem Maidan verbracht, drei Wochen auf der Krim, es folgten Odessa, Donezk, eine Kette immer weitergehender Eskalationen. In Russland hatte die Berichterstattung russischer Medien eine Art Massenhysterie ausgelöst, alle redeten von der angeblich „faschistischen Junta“. Niemand wollte mehr hören, wie es in der Ukraine tatsächlich gewesen war. Man konnte selbst mit guten Freunden kein Gespräch mehr beginnen, ohne es im Streit zu beenden.

Ich habe mich damals entschlossen, einen Schritt zurück zu treten von der großen, verfahrenen Politik. Ich will mit dem Buch zeigen: Russland und seine Leute, das sind mehr Facetten als Putin und der Kreml. Mir hat die Arbeit gut getan. Sie hat mir - in Zeiten, wo es manchmal wirkt, als würden wir zurückfallen in den Kalten Krieg - gezeigt, dass sich unter der Oberfläche doch mehr getan hat und noch tut, als die derzeitige verfahrene Lage glauben macht. Es lohnt sich, genau hinzusehen.

Welche Begegnung mit den porträtierten jungen Menschen hat Sie besonders beeindruckt?

Dem Dachkletterer Marat Dupri über Feuerleitern auf das Dach eines 100-Meter-Hauses zu folgen war eine Herausforderung. Manche der Protagonisten habe ich in den vergangenen Jahren mehr als ein Dutzend mal gesprochen, meist mehrere Stunden. Mich hat bewegt, wie offen sie mir gegenüber waren. Ihnen war wichtig, dass das Ausland einen besseren Eindruck bekommt von ihrem Land.

Wo liegen für Sie die Gemeinsamkeiten der »Generation Putin«?

Sie sind groß geworden in einer sich rasant verändernden Umwelt. Vielleicht sind sie deshalb so anpassungsfähig, manchmal bis an die Grenze des Unsteten. Im Buch steht: Marat hat in fünf Jahren sechs Mal den Job gewechselt. Neulich hat er mir erzählt, dass er schon wieder den Arbeitsplatz wechselt. Aber das Buch ist schon gedruckt. Dieser Generation strahlt eine unbändige Energie aus, sie weiß aber selbst oft nicht recht, in welche Bahnen sie sie lenken soll.

Keiner der sechs Protagonisten steht heute an dem Punkt, den er sich vor fünf Jahren erträumt hat. Jeder der sechs hat Enttäuschungen erlebt, wurde aus der Bahn geworfen. Manches ist zu persönlich, als das es in das Buch gehören würde. Alle haben ihre Lehren daraus gezogen. Manche haben einen Teil ihrer Träume begraben. Manche träumen von anderen Dingen.

Inwieweit sind die sechs Protagonisten denn repräsentativ für Russlands Jungend?

Sie sind typische Kinder der Mittelschicht. Die wächst seit Jahren, aber sie wächst langsam. Ihre politischen Überzeugungen sind ähnlich konservativ wie die ihrer Eltern. Die große Mehrheit unterstützt Putin und lehnt gleichgeschlechtliche Partnerschaften ab, um zwei Beispiele zu nennen. Sie sind recht patriotisch, aber die militante Ablehnung alles Ausländischen ist ihnen fremd. Sie sind ja damit aufgewachsen.

Es lohnt sich, auf die Nuancen zu achten: Während die Generationen der Eltern und Großeltern in Umfragen durch die Bank "Sicherheit" als wichtigsten Wert angeben und „Freiheit“ ganz hinten ist es bei den Jüngeren genau umgedreht: "Sicherheit" hinten, „Freiheit“ ganz oben. Darunter verstehen Sie zu allererst, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Aber das heißt nicht, dass sie rebellisch wären. Im Gegenteil. Ein russischer Schuldirektor hat mir gesagt, seine Schützlinge seien wahnsinnig pragmatisch. Er könne nur noch nicht genau sagen "ob das nun ein gutes Zeichen ist oder ein schlechtes".

Welche Erfahrungen haben Sie als deutscher Journalist in Russland gemacht? Wurden Sie in Ihrer Arbeit behindert?

Ich weiß, dass einige Kollegen in Ihrer Berichterstattung behindert wurden und werden. Ich für meinen Teil habe das selbst nie erlebt. Das für uns Korrespondenten in Fragen der Akkreditierung zuständige Außenministerium agiert professionell, korrekt und sehr zuvorkommend, auch wenn dort unsere Texte sicher nicht immer gern gelesen werden. Völlig anders ist die Lage russischer Kollegen. Ihre Arbeit wird stark eingeschränkt, sie müssen um ihre Jobs fürchten, werden tätlich angegriffen.

Auch als Korrespondent erlebt man natürlich Anfeindungen: Es gibt Hassmails, obskure Websiten im Internet, die mich als CIA-Agenten diffamieren oder als "übelster deutscher Medienlügner". Und es gibt eine Flut von Drohungen auf Facebook, Nachrichten wie "Häng dich selbst auf, sonst machen wir das". Bezeichnenderweise kommt all das nicht aus Russland, sondern von den selbsterklärten Russlandfreunden in Deutschland, von denen die meisten Probleme hätten, Sankt Petersburg auf einer Landkarte zu finden.

Wie hat sich Russland während Ihrer Zeit dort verändert?

Ich bin das erste Mal im Jahr 2001 nach Russland gekommen, als Zivildienstleistender. Russland war damals in weiten Teilen ein armes Land. Heute wachsen in Moskau gläserne Hochhaustürme in den Himmel. In der U-Bahn gibt es kostenloses WLAN. Nach Sankt Petersburg verkehren Schnellzüge des gleichen Typs wie die deutschen ICE. Die Mittelschicht wächst, langsam aber stetig, schneller in den großen Städten, langsamer in der Provinz.

Russland hat einen unübersehbaren Satz in die Moderne gemacht. Genauso unverkennbar ist aber auch, dass der Wandel in den Köpfen der Menschen das rasante Tempo nicht mitgemacht hat. Das bedeutet umgekehrt nicht, dass es keinen Geisteswandel gegeben hätte. Es gibt ihn, aber er vollzieht sich langsam. Der russische Soziologe Juri Lewada hat das treffend formuliert: "Wer erwartet hat, der Mensch werde ein anderer in drei, zehn, 15 Jahren, rauft sich die Haare. Wandel vollzieht sich nicht in Jahren, sondern in Generationen."

Mit welchem Gefühl kehren Sie nach Deutschland zurück?

Ich freue mich, näher bei meiner Familie und vielen guten Freunden zu sein. Aber Russland ist ein Teil meines Lebens geworden. Das wird so bleiben, das ist gut so.

Generation Putin Blick ins Buch

Benjamin Bidder

Generation Putin

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