Benjamin Idriz: Der Koran und die Frauen

Benjamin Idriz: Der Koran und die Frauen

Ein Imam erklärt vergessene Seiten des Islam

Benjamin Idriz
© Feryat Yilmaz, © privat
Soweit mir bekannt ist, hat sich in der Geschichte der Muslime noch nie jemand eingehend mit der Stellung des Mannes im Islam beschäftigt. Vielleicht liegt das daran, dass Gott selbst sich in seiner Offenbarung bei Geschlechterfragen ausdrücklich zur Frau geäußert hat. Es gibt keine Sure namens »Die Männer« im Koran, wohl aber eine Sure »an-Nisa’/Die Frauen« (Sure 4). Die islamische theologische Literatur zum Thema Frau ist umfangreich. In der islamischen Welt, also in überwiegend von Musliminnen und Muslimen bevölkerten Ländern, waren und sind die Verfasser solcher Werke jedoch überwiegend Männer, während in den westlichen Ländern deutlich mehr Frauen Stellung beziehen. Allerdings stehen gerade Autorinnen mit muslimischem Namen aufgrund negativer biografischer Erlebnisse dem Islam oft kritisch bis feindselig gegenüber.

Ich selber unterscheide mich von anderen Autoren und Autorinnen darin, dass ich die Gedanken, die ich hier niederschreibe, mit anderen gläubigen Männern und Frauen teile. Ich schreibe nicht aus der Distanz einer akademischen Forschungsposition heraus, sondern ich schreibe über das, was in meinen täglichen Gesprächen, in meinen Vortragen und in meinen Freitagspredigten Thema ist. Was hier debattiert wird, findet in meiner Gemeinde statt, und die Ziele, die hier vertreten werden, werden dort in die Praxis umgesetzt und verwirklicht. Dabei wirke ich in der Wahrnehmung dessen, was ich schreibe und predige, in einem heute noch immer mehr männlich als weiblich geprägten Umfeld, wo es durchaus einer festen Entschlossenheit bedarf, vielleicht auch einigen Mutes, um diese Positionen öffentlich zu vertreten und zu verfolgen.

Zur heftig debattierten Frage nach der Frau im Islam stehen Behauptungen und Positionen im Raum – und zwar sowohl von islamophober, wie auch von islamophiler Seite –, die zurechtgeruckt werden müssen. Das Frauenthema im Islam ist von Anfang an eng mit dem Koran verbunden. Will man sich zu diesem Thema äußern, so sollte man mit der heiligen Schrift des Islam vertraut sein, um Missbrauch und Desinformation – egal von welcher Seite – zu erkennen und zu vermeiden. Denn allzu oft sind im Namen des Islam – nicht nur in der Frauenfrage – Worte und leider auch Taten in die Welt getragen worden, die diametral gegen den Koran und damit gegen Gott und Seinen Gesandten gerichtet sind.

In unserer Geschichte finden sich zu allen Zeiten und über alle Länder und Religionen hinweg immer wieder wirkmächtige negative Frauenbilder, die sich bis heute fortschreiben. Auch Muslime bilden hinsichtlich dieses kulturgeschichtlichen Problems leider keine Ausnahme und haben es ebenso wenig wie andere Glaubensrichtungen geschafft, sich selbst oder die Gesellschaft von dieser negativen Entwicklung zu befreien. Es ist sogar so, dass uns Muslime das Thema »Frauen im Islam« in besonderem Maße belastet. Ich kann mich an keinen einzigen Vortrag vor Nicht-Muslimen erinnern, bei dem ich nicht aus dem Publikum heraus kritisch über die Rolle der Frau befragt worden wäre. Muslimischen Männern wird vor allem vorgeworfen, sie betrachteten und behandelten die Frauen als zweitrangige Geschöpfe.

Wenn Kritiker, vor allem solche aus dem Westen, Muslime mit entsprechenden Vorhaltungen konfrontieren und behaupten, der Islam lehre, dass eine Frau weniger wert sei als ein Mann, dann wird von Muslimen oft mit einschlägigen Aussagen, wie zum Beispiel »Der Islam hat den Frauen den höchsten Stellenwert eingeräumt« gekontert. Trotz der Richtigkeit dieser Aussage, wird damit das Problem aber oft tabuisiert. Denn solch apologetische Rechtfertigungsbemühungen von Muslimen taugen weder als glaubhafte Erwiderungen, noch werden sie zur Verbesserung der Lage der Frau in muslimischen Gesellschaften fuhren. Muslime sind, bewusst oder unbewusst, mit den Standards, die der Koran selbst setzt und einfordert, in Konflikt geraten. Sie können diesen Standards erst gerecht werden, wenn sie auch die Frau unter dem Blickwinkel jener allgemeinen Werte beurteilen, die der Koran fordert, wie zum Beispiel: Gerechtigkeit. Eine praktizierende und hoch gebildete Muslimin beklagte sich einmal bei mir: »Die Muslime, besonders die Religionsgelehrten, reden und predigen viel von Gerechtigkeit, aber uns Frauen behandeln sie ungerecht. Wir dürfen nicht einmal bei der Eheschließung mit demselben Recht wie ein Mann als Trauzeuge auftreten!« Nur durch solches Hinterfragen und durch Selbstkritik können Muslime den hohen Ansprüchen, die die Offenbarung Gottes an uns richtet, gerecht werden und die im Koran gesetzten Ziele erreichen. In neuerer Zeit arbeiten muslimische Autorinnen und Autoren intensiv an der Überwindung einiger diskriminierender Missstände zwischen Männern und Frauen. […] Leider bleiben diese Werke, wie viele Arbeiten der islamischen Theologinnen und Theologen in der Türkei, die dort in wissenschaftlichen Kreisen große Anerkennung finden, außerhalb des Landes weitgehend unbeachtet. Bedauerlicherweise wird türkische theologische Fachliteratur in der Regel weder ins Deutsche noch ins Arabische übersetzt. Solche Forschungsarbeiten sind jedoch gerade heute notwendig und mussten auch starker von männlicher Seite selbstkritisch beziehungsweise mit mehr Mut für eine aufrichtige Auseinandersetzung […]

Gleichheit der Männer und Frauen in der Lebenspraxis

Weil sich die vom Koran geforderte Gleichheit der Männer und Frauen in der Lebenspraxis der Muslime nicht in wünschenswertem Maß niedergeschlagen hat, konnte sich im Laufe der Zeit unter den Muslimen ein ausgesprochen frauenfeindlicher religiöser Diskurs entwickeln. Diese negative Entwicklung hat nicht nur das religiöse Leben beeinflusst, sondern sie stellt auch einen maßgeblichen Faktor für die Rückständigkeit muslimischer Gesellschaften dar. Typische Beispiele für die Aufwertung des Mannes und die untergeordnete Stellung der Frau im religioösen Bereich sind der Ausschluss der Frauen vom Freitags- und Festgebet, der nicht theoretisch begründet ist, aber praktisch stattfindet, ihre Benachteiligung bei der Erbverteilung, die Legitimierung angeblich religiös begründeter Gewalt gegen Frauen, von Polygamie und einer Rechtspraxis, nach der die Zeugenaussage eines Mannes doppelt so viel zahlt als die einer Frau. Dieses Verhältnis zum weiblichen Geschlecht wird manchmal mit dem Koran begründet und häufiger noch mit Hadithen, das heißt mit Aussagen, die dem Propheten zugeschrieben werden – in jedem Fall aber mit Behauptungen, die in offenem Widerspruch zum Geist und zur Logik des Islams stehen. Der Ägypter Qasim Amin (gest. 1908) bezeichnete als wahren Hintergrund dieser Benachteiligung einen traditionsgeprägten ≫Mischmasch, den die Leute als Religion bezeichnen und Islam nennen≪. Schon damals sah er einen Zusammenhang zwischen der Rückständigkeit hinsichtlich der Stellung der Frau und der Rückständigkeit einer ganzen Nation.8

Für muslimische Männer ist es verpflichtend, die eigene Haltung zu den Frauen im Islam selbstkritisch zu hinterfragen. Sie haben die Frau als ebenbürtiges menschliches Geschöpf zu akzeptieren, das im Islam die gleichen Rechte und die gleiche menschliche Wurde hat wie sie selbst. Zu dieser vernünftigen Ansicht kann ein Muslim als Mensch wie als Gläubiger nur mithilfe des Korans gelangen: nämlich durch eine reflektierte Koranlesung im Kontext seiner Entstehung. Wenn wir die Lage der Frau aus dem Blickwinkel des Korans und des Propheten, der ein Vorbild für uns ist, betrachten, kommen wir zu einem ganz anderen Bild als dem, was gemeinhin für vermeintlich typisch ≫muslimisch≪ gehalten wird. Ein respektvolles Miteinander ist nur dann zu erreichen, wenn Männer und Frauen anstelle einer Uber- und Unterordnung eine horizontale Beziehung zueinander entwickeln und einen gleichberechtigten Dialog miteinander fuhren. Frau und Mann sind wie zwei Hälften eines Apfels. Nicht anders ist die Haltung des Korans zur Frau, und der Prophet hat sie so und nicht anders in die Lebenspraxis umgesetzt. Alle Überlieferungen in Form von Sprüchen oder Erzählungen, die diesem koranischen Prinzip und dem Vorbild des Propheten widersprechen, sind später entstanden und fuhren in die Irre. Sie sind bis zum heutigen Tag von anhaltender negativer Auswirkung auf die Behandlung der Frau geblieben. Viele Muslime haben auf der Grundlage einzelner Zitate und überlieferungen ihr Glaubensverständnis pervertiert. Muhammad al-Ghazali dazu: ≫Einige Muslime stellen ihre Religion verfälscht dar, mit strengem Stirnrunzeln, in einer unsympathischen Art und Weise. Dann beklagen sie, dass die Menschen den Islam ablehnen oder sogar hassen. Mussten diese Irrsinnigen nicht eingesperrt oder ausgepeitscht werden, weil gerade sie die Menschen von der Wahrheit des Islams fernhalten?!≪9 Damit ist zwar zum Ausdruck gekommen, dass sich in Sachen Frau im Islam etwas ändern sollte, aber noch nicht, was sich (aus westlicher Sicht) andern musste und was sich (aus islamischer Sicht) andern konnte, wenn man mit Koran und Sunna verantwortlich umgeht. Denn schließlich geht es gläubigen Muslimen nicht um Reformation, sondern um Renaissance, und zwar ohne Imitation des Westens und ohne bloße Imitation der Vergangenheit.10

Meine Intention ist es, die Ursachen des negativen Frauenbildes bei manchen Muslimen zu untersuchen und zu hinterfragen. Ich stoße dabei auf den Koran, der für uns nicht nur als primäre und sicherste Quelle gilt, sondern die ewige und tröstende Botschaft Gottes ist. Der Prophet, Friede sei auf ihm, hat den Koran praktisch umgesetzt. Somit sind also der Koran und der Prophet zwei Seiten derselben Medaille. Die Zuverlässigkeit der Überlieferungen, Aussagen und Interpretationen, die in den Büchern außerhalb des Korans entstanden sind, ist abhängig vom Koran: Stimmen sie mit dem Koran überein, dann sind sie authentisch und korrekt. Wenn sie dem Koran widersprechen, verdienen sie folglich keine Beachtung.

Der Koran und die Frauen

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