Es beginnt mit einem Bananenkarton...

Es ist der Moment, der alles verändert.

Das neue Leben, von dem sie schon so lange geträumt hat.
Es beginnt genau in diesem Augenblick. Rita steht im Lager. Sie öffnet den Karton und schlägt die Plastikfolie zurück. Sie wünscht sich, genau dort zu sein, wo die Bananen herkommen. So lange träumt sie schon davon. Rita möchte die Sonne auf sich spüren, irgendwo in Südamerika am Strand liegen, stundenlang in den Himmel schauen. Sie möchte, dass ihr Leben laut ist und bunt und wild.
Doch das ist es nicht. Noch nicht.
Rita macht ihre Arbeit. Sie ist Verkäuferin in einem Supermarkt. Dreiundfünfzig Jahre ist sie alt. Schon seit einer Ewigkeit packt sie Waren aus, schichtet sie in Regale, sitzt an der Kasse.
Alles scheint wie immer.
Noch hat Rita keine Ahnung davon, was in den nächsten drei Wochen passieren wird. Sie weiß noch nicht, dass sie sich verlieben und beinahe den Verstand verlieren wird. Dass sie Dinge tun wird, die sie nie für möglich gehalten hätte.
Rita wird jemanden töten.
Und dann wird jemand sie töten.
Weil sie diesen Karton geöffnet hat, wird Rita sterben.
Bald schon.

Elfriede Wallner (53), Landwirtin

– Was Sie mir da erzählen, schockiert mich.
– Das tut mir alles sehr leid, Frau Wallner. Trotzdem bitte ich Sie darum, mir weiterzuhelfen. Ich will verstehen, wer Rita Dalek war. Ich möchte wissen, wie sie aufgewachsen ist, wie ihre Kindheit war, ihre Jugend. Für die Ermittlungen ist es wichtig, dass ich ein Bild vom großen Ganzen bekomme.
– Ich kann es nicht glauben, dass sie tot ist.
– Es wundert mich, dass Sie es von mir erfahren haben. Ehrlich gesagt dachte ich, es hätte sich hier im Dorf bereits herumgesprochen, dass sie ermordet wurde.
– Nein. Wir hatten keinen Kontakt mehr zu Rita. Sie war nie wieder hier seit damals. Wenn Sie nicht aufgetaucht wären bei uns, hätten wir es wahrscheinlich nie erfahren. Oder in ein paar Monaten erst. Traurig ist das. Weil ich wirklich dachte, dass es ihr gut geht. Dass Rita es geschafft hat. Sie war so ein lieber Mensch. Wer kann ihr das nur angetan haben? Und warum?
– Genau das möchte ich herausfinden.
– Das hat sie nicht verdient.
– So ein Ende hat niemand verdient.
– Rita hat nie etwas Falsches gemacht. Sie war eine von den Guten.
– Ich kann auch ein anderes Mal wiederkommen, wenn Ihnen das lieber ist.
– Nein.
– Brauchen Sie ein Taschentuch?
– Geht schon. Es ist nur so, dass mich das alles sehr betroffen macht. Ich finde es schade, dass ich sie nie besucht habe in der Stadt. Obwohl sie mich mehrmals eingeladen hat.
– Das ist der Lauf der Dinge. Freundschaften enden irgendwann. Lebenswege trennen sich. Sie sollten sich keine Vorwürfe machen.
– Trotzdem tut es weh.
– Lassen Sie sich Zeit. Mir läuft nichts davon.
– Sollten Sie nicht Ritas Mörder suchen, anstatt hier Ihre Zeit zu vergeuden? Bei uns werden Sie garantiert nichts erfahren, das Ihnen weiterhilft.
– Sagen Sie das nicht. Oft ergeben sich die entscheidenden Hinweise genau aus solchen Gesprächen. Deshalb erzählen Sie mir doch bitte einfach, was Ihnen in den Sinn kommt. Erinnerungen, die Sie haben. Wie war Rita Daleks Kindheit?
– So wie man sich eine gute Kindheit auf dem Land eben so vorstellt.
– Sie waren Nachbarn. Beste Freundinnen, nicht wahr? Man sagte mir, Sie hätten jede freie Minute miteinander verbracht.
– Ja, das haben wir.
– Der Hof der Daleks stand dort drüben, ist das richtig?
– Ja, dort, wo jetzt das Einfamilienhaus ist. Rita und ich sind zusammen zur Schule gegangen, wir haben Kartoffeln geerntet und die Äpfel von den Bäumen geholt. Wir haben unseren Eltern geholfen. Barfuß zusammen auf dem Feld, bei den Kühen im Stall, unbeschwert war alles. Wir haben uns nie Gedanken darüber gemacht, was einmal passieren könnte. Es war eine heile Welt, in der wir lebten. Wir haben fest daran geglaubt, dass es für immer so bleibt. Dass dieses Glück nie aufhören wird. Wir haben nicht daran gedacht, dass jemand sterben könnte. – Sie sprechen von Rita Daleks Eltern, oder?
– Ja.
– Wie war das Verhältnis zu ihnen? Haben sie sich gut verstanden?
– Sehr sogar. Ich habe Rita darum beneidet, dass ihre Eltern so anders waren als meine. Dass sie sie ernst genommen haben. Die Daleks waren überzeugt davon, dass aus ihrer Tochter mehr werden kann als nur eine Bäuerin. Sie haben daran geglaubt, dass Rita sich ihre Träume erfüllen kann.
– Welche Träume?
– Rita wollte Schauspielerin werden.
– Schauspielerin?
– Mit fünfzehn hat sie sich das in den Kopf gesetzt, und eine ganze Zeit lang hat sie sich nicht davon abbringen lassen. Obwohl es ein unmöglicher Berufswunsch war, hat sie daran festgehalten. Anfang der Achtzigerjahre auf dem Land. Sie können sich ja vorstellen, dass das nicht einfach war. Als junge Frau hatte man damals keine große Wahl.
– Sie beide haben bei Ihren Eltern auf dem Hof mitgearbeitet?
– Ja. Aber Rita ist ausgebrochen, sie wollte sich nicht damit zufriedengeben. Weil ihre Eltern sie dazu ermuntert haben. Dir stehen alle Türen offen, hat der alte Dalek zu ihr gesagt. Sie solle einen Beruf ergreifen, der ihr Freude macht, hat er gesagt. Keine Sekunde lang hat er an sich und den Hof gedacht. Daran, dass niemand mehr da sein würde, um ihn weiterzuführen, wenn Rita weg ist. Sie hatte wirklich großes Glück. Zumindest, was das betrifft.
– Sie wissen, dass Rita Dalek in den letzten achtzehn Jahren als einfache Verkäuferin in einem Supermarkt gearbeitet hat?
– Ja, davon habe ich gehört. Trotzdem hätte sie die Möglichkeit gehabt, ein anderes Leben zu führen, im Gegensatz zu mir. Alles hat danach ausgesehen, dass sie es schaffen würde. Ihr Vater hat sie sogar persönlich an der Schauspielschule angemeldet, er hat alles bezahlt. Obwohl das Geld bei den Daleks genauso knapp war wie bei uns.
– Haben sich Rita Daleks Erwartungen erfüllt? Hat sie sich wohlgefühlt an der Schauspielschule?
– Sie hat mir stundenlang davon vorgeschwärmt, wenn sie am Wochenende nach Hause kam. In einer völlig anderen Welt hat sie plötzlich gelebt. Von Romeo und Julia hat sie mir erzählt. Sie war so aufgeregt, so voller Freude. Während sie den Stall ausgemistet hat, hat sie den Kühen ihre Texte vorgetragen. Tag und Nacht ging es nur um das Theater. Ich denke, sie wäre wirklich glücklich geworden in diesem Beruf.
– Warum hat es nicht geklappt?
– Weil sie die Ausbildung abgebrochen hat, noch bevor das erste Jahr um war. Der Tod ihrer Eltern hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Sie hat damals aufgehört, an Wunder zu glauben.
– Erzählen Sie mir, was passiert ist.
– Ein Erdrutsch hat den Hof der Daleks weggewischt. Ich war damals zufällig hier in der Stube und habe aus dem Fenster gesehen. Im einen Moment war der Hof noch da, im anderen war er plötzlich weg. Das Wirtschaftsgebäude, die Kühe auf der Wiese, das Wohnhaus. Und Ritas Eltern. Alles wurde von den Erdmassen und dem Geröll begraben. – Sie haben das tatsächlich mitansehen müssen?
– Ja. Ich habe lange davon geträumt. Schrecklich war das alles. Man hat ewig gebraucht, um sie zu bergen. Das ganze Dorf hat mitgeholfen.
– Ihr Hof war nicht betroffen?
– Nein. Alle anderen Häuser sind stehen geblieben. Wir wurden verschont, nur Ritas Eltern nicht.
– Das ist tragisch.
– Und ungerecht.
– Wie hat Frau Dalek es aufgenommen?
– Es muss furchtbar für sie gewesen sein. Sie saß gerade in ihrer Küche in der Wohnung und hat Kuchen gegessen, als ich sie angerufen habe. Sie hat mich zuerst gar nicht zu Wort kommen lassen. Dass sie gerade gebacken hat, hat sie gesagt. Und dass ich endlich in die Stadt kommen müsse, weil sie mir so vieles zeigen möchte. Sie hat sich so über meinen Anruf gefreut. Ich konnte es ihr zuerst nicht sagen. Es ging einfach nicht. Ich wollte ihr nicht wehtun, verstehen Sie. Du musst nach Hause kommen, habe ich irgendwann gemeint. So schnell du kannst, Rita. Es ist etwas passiert.
– Sie erinnern sich noch so genau daran?
– Das werde ich nie vergessen. Wie sich Ritas Träume mit einem Schlag in Luft aufgelöst haben. Es waren nur ein paar Worte, die alles kaputt gemacht haben.
– Welche Worte waren das?
– Sie sind tot.
– Sie ist nach dem Telefonat sofort nach Hause gekommen?
– Ja. Sie stand da und starrte vor sich hin. Dort, wo sie früher zu Hause war, da war überall nur noch Schutt und Asche. Sie hörte mich nicht mehr, ließ sich nicht davon abhalten, selbst beim Suchen mitzuhelfen. Drei Tage lang. Dann erst hat man ihre Eltern gefunden. Zumindest das, was noch von ihnen übrig war.
– Sie hat dann bei Ihnen gewohnt in diesen Tagen?
– Meine Eltern haben ihr gesagt, dass sie bleiben kann, solange sie will. Wir haben versucht, uns um sie zu kümmern. Aber irgendwie funktionierte es nicht. Rita hat schon damals aufgehört, da zu sein.
– Wie meinen Sie das?
– Etwas in ihr war gestorben. Sie hat nicht mehr an die Zukunft geglaubt. Diejenigen, die ihr immer Mut gemacht hatten, waren nicht mehr am Leben. Sie hat das mit der Schauspielschule bleiben lassen und wurde Krankenschwester.
– Der Kontakt zwischen Ihnen ist damals abgebrochen?
– Ja. Nach der Beerdigung ist sie verschwunden und nie wieder zurückgekommen.
– Das tut mir leid.
– Mir auch.

Bis zu diesem Moment hat Rita nicht geatmet.

Es fühlt sich plötzlich so an, als wäre in den letzten zwanzig Jahren alles stillgestanden, als wäre sie wie ferngesteuert durch die Welt gerannt. Als hätte ihr Leben nichts mit ihr zu tun gehabt. Einen Schicksalsschlag nach dem anderen hat sie ertragen. Sie hat es hingenommen, dass das Glück in ihrem Leben immer ein Ablaufdatum hatte.
Alles Schöne endete irgendwann.
Rita hat irgendwann damit aufgehört, sich danach zu sehnen. Sie funktionierte einfach. Wie eine Puppe aus Plastik gab sie Geräusche von sich, bewegte sich, tat, was man von ihr erwartete. Arbeit, Ehe, Haushalt, sie hat kaum Luft bekommen.
Jetzt aber atmet sie.
Tief ein und aus.
Ritas Herz rast.
Weil sie sofort begreift, was da in diesem Karton ist.
Versteckt unter den Bananen aus Kolumbien, in Plastik eingeschweißte Päckchen. Der erste Blick auf ihren Fund ist wie ein Blitz, der Rita trifft. Etwas in ihr brennt plötzlich. Gedanken schießen ihr durch ihren Kopf.
Sofort erinnert sie sich an diesen Zeitungsartikel, den sie vor ein paar Monaten gelesen hat. Über den sie mit ihren Kolleginnen gesprochen hat während einer Rauchpause.

Warum passiert so etwas Spannendes nicht in unserem Supermarkt?
So viel Glück haben wir nicht.
Ich will auch mal in die Zeitung.
Verkäuferinnen finden Koks.
Das ist so, als würde man im Lotto gewinnen.
Was man damit alles anstellen könnte.
Was würdest du tun, wenn dir das passieren würde, Rita?


Rita hat geschwiegen damals. So wie sie auch jetzt wieder schweigt. Weil sie die Antwort noch nicht kennt. Weil sie noch damit beschäftigt ist zu begreifen, was sie gefunden hat.
Dass das alles wirklich passiert.
Kokain aus Südamerika.
Geschmuggelt in Bananenkartons.
Eine Lieferung, die nicht dort angekommen ist, wo sie hätte ankommen sollen. Drogen, die nicht rechtzeitig abgefangen wurden.
Etwas Außergewöhnliches passiert. Rita weiß es. Sie ist ganz allein im Lager. Nur sie sieht es. Etwas, das da nicht sein sollte.
Sie dreht sich um. Schaut in alle Richtungen. Jeden Moment könnte jemand kommen. Sie dabei beobachten, wie sie die Bananen zur Seite schiebt und eines der Päckchen in die Hand nimmt.
Rita starrt es an.
Sie hat Angst.
Legt es wieder zurück.
Weil ihr Herz immer lauter schlägt.
Rita überlegt. Sie muss es dem Geschäftsführer sagen. Kamal.
Sie muss ihn holen, die Polizei rufen, sie muss Alarm schlagen.
Doch Rita rührt sich nicht. Sie weiß, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Dass sie das Richtige tun muss. Aber sie weiß plötzlich nicht mehr, was richtig ist und was falsch. Sie weiß nicht, was mit ihr passiert, warum sie zögert.
Kurz noch steht alles still. Dann schließt Rita den Karton und stellt ihn in eine Ecke.
Sie darf sich nicht in Schwierigkeiten bringen. Pflichtbewusst wird sie alle Fragen beantworten, wenn die Polizisten kommen. Sie wird die brave und zuverlässige Mitarbeiterin sein, die sie schon seit achtzehn Jahren ist.

Ich habe nur gemacht, was ich immer gemacht habe.
Viele Tausende Male vorher.
Ich habe mir nichts dabei gedacht.
Ich habe den Karton geöffnet und es zufällig gesehen.
Natürlich habe ich es sofort gemeldet.
Was hätte ich auch sonst tun sollen?


Rita hört sich reden.
Sie kann jetzt wieder tun, was man sich von ihr erwartet. Doch aus irgendeinem Grund tut sie es nicht. Diesmal nicht. Sie wird es nicht melden. Zumindest nicht sofort, später erst. Sie braucht mehr Zeit. Sie muss zuerst die anderen Kartons durchsuchen, überprüfen, ob da noch mehr ist, noch mehr Päckchen unter den Bananen. Einen Karton nach dem anderen öffnet sie, durchwühlt alles. Und sie redet in Gedanken weiter auf sich ein.

Bist du wahnsinnig, Rita, lass die Finger davon.
Die Leute, die das hier reingepackt haben, sind gefährlich.
Das ist kein Spiel, Rita.
Du musst jetzt endlich die Polizei rufen.
Bring dich nicht in Schwierigkeiten.
Beeil dich, Rita.
Es kann doch nicht sein, dass es nur ein Karton ist.
Nur einer.


Doch sie ist sich sicher. Da sind keine weiteren Päckchen. In den anderen Kartons sind nur Bananen, die nach der langen Reise endlich wieder Luft bekommen. Nur in einem Karton sind Drogen. Nur in dem Karton, den sie in die Ecke gestellt hat.
Und nur sie weiß davon.
Es ist ihr Geheimnis.
Ganz leise flüstert sie es vor sich hin.
Du wirst jetzt einfach deinen Mund halten, Rita.
Du wirst so tun, als wäre nichts passiert.
Du wirst jetzt die anderen Kartons raus in den Laden bringen.
Und dann wirst du weiter deine Arbeit tun.
Dieser Karton wird in der Ecke stehen bleiben.
Bis du weißt, was du machen wirst.
Reiß dich zusammen, Rita.
Kurz hält sie die Luft an.
Dann rollt sie die Bananenkartons aus dem Lager in die Obstabteilung.
So als wäre nichts passiert.
Ihr Herz pocht.

Autoreninterview vor ungewöhnlicher Kulisse

Bernhard Aichner
© Ursula Aichner

"Die Welt will die blutigen Bücher dieses Tirolers" - Elmar Krekeler, DIE WELT

Bernhard Aichner (1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet, zuletzt mit dem Burgdorfer Krimipreis 2014, dem Crime Cologne Award 2015 und dem Friedrich Glauser Preis 2017.

Die Thriller seiner Totenfrau-Trilogie standen monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten. Die Romane wurden in 16 Länder verkauft, u.a. auch nach USA und England. Mit BÖSLAND schloss er 2018 an seine internationalen Erfolge an.

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