Beth O´Leary: »Love to share«

Not macht erfinderisch: Tiffy braucht eine günstige Bleibe, Leon braucht dringend Geld. Warum also nicht ein Zimmer teilen, auch wenn sie einander noch nie begegnet sind? Eigentlich überhaupt kein Problem, denn Tiffy arbeitet tagsüber, Leon nachts. Die Uhrzeiten sind festgelegt, die Absprachen eindeutig. Doch das Leben hält sich nicht an Regeln ...

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Anna Carlsson liest Tiffy
Oliver Wnuk liest Leon

Beth O´Leary: »Love to share«

Beth O’Leary über ihren Roman »Love to share«

Liebe Beth O’Leary, würden Sie uns Ihren Roman kurz vorstellen?

Love to share erzählt von zwei Menschen, Tiffy und Leon, die ein ungewöhnliches Wohnarrangement eingehen: Sie teilen sich eine Wohnung, sind aber niemals zur selben Zeit anwesend, da Leon nachts arbeitet. Doch schon bald beginnen sich ihre Leben zu verflechten …

Wie sind Sie auf die Idee für diesen Roman gekommen?

Als mein Freund Nachtschichten arbeitete, sahen wir uns kaum, obwohl wir zusammenlebten. Ich begann, an kleinen Dingen wie benutzten Kaffeetassen und Schuhen im Flur abzulesen, wie es ihm ging und was er machte. Und dann stellte ich mir vor, wie sich zwei Fremde eine sehr kleine Wohnung teilen. Und da ich einer Liebesgeschichte nicht widerstehen kann, wusste ich, dass sich die beiden einfach verlieben mussten!

Was mögen Sie an Tiffy am liebsten?

Ihre Zuversicht. Sie ist absolut entschlossen, das Leben positiv zu sehen, auch wenn es gerade eine einzige Katastrophe ist. Ich wäre gern mehr wie sie!

Wie war es für Sie, sich in Leon hineinzuversetzen?

Leon wurde langsamer lebendig als Tiffy, und auch als sich mir sein Charakter erschlossen hatte, brauchte ich für seine Kapitel länger – vielleicht, weil er seine Worte so viel sorgfältiger wählt als Tiffy. In vielerlei Hinsicht bin ich ihm sehr ähnlich, ich bin auch eher introvertiert und nachdenklich.

Gibt es etwas, was Sie sich von den Figuren abgeschaut haben?

Tatsächlich ist mir aufgefallen, dass ich mich in knalligeren Farben anziehe, seit ich diesen Roman geschrieben habe. Vielleicht hat mich Tiffy inspiriert, mutiger mit meinem Kleidungsstil zu sein!

Abgesehen von Tiffy und Leon, wer ist Ihre Lieblingsfigur in dem Buch und warum?

Ich denke, das ist Tiffys Freundin Gerty. Sie ist ganz schön bissig, und oft ist sie auch gar nicht nett, aber sie steht immer hinter ihren Freunden, egal was passiert. Und es hat extrem viel Spaß gemacht sie zu schreiben.

Wie war der Schreibprozess für Sie?

Ich habe fast den ganzen Roman beim täglichen Pendeln im Zug geschrieben: eine Stunde morgens, eine Stunde abends. Kopfhörer auf, meine Love-to-share-Playlist an, und schon bin ich in Tiffys und Leons Welt abgetaucht. Lesen ist perfekt, um die Welt um uns herum auszuschalten, Schreiben ist sogar noch besser!

Was nicht heißt, dass alles leicht war – manche Szenen fühlten sich an wie Zähneziehen und es gab viele, viele Momente, in denen ich das Buch fast ganz aufgegeben hätte. Aber die Figuren haben mich immer wieder zurückgeholt. Ich wollte unbedingt bis zu ihrem Happy End kommen!

Was bedeuten Bücher für Sie?

Ich weiß nicht, was ich ohne Bücher wäre. Mein Lebenslauf liest sich ungefähr so: las Bücher, studierte Bücher, lektorierte Bücher, schrieb Bücher. Ich finde es fast schon magisch, dass Menschen Geschichten lesen und schreiben können. Es ist so, als ob wir dadurch mehrere Leben gleichzeitig leben könnten.

Was war Ihre verrückteste WG-Erfahrung?

Meine Freundin und ich teilten uns eine Wohnung in London – wir waren beide neu in der Stadt und hatten überhaupt keine Ahnung. Der Makler versprach uns, dass der Vermieter vor unserem Einzug „einen Herd einbauen“ würde. Tatsächlich handelte es sich dann um einen Mikrowellenofen, der auf einem Brett auf dem Kühlschrank balancierte. Es war extrem instabil. Und eine Pizza über dem Kopf aus dem Ofen zu nehmen ist eine ganz schön riskante Sache …

Mit wem muss man diesen Roman unbedingt teilen?

Ganz klar: mit den Menschen, die mit euch zusammenleben!

Ein Gruß von Beth O´Leary

Ein exklusiver Brief von Beth O’Leary und zwei bisher unveröffentlichte Kapitel aus »Love to share«

Liebe Leserinnen und Leser,

die Idee zu Love to Share kam mir, kurz nachdem ich beschlossen hatte, aus London in meine Heimatstadt zurückzukehren und mit meinem Freund Sam zusammenzuziehen, der dort als Assistenzarzt anfing. Vorher hatten wir in verschiedenen Städten gewohnt, jetzt lebten wir in einem Haus, sahen uns jedoch weniger als je zuvor: Ich pendelte eine lange Strecke mit dem Zug nach London, er hatte oft Nachtschicht. Ich stand auf, machte das Bett und ging zur Arbeit. Eine Stunde später kam er nach Hause und legte sich zum Schlafen in das Bett, das ich kurz zuvor verlassen hatte, dann stand er auf, machte das Bett und ging zur Arbeit. Eine halbe Stunde später … und so weiter. Also ja, wir wohnten zusammen, waren aber nie zur selben Zeit da.

Darüber beklagte ich mich bei einer Freundin – der wunderbaren Libby (hallo, Libby!) – und sie sagte: „Damit könnte man Geld verdienen – man vermietet einfach sein Zimmer, wenn man nicht da ist.“ Der Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf – nicht als Geschäftsidee, sondern als Idee für einen Roman. Ich dachte über all die Kleinigkeiten nach, die mir etwas über Sam verrieten. Wieviel Kaffee er trank. Ob er es geschafft hatte, etwas Anständiges zu essen oder nur schnell eine Schale Müsli heruntergeschlungen hatte. Ob Jogginghose und Kopfhörer an einer anderen Stelle lagen (das bedeutete, dass er Zeit zum Laufen gefunden hatte). Ich fragte mich: Wie wäre es, wenn zwei Fremde so lebten? Was könnten sie aus den Spuren, die jeder von ihnen hinterließ, über den anderen erfahren?

Aus diesen Überlegungen heraus entstanden die Charaktere von Tiffy und Leon. Ich brauchte zwei Figuren, die bereit wären, sich auf eine derart ungewöhnliche Lebenssituation einzulassen: Sie mussten ein wenig unkonventionell sein und es musste etwas in ihrem Leben geben, was sie für dieses Experiment offen sein ließ.
Wenn ich schreibe, gibt es eine Zeit, in der die Charaktere noch formbar sind. Ich habe die Figuren erfunden – ich könnte sie verändern, und das wäre völlig in Ordnung. Doch ab einem gewissen Punkt nehmen sie konkret Gestalt an und dann ist das vorbei – dann sind sie, wer sie sind, genau wie Freunde sind, wer sie sind. Bei ihnen kann man auch nicht auf einmal behaupten, einer von ihnen sei eigentlich ein großartiger Opernsänger und ihn einfach dazu machen.

Tiffy stand als Figur sehr früh fest. Ihr unerschütterlicher Optimismus half mir, sie zu verstehen – nachdem ich merkte, dass sie trotz der Geschichte mit ihrem Ex-Freund noch lebhaft, kontaktfreudig und impulsiv war, hatte ich sie. Sie war real. Bei Leon dauerte es etwas länger, bis er lebendig wurde (was bei einem so schweigsamen Mann womöglich gar nicht anders sein kann). Doch nachdem ich Leons Schreibstil einmal gefunden hatte, wurde auch er lebendig. Trotzdem habe ich für seine Kapitel immer ein bisschen länger gebraucht. Tiffy ist so mitteilsam, ihre Kapitel flossen nur so auf die Seiten. Leon wählt seine Worte sorgfältiger, und wenn ich seinen Part schrieb, war ich langsamer, nachdenklicher.

Figuren zu haben, die sich echt anfühlen, hat einen Nachteil – sie verhalten sich wie echte Menschen und tun Dinge, die sie nicht tun sollen. In Brighton sollte Tiffy zum Beispiel nicht ins Meer stürmen. Ich wollte auch nicht, dass Justin noch einmal bei Tiffy und Leon auftaucht, aber plötzlich war er da. Das ist alles wunderbar, wenn die Figuren dadurch den Plot vorantreiben (danke, dass du ins Meer gesprungen bist, Tiffy), aber oft führen sie einen auch in Sackgassen. Seit der ersten Fassung habe ich wohl mindestens 20.000 Wörter aus Love to Share gestrichen. Es war einfach viel zu lang, voll von überflüssigen Szenen und Nebenhandlungen, die ins Nichts liefen. (Den Großteil der Schuld daran gebe ich Tiffy, die sehr gern ihre Freunde anruft und ein oder zwei Kapitel lang von ihrem Tag erzählt.)

Durch die Kürzungen hat der Roman deutlich gewonnen. Aber es gibt einige Szenen, die ich ein ganz kleines bisschen vermisse. Hier folgt nun eine dieser Szenen: Tiffy bei der Arbeit, in dem Moment, in dem alle bei Butterfinger Press plötzlich meinen, dass Häkele dich frei ein Erfolg wird. Im Roman passiert das ungefähr bei Kapitel 15-16 – man erfährt es aus Tiffys Post-it-Zetteln an Leon, aber nicht aus erster Hand.

Und weil es sich falsch anfühlte, den Lesern einen kleinen Bonus von Tiffy zu geben, aber nicht von Leon, habe ich auch noch eine Zusatzszene für Leon geschrieben: Es ist der Moment, in dem ihm die Idee kommt, Katherine ins Hospiz einzuladen. Ich hatte mir immer eine Szene wie diese vorgestellt, habe sie aber erst jetzt geschrieben. Ich hoffe sehr, dass sie euch gefällt.

Viel Spaß beim Lesen
Beth O‘Leary

Achtung Spoileralarm!

Wenn Ihr »Love to Share« noch nicht kennt, könnten euch diese Kapitel spoilern - also: Weiterlesen auf eigene Gefahr!

Tiffy

Absolute Stille im Meetingraum.

Das ist enorm unangenehm, weil ich keinen blassen Schimmer habe, was diese Stille bedeutet, und es immer zermürbend ist, wenn unsere Führungskräfte schweigen – normalerweise fallen sie sich ständig gegenseitig ins Wort. Ich zappele herum. Ich winde mich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie Rachel sich fühlt – ihr Cover-Design liegt auf dem Tisch, damit das Team es betrachten kann.

»Dieser Umschlag ist spektakulär«, sagt unser Geschäftsführer schließlich.

Rachels Gesicht ist völlig ausdruckslos, ruhig und undurchdringlich. Ich bewundere diese Frau so sehr.

»Prima. Ein spektakulärer Einband für ein spektakuläres Buch. Ihr beide habt eure Arbeit fantastisch gemacht«, sagt der Cheflektor.

»Tiffy«, setzt unser Geschäftsführer an und beweist damit – oh, wer hätte das für möglich gehalten??? – dass er doch tatsächlich weiß, wie ich heiße. »Wir freuen uns sehr auf das Buch.«

Tatsächlich? Verwirrt blinzele ich. Niemand hat mehr mit mir über Häkel dich frei gesprochen, seitdem ich letztes Jahr den Titel bei einem Meeting zum Thema »neue Projekte« vorgestellt hatte, um die Genehmigung für den Kauf zu bekommen. Ich erinnere mich hauptsächlich daran, wie dieselben Führungskräfte verständnislos nickten, während ich alle früheren Bücher von Katherin aufzählte, und sie dann ausgiebig diskutierten, ob wir ihr weniger zahlen könnten als für das letzte Buch (konnten wir nicht – Katherin ist eine sehr zähe Verhandlungspartnerin für jemanden, der angeblich nicht an irdischen Dingen interessiert ist).

»Ach, ja!«, sage ich und versuche, nicht überrascht auszusehen. »Wir freuen uns sehr!«

»Können wir es etwas früher veröffentlichen?«, fragt der Geschäftsführer.

Früher?! Mein Puls verdreifacht sich umgehend.

»Also, ähm«, sage ich und blicke verzweifelt Rachel an, »wir kämpfen gerade mit den Dateien und das Druckdatum wurde schon nach hinten verschoben. Außerdem fehlen noch einige Schals, die für dieses Kapitel fotografiert werden müssen …«

»Schau mal, ob wir das hinbekommen«, sagt der Geschäftsführer zum Cheflektor. Ich schließe wieder den Mund.

»Wer kümmert sich um die Buchpräsentation?«, fragt der Cheflektor die Leiterin der Marketingabteilung.

»Gute Frage«, sagt sie. Ich spüre, dass sie das plötzliche Interesse an Häkel dich frei ebenso überrascht wie mich. »Ich werde das mit meinem Team besprechen.«

Für Häkel dich frei ist definitiv noch keine Buchpräsentation geplant gewesen, doch ich vermute, bis zum heutigen Abend ist dafür ein recht spektakulärer Plan ausgearbeitet - und Martin sehr gestresst.

»Was machen wir bei Katherin normalerweise, so PR-mäßig?«, fragt die Leiterin des Lizenzgeschäfts die Leiterin der Marketingabteilung, der die unerwartete Wendung, die das Meeting genommen hat, sichtlich zusetzt.

»Gute Frage«, wiederholt sie.

»Katherin ist immer für öffentliche Auftritte zu haben«, melde ich mich zu Wort.

Die Leiterin der Marketingabteilung nickt als wollte sie sagen, sicher, unsere Katherin eben, aber ich sehe, wie sie unterm Tisch ihr Handy in der Hand hält und gehe schwer davon aus, dass sie den Namen Katherin Rosen googelt.

»Sie zeigt Menschen bei öffentlichen Auftritten, wie man sich ein Outfit häkelt und es flott abmisst«, erkläre ich. »Das letzte Event fand auf einem Ausflugsschiff statt, aber man kann das wirklich überall machen. In einigen Wochen haben wir eine Veranstaltung in einem Hospiz.«

Sie starren mich alle dermaßen durchdringend an, dass ich das Gefühl habe, mir klebe etwas im Gesicht. Was ist mit denen bloß los? Die »wichtigen« Leute interessieren sich nie für meine Bücher. Die Art von Büchern, über die sie reden wollen, liegt bei meinem Vorgesetzten, der gut genug bezahlt wird, um sich von Menschen, in deren Berufsbezeichnung »Chef« oder »Leiter« enthalten ist, durchdringend anstarren zu lassen.

»Das ist fantastisch. Einfach fantastisch«, sagt unser Geschäftsführer. »Großartige Story für das Marketing. Hast du das gehört? Hospiz?«

»Wir werden live von dem Event twittern«, sagt die Leiterin der Marketingabteilung gleich anschließend. »Und wir planen noch einige weitere Live-Häkel-Events in den kommenden Monaten.«

Alle nicken. Ich merke zu meiner Überraschung, dass ich auch nicke. Nur Rachel hat ihren Kopf unter Kontrolle. Nachdem wir aus dem Meeting geeilt sind, strömen alle rasch auseinander - wahrscheinlich suchen sie nach der jeweiligen Nachwuchskraft, der sie Häkel dich frei anvertraut haben, um sie zu fragen, was hier eigentlich gerade los ist. Ich setze mich hinter meine Blumentopfwand und sehe, dass die Leiterin der Marketingabteilung es so eilig hat, dass sie zu rennen beginnt.

Ich schreibe Rachel, sobald sie sich hingesetzt hat.

Tiffany [11:02]: Was. Zum.

Rachel [11:03]: Ich nehme an, du warst heute noch nicht auf Twitter.

Ich öffne Twitter und fange gleich an zu scrollen. Lange muss ich nicht suchen: Katherins Tweet steht recht weit oben. Sie hat ein Bild von einem Schal getwittert, den Mr. Prior für das Kapitel über Hüte und Schals für sie gestrickt hat.

Einer der fantastischen Schals, die man in meinem kommenden Buch – Häkel dich frei – finden kann. Nimm dir Zeit für Achtsamkeit und kreiere etwas Schönes!

Ich pruste vor Lachen. Ich kenne Katherin. Der Tweet macht Werbung für ihr Buch, ist aber auch ein wenig eine Verarschung - mit dieser schamlosen Verwendung des Wortes Achtsamkeit (jedermanns liebstes Modewort) und diesem übermäßig ernsthaften Ausrufezeichen.

Doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund wurde es achttausend Mal retweetet.

Tiffany [11:07]: Wie um alles in der Welt ist es dazu gekommen?!

Rachel [11:08]: Geh mal auf die Seite von Tasha Chai-Latte.

Tasha Chai-Latte ist eine YouTuberin mit einem DIY-Kanal, den Rachel und ich lieben. Sie ist Lifestyle-Bloggerin und zwar eine der ganz großen – Millionen über Millionen von Abonnenten, diese Größenordnung …

Sie hat Katherins Tweet retweetet und dazu geschrieben:

Häkeln ist echt das neue Ausmalen! Ich vergötterte @KnittingKatherin für ihre wundervollen Designs. #seiachtsam #haekeldichfrei

»Sie hat sogar den Buchtitel verhashtagt!«, brüllt Martin weiter unten im Flur. »Fünfzehn Millionen Follower! Beispiellose Reichweite! Unter den Top Ten der Social Influencer!«, ruft er. (Vielleicht blökt er auch noch etwas mehr, doch das ist die Quintessenz.)

Bei der PR und beim Marketing herrscht schlimme Hektik. Ich lasse mich tiefer in meinen Stuhl sinken – vergeblich.

»Tiffy, wir haben ein Stand-up-Meeting, um die nächsten Schritte von Tasha Chai-Lattes Support von Häkel dich frei zu klären«, sagt Martin und lehnt sich über meine Pflanzenwand. »Kommst du?«

Bäh. Stand-up-Meetings. Wie normale Meetings, aber im Stehen, das heißt »dynamischer« und dämlicher, ohne eine Möglichkeit, die Teetasse hinzustellen oder das Notizbuch abzulegen.

»Brauchst du mich? Denn wenn ich dieses Buch tatsächlich früher in den Druck geben muss, benötige ich auch Zeit, um mich darum zu kümmern.«

Martin blickt mich finster an. »Soll ich das dem Cheflektor sagen?«

Ich seufze.

»Gut«, sagt Martin, und ich stehe auf, um ihm zu folgen. »Das Zitat muss aufs Cover!«, ruft er im Vorbeigehen in Rachels Richtung.

»Das wird das Design ruinieren!«, ruft Rachel zurück. »Außerdem arbeite ich nicht für dich! Du kannst mir nicht einfach Aufträge zurufen!«

»Niemand macht sich über das Design Gedanken, Rachel«, zischt Martin und dreht sich zu ihr. »Nimm Tasha Chai-Lattes Namen mit aufs Cover, sonst werde ich …«

Unser Geschäftsführer kommt näher. Wir erstarren alle und bemühen uns um einen passenden Gesichtsausdruck, damit es so aussieht als ob wir eine fruchtbare und zielführende Diskussion führen und in perfekter Harmonie zusammenarbeiten.

»Also nehmen wir ›Häkeln ist echt das neue Ausmalen‹ als ganzes Zitat auf den Einband?«, fragt Rachel lieblich, als der Geschäftsführer vorbeigeht.

»Das wäre perfekt. Vielen Dank, Rachel«, sagt Martin.

»Ich zeig das Katherin, sobald es fertig ist und frage sie, ob sie einverstanden ist«, erkläre ich völlig unnötigerweise. Das ist meine Aufgabe - ich muss niemandem sagen, dass ich es mache.

»Ich kümmere mich mit Tashas Leuten um die Genehmigungen«, sagt Martin genau auf die gleiche Art, vielleicht auch weil „Tashas Leute“ so wichtig klingt.Der Geschäftsführer ist vorbeigegangen.

»Stand-up-Meeting«, flüstere ich Rachel lautlos zu, forme mit der Hand eine Pistole und halte sie mir an die Schläfe.

»Sag, du hast dir beide Knöchel verstaucht«, flüstert sie lautlos zurück.

»Sie ist also berühmt«, sagt Katherin zum etwa fünften Mal.

Ich treffe mich mit ihr in einem kleinen Café in Shoreditch (Katherin hat sich dort in den 80er-Jahren eine schäbige Wohnung gekauft und wohnt seitdem darin. Der Wert der Immobilie hat sich wahrscheinlich inzwischen vertausendfacht, doch Katherin wird dort wohl bis zu ihrem Tod kümmerliche Topfpflanzen züchten und Wolle filzen, ohne etwas zu renovieren).

Auf einmal ist es gar kein Problem mehr, für einen Nachmittag aus dem Büro zu verschwinden, um Katherin zu treffen. Doch dieser »Freigang« ist an eine lange Liste mit Anliegen geknüpft, um die ich sie bitten muss - bei den meisten Punkten geht es darum, dass sie sehr viele Sachen ohne Honorar machen soll. Wir haben die Liste noch nicht in Angriff genommen; ich bin seit einer halben Stunde hier und versuche immer noch, Katherin YouTube zu erklären.

»Sie macht Videos«, sagt sie langsam.

»Schau mal«, sage ich und frage mich, ob ich mir einen zweiten Kaffee auf Firmenkosten genehmigen kann, »der Punkt ist der: Millionen Menschen ist es wichtig, was sie sagt, und ihrer Meinung nach ist Häkeln das neue Ausmalen, was ganz offensichtlich der größte Trend bei DIY-Büchern seit, ähm, Beginn der Zeitrechnung ist …«

»Das habe ich doch auch gesagt«, erklärt Katherin. »Ich meinte auch, dass Häkeln das neue Ausmalen werden würde.«

»Ja«, entgegne ich und entscheide mich für den Kaffee, selbst wenn ich ihn aus eigener Tasche bezahlen muss. »Aber du hast es zu mir gesagt, in einem Besprechungszimmer, als niemand sonst anwesend war. Das ist nicht mit einer Aussage von Tasha Chai-Latte zu vergleichen.«

Katherin denkt darüber nach. Sie wirkt nicht sonderlich überzeugt. Es wäre vielleicht einfacher, wenn ich ihr Tasha Chai-Lattes YouTube-Kanal zeigen könnte, aber mein Handy ist dermaßen im Eimer, dass es keine Videos abspielen kann und selbst, wenn es ginge, könnte man auf dem gesprungenen Display kaum etwas erkennen. Und Katherins altes Nokia ist zu nichts zu gebrauchen, außer um damit eine Scheibe einzuschlagen.

»Eigentlich geht es um Folgendes«, sage ich und nehme verzweifelt die Liste aus der Tasche, »die Marketingabteilung will, dass du häufiger auftrittst. Viel häufiger. Und sie wollen, dass jemand in einigen Wochen bei der Veranstaltung im Hospiz, in dem Leon arbeitet, live twittert …«

»Ach, genau«, sagt Katherin und spitzt die Ohren. »Leon. Erzähl mir von Leon.«

Ich reibe mir die Augen, meine Nerven werden immer dünner. »Ich denke, es wird so aussehen, dass Martin von der Marketingabteilung mit uns zum Hospiz kommt, damit er live twittern kann, was immer das auch heißen mag, und …«

»Oh, nein, diesen Trottel will ich nicht dabeihaben«, verkündet Katherin.

»Magst du Martin aus der Marketingabteilung nicht?«, frage ich.

Katherin schaut mich komplizenhaft an. »Ich habe mich immer gefragt, ob Butterfinger Press ihn bei der Serie The Apprentice aufgegabelt hat.«

Oh Gott, ich liebe sie. Sie ist die beste Autorin überhaupt. In einem Anflug von Zuneigung, der wohl von der beidseitigen Abneigung gegenüber Martin herrührt, überwältigt mich plötzlich die Freude darüber, dass Katherin mit diesem Buch Erfolgschancen hat. Sie hat sich jahrelang an Büchern übers Häkeln und Stricken abgearbeitet - wäre es nicht toll, wenn sie plötzlich berühmt werden würde? Natürlich nicht richtig berühmt, aber berühmt unter Häkelnden, was sich – von ihrem Standpunkt aus betrachtet – wahrscheinlich so anfühlen würde, als wäre sie Taylor Swift.

»Kannst du nicht das Live-Twittern für ihn übernehmen?«, fragt sie.

»Ich werde doch wohl Modell stehen! Oder hast du etwa jemand anderen gefunden, den du mit deinen Nadeln piksen kannst?«

»Niemand ist so gut wie du, Tiffy«, sagt Katherin und drückt meinen Arm. »Du bist wie die Frauen aus der Sowjet…«

»Russland, ja«, beende ich den Satz für sie. »Danke, Katherin. Aber willst du wirklich, dass dein Model die ganze Zeit auf seinem Handy herumtippt?«

»Dann muss Martin aus der Marketingabteilung wohl doch mitkommen«, seufzt Katherin.

»Leider, ja. Das ist der Preis, den du für deinen Erfolg zahlen musst.«

Sie nickt. Wir trinken unseren Kaffee in kameradschaftlicher Stille, weil um uns herum extrem coole Menschen an sehr dünnen Laptops ihre Start-ups auf Erfolgskurs bringen.

»Und die Videos dieser Tasha werden von Millionen Menschen angeschaut, meintest du?«

»Eher im zweistelligen Millionenbereich«, erkläre ich ihr.

»Und sie ist einfach eine Frau, die in ihrem Schlafzimmer sitzt?«

»Na ja, das war vielleicht einmal so. Inzwischen ist sie eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau.«

Katherin grübelt darüber nach und rührt den Schaum in ihren Cappuccino.

»Ich frage mich, ob ich …«, setzt Katherin an und denkt, was so ziemlich alle denken, wenn sie irgendwelche x-beliebigen Menschen einen Haufen Kohle bei YouTube scheffeln sehen.

»Kauf dir erst mal ein Smartphone, okay, Katherin?«, sage ich. »Eins nach dem anderen.«

Leon

Komme zur Arbeit und stelle fest, dass der Flur von einer Horde aufgeregter, älterer Menschen blockiert wird. Alle sehen in die andere Richtung. Dank der Tatsache, dass ältere Menschen schrumpfen, kann ich über ihre Köpfe hinwegschauen. Bald wird die Ursache des Staus klar. Ein Herr in einem eleganten Anzug begibt sich sehr langsam zum Aufenthaltsraum, wobei er von zwei ihn anhimmelnden Patientinnen aufgehalten wird.

Mann im eleganten Anzug: „Wissen Sie, es ist alles eine Frage des Stängels. Wie Sie den schneiden.“

Patientin 1: „Des Stängels!“

Patientin 2: „Na, klar!“

Patientin 1: „Ich liebe rote Rosen.“

Mann im eleganten Anzug: „Ah, die rote Rose. Das Symbol der Liebe.“

Merke, dass der Mann im eleganten Anzug einen großen Korb voller Blumen über dem Arm trägt. Merkwürdig.

Neben mir taucht June auf.

June, zischend: „Ach, Leon, da bist du ja, Gott sei Dank. Wir haben diesen Floristen gebucht, damit er den Patienten ein bisschen was zeigt, und alle sind ganz wild vor Aufregung.“

Aha. Das erklärt die Blumen. Aber nicht den Anzug.

June: „Es hat sich herausgestellt, dass dieser Mann der Ryan Gosling der Hospizwelt ist.“

Ich: „Kleine Augen? Spricht, ohne wirklich den Mund zu bewegen?“

June: „Wie bitte? Nein, ich meine die Frauen lieben ihn. Er soll ihnen beibringen, wie man Blumen bindet, aber allmählich frage ich mich, ob er es jemals in den Aufenthaltsraum schafft. Herrgott – machen Sie Platz! Gehen Sie weiter!“

Es tut sich nicht viel. June verdreht die Augen.

June: „Nie hört jemand auf mich. Mensch – Bridget! Solltest du nicht auf der Korallenstation sein?“

Bridget ist eine Tagesschwester, die ab und an eine Nachtschicht übernimmt. Sie ist mit einem einfältigen Grinsen auf den Mann im eleganten Anzug zugegangen und klammert sich jetzt an seinen Arm. Am Arm dieses Mannes ist nicht mehr viel Platz zum Klammern.

Bridget, ziemlich gereizt: „Sofort, June!“

Hinter mir ertönt Dr. Patels Stimme.

Dr. Patel: „Entschuldigen Sie. Darf ich hier bitte mal durch? So sehr ich die Begeisterung aller … für die edle Kunst des Blumenbindens zu schätzen weiß, ich muss mich um die Patienten kümmern, die zu krank sind, um im Flur nach Männern mit Rosen Ausschau zu halten.“

Sofort teilt sich die Menge für die Ärztin. Wie das Rote Meer. June und ich folgen in Dr. Patels Kielwasser. Neugierig bleibe ich neben dem Floristen stehen.

Mann im eleganten Anzug: „Oh, hallo, Sir. Möchten Sie sich eine Blume aussuchen, für die wunderbare Arbeit, die Sie hier für diese reizenden Menschen leisten?“

Patientin 1: „Wie nett!“

Patientin 2: „Was für ein Gentleman!“

Ich: „Mmmh.“

Mann im eleganten Anzug: „Eine Rose vielleicht? Eine Margerite?“

Linse in den Korb mit den Blumen. Habe das Gefühl, dass ich dem Mann den Gefallen tun sollte. Ist zwar etwas merkwürdig, aber es ist nett, dass er freiwillig in ein Hospiz kommt.

Ich betrachte die sorgfältig geordneten Stängel und denke plötzlich an das Stiefelpaar vor meiner Wohnungstür. Violett, ein bisschen wie Doc Martens, aber mit weißen Blumenranken an der Seite, deren Stängel sich durch die Schnürsenkelösen winden. Handbemalt. Tiffys Werk, vermute ich. Die Hälfte ihrer Klamotten scheint umgeändert zu sein: aufgenähte Perlen, abgeschnittene Ärmel, mit bunten Mustern bestickt.

Nehme eine einzelne Lilie aus dem Korb. Kann sie ja in eine dieser lächerlichen modischen Vasen stellen, die auf dem Fensterbrett stehen und keine offensichtliche Funktion haben. Sie wird die Wohnung ein bisschen verschönern.

Merke erst zu Hause, dass das nicht nötig ist. Nicht seit Tiffy eingezogen ist. Alles ist bereits schön – scheußlich schön.

Dennoch stecke ich den Stängel in eine der Vasen und suche einen Stift, um ihr eine Nachricht über den sexy Floristen zu schreiben. Mir kommt der Gedanke, dass Tiffy vermutlich einige Floristen kennt. Wahrscheinlich macht sie ein Buch übers Blumenbinden. Vielleicht kennt sie jemanden, der ins Hospiz kommen könnte – womöglich sogar diese Häkelautorin, die so viel von ihrer Zeit beansprucht. Häkeln kommt mir unglaublich langweilig vor, aber könnte es vielleicht für Patienten interessant sein?Ich werde darüber nachdenken. Aber jetzt: Bett.

Tiffy hat wieder diese hässliche gebatikte Decke über der Bettdecke ausgebreitet. Normalerweise nehme ich sie morgens ab. Heute bin ich so müde, dass mir die Energie fehlt, sie wegzuschieben, bevor ich einschlafe. Als ich aufwache, ist mir heiß. Stelle fest, dass ich in der Nacht gewandert bin – mein Arm liegt quer über Tiffys Kopfkissen. Weiche zurück und stehe schnell auf, müde und verwirrt. Die Wohnung riecht anders. Brauche eine Weile, bis ich merke, dass das an der Lilie liegt.

Copyright © 2019 by Beth O‘Leary

Copyright © der deutschsprachigen Fassung 2019 by Diana Verlag München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 29, 81673 München

Übersetzt von Pauline Kurbasik und Babette Schröder

Redigiert von Lisa Scheiber

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