Ein Jahr, ein halbes Jahr Meditation reichen, um zu realisieren, dass ein anderes Leben möglich ist.
Der spanische Priester Pablo d’Ors meditiert seit über dreißig Jahren. Er zeigt auf seiner spirituellen Reise auf, wie es gelingt, durch Meditation den Alltagsstress zu überwinden, sich stärker auf die wichtigen Dinge im Leben zu fokussieren.
Pablo d’Ors erzählt persönlich, glaubwürdig und überzeugt ganz unmittelbar durch die Tiefe und Klarheit seiner Gedanken.

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d'Ors, Pablo
© Olga Cebrián

Pablo d'Ors, 1963 in Madrid geboren, ist katholischer Priester, Berater des päpstlichen Kulturrats und ein undogmatischer Denker. Auf seiner Suche nach Stille pilgerte er nach Santiago de Compostela, reiste in die Sahara, zum Berg Athos und in den Himalaya.

Kapitel 8

Je mehr man meditiert, umso stärker wird die Wahrnehmungsfähigkeit und umso feiner die Sensibilität, das kann ich versichern. Man hört auf, stumpf zu leben, was gewöhnlich der Zustand ist, in dem unsere Tage verstreichen. Der Blick wird klarer, und man beginnt, die wahren Farben der Dinge zu erkennen. Das Gehör verschärft sich in ungeahntem Maße, und man beginnt – und das meine ich ganz wörtlich – den wahren Klang der Welt wahrzunehmen. Alles, sogar das Prosaischste, erscheint leuchtender und einfacher. Man schreitet leichter. Man lächelt häufiger. Die Atmosphäre scheint von etwas schwer Fassbarem erfüllt zu sein, das wesentlich und mit Händen zu greifen ist. Klingt gut? Ausgezeichnet. Ich gestehe allerdings, dass ich dies nur sekundenlang und nur bei wenigen Gelegenheiten erfahren habe. Normalerweise treibe ich dahin; zwischen dem, der ich war, bevor ich begann, mich mit der Meditation vertraut zu machen, und dem, der ich jetzt zu sein beginne. »Dahintreiben« ist der Ausdruck, der es am besten trifft.
Manchmal bin ich hier und meditiere, und dann wieder wer-weiß-wohin mich meine unzähligen Ablenkungen geführt haben. Ich bin so etwas wie ein Schiff, und zwar eher eine zerbrechliche Nussschale denn ein stabiler Überseedampfer. Der Seegang spielt nach Belieben mit mir, doch während ich noch zusehe, wie die Wogen kommen und gehen, beginne ich mich in Wahrheit schon in die Wellen selbst zu verwandeln und weiß gar nicht mehr, was aus meinem Schiffchen geworden ist, bis ich es dann wiederfinde. »Aha, da ist es ja«, sage ich mir dann. »Es treibt dahin.« Jedes Mal, wenn ich in dieses kleine Boot steige, höre ich auf, ich zu sein; jedes Mal, wenn ich mich ins Meer stürze, finde ich mich.

Kapitel 9

Eine der ersten Früchte, die meine Meditationspraxis trug, war die intuitive Erkenntnis, dass nichts auf dieser Welt von Dauer ist. Dass sich alles verändert, wusste ich schon vorher – es ist ja offensichtlich –, aber beim Meditieren begann ich es tatsächlich zu spüren. Auch wir verändern uns, obwohl wir uns große Mühe geben, uns als permanent oder dauerhaft zu betrachten. Diese grundlegende Veränderlichkeit von Mensch und Dingen ist – so sehe ich es heute – eine gute Sache.
Das Eigenartige ist, dass ich diese Entdeckung auf dem Weg über die Stille machte. Alles geschah so, wie ich es hier beschreibe: Beim Meditieren stellte ich fest, dass, wenn ich mich mit einem meiner Gedanken aufhielt, dieser verschwand (etwas, das nicht passierte, wenn ich einen Menschen anschaute, dessen materielle Existenz unabhängig von meiner Aufmerksamkeit ist). So, wie ich es verstehe, zeigt dies, dass die Gedanken wenig verlässlich sind, während Menschen dies im Gegensatz dazu in weit höherem Grade sind, vielleicht aber auch nur, weil sie einen Körper besitzen. Daraufhin beschloss ich, mein Vertrauen in Zukunft nicht mehr in etwas zu setzen, das so leicht verschwinden konnte. Ich beschloss, mich von dem leiten zu lassen, was bleibt, weil nur das meines Vertrauens würdig ist. Und worauf vertraue ich? Das ist die große Frage.
Diese ständige Veränderlichkeit der Welt und seiner selbst zu akzeptieren, ist keine einfache Aufgabe; vor allem weil es jegliche geschlossene Definition unmöglich macht. Wir Menschen pflegen uns selbst durch Kontrast oder Gegensatz zu definieren, also durch Trennung oder Teilung. Doch genau dadurch, durch das Teilen, Trennen und Hervorheben von Gegensätzen entfernen wir uns von uns selbst. Eine Person zu definieren, ohne ihre radikale Veränderlichkeit zu akzeptieren, ist, als stecke man ein Tier in einen Käfig. Ein Löwe hinter Gittern ist kein Löwe, sondern ein Löwe in einem Käfig, und das ist etwas ganz Anderes.
Von meiner Gegenwart aus – und ich habe vor, das noch zu konkretisieren – kann ich den, der ich in der Vergangenheit war, nicht verurteilen; und zwar aus dem einfachen Grunde, dass der, den ich jetzt verurteile und missbillige, früher ein anderer Mensch war. Wir handeln immer gemäß dem Wissen, das wir im jeweiligen Moment besitzen, und wenn wir schlecht handelten, dann, weil vielleicht zu diesem Zeitpunkt Unwissenheit bestand. Es ist absurd, vom Standpunkt gegenwärtigen Wissens aus vergangenes Unwissen zu verurteilen.