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Blake Crouch im Interview über seinen Bestseller "Der Zeitenläufer"

"Ich bin glücklich, der zu sein, der ich bin"

Blake Crouch über "Der Zeitenläufer" und die Faszination von Parallelwelten

© Isaac Hernandez

"Der Zeitenläufer" feiert international große Erfolge und wird bald fürs Kino adaptiert. Hat es Ihr Leben verändert, ein Starautor zu sein?
Ja, äußerlich betrachtet in vielerlei Hinsicht. Um ehrlich zu sein, ist der Erfolg für mich schwer zu begreifen. Und ich bin unglaublich dankbar dafür, mit meinem Buch so viele Leser zu erreichen. Eines jedoch hat sich überhaupt nicht verändert: das Schreiben selbst. Es ist nach wie vor sehr, sehr schwierig. Wahrscheinlich schwieriger denn je. Bestimmt hat das etwas mit den Erwartungen zu tun, die auf mir lasten, denn ich möchte meine Leser auf keinen Fall enttäuschen.

Jason Desson, die Hauptfigur in "Der Zeitenläufer", hat vor etlichen Jahren eine vielversprechende Karriere aufgegeben. Als er entführt und jäh aus seinem Alltag gerissen wird, stellt ihm sein Entführer die Frage: „Bist du glücklich in deinem Leben?“ Ist Jason glücklich?
Ich glaube, im Großen und Ganzen ist er glücklich, aber fragen wir uns nicht alle gelegentlich, ob wir das bestmögliche Leben führen? Denken wir nicht alle über die Träume, Ziele und Hoffnungen nach, die wir aufgegeben haben um ein (und hier kommt wieder dieser Ausdruck) im Großen und Ganzen ausgeglichenes Leben zu führen und die Erwartungen von Familie, Freunden und Gesellschaft zu erfüllen? Ich würde nicht sagen, dass Jason unglücklich ist, aber tief im Inneren leidet er unter einer gewissen Unzufriedenheit, weil er einen bestimmten Weg nicht eingeschlagen hat.

Jason wird ein neues Leben als berühmter Wissenschaftler angeboten, wenn er dafür seine Frau Daniela und seinen Sohn Charlie aufgibt. Wie wichtig ist dieser Handlungsstrang um Jasons familiäre Bindung innerhalb des Romans?
Für mich ist es der allerwichtigste. Der zentrale Konflikt des Romans beruht auf dem Spannungsverhältnis zwischen Familie und Beruf und der Art, wie sich beide Ebenen manchmal in die Quere kommen.

Daniela spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle. Was hat Sie zu dieser Figur inspiriert?
Durch Daniela wollte ich die Kehrseite von Jasons Erfahrung sichtbar machen. Wie wäre es, wenn man einer anderen Version seiner Ehefrau begegnete? Wenn sie mit jemand anderem verheiratet wäre, einem anderen Beruf nachginge oder man ihr nie zuvor begegnet wäre? Würde es genauso zwischen beiden knistern? Gäbe es ein Wiedererkennen? Könnte die Intensität der Beziehung irgendwie in andere Welt ausstrahlen?

Jason möchte mit allen Mitteln in sein früheres Leben zurückkehren. Dafür muss er lernen, einen geheimnisvollen Kubus zu beherrschen. Können Sie uns etwas mehr über diesen Einfall erzählen?
Mich faszinierte die Idee, dass sich die komplizierteste Erfindung aller Zeiten hinter einer der einfachsten Formen – einem Würfel – verbergen könnte. Ich wollte mir einen Apparat ausdenken, der Jason in einen Zustand der Überlagerung versetzt und ihm so Zugang zu allen erdenklichen Parallelwelten verschafft. Obwohl der Kubus natürlich eine spekulative Erfindung ist, beruht ihr Prinzip auf seriöser Wissenschaft, genauer gesagt der Viele-Welten-Theorie des Physikers Hugh Everett, die durch das Gedankenexperiment von Schrödingers Katze veranschaulicht wird.

Auf seiner abenteuerlichen Reise gelangt Jason in ganz unterschiedliche Welten. Viele haben mit seiner vertrauten Umgebung gar nichts gemeinsam, aber einige sehen fast so aus wie sein Wohnviertel in Chicago. Was würde Sie mehr verstören?
Ohne Zweifel würden mich die Welten am meisten ängstigen, die sich nur in ein paar Nuancen von meiner Lebenswelt unterscheiden. Etwa durch falsche Straßennamen, dadurch, dass mein Sohn anders heißt oder dass ich beruflich eine andere Laufbahn eingeschlagen habe. Ich glaube solche feinen Abweichungen sind mit Abstand am beunruhigendsten. Denn sie zeigen ganz deutlich, wie sehr die Dinge, die unser Leben ausmachen, bis ins Kleinste miteinander verwoben sind – und wie labil dieses Gefüge ist.

Als Jason auf sein Leben zurückblickt und bemerkt, welche alternative Leben er hätte führen können, wird ihm klar, dass jede Entscheidung ihren Preis hat. Wie kann man mit seinen Entscheidungen Frieden schließen?
Das ist eine gute Frage. Mit jeder Entscheidung schließt sich eine Tür und eine andere geht auf. Wir können nicht jedes Leben führen, das denkbar wäre, und wir können nicht alles ausprobieren, was wir im Leben tun wollen. Wenn wir darauf beharren, statt uns in eine Richtung weiterzuentwickeln, erreichen wir einen Zustand, den ich als „Überlagerung“ beschreiben würde – eine Art Schwebezustand, in dem alle Entscheidungen möglich wären, aber keine getroffen wird. So zu leben, zerstört die Seele, davon bin ich überzeugt. Aber wenn wir uns daran erinnern, dass es zum Leben dazugehört, eine Wahl zu treffen, dann können wir uns mit unseren Entscheidungen aussöhnen. Indem wir eine Entscheidung treffen, erhalten wir die Möglichkeit zu bestimmen, wer wir sind. Und letztendlich müssen wir für genau das Leben und unsere genauen Lebensumstände dankbar sein. Alles andere belastet uns mit einem Gefühl ständiger Reue.

Erkennen Sie sich selbst in Ihren Figuren?
Ja, in vielerlei Hinsicht. Bevor ich ein Buch abgeschlossen habe, fällt mir das gar nicht auf, aber alle meine Romane sind im Grunde eine Therapie und spiegeln das wider, was mich während des Schreibens persönlich beschäftigt hat. In den letzten Jahren war ich beruflich wahnsinnig eingespannt und befand mich als Autor, Vater und Ehemann oft in einer Art Zerreißprobe. Dabei geht es nicht immer gleich um ein Entweder-oder, sondern vielmehr um die vielen Entscheidungen, die wir tagtäglich darüber treffen müssen, wer wir sein und wie wir leben wollen. Jasons Geschichte kommt meiner eigenen Situation sehr nahe. Auch ich habe das Gefühl, mich in letzter Zeit bei dem Versuch, Familie und Beruf ins Gleichgewicht zu bringen, beiden gerecht zu werden, oft verausgabt zu haben.

"Der Zeitenläufer" ist allen gewidmet, „…die sich fragen, wie ihr Leben am Ende des nicht eingeschlagenen Wegs aussehen könnte“. Wo könnten Sie heute am Ende eines solchen Wegs stehen?
Als ich zur Universität ging, glaubte ich nicht daran, dass ich tatsächlich einmal Schriftsteller werden würde. Ich wollte zwar unbedingt schreiben, ich hielt es aber einfach für unrealistisch, davon leben zu können. Also tat ich das, was viele tun, und schlug einen sicheren Weg ein. Ich bewarb mich an der Juristischen Fakultät, nicht weil mich Jura brennend interessiert hätte, sondern weil ich nicht recht wusste, was ich eigentlich wollte. Glücklicherweise wurde ich abgelehnt und bekam keinen Studienplatz. Ich schrieb erst einmal weiter, hielt mich währenddessen mit vielen verschiedenen Jobs über Wasser, und schaffte es schließlich, das Schreiben zu meinem Beruf zu machen.. Aber ich denke immer noch daran, was passiert wäre, wenn ich diesen Studienplatz bekommen hätte. Wahrscheinlich hätte mich das Jurastudium komplett vereinnahmt. Vielleicht hätte ich meinen Traum von der Schriftstellerei aufgegeben. Und wenn die Viele-Welten-Theorie mit ihren Paralleluniversen wahr ist, schwirrt irgendwo da draußen ein anderer Blake herum, der als Jurist in einer Kleinstadt in den Südstaaten der USA arbeitet, gelegentlich nachts wachliegt und sich fragt… was wäre, wenn ich beim Schreiben geblieben wäre.

Ich bin glücklich, der zu sein, der ich bin.

Dark Matter. Der Zeitenläufer Blick ins Buch

Blake Crouch

Dark Matter. Der Zeitenläufer

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