Das ist Alexander

"Ich heiße Alexander Karl, bin 33 und komme aus dem wunderschönen Landshut, wo ich im Wesentlichen auch immer gelebt habe. Ich bin schon immer schwer sehbehindert, rechts schon seit der Kindheit blind, die Sehkraft auf dem linken Auge hat sich aber erst in den Jahren 2013/2014 plötzlich so sehr verschlechtert, dass ich jetzt beidseitig blind bin. Links kann ich nur noch Lichter, starke Kontraste etc. erkennen.

Diese Erblindung ist an sich natürlich schlimm gewesen, aber ich kann heute sagen, dass sie etwas Positives mit sich gebracht hat: Zuvor war ich auf dem Weg in ein Leben als Verwaltungsbeamter – von Anfang an vor allem eine „Vernunftsentscheidung“. Damit ging es nun nicht mehr weiter, dafür eröffnete sich mir ein neuer Weg, auf dem ich meine Stärken und Interessen viel besser verwirklichen kann: Schreiben, Podcasting, Journalismus, Radio, Pressearbeit.

Die Journalistenakademie Dr. Hooffacker in München bietet ihren Weiterbildungskurs zum Online-Redakteur Crossmedia in spezieller Form für Blinde und Sehbehinderte an (Ich kann die Akademie allerdings auch jedem anderen, der sich im Bereich Online-Journalismus, Pressearbeit oder Videojournalismus neu aufstellen möchte, nur wärmstens empfehlen). Neben organisatorischer Unterstützung und inhaltlichen Anpassungen war die Besonderheit dabei für mich vor allem, dass ich nach dem sechsmonatigen Kurs – im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern – noch ein weiteres halbes Jahr Praktika mach(t)e. Mit dem Bayerischen Rundfunk war schon mein erstes Unternehmen ein echter Volltreffer, und ich bin froh, dass ich mit Goldmann gleich noch einen so klingenden Namen finden konnte.

Das Unternehmen hat auf mich von Anfang an einen unglaublich interessierten und offenen Eindruck gemacht. Von meinem ersten Treffen mit meinen momentanen Chefinnen/Kolleginnen sind mir zwei Sätze besonders in Erinnerung geblieben: 1. „Wir hoffen natürlich, dass Sie hier einiges lernen werden, aber wir sind uns vor allem sicher, dass wir ganz viel von Ihnen lernen können.“ und 2. „Wir würden uns freuen, wenn Sie zu uns verrückten Hühnern in die Presseabteilung kommen würden.“. Ich kann nicht mehr genau sagen, welcher davon mich schließlich mehr überzeugt hat.

In jedem Fall schön, dass ich hier bin."

Der Arbeitsweg: Von Mobilitätstrainern, Leitstreifen und hilfreichen Zweigen im Gesicht

Der Weg zur Arbeit ist für mich als Blinden natürlich problematischer als für Andere, oder zumindest muss ich mich dabei stärker konzentrieren. Schließlich pendle ich jeden Tag.

Am Anfang muss man neue Wege aber erst einmal kennenlernen und einüben. Dafür gibt es so genannte Mobilitätstrainer. Ein Trainer arbeitet mit seinem – oder ihrem – Schützling den für diesen sinnvollsten Weg zum Ziel heraus, zeigt ihn dem Blinden und übt den Weg dann ein. Ein ganz „normaler“, aber weitestgehend unbekannter Beruf – und für mich in den letzten Jahren geradezu lebenswichtig.

In Landshut ist mein Weg zum Bahnhof zum Glück nicht lang, und ich hatte ihn schon bald nach der Erblindung gelernt, ebenso wie das Zugfahren. Letzteres macht in der Regel weit weniger Probleme, als man sich das als Sehender so vorstellt. Und wenn es mal wo schwierig wird, gibt es ja meistens viele nette Menschen, die einem gerne helfen.

Für meine Weiterbildung hat der Träger der Maßnahme einen Trainer organisiert, der mit mir die Wege eingeübt hat, zuletzt also auch den zu Goldmann. Der Weg zieht sich mit S-Bahn und Fußweg vom Bahnhof aus zwar doch länger als ich dachte, aber ich würde ihn als nicht all zu kompliziert bezeichnen. Etwa drei mal drei Stunden Training (inklusive Erkundung des Hausinneren) haben gereicht.

Weil ich (weitestgehend) auf meine anderen Sinne angewiesen bin, orientiere ich mich auf dem Weg natürlich auch völlig anders, suche mir ganz andere Fixpunkte. Am besten lässt sich das vielleicht veranschaulichen, indem ich meinen Weg vom Hauptbahnhof zu Goldmann einmal „abgehe“, so wie ich ihn im Kopf habe:

Es geht los die Treppe Richtung S-Bahnen runter, den Leitstreifen entlang, bei der Abzweigung rechts, dann erst ganz hinten, bei der insgesamt vierten Abzweigung, wenn man schon die Rolltreppen links hört, wieder rechts und dann gleich nochmal zur Treppe zur S-Bahn runter. Unten am linken Gleis noch am Handlauf entlang gehen bis dieser aufhört, um beim Aussteigen gleich am richtigen Punkt zu sein. Dort auf eine passende Bahn warten. Am Leuchtenbergring raus, im Normalfall schon auf der Höhe der Treppe. Diese nach unten, dort weiter, eher rechts halten, nächste Treppe wieder nach unten, aber auf dieser schon den linken Handlauf nehmen und danach um 180 Grad nach links eine weitere Treppe. Dann nach links und den Tunnel entlang, bis ins Freie und zur Treppe, diese hinauf.

Oben den Weg nach links weitergehen, erst einmal an der Wand entlang. Sehr bald kommt eine Einfahrt, weiter, später auf Höhe der nächsten Einfahrt die Straße vorsichtig überqueren. Drüben zwischen den parkenden Autos durch, danach eine Zeit lang einfach so gut wie möglich geradeaus. Irgendwann erstreckt sich über den ganzen Weg ein sehr grobes Kopfsteinpflaster – ab jetzt wieder etwas aufmerksamer, näher an der Wand gehen. Nach ein paar Häusern ragen erst ein paar Zweige in Kopfhöhe weit in den Gehweg, dahinter stehen mehrere Motorräder. Und wenn ich jetzt aufmerksam mit dem Stock weiterpendle, bemerke ich erst eine schmale, dann eine deutlich breitere Regenrinne – voilà, hier geht’s rein!

Ich weiß, das liest sich auf Anhieb wohl furchtbar komplex und anstrengend. Aber so ein Weg geht mir natürlich mit jedem Mal mehr in Fleisch und Blut über. Da denkt man nicht mehr: „Jetzt muss ich nach rechts.“ Genau wie bei allen anderen Dingen, die man üben muss, sowie etwa auch dem alltäglichen Leben, Fortbewegen, Lesen und Arbeiten als Blinder allgemein. Alles eine Frage des Willens und der Übung.

„Wie kannst du denn schreiben?“ – Blind im Büro

So, dann bin ich also – wenn Zug und S-Bahn mitspielen – nach insgesamt knapp zwei Stunden in meinem in der Tat riesigen Büro angekommen. Dann mal an die Arbeit – aber Moment mal, wie soll das denn bitte funktionieren, wenn man blind ist?

Natürlich habe ich auch für die Arbeit, speziell die am Computer, so meine Hilfsmittel. Den Umgang damit gelernt habe ich weitestgehend zwischen September 2015 und September 2016 in einer sogenannten „blindentechnischen Grund-Reha“ am Berufsförderungswerk Würzburg. In den ersten Monaten lag der Fokus zunächst vor allem auf dem Erlernen der Blindenschrift – was mir Gott sei Dank leichter fiel als befürchtet. Danach lernten wir dann, wie man möglichst effektiv am PC arbeiten kann. Bloß gut, dass ich das „Zehn-Finger-System“ schon vorher blind beherrschte, sonst hätte ich das am Anfang auch noch pauken müssen.

Am PC bediene ich mich eines sogenannten Screenreader-Programms, das die Daten auf dem Bildschirm für mich ausliest und umwandelt. Der meistverbreitete Screenreader für Blinde, den ich auch benutze, heißt „JAWS“.

Der wichtigste Ausgabekanal ist für mich sicher die Sprachausgabe: JAWS liest mir vor, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, bzw. JAWS gibt die Daten wieder, die es von dem Programm, das gerade an der Oberfläche ist, erhält. In der Grund-Reha habe ich – so gut es eben geht – gelernt, die oft vielen uninteressanten Informationen zu überhören und die wichtigen herauszufiltern.

Die Sprachausgabe dient aber natürlich auch dazu, sich z.B. Texte vorlesen zu lassen. Ich habe schnell gemerkt, dass man auf diese Weise kleine Schreibfehler viel besser bemerkt, als wenn man nur wie üblich „drüberliest“, und habe seitdem sowohl für Projekte an der Journalistenakademie als auch während meiner beiden Praktika schon jede Menge Texte korrekturgelesen – und dabei massenhaft Buchstabendreher oder –verdopplungen aufgespürt.

Darüber hinaus ist an meinen Computer auch noch eine sogenannte „Braille-Zeile“ angeschlossen – ein kleiner Kasten, auf dem, je nach Größe, 40 bis 80 Zeichen in Blindenschrift (oder Braille-Schrift) angezeigt werden können, gesteuert durch den Screenreader. Dadurch bekomme ich noch zusätzliche Informationen und kann etwa genaue Schreibweisen nachprüfen. Selber schreiben kann ich mit der Braille-Zeile aber nicht, nur den Cursor bewegen – mehr ist aber auch nicht notwendig.

Eine Maus hat mein PC zwar auch – allein schon, damit Kollegen, wenn sie mir mal etwas helfen, damit arbeiten können – aber ich selbst benutze sie bei der Arbeit so gut wie nie. Die meisten Programme lassen sich glücklicherweise auch gut mit Hilfe von Tastatur-Shortcuts bedienen. Diese sind zwar in der Regel deutlich weniger intuitiv als die Maussteuerung, aber wenn man sie mal „drin“ hat, funktioniert die Bedienung damit oft sogar schneller als per Maus. Immerhin habe ich auf die Weise schon einen ganzen Radiobeitrag und mehrere Podcasts geschnitten.

Aber es gibt durchaus Programme, bei denen man mit dieser Art Steuerung und mit JAWS an seine Grenzen stößt. Dass Aufgaben wie Foto- oder Videobearbeitung für mich eher schwierig bis unmöglich sind, dürfte klar sein. Aber z.B. auch manche Content-Management-Systeme sind leider alles andere als barrierefrei. Besonders nicht-browserbasierte CMS haben mich in den letzten Monaten ein paar mal zum Aufgeben gezwungen. Gott sei Dank eher die Ausnahme.

Auch die meisten Internetseiten sind heute so aufgebaut, dass ich sie mir mit JAWS gut erschließen kann – mit gekennzeichneten Punkten wie Überschriften, Schaltern oder Eingabefeldern, zu denen ich gezielt springen kann. Sich eine unbekannte Website zu erschließen, dauert für Blinde selbstverständlich länger als für andere Menschen, aber die Zeit muss man sich eben nehmen.

Also: Geht immer alles genauso gut wie bei anderen? Und geht es auch immer genauso schnell? Beide Fragen muss ich beantworten mit: „Nein, immer wohl nicht. Aber mittlerweile wirklich sehr oft und immer öfter.“ Jetzt aber endlich an die Arbeit…

Ein Praktikum bei Goldmann – so läuft’s ab

[Vorbemerkung: Die vielen Lobhudeleien im folgenden Artikel sind ohne jeglichen Zwang oder Druck entstanden. Ehrlich.]

Jetzt aber mal Schluss mit dem ganzen Blinden-Geschwätz, oder wenigstens Pause. Was macht ein Praktikant in der Presseabteilung von Goldmann eigentlich? Ich habe durchaus das Gefühl, dass man mich hier, so weit wie möglich, als „normalen“ Praktikanten behandelt, und hoffe daher, dass ich auch darüber ein wenig berichten kann.

Ganz pauschal kann man diese Frage, wie vermutlich in jedem Betrieb, wohl nie beantworten. Natürlich richten sich die Aufgaben danach, was gerade so anfällt. Sehr erfreulich auf jeden Fall, dass ich von Anfang an nicht auf’s Zuhören und Kaffeekochen beschränkt war. Überhaupt wird Praktikanten hier große Selbstständigkeit eingeräumt: Man kümmert sich weitgehend selbst um den nötigen Arbeitsnachschub von den Kollegen; Arbeitsbeginn und -ende sind nicht festgelegt, solange man auf seine Stunden kommt. Man fühlt sich wie ein Teil des Teams.

Ein zentrales Instrument in der Presseabteilung sind Presseaussendungen, um Journalisten neue Buchveröffentlichungen schmackhaft zu machen. An solchen Mailings darf man sich hier als Praktikant von Anfang an versuchen – eine interessante Aufgabe, bei der man lernen kann, die aber auch kein Hexenwerk ist. Schließlich gibt es Vergleichstexte zum Orientieren, und die netten Kolleg(inn)en sind auch immer für Fragen offen. Eine meiner ersten Aufgaben bei Goldmann war das umfangreiche Weihnachtsmailing – es hat großen Spaß gemacht, und ich habe einiges zum Thema Marketing gelernt. Ansonsten gab es bis jetzt auch schon Rechercheaufgaben, ein anderes Facebook-Projekt steht an, und ich hoffe, es wird noch einiges folgen.

Aber Praktikanten werden hier auch so eingesetzt, dass ihre Stärken und Besonderheiten zum Tragen kommen können: Nachdem ich berichtet hatte, dass ich durch die Sprachausgabe gut zum Korrekturlesen geeignet sei (siehe letzter Artikel), bekam ich sofort in den ersten Tagen bei Goldmann Texte zum Korrigieren zugeschickt. Und das Facebook-Team überlegte sich schließlich, durch meine Behinderung könnte eine kleine Serie interessant sein – die ich ja gerade schreibe.

Bei so einem Verlag bekommt man selbstverständlich auch eine Menge Spannendes mit. Die Kollegen erklären und erzählen viel: Was sie machen, wie Dinge laufen, so ein Blick hinter die Kulissen ist natürlich hochinteressant, einfach etwas anderes als die „graue Theorie“ an der Akademie, selbst wenn man die auch von Praktikern beigebracht bekommt und es Praxisprojekte gibt.

Und dann kommt es halt wieder darauf an, was gerade so los ist: Mit etwas Glück darf man bei wichtigen Sitzungen, Tagungen oder Lesungen dabei sein. Mich nahmen die Kolleginnen zum Beispiel zu Teilen der großen Vertretertagung mit, auf der die Marketingstrategie für die Neuerscheinungen im kommenden Frühjahr festgelegt wurde. Aktuell ist das größte Thema – völlig überraschend – die anstehende Frankfurter Buchmesse. Auch die Vorbereitungen im Vorfeld der Messe sind interessant, nur schade, dass ich nicht mit darf… Dafür bekommt man, wenn man brav ist, auch schon mal ein (Hör-)Buch geschenkt.

Insgesamt kann ich das Unternehmen nur in höchsten Tönen dafür loben, wie gut geplant und professionell dieses Praktikum von Anfang an abgelaufen ist: Das fing beim ersten Eindruck an, über das eigene Büro und die eigene Firmen-E-Mail-Adresse, die vieles sehr erleichtert, aber leider nicht selbstverständlich ist. Der Vertrag mit dem Träger meiner Weiterbildung war, noch bevor ich am ersten Tag in der Presseabteilung ankam, von allen nötigen Personen unterschrieben und abgeschickt. Und sogar dafür, wer mich wann mit zum Mittagessen nehmen soll, hatten sie sich in der Abteilung vorher schon Gedanken und einen Plan gemacht. Letzteres schießt für mich zwar fast ein wenig über’s Ziel hinaus, aber insgesamt kann ich nur meinen Hut ziehen. Wenn das bei so einem „Sonderfall“ wie mir schon so läuft, wird ein „Normalo“ sich keinerlei Sorgen machen müssen.

Wem würde ich also von einem Praktikum in der Presseabteilung bei Goldmann abraten? Puh, schwierig. Höchstens jemandem, der dabei gerne minutiös vorgeschrieben bekommen möchte, wann er was zu tun hat. Und Männern, die glauben, dass sie es (fast) allein unter Frauen nicht aushalten – aber keine Angst, ich hab es auch überlebt – bis hierhin jedenfalls.

Was man als Blinder so beobachtet

Ein paar Gedanken zu Hilfsbereitschaft, Fehleinschätzungen, falschem und richtigem Verhalten

Zuerst einmal ein großes Lob: Von der Hilfsbereitschaft meiner Mitmenschen bin ich, seit ich blind bin, wirklich positiv überrascht. Die Leute in unserem Land erstarren zwar vielleicht in Schock, wenn jemand von Jugendlichen verprügelt wird oder krampfend auf den Gleisen liegt, aber ein Blinder, der sich einmal offensichtlich ein wenig verlaufen hat, muss nie lang nach Hilfe suchen, und auch wenn man nur ganz normal die Straße entlang geht, wird man häufig gefragt, ob man Unterstützung benötigt. Gut so.

Dabei hat mir meine erste Mobilitätstrainerin gleich am Anfang eine Regel eingeimpft: „Wenn dir jemand Hilfe anbietet, dann nimm sie, wenn möglich, an, auch wenn du sie nicht brauchst. Denn viele sind sonst eingeschnappt und helfen beim nächsten Mal, wenn jemand vielleicht wirklich Hilfe benötigt, gar nicht mehr – auch wenn man noch so freundlich ablehnt.“ Das hat mich schon sehr verwundert, und ich hoffe und glaube, dass sie doch etwas übertrieben hat. Auf jeden Fall schaffe ich es nicht immer dieser Regel zu folgen und will das oft auch nicht. Ich bin dankbar für jedes Hilfsangebot, Unterstützung ist manchmal sehr wichtig für mich, aber es gibt eben auch Situationen, in denen ich sie nicht brauche und sie mich sogar eher stört. Wenn jemand dann wirklich beleidigt sein sollte, obwohl ich mich freundlich bedankt habe, kann ich ihm auch nicht helfen.

Dass es für „Euch“ extrem schwierig ist einzuschätzen, was ein Blinder wie gut kann, ist völlig verständlich. Wobei man da gleich klarstellen muss, dass es „den Blinden“ nicht gibt. Oder könnt ihr euch etwa alle gleich gut orientieren, gleich gut hören, konzentrieren, seid alle gleich klug und vernünftig etc.? Na eben, warum soll das bei Blinden anders sein? Dazu kommt der riesige Unterschied zwischen Geburtsblinden und Späterblindeten. Jeder ist individuell, und ich spreche hier im Wesentlichen nur für mich, auch wenn vieles natürlich auch für andere Blinde gelten kann.

Die Augen sind für die Menschen nun mal das mit Abstand wichtigste Sinnesorgan. Ich persönlich fand ja auch schon vor meiner Erblindung, dass das Ohr da ein bisschen zu schlecht wegkommt, und denke jetzt erst recht, dass es vielen gut täte, öfter im Leben mal genauer hinzuhören. Nicht falsch verstehen, auch für mich war das Visuelle trotz meiner Sehbehinderung immer wichtig. Aber ich bin davon überzeugt, dass die meisten Leute, wenn sie einen Tag blind wären und jemand ihnen dabei ein paar Dinge zeigen würde, sich schon an diesem Tag viel besser zurecht fänden als vorher gedacht.

Doch bis dahin wird ein Großteil der Sehenden sich wohl weiterhin jede Winzigkeit als gefährliches Hindernis für Blinde vorstellen und diesen kaum fünf gerade Schritte zutrauen. Das ist gar nicht böse oder zynisch gemeint, sondern Realität und auch kein Wunder, wenn eben alle nur auf den Sehsinn fokussiert sind. Wenn dieser Artikel ein paar Leser dazu bringt, Blinden etwas mehr zuzutrauen und trotzdem weiter Hilfe anzubieten, hat er sich schon gelohnt.

Ein paar Beispiele: Fast jeder, dem ich begegne, ist fest davon überzeugt, dass es mir sicher unmöglich ist, Treppen zu benutzen. Im Gegenteil! Eine Treppe ist mir viel lieber als eine Rolltreppe und oft auch als ein Aufzug, denn eine Treppe bewegt sich nicht. Ich habe Zeit. Den Stock halte ich beim Treppenlaufen so, dass er an die nächste Stufe stößt, also je nach dem etwas höher oder niedriger. So merke ich auch rechtzeitig, wann Schluss ist. Viele meinen auch allgemein, dass es ein Zeichen von Problemen und Orientierungslosigkeit ist, wenn ich mit dem Stock etwa gegen eine Wand schlage. Dabei dient mir die Wand oft ja gerade zum Orientieren, diese Annahme ist also auch nicht richtig.

Ein heikler Fall sind Zugtüren. Dass viele skeptisch sind, ob ich allein ein- und aussteigen kann, ist kein Wunder und völlig in Ordnung. Leider kommt es aber regelmäßig vor, dass ich schon am Aussteigen bin und mir jemand – offenbar in akuter Panik, dass ich das nicht alleine schaffen kann – ohne Vorwarnung in den Arm greift. Das kann dann wirklich gefährlich werden, und da werde ich auch schon mal etwas ungehalten. Denn ich muss mich beim Ein- und Aussteigen natürlich sehr konzentrieren, und so einen Schreck kann ich dabei dann nicht gebrauchen. Gott sei Dank ist bis jetzt nichts passiert.

Ich hoffe nur, dass jetzt niemand so verschreckt ist, dass er in Zukunft lieber einen großen Bogen um Blinde macht. Das wäre sehr schade. Wenn ihr einem Blinden begegnet, dann fragt, ob er zurecht kommt oder ob ihr etwas helfen könnt. Habt keine Angst davor, etwas falsch zu machen. Und wenn die Person antwortet: „Vielen Dank, alles in Ordnung, ich komme allein zurecht“, dann seid bitte nicht eingeschnappt, sondern bietet auch dem nächsten und dem übernächsten Blinden wieder eure Unterstützung an. Wie sie das dann genau wollen, zum Beispiel ob sie sich bei euch unterhaken möchten, werden die Blinden euch dann schon sagen. Nur Mut!

Essen fassen – ab in die Kantine!

Wie wohl in mehr oder weniger jedem größeren Betrieb gibt es natürlich auch bei Goldmann eine eigene Kantine für die Mitarbeiter. Nun durfte ich in meinem Leben schon die Delikatessen so einiger Mensen und Kantinen genießen, aber eins habe ich so noch nie erlebt: Hier schimpft niemand über das hausinterne Essen. Was ist los mit diesen Leuten?

Schon klar, die Kantine ist wirklich gut, das sehe ich auch ein – aber das hat die Menschen doch bisher auch noch nie davon abgehalten, sich ständig über den „miesen Fraß“ zu beschweren. Ich werte das jetzt mal positiv, denke nicht an Einschüchterung oder ähnliches und nehme es als Zeichen für eine hohe Zufriedenheit mit der Firma allgemein.

Mal ohne Witz: Ich glaube wirklich nicht, dass ich eine bessere Kantine kenne. Es gibt jeden Mittag drei bis vier Mahlzeiten zur Wahl und diese schmecken oft sehr gut, aber eigentlich immer mindestens OK. Ich bin sicher nicht der anspruchsvollste Gourmet, finde im Prinzip, dass man in jeder Kantine bald merkt, was sie können und was eben nicht. Aber hier kann man wirklich nicht meckern. Dass das scheinbar alle genauso sehen, wundert mich trotzdem.

Wie schon in einem anderen Artikel erwähnt, haben sich meine Kolleginnen bereits vor meinem Start hier – weil sie vermuteten, dass das für mich kompliziert werden könnte – einen tagesgenauen Plan gemacht, wer wann mit mir zum Mittagessen gehen soll. Damit, dass die Kantine allein schwierig bis kaum zu bewältigen ist, hatten sie sicher Recht. Den Speiseplan kann ich zwar online herausfinden und vor Ort könnte ich mich sicher auch irgendwie durchfragen und mir helfen lassen, aber sehr schwer und umständlich wäre das allemal.

Trotzdem war ich über diese Planwirtschaft am Anfang ziemlich baff und auch etwas amüsiert. Um das aber gleich klarzustellen: Ich bin auch fast gerührt darüber, dass man sich über mein Wohlergehen schon im Voraus so viele Gedanken gemacht hat. Es ist eins der vielen Beispiele dafür, wie planvoll und durchdacht alles hier abläuft. Aber nötig wäre das nicht gewesen, denke ich. In der Vergangenheit hat das auch immer problemlos ohne Plan funktioniert. In so einem Betrieb geht doch sonst auch niemand, auch kein gesunder Mensch, alleine essen. Wenn ich gegen zwölf noch nicht weiß, mit wem ich zu Mittag esse, melde ich mich schon. Was ich allerdings einsehe, ist die Begründung, dass auf diese Weise die verschiedenen Leute mal mit mir ins Gespräch kommen.

So gehe ich also meistens irgendwann zwischen zwölf und eins mit den Kolleginnen, die eben heute „Dienst“ haben, nach unten. Spätestens im Erdgeschoss nehme ich dann auch gern den Arm einer der Damen, schließlich wird es jetzt immer voller und wenn wir Richtung Kantine abbiegen, kenne ich mich auch nicht mehr aus. Dann verraten mir meine Begleiterinnen, was es gibt, ich gebe meine „Bestellung“ auf und übergebe ihnen meine Karte, sie bringen mich zu einem freien Tisch und holen anschließend unser Essen. Man könnte es auch so machen, dass ich auch beim Essenholen mitgehe, aber dafür ist die Kantine hier nach einhelliger Meinung ein bisschen zu eng. Na dann, guten Appetit!

Da steht ein Haus in Veitshöchheim…

Auf mehrfachen Wunsch möchte ich hier noch etwas genauer von meiner „blindentechnischen Grund-Reha“ erzählen:

Schon mal von dem hübschen Örtchen Veitshöchheim gehört? Manchen könnte die kleine Stadt in Mainfranken durch einen sehr großen und prominent besetzten Faschingsumzug bekannt sein (Markus Söder war dieses Jahr – cool und jugendlich wie sie bei der CSU nun mal sind – als Homer Simpson verkleidet). An diesem Städtchen kommt niemand vorbei, der hierzulande als Erwachsener blind wird (oder wenigstens in der Südhälfte Deutschlands – ich bin mir nicht sicher, ob es noch eine zweite Möglichkeit im Norden gibt). Hier steht das Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg mit Zimmern für bis zu 200 (weitgehend) blinde oder sehbehinderte Menschen. Natürlich nicht alle in der Grund-Reha; das BFW bietet auch einige Ausbildungs- und Umschulungskurse – zum Beispiel in den Bereichen Physiotherapie, Verwaltung, Telekommunikation oder auch IT.

Es war schon eine ungewohnte, intensive Erfahrung für mich, dort plötzlich unter lauter anderen Blinden und Sehbehinderten zu sein. Mein Leben lang war ich der Sehbehinderte unter Gesunden. Dieses Jahr am BFW hat auch bei mir noch ein paar Vorurteile beseitigt: Zum Beispiel könnte man ja meinen, dass Blinde oder Schwerbehinderte – wenigstens im Durchschnitt – ein bisschen vorsichtiger oder vernünftiger sind als andere Menschen – völliger Blödsinn! Ein Querschnitt durch die Gesellschaft, wie alle anderen auch: vom frommen Christen bis zum saufenden Kleinganoven.

Mit einem solchen Querschnitt fand ich mich im September 2015 im Grunde auch in der Grund-Reha wieder, etwa zehn oder zwölf Leute verteilt auf zwei Kurse. Auch sonst kam dabei alles zusammen: von 18 bis 55 Jahren, Teenies frisch von der Realschule, Handwerker und Akademiker. Der gemeinsame Unterricht war dadurch vielleicht ab und zu schwierig, aber im Wesentlichen sind wir – abgesehen von den üblichen Kleinigkeiten und mit einer etwas größeren Ausnahme – immer gut miteinander ausgekommen. Mit ein paar Kurskollegen habe ich noch guten Kontakt. Am Ende sitzen wir in dieser Situation ja alle im selben Boot.

Ständiger Streit wäre auch ungünstig gewesen, weil wir ja ein Jahr lang wie in einem Internat im BFW gewohnt haben. Auch wenn die meisten am Wochenende heim fahren (an manchen muss man sogar), war Veitshöchheim ein Jahr lang quasi mein Zuhause. In der Kantine – genannt „Casino“ – bekommt man drei Mahlzeiten am Tag, Blinde werden natürlich am Platz bedient. Die wichtigen Wege werden den Neuen gleich am Anfang gezeigt. Jeder Bewohner hat während seiner Zeit am BFW unbegrenzt Anspruch auf Mobilitätstraining, um sich Hilfsmittel zeigen zu lassen und einzuüben, wie man neue Wege selbst lernt. Und überhaupt kümmern sich die Hausangestellten wirklich sehr gut darum, dass es den Bewohnern an nichts fehlt.

Die blindentechnische Grund-Reha ist in zwei Hälften unterteilt. In der ersten liegt der Fokus vor allem auf dem Lernen der Blindenschrift – erst einmal nur auf Papier. Sie lesen zu können ist für Blinde natürlich elementar. Natürlich lernen junge Leute meistens schneller als alte, und raue Handwerkerhände helfen beim Tasten der Punktschrift auch nicht. Ich bin froh, dass es mir von Anfang an recht leicht fiel und ich – für einen Späterblindeten – auch schnell lese. Alle, die es noch nicht konnten, mussten parallel dazu lernen, mit zehn Fingern auf der PC-Tastatur zu schreiben; für den Rest gab es währenddessen Lese- oder Schnellschreibübungen.

Im zweiten Halbjahr, ab März 2016, wurde dann quasi nur noch am Computer gearbeitet. Wir lernten die wenigen kleinen Besonderheiten der Computer-Braille, also der Blindenschrift, wie sie am PC auf der Braille-Zeile wiedergegeben wird. Dann ging es um die Arbeit am PC: Uns wurde gezeigt, wie man mit blindentechnischen Mitteln den Windows-Explorer, Word, Outlook oder Excel benutzt und wie man sich im Internet bewegen kann. Dazu gab es weiter Leseunterricht, nur jetzt eben auch an der Braille-Zeile, inklusive regelmäßiger „Silben-pro-Minute“-Tests.

Im ersten halben Jahr gab es außerdem noch zwei ganz andere Fächer: Eines davon trug den etwas unförmigen Namen „Lebenspraktische Fähigkeiten“ und war noch einmal in zwei „Unterfächer“ geteilt, sodass wir dort immer nur zu zweit oder zu dritt waren. Der eine Teil umfasste das, was sich jetzt sicher viele vorstellen: Kochen, Backen, Hausarbeit und ähnliches, die Lehrerin ging da auch sehr auf unsere Wünsche ein. Das gemeinsame Arbeiten hat immer großen Spaß gemacht, und ich habe auch einiges gelernt, obwohl ich noch lange nicht kochen kann, nur weil wir da mal zusammen Fleischpflanzerl gemacht haben.

Deutlich mehr im Gedächtnis bleiben wird mir aber der andere Teil dieses Faches. Dort habe ich Dinge gemacht, die ich sonst im Leben größtenteils sicher nie getan hätte: Töpfern, Flechten, Filzen, Seidenmalerei. Der Gedanke hinter diesem Werkunterricht ist, dass die Finger – gerade bei Leuten mit groben Händen, Hornhaut etc. – für das Tasten der Punktschrift trainiert und sensibilisiert werden. Und ja, das Werken klappt auch als Blinder – natürlich mit genauer Anleitung – richtig gut. Für meine Eltern gab es 2015 dadurch ein Tablett mit geflochtenem Rand zu Weihnachten, für meine Mutter dazu noch ein selbst bemaltes Halstuch, das scheinbar wirklich schön geworden ist. Zwei gemusterte Tonschalen sind außerdem herausgekommen. Hätte ich nie gedacht.

Schließlich hatten wir im ersten Halbjahr auch noch Sport. Da wurden zum Teil gewöhnliche Übungen gemacht, wie man sie aus der Schule kennt, einfach um uns an die sportliche Betätigung als Blinder zu gewöhnen. Mit der Zeit stellte uns die Lehrkraft dann aber auch verschiedene Blindensportarten vor: Wir probierten uns im Blindenfußball, Torball und Showdown, einer Art Blinden-Tischtennis, die mir sicher der liebste unter diesen speziellen Sportarten ist. Sollte ich bald dauerhaft in München arbeiten, kann es gut sein, dass ich in einen Verein eintrete.

Durch Lebenspraktische Fähigkeiten und Sport gab es im ersten Semester also noch viel lockeren Ausgleich, der danach wegfiel. Trotzdem wurde die Reha nie zu sehr zum Stress. Ich traf viele nette Menschen, man ging in den Ort essen oder zu Heino, dem Wirt vom „Roten Punkt“, dem Campus-Restaurant. Jeden Mittwoch traf man sich zur „Uno“-Runde (mit Karten mit Punktschrift)… tja, und irgendwann stellte sich dann langsam die Frage, wie es danach weitergehen soll, ich hörte mich um, welche Möglichkeiten es gibt – und wie sagt man so schön: The rest is history.

Ein paar Worte zum Abschied

Meine Güte, wo ist die Zeit hin? War ich den Weg zum Goldmann Verlag nicht vor zwei, drei Tagen erst das erste Mal gegangen? Jetzt sitze ich hier an meinem letzten Tag, die große Abschiedsrunde schon vorbei, Süßes an die Kolleg(inn)en verteilt, und auch hier ist jetzt also Zeit für ein paar letzte Gedanken.

Mein Fazit habe ich ja im Prinzip an anderer Stelle schon dargestellt. Daran hat sich nichts geändert und ich will die Schleimspur hier nicht nochmal dicker werden lassen als nötig. Toll war’s. Echt.

An den letzten Tagen gab es nochmal richtig Arbeit für mich, am Ende hätten sie irgendwie alle nochmal etwas gewollt. Unter anderem hatten kurz vor Schluss gleich zwei Kolleginnen die Idee, ich könnte den Autor eines Buches, zu dem ich das Mailing geschrieben hatte, doch auch noch per Mail interviewen. Super Aufgabe, schön, dass ich diese Erfahrung noch machen durfte, aber einer der beiden musste ich dann eben leider absagen.

Ansonsten war diese Woche im Team ein bisschen Wundenlecken nach der anstrengenden Frankfurter Buchmesse angesagt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ganz schön schlaucht, bei diesem Riesen-Event im Einsatz zu sein, vor allem wenn dann am Wochenende die Massen kommen. In Zeiten von Social Media wird das auch sicher nicht einfacher. Negativer Höhepunkt war diesmal wohl eine ausgewachsene Teenie-Hysterie rund um eine Jugendbuch-Autorin, inklusive Shitstorm im Nachhinein. Eieiei.

Für mich ist mit dem Praktikum ja auch mein ganzes Jahr Weiterbildung beendet. Jetzt ist erst einmal Pause angesagt. Das ist auch gut so, auch wenn ich gerade auch nichts dagegen hätte, wenn dieses Praktikum noch etwas weiterginge. Aber nein, nach dem anstrengenden Jahr freue ich mich schon auf einige Zeit Erholung. Danach sehen wir mal. Mit dem Bewerben fange ich natürlich jetzt schon an – und wer weiß, vielleicht findet sich hier im Hause in absehbarer Zeit ja doch noch ein Plätzchen für mich? Man sieht sich ja oft zweimal im Leben.

Mittlerweile wurde ich zum Abschied noch mit einer extragroßen Ladung Hörbücher ausgestattet, die mich vermuten lässt, dass der Verlag finanziell wohl ganz gut dastehen muss. Einen Fehl-Feueralarm gab es auch noch – man muss ja alles mal mitgemacht haben. Zeit zu gehen. Danke an alle, vor allem an das Facebook-Team, sowie an Claudia und Susanne und die Personalabteilung. Es war mir eine seelische Brotzeit.

P.S.: Eins muss ich unbedingt noch loswerden: DREHTÜREN SIND DER TEUFEL! Treppen, Zugtüren, pah, alles Kinderfasching, aber Drehtüren sind der Feind! Und jede anständige Firma, die sich eine Drehtür einbildet, sollte dann aber auch an einen „normalen“ Seiteneingang denken. Was bin ich froh, wenn ich da heute zum letzten Mal durch bin!