Vor 10 Jahren kamen die Geschichten um Ben, den Drachenflüsterer, auf den Markt. Autor Boris Koch hat eine Botschaft und zwei exklusive Geschichten für alle Fans und die, die es noch werden wollen!

Von der Insel, auf der die Dunkelheit verehrt wird
(StirnhirnhinterZimmer-Remix)

Vom März 2005 bis April 2015 bildete ich zusammen mit den geschätzten Kollegen Christian von Aster und Markolf Hoffmann die Berliner Lesebühne Das StirnhirnhinterZimmer. Wir setzten uns wilden Themen wie etwa Nach den Gartenzaunkriegen, Mythenbashing oder Mängelexemplare aus und verfassten dazu phantastische, groteske, alberne oder auch mal düstere Texte. Das gewagteste Thema lautete übrigens: Fällt aus. Aber das nur am Rande.

Diese Kurzgeschichten, Gedichte, Dialoge, Briefe oder literarische Skizzen lasen wir dann monatlich in der famosen Z-Bar vor Publikum. Darüber hinaus stellten wir dort auch jeweils unsere aktuellen Romane vor, ich also auch die ersten drei Bände des Drachenflüsterers. Dafür nahm ich gern die Anhänge, handelte es sich doch um in sich abgeschlossene Geschichten. Und ich überarbeitete sie für den Vortrag. Zum einen drehte ich hier und da ein wenig auf, zum anderen entfernte ich im vorliegenden Text einen Nebensatz, der sich im Buch auf den Drachenflüsterer Ben bezieht, und fügte dafür einen mit „Altersschwäche“ ein, weil es so für alle, die den Roman nicht kannten, leichter verständlich war. Ihr werdet es sehen …

Hier also nun der StirnhirnhinterZimmer-Remix des Anhangs von Der Drachenflüsterer 3 – Das Verlies der Stürme. Er ist nur etwa 12% länger als das Original, aber da er im Sammelband Die Drachenflüsterer-Saga nicht enthalten ist, dürfte er für den einen oder anderen auch völlig neu sein. Egal, ob völlig neu oder nur zu gut 12%, ich wünsche viel Vergnügen.

Die Insel Hondorion lag inmitten des Archipels der Sternenriffe im weiten, sonnigen Südmeer. Sie war die mit Abstand größte der hundert Inseln, und auf ihr lebten weit über tausend Menschen, die alle in sauberen kleinen Häusern mit Dächern aus getrockneten und geflochtenen Schlangenblättern wohnten. Es waren freundliche Menschen, die ihre Gärten sauber hielten, sämtlichen Nachbarn gern aushalfen und stets dafür sorgten, dass die Kinder bei Sonnenuntergang daheim waren.
„Wenn du nicht artig bist, holt dich der Schwarze Kriecher“, wurden die Kinder gewarnt. „Vor allem, wenn du nicht pünktlich daheim bist.“
Der Schwarze Kriecher hauste seit Menschengedenken in der unergründlichen Tiefe unter dem Archipel und kam in den dunkelsten Nächten aus dem Loch in der Inselmitte hervor. All ihre Kraft hatten die gewaltigen Helden der hondorionischen Vorzeit daran gesetzt, ihn zu töten, sie hatten Fallen gestellt und gewaltige Speere gebaut, die man nur zu siebt wie einen Rammbock verwenden musste. Doch der Kriecher war zu stark. Als schließlich drei Dutzend Helden besiegt waren, hatten die Inselbewohner erkannt, was er wirklich war: ein Gott. Und so hatten sie ihn fortan wie einen solchen verehrt.
Seitdem erwählten an jedem Tag vor Neumond die Hodorioner ein Kind, das sie fesselten und auf einen kunstvoll behauenen Steinblock vor der unergründlichen Höhle des Schwarzen Kriechers legten. Denn wo ein Gott war, da musste auch ein Opfer sein. Dann schlossen sich alle in ihren Häusern ein und lauschten auf die verzweifelten Schreie in der Ferne. Das Flehen und Fluchen, Brüllen und Heulen und Japsen. Sobald diese erstarben, wussten sie, die schleichende Dunkelheit war aus der Tiefe emporgekommen und hatte das Kind geholt. Dann war alles gut, ihr Gott hatte das Opfer angenommen, und friedliche Stille senkte sich wieder über die Insel.
Alle waren froh, einen Gott zu haben, den man fürchten musste, denn das hieß, er war stark, und wer wollte schon einen schwachen Gott?
Die Priester mit den freundlichen Goldmasken predigten, es sei die heilige Pflicht aller, den Kriecher gnädig zu stimmen, denn ansonsten würde sich die Dunkelheit aus der Tiefe erheben und die Sonne verschlingen und nicht nur ein Kind im Monat. Ein einziges Kind sei ein geringer Preis für ihrer aller Sonne, und zu leben bedeute schließlich, Opfer zu bringen.
Natürlich fürchteten die Hondorioner das Verlöschen der Sonne, aber ihre Kinder zu opfern, das gefiel ihnen auch nicht. Nach wenigen Jahren des Opferns hatten sie endlich eine Idee. Sie paddelten sie zu verschiedenen benachbarten Inseln hinüber und entführten dort Kinder, um fortan diese zu opfern statt der eigenen. Schließlich war ihre Insel die größte, da konnte man sich schon einmal etwas herausnehmen.
Und schien die Sonne nicht über allen?
Half es nicht allen, wenn sie ihr Verlöschen verhinderten?
Immerhin stellten sie den Opferblock und die Priester – war es da nicht nur recht, dass die anderen Inseln auch ihren Beitrag leisteten?
Doch die Eltern der nächstgelegenen Inseln zeigten wenig Einsicht. Wenn sie auch keinen offenen Widerstand wagten, so versteckten sie dennoch die Kinder, so dass die Hondorioner jeden Monat lange suchen und manchen foltern mussten, bevor sie ein Opfer fanden. Um der Folter zu entgehen, entführten die Nachbarinseln nun ihrerseits Kinder von noch kleineren Inseln und ließen diese für die Hondorioner gut sichtbar am Strand spielen, wo sie regelmäßig gefunden und mitgenommen wurden. Auf diese Weise verstrichen die Jahrhunderte, und es geschah nur noch selten, dass das Kind eines Hondorioners auf dem Opferstein dargebracht wurde.
Doch dann war es wieder so weit, in einer Neumondnacht, kurz nachdem der ganz und gar nicht göttliche Schwarze Kriecher in seiner unergründlichen Höhle an Altersschwäche gestorben war, lag der neunjährige Vil'mka auf dem Opferblock und schrie und plärrte aus Leibeskräften. Er jammerte und fluchte, keifte und krakelte, bis seine Stimme sich überschlug. Seine Eltern kauerten daheim auf dem Bett, hielten sich die Ohren zu und hofften, dass das endlich enden möge, dass sich endlich die heilige Stille des zufriedenen Gottes über die Insel legte. Doch Mitternacht kam und ging, und Vil'mka brüllte noch immer. Heiser inzwischen und mit Unterbrechungen, aber deutlich vernehmbar. Und als der Morgen graute, krächzte er nur noch, aber er lebte.
„Der Schwarze Kriecher hat ihn verschont“, jubelte seine Mutter, obwohl so etwas noch nie geschehen war.
„Verschmäht“, brummte der Vater, und er sah dabei nicht glücklich aus. „Für unwürdig befunden. Was für eine Schande.“
Die Priester und alle anderen hielten es mit dem Vater, sie alle betrachteten den gefesselten Jungen voll Abscheu, keiner band ihn los, und der Mutter verbot man es.
„Vielleicht kommt der Schwarze Kriecher erst morgen?“, bemerkte einer.
„Ein Gott verspätet sich nicht“, sagten die Priester mit Nachdruck.
„Dann ist ihm vielleicht etwas zugestoßen“, vermutete die Mutter.
„Einem Gott stößt auch nichts zu“, sagten die Priester mit Vehemenz.
„Dann hat ihn vielleicht jemand daran gehindert, herzukommen?“
„Einen Gott hindert auch niemand!“, blafften die Prieser.
„Nun, wenn ihn niemand hindern kann, ihm nichts zustößt und er sich nicht verspätet, dann wird er gute Gründe haben, warum er meinen Sohn verschont hat“, sagte die Mutter. „Also sollten auch wir ihn verschonen und losbinden. Denn wie sollen wir das Verhalten des Kriechers denn sonst deuten?“
Da konnten die Priester nicht widersprechen.
Vil'mka wurden die Fesseln durchtrennt, und er bekam Wasser und Essen und wurde fortan der Junge, der nicht verschlungen wurde genannt und von den meisten Hodorionern gemieden, denn er war anders; ihr Gott hatte ihn zurückgewiesen.
Auch in den folgenden Nächten wurde der Schwarze Kriecher weder gesehen noch gehört. Bald schon begannen die Kinder der Insel auch nach der Dämmerung noch draußen zu spielen, und manchmal sogar mit dem gemiedenen Vil'mka. Das gefiel den meisten Eltern überhaupt nicht, doch wenn sie ihnen drohten, der Schwarze Kriecher würde sie holen, antworteten die Kinder: „Das ist nicht gesagt, er holt nicht jeden.“
Die Eltern murrten und wünschten sich die Furcht der Kinder zurück.
Noch bevor der Monat vergangen war, traten die Priester mit gewichtiger Miene vor das Volk; nur nicht vor die Handvoll Kinder, die irgendwo im Wald spielten. Sie verkündeten, der Schwarze Kriecher sei zum letzten Neumond nur nicht aus seinem Loch gekrochen, weil er bereits auf dem Weg zur Sonne sei, um sie zu verschlingen. Mit erhobenen Fingern deuteten sie auf eine einsame graue Wolke am Himmel. „Dahinter verbirgt er sich.“
Panik breitete sich auf der Insel aus.
„Was können wir tun?“, schrien die einen, die anderen flehten den Kriecher hinter der Wolke an, sie nicht zu verlassen.
„Wir haben unseren Gott erzürnt, er wird sich uns für lange Zeit nicht offenbaren“, orakelten die Priester düster. „Aber wenn wir ihm sogleich mit aller Hingabe opfern, dann kehrt er auf die Welt zurück, ohne die Sonne zu verschlingen, und bleibt fortan unter uns, und unten in der Tiefe.“
Rasch wurde ein neues Kind ausgelost, ein siebenjähriges Mädchen mit langen Zöpfen, das nicht im Wald spielte. Doch weil man nach Vil'mkas Überleben dem Opferstein nicht mehr trauen konnte – wer wusste schon, weshalb der Schwarze Kriecher sein Opfer verweigert hatte? –, wurde das Mädchen ohne große Umschweife in das unermessliche Loch in der Erde gestoßen.
„Dort unten nimmt er das Opfer bestimmt an“, sagten die Priester.
Gespannt lauschten alle auf die Schreie des Mädchens, die langsam in der Tiefe verhallten, bis es einen Schlag tat und der Schrei abrupt verstummte. Plötzliche Stille legte sich über die Insel, so wie sie es von einem ordentlichen Opfer gewohnt waren. Die heilige friedliche Stille, wie sie seit Jahrhunderten bezeugt war.
„Er hat sie angenommen.“ Die Priester lächelten wohlgefällig.
Die Hondorioner nickten ebenso wohlgefällig und gingen zufrieden nach Hause. Nur die Mutter des Mädchens starrte noch eine Weile in die Schwärze hinab. Dann wandte sie sich ab und tröstete sich damit, dass ihre Tochter wenigstens normal gewesen und nicht verschmäht worden war.
Am nächsten Tag wurde im Rat der Ältesten einvernehmlich beschlossen, dass der Opferstein ausgedient hatte und fortan jeden Neumond ein Kind direkt in das Loch gestoßen werden sollte.
„Die sind doch alle bekloppt“, sagte Vil'mka, der tief im Wald gespielt hatte, als das Mädchen gestorben war. Die Jungen und Mädchen, die ihn hörten, nickten. Und noch am selben Abend stahlen sie sich die Kanus ihrer priesterfürchtigen Eltern und paddelte über das Meer davon. Irgendwo musste es eine Insel geben, auf der kein Loch in die dunklen Tiefen des Schwarzen Kriechers führte.

Alle Bücher der Drachenflüsterer-Saga:

Recherchepanne
(Eine Weihnachtsgeschichte)

Es gibt ja diese Abende, die immer länger werden, manchmal auch bierseliger oder – der Jahreszeit angemessen – glühweinseliger. Dann packt jeder seine verrücktesten, seltsamsten und geliebtesten Anekdoten aus, und danach schüttelt irgendwer den Kopf. „Echt irre, kaum zu glauben.“
„Aber ist passiert!“, versichert der Erzähler, und weil alle irgendwie befreundet sind, wird auch alles Unglaubwürdige geglaubt.
Und irgendwann sagt dann immer einer: „Mensch, Boris, warum schreibst du nicht darüber? Du solltest ein Buch aus den ganzen Geschichten machen!“
Ich lehne das immer ab. „Ihr sagt doch selbst, die Geschichten glaubt kein Mensch. Aber genau darum geht es bei Romanen: dass sie geglaubt werden, nicht dass sie wirklich geschehen sind. Manchmal hilft Letzteres, aber …“
„Aber was machst du damit? Der Mann mit dem Silberkoffer zum Beispiel, oder der Junge, der deinen Kopf nicht sehen konnte. Die Sache mit der Recherche bei Knorre. Das ist doch schade drum, das nicht zu verwenden.“
„Ich erzähl das manchmal als Reiseanekdoten auf einer Lesung. Oder in einem Interview.“
„Bei Reiseanekdote fällt mir ein …“, sagt dann wieder irgendwer und reißt das Wort an sich, und der Abend geht fröhlich weiter.
Und ich überlege und überlege und überlege, ob ich nicht doch etwas mit all den Geschichten anfangen kann, die mir oder irgendwem tatsächlich passiert sind.
Darum war ich froh, als mich Elvina von Heyne auch dieses Jahr wieder um einen Beitrag für diesen Adventskalender gebeten hat. Denn eine meiner Anekdoten passt hier wie Faust aufs Auge.

Das, was ich jetzt erzähle, ist vor ziemlich genau zwei Jahren passiert. Ich war damals gerade am Recherchieren für Die Feuer von Arknon, und wie bei Fantasytiteln üblich, wandte ich mich dafür an meinen alten Kumpel Knorre, der einen außergewöhnlichen Recherchehof für Phantasten betreibt. Weil er sich damit in einer rechtlichen – sagen wir mal – Grauzone bewegt und wenig Aufsehen erregen möchte, hat er den Hof in einem Tal hinter sieben steilen Bergen errichtet, in dem stets Nebel herrscht. Im Umland liegen zahlreiche Tropfsteinhöhlen, ein schwarzer tiefer Teich und ein künstlich angelegtes Labyrinth mit diversen gepolsterten Fallgruben und anderem Schnickschnack. Drei der Bäume hinter dem Hof können sprechen, jedoch keiner Deutsch und einer – seltsamerweise – nur Klingonisch.
Man kann sich Schwerter, Degen, Laserschwerter, Morgensterne, Kettensägen und obskurere Waffen für Probekämpfe leihen oder mit einem Androiden Schach spielen. Man kann sich von Clowns erschrecken lassen oder mit einem Superheldencape Bodyflying betreiben. Man kann die seltsamsten Wesen mit ebenso seltsamen Sätteln satteln und sie reiten oder von ihnen auf dicken Matten abgeworfen werden. Man kann mit einem freundlichen Troll unter einer bröckelnden Brücke Armdrücken. Oder man kümmert sich einfach um den Fantasy-Alltag und wechselt ohne Wagenheber ein Kutschrad, schreibt mit alter Tinte auf Pergament oder entzündet mit Feuersteinen ein Lagerfeuer.
Ich selbst war diesmal da, um einen Drachen im nächtlichen Schneesturm zu fliegen.
„Du machst es deinen Figuren nicht leicht, oder?“, fragte Knorre und rief nach dem grün geschuppten Drachen namens Feuerschwinge, dessen Mutter eine Rot-Grün-Sehschwäche gehabt hatte.
„Wer tut das schon?“, erwiderte ich, schlüpfte in die dicken Lederklamotten und setzte den Motorradhelm auf. Das war nicht nur eine Frage der Kälte, sondern Knorre bestand auf ein Mindestmaß an Sicherheit. Versicherungsschutz gab es in seiner Grauzone nicht.
„Servus, Boris, wie geht’s?“, knurrte Feuerschwinge zur Begrüßung –, wir kannten uns schon von der Recherche zum ersten Drachenflüsterer her.
„Servus. Und selbst?“ Ich schwang mich auf seinen Rücken.
„Sagen wir so: Nach deinem Kollegen von gestern freu ich mich auf deinen Schneesturm.“
Ich lachte. „Wer war gestern da?“
„Darf ich nicht sagen. Schweigepflicht. Du weißt ja, die allgemeine Angst vor dem Ideenklau. Aber du kennst ihn.“
Wir flogen los. Weil das hier keine Fiktion ist, verzichte ich jetzt mal auf die ganzen Beschreibungen, wie toll das Fliegen war, wie erhaben das Gefühl, als wir die Wolken durchbrachen und Sterne und Mond erblickten, und all das. Für Interessierte steht so was im Roman, und wegen des Helms konnte ich den Wind – ehrlich gesagt – auch gar nicht im Haar spüren. Soweit man bei mir überhaupt von Haar reden kann, aber das ist wieder ein anderes Thema.
Auf jeden Fall kann ich allen versichern, dass es schweinekalt war.
Wir waren unterwegs Richtung Island, weil es dort in der Nähe gerade stürmen sollte und ich auch noch was mit einem Vulkan ausprobieren wollte, und Knorre keinen auf dem Gelände hatte.
Alles lief gut, bis wir irgendwo in der Gegend von Hogwarts in der Dunkelheit mit dem Weihnachtsmann zusammenstießen.
Er war mit Schlitten und drei überladenen Anhängern unterwegs und klatschte voll in uns rein. Tausende von Geschenken regneten zu Boden, die Nase des vordersten Rentiers war nach dem Zusammenprall dick geschwollen und knallrot –, sonst war niemandem was passiert.
„He, du Grünschnabel!“, brüllte mich der Weihnachtsmann an. „Flugschein im Lotto gemacht, oder was?“
Ich hätte ihm gern eine gepfefferte Antwort reingedrückt, irgendwas wie: „He, Alter, Flugschein schon so lange her, dass du dich an nichts mehr erinnerst?“ Aber das Visier meines Helms klemmte, und ich bekam es mit den dicken Handschuhen nicht auf. Und wahrscheinlich ist mir der Satz auch erst drei Stunden später eingefallen. In der Situation war ich einfach nur baff, dass es den Weihnachtsmann wirklich gab.
Feuerschwinge hingegen zeigte keinerlei Verblüffung, er knurrte lässig: „Rechts vor links.“
„Wir sind hier über England!“, schnappte der Weihnachtsmann. Sein Blick war glasig. „Da ist Linksverkehr!“
„Und was willst du jetzt machen?“, fragte Feuerschwinge in aller Ruhe. „Die Polizei rufen und sagen, ein Drache hat dir die Vorfahrt genommen? Da darfst du gleich mal ins Röhrchen pusten.“
„Es war nur ein Gläschen! Vielleicht auch ein Glas, aber bei dem Stress, ist das doch …“ Er ließ die Schultern hängen, in seine Stimme schlich sich ein jammernder Tonfall.. „Ich hab noch zwanzig Fuhren heute vor mir und … ja, gut, es war ein Krug, kein Glas, und es waren zwei, vielleicht drei, aber mein Arzt sagt jeden Dezember, ich stehe kurz vor dem Burnout, da …“ Plötzlich straffte er die Schultern. „Aber was kümmert's euch? Überhaupt, die Rentiere ziehen doch, und die haben kaum was getrunken!“
Endlich bekam ich das Visier auf. Statt zu pfeffern, versuchte ich zu vermitteln. „Können wir vielleicht beim Aufsammeln der Geschenke helfen?“
Feuerschwinge sah mich abschätzig an, dann sagte er zum Weihnachtsmann: „Das ist aber kein Schuldeingeständnis.“
„Nein“, bestätigte ich, „das ist Recherche.“
„Wofür?“
„Weiß ich noch nicht, aber eine solche Chance muss man ergreifen. Recherche ist immer unheimlich wichtig, da kannst du jeden Autor fragen.“
Weil der Weihnachtsmann so in Eile war, ließ er sich darauf ein. Er versicherte auch, versichert zu sein, aber trotzdem möchte ich hier anmerken: Sollte irgendwer vorletztes Jahr ein zerbrochenes Geschenk bekommen haben, tut es mir wirklich sehr leid.
Beim Geschenkeausliefern selbst wollte sich der Weihnachtsmann jedoch nicht helfen lassen –, und ich war irgendwie froh darüber, Wichtigkeit von Recherche hin oder her. Aber hundert Kamine im Winter runter und wieder rauf zu klettern, ist kein Spaß.
So oder so, wir kamen ohne weitere Zwischenfälle nach Island, ließen uns vom Sturm durchschütteln, verloren fast drei Zehen und zwei Klauen durch Erfrierung, verbrannten die restlichen im Vulkan und kehrten wieder zurück zum Recherchehof. Das Ganze hatte vielleicht zweieinhalb Stunden gedauert, so ein Drache ist schnell.
Knorre gab Feuerschwinge ein Fass heißen Grog zum Aufwärmen und sagte zu mir: „Dein Armbrustkatapult, das du ausprobieren wolltest, steht hinter der schwarzen Scheune bereit.“
„Danke“, antwortete ich. Das war eine richtig heftige Waffe, die drei Meter lange Pfeile verschießen konnte. Ich wollte sie dem rücksichtslosesten Kopfgeldjäger des Großtirdischen Reichs in Hand geben, eine Waffe, um Drachen vom Himmel zu holen – oder anderes. Den betrunkenen Weihnachtsmann etwa.
Ach was, dachte ich, der würde doch nicht genau in dem Moment über uns hinweg fliegen.
Einen winzigen Augenblick lang wollte ich die Pfeile wirklich in den Himmel feuern, muss ich der Ehrlichkeit wegen gestehen, doch dann stellte ich fest, dass mir dazu die Rücksichtslosigkeit meines Kopfgeldjägers fehlte. Was, wenn der Weihnachtsmann doch da oben kreiste? Recherche war natürlich wichtig, aber Weihnachten erschien mir in dem Moment irgendwie wichtiger. Das konnte ich nicht einfach so riskieren. Vielleicht sollte ich hier mal mehr auf meine Fantasie vertrauen als auf Recherche?
„Ich glaube, das mach ich lieber erst nach den Feiertagen“, sagte ich, weil Recherche doch sicherer war.
„Alles klar“, sagte Knorre, und wir gaben uns die Hand.
„Schöne Feiertage.“
„Ja, dir auch. Und bis bald.“
Feuerschwinge setzte das leere Fass ab und nickte mir zu. Sein Blick war so glasig wie der des Weihnachtsmann. Und ich hoffte, er würde heute Nacht nicht noch einmal mit einem meiner Kollegen losfliegen müssen.