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SPECIAL zu Brenda Vantrease »Der Illuminator«

Gefährliche Liebschaft in schillernder Vergangenheit

Rezension von Andrea Thumm

Leidenschaftliche Liebe und schmerzlicher Verrat, arglistige Intrigen und erbarmungslose Grausamkeit der Mächtigen im Namen Gottes - der Amerikanerin Brenda Vantreases ist mit ihrem Debütroman "Der Illuminator" ein faszinierendes und bewegendes Mittelalter-Epos gelungen. Im Zentrum steht das Leben und Leiden auf dem Landgut Blackingham Manor im England des späten 14. Jahrhunderts. Lady Kathryn führt den Haushalt mit Hilfe von Agnes, ihrer treu ergebenen Köchin und Vertrauten seit Kindertagen. Immer wieder muss die Gutsherrin den unverschämten Verwalter Simpson in seine Schranken weisen, den sie mit der Überwachung der Feldarbeit und Wollverarbeitung betraut hat. Als Frau stellt Simpson ihre Leitung in Frage, und Lady Kathryn verdächtigt ihn, Geld zu unterschlagen.

Der adeligen Witwe droht die Schutzhoheit des Königs, durch die ihre Ländereien in königlichen Besitz übergehen würden. Um unabhängig zu bleiben und ihren heranwachsenden Zwillingssöhnen Alfred und Colin die Lebensgrundlage zu bewahren, kommt Lady Kathryn der Bitte des Abtes von Broomholm gerne entgegen und nimmt den verwitweten Buchmaler Finn mit seiner 16-jährigen Tochter Rose gegen Bezahlung bei sich auf. "Große Mandelaugen in einem ovalen Gesicht, Gesichtszüge, so vollkommen, dass sie in Marmor gemeißelt schienen, und eine Haut, die eher olive als cremefarben war", so beschreibt Lady Kathryn Roses exotische Schönheit. Für die Dauer von Finns Illustrationsarbeiten an der Klosterausgabe des Johannes-Evangeliums lässt die Gutsherrin die beiden in den ehemaligen Aufenthaltsräumen ihres Ehemannes unterbringen.

Grausamer Priestermord
Die Adelige ahnt jedoch nicht, dass der Buchmaler parallel zu seiner offiziellen Arbeit für die Abtei heimlich die Bibelübertragungen des Oxforder Theologen John Wycliffe illustriert. Er unterstützt das Anliegen des Kirchenkritikers, die Heilige Schrift aus dem Latein ins Englische zu übersetzen und so der einfachen Bevölkerung zugänglich zu machen. Außerdem hat der Illuminator die gottfürchtige Einsiedlerin Julian von Norwich dazu ermuntert, ihre Visionen vom Kreuzestod Christi und ihre Vorstellungen von einem mütterlichen Gott ebenfalls in englischer Sprache niederzuschreiben. Da solches Handeln als Ketzerei beurteilt und verfolgt wird, schweben Finn und seine Umgebung in Lebensgefahr.

Zeitgleich mit dem Buchmaler und seiner Tochter taucht der selbstgefällige Sheriff Sir Guy de Fontaigne auf, der ein Auge auf Blackingham Manor geworfen hat, und unterzieht die Anwesenden einem Verhör. In den nahegelegenen Sümpfen wurde die verstümmelte Leiche des Priesters Pater Ignatius gefunden. Der Priester hatte als Gesandter des Bischofs Henry Despenser einmal im Monat von Lady Kathryn Spenden erpresst unter dem Vorwand, durch Messen ihr Seelenheil zu bewahren. In Wirklichkeit stillen die Spenden die unersättliche Habgier seines Herrn. Denn der Bischof legt mehr Wert auf die Mehrung von Macht und Reichtum und auf die regelmäßige Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse durch eine Mätresse als auf ein gottgefälliges Leben. Obwohl sie erst Tags zuvor dem drängenden Priester aus Geldmangel ihre wertvolle Perlenkette mitgegeben hat, leugnet Lady Kathryn, ihn in letzter Zeit gesehen zu haben.

Geheime Leidenschaft
Mit seiner gepflegten Erscheinung, seinem wachen Verstand und seinen guten Manieren nimmt der Buchmaler Finn Lady Kathryn immer mehr für sich ein. Voll Sorge beobachtet diese jedoch, dass ihr Erstgeborener, der hitzköpfige, aber charmante Albert, an der Tochter des Illuminators Interesse zeigt. Mit seinen roten Haaren und den blauen Augen übt der 15-Jährige eine magische Anziehungskraft auf sein weibliches Umfeld aus. "Kein Wunder, dass die Mädchen auf ihn flogen wie Schwalbenschwänze auf Glockenblumen. Seine fröhlichen Augen und sein strahlendes Lächeln ließen es selbst ihr [der Mutter] warm ums Herz werden." Um den künftigen Herrn von Blackingham anderweitig zu beschäftigen, weist sie Albert an, eine zeitlang bei Verwalter Simpson zu lernen, wie das Landgut zu führen ist, und Simpson bei dieser Gelegenheit auf die Finger zu sehen.

Als Lady Kathryn unter den Arbeiten des Buchmalers auch Textfragmente des Kirchenkritikers Wycliffes entdeckt, beginnen Kathryn und Finn eine Diskussion über die bestehende gesellschaftliche Ordnung. Während des regelmäßigen nachmittäglichen Beisammenseins kommen sich die beiden näher. Dabei entwickelt der Illuminator erotische Phantasien: "Er fragte sich, wie sie wohl nackt im Mondlicht aussah, wenn sie ihre Haarpracht gelöst hatte und diese dann wie geschmolzenes Silber über ihre Brüste floss." Ihre leidenschaftliche Beziehung, die sie vor den anderen verbergen, lässt sie völlig übersehen, dass Kathryns sanftmütiger Sohn Colin, der musisch begabt und sehr fromm ist, und die noch unschuldige Rose beim heimlichen Lautespiel zarte Liebesgefühle füreinander entwickeln.

Tiefe Trauer
Doch dann zerstören mehrere, dicht aufeinander folgende Ereignisse die trügerische Idylle. Bei einem Brand des Wolllagers, dem heimlichen Liebesnest der Kinder, kommt ein Schäfer ums Leben. Colin befürchtet, beim letzten Stelldichein mit Rose die brennende Lampe vergessen zu haben. Den Tod des Schäfers sieht der Knabe als Strafe Gottes für die Sünde an, die er mit Rose gemeinsam begangen hat. Er zieht sich von Rose zurück und versucht, durch inbrünstige Gebete seine Seelenqualen lindern. Verzweifelt verlässt er Blackingham Manor. In seinem Abschiedsbrief teilt er seiner Mutter mit, dass er zur Sühne ein Schweigegelübde ablegen und Gott sein Leben weihen wird. Was Colin jedoch nicht weiß: Rose ist schwanger. Auch Alfred stellt seine Mutter vor vollendete Tatsachen: Er beginnt als Schildknappe des Sheriffs eine Ausbildung zum Ritter, nachdem er die heimliche Beziehung seiner Mutter zu dem Buchmaler entdeckt hat. In einer Mischung aus Wut und Eifersucht versteckt er Kathryns Perlenkette, die er beim Verwalter gefunden hat, in Finns Tasche, in der Hoffnung, dass dieser des Diebstahls beschuldigt und des Gutes verwiesen wird.

Doch es kommt anders. Sheriff Sir Guy konfrontiert Kathryn mit der Erpresserliste des ermordeten Priesters. Bei der Durchsuchung von Finns Zimmer entdeckt er zu seiner großen Befriedigung nicht nur die verschwundene Kette, sondern stellt auch Finns geheime Arbeiten für den Kirchenkritiker sicher. Damit steht der Illuminator unter Mordverdacht und kann der Ketzerei angeklagt werden. Als Rose den Verdacht äußert, dass Alfred ihrem Vater die Kette untergeschoben hat, befindet sich Kathryn in der Zwickmühle: wenn sie sich für Finn einsetzt, würde sie damit zwangsläufig ihren älteren Sohn belasten. Um Zeit zu gewinnen, gibt sie Alfred ein Alibi und begeht zugleich Verrat an ihrem Geliebten: "Sie spürte, wie Finns Blick auf ihr lag. Seine Augen brannten wie blaue Flammen, ließen ihr Fleisch verkohlen, ihre Knochen schmelzen, bis ihre verlogene, verschrumpelte Seele offen zu Tage lag: ein hässlicher schwarzer Klumpen." Tief verletzt wird Finn abgeführt und eingekerkert.

Ungeliebter Antrag in gefährlicher Zeit
Zu Weihnachten erhält Lady Kathryn die Einladung des Herzogs von Norwich, der Verleihung des Hosenbandordens an den Sheriff beizuwohnen. Um den Herzog nicht zu verstimmen, sagt Kathryn widerstrebend zu. Die Zeit der ausschweifenden Feierlichkeiten, die sie abstoßen, versucht die Lady mit Haltung zu überstehen. "Ihr Lächeln fühlte sich inzwischen so gefroren an wie der Raureif, der sie jeden Morgen begrüßte." Zu allem Übel eröffnet ihr der Sheriff, dass er eine Verbindung ihrer Häuser anstrebe. Da Kathryn zögert, kündigt er an, den König auf ihren Witwenstand aufmerksam zu machen, und versucht sie andererseits mit dem Versprechen zu ködern, dass er sich im Falle einer Heirat dafür einsetzen werde, dass Finn am Leben bleibt.

Unterdessen gärt es im Volk. Zu lange schon haben Adel und Geistlichkeit im Namen der scheinbar Gott gewollten Ordnung von ihren Untertanen Abgaben gefordert, so dass dem Einzelnen kaum das Notwendigste zum Leben blieb. Nun fordert der König auch noch ein Kopfgeld. Eine Bewegung von Laienpredigern, die sogenannten Lollarden, welche sich in der Nachfolge des Kirchenkritikers John Wycliffe sehen, prangern die gesellschaftlichen Missstände öffentlich an. "Ein rastloser, zorniger Geist wartete darauf, dass sich die Menschen gegen die Obrigkeit erhoben, lauerte schon an den qualmenden Feuern der Armen." An vielen Orten entstehen Bauernaufstände, denen die Herrschenden und ihre Ritter, wie der Sheriff Sir Guy, kaum gewachsen sind. Selbst der Bischof zieht in den Krieg gegen die Rebellen, um seine Besitztümer und die Abteien zu schützen. Da erscheint auf Blackingham Manor der mittlerweile wegen Diebstahl und Unterschlagung entlassene Verwalter Simpson, in seinem Gefolge wütende und mit Fackeln bewaffnete Leibeigene. Und Lady Kathryn steht ihnen allein gegenüber ...

Bunte Vielfalt mittelalterlichen Lebens
Mit ihrem farbenprächtigen Romanerstling "Der Illuminator" entführt Brenda Vantrease uns in eine Zeit, in der das Leben eines Untertanen vom Wohlwollen der adligen oder klerikalen Herrscher abhängt. Bücher sind kostspielig und nur auf Latein oder in normannischem Französisch erhältlich. So kontrollieren Adel und Geistlichkeit das Wissen der einfachen Bevölkerung. Doch dann stellen einige Adelige und Kleriker die bestehende feudale Ordnung in Frage ... Vor dem Hintergrund einer einschneidenden Wende in der europäischen Kulturgeschichte erzählt die Autorin die verhängnisvolle Liebesgeschichte zwischen einer adeligen Witwe und einem Buchmaler und stellt so auf raffinierte Weise die persönlichen Schicksale ihrer Figuren in unmittelbare Abhängigkeit von den beginnenden religiös-politischen Umbrüchen im England des ausgehenden 14. Jahrhunderts. Lady Kathryn vertritt die alte Ordnung, innerhalb der sie ihre Unabhängigkeit vom König und die finanzielle Zukunft ihrer Söhne sichern möchte. Der Buchmaler Finn dagegen will mit der Aufklärung der breiten Bevölkerung zur Änderung des ungerechten Systems beitragen.

Neben den Vertretern des Adels und der Kirche gibt Vantrease mit Figuren wie der Köchin Agnes und dem Aalhändler Halb-Tom, dem Finn das Leben rettet und der ihn mit der Einsiedlerin bekannt macht, auch dem einfachen Volk eine Stimme und stellt dessen erbärmliche Lebensverhältnisse kontrastierend der Prachtentfaltung von Bischof und Herzog gegenüber. Die Autorin entwickelt neben dem zentralen Handlungsstrang der heimlichen Liebe zwischen Kathryn und Finn zahlreiche Nebenhandlungen, in denen sie die Umgangsformen von Angehörigen der verschiedenen Stände einander gegenüberstellt und die mittelalterlichen Sitten und Bräuche lebendig dargestellt. Dabei bleibt die Einsiedlerin Julian von Norwich mit ihrer Frömmigkeit und Nächstenliebe die einzige Vertreterin der Kirche, die in einem positiven Licht erscheint.

Historische Quellen und eindrucksvolle Phantasie
Ihre Begeisterung für englische Literatur und Geschichte und ihr Interesse für die Rolle der Frau im 14. Jahrhundert motivierten Brenda Vantrease zu ihrem Mittelalter-Epos. Zwei geschichtliche Dokumente bildeten den Ausgangspunkt für ihre Romanidee: die "Göttlichen Offenbarungen" der Klausnerin Julian von Norwich, die als erste Frau in englischer Sprache schrieb, und ein besonders beeindruckendes Exemplar der Buchmalerkunst. Während ihrer intensiven Nachforschungen stieß die Autorin auf weitere zeitgenössische Figuren wie Henry Despenser, den "Krieg führenden Bischof", und den Prediger John Ball, die sie durch Charaktere ihres Romans wie Finn, Lady Kathryn und Colin ergänzte. Den meisten Kapiteln des "Illuminators" hat die Autorin Zitate aus mittelalterlichen Quellen - u. a. von John Wyncliffe und Julian von Norwich - vorangestellt, welche die damalige Geisteshaltung vermittelt.

Zu ihrer Kreativität befragt, meint Vantrease: "Manche Ideen werden in meinem Kopf durch ein Bild in meinem Kopf erzeugt oder einen Dialog, den ich aufschnappe, oder einfach beim Lesen einer Geschichte." Zu recherchieren oder die Struktur eines Buches bis in die einzelnen Kapitel hinein zu entwickeln ist für sie der eine Teil der schriftstellerischen Arbeit, der andere, weitaus schwierigere, sich in die einzelnen Szenen emotional hineinzuversetzen. - Dies ist ihr bei "Der Illuminator" ausgezeichnet gelungen.

Begeisternd und vielschichtig
Mitreißend erzählt und mit viel Liebe zum Detail erwacht mit "Der Illuminator" eine längst vergangene Epoche zum Leben. Brenda Vantreases zahlreichen Figuren sind kunstvoll aufeinander bezogen, so dass ein komplexes und dennoch übersichtlich gestaltetes Beziehungsnetz entsteht, das die Handlung vorantreibt. Mit großer Leichtigkeit lässt die Autorin ihr fundiertes historisches Hintergrundwissen in die Haltung der Figuren und die Handlung einfließen und macht die Handlungszwänge der Figuren nachvollziehbar. Die positiv geschilderten Figuren wachsen einem ans Herz. Vantreases Sprache zeichnet sich durch eine auffällige Bildhaftigkeit aus. Sie hat zudem das Talent, Stimmungen über die Beschreibung von Orten und Jahreszeiten zu erzeugen und zu spiegeln. Mit tiefem Einfühlungsvermögen und sprachlicher Eleganz bewältigt sie den Spagat von der Beschreibung zarter Liebesgefühle zur drastischen Schilderung von Gewalt.

Brenda Vantreases "Der Illuminator" bietet viele Stunden Unterhaltung auf hohem Niveau. Der Roman zieht den Leser ganz in seinen Bann und lässt einen Seite um Seite verschlingen. Zum Abtauchen in ein andere Welt. Voller überraschender Wendungen - bis zur letzten Seite.

Andrea Thumm
München, Juli 2005

Brenda Vantrease

Der Illuminator

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