Ein Roman über Selbstbestimmung und Sehnsucht – und eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war.

Welch ein Abenteuer! An einem Maimorgen im Jahr 1927 verlässt Jane Banister, Enkelin des Gärtners auf Gut Renishaw, den Landsitz der Sitwells. Sie geht nach London, um in den Dienst von Edith Sitwell zu treten, der ungeliebten Tochter des Hauses.
Jane hat schon einiges über die exzentrische Dichterin und deren einflussreichen Freundeskreis gehört. Edith gibt in der Hauptstadt Soireen, liebt große Auftritte und hat sogar Kontakte ins Königshaus. Schon bald wird Jane an Ediths Seite die Metropolen der Welt bereisen. Doch als Ediths Vertraute lernt Jane auch die Dame hinter dem Vorhang kennen und den Preis, den das unangepasste Leben fordert.

Für alle, die etwas für unmögliche Frauen übrighaben.

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Leseprobe

London, 1964
Von der Straße aus ist nicht viel mehr zu erkennen als ein dunkler Schemen. Sie sitzt dort oben und beobachtet alles, was hier unten vor sich geht. Die grob gewebten Stores ihres Schlafzimmerfensters sind einen Spalt auseinandergeschoben, gerade so weit, dass sie nach draußen schauen kann, ohne selbst gesehen zu werden.
Jedenfalls glaubt sie das. Den anderen Passanten, dem jungen Mann mit dem Geigenkasten unterm Arm, der Frau mit dem hinkenden Hund oder den drei Nachbarmädchen, die auf dem Bürgersteig Himmel und Hölle spielen, ist bestimmt nichts aufgefallen. Aber mich täuscht sie nicht. Sie ist während meiner Abwesenheit aufgewacht und in den Rollstuhl gestiegen, allein oder mit Hilfe von Schwester Farquhar. Ich vermute Letzteres, denn gestern Abend war sie sehr schwach.
Eins der Kinder lacht laut und schadenfroh, ein anderes brüllt:
»Du bist so gemein!« »Esther, Susan, Lilly, sofort rein mit euch!«, schreit die Nachbarin von der anderen Seite über die Straße. Die Mädchen gehorchen augenblicklich, wütend kläfft der Hund, als kleine Füße dicht neben ihm über das Pflaster rennen.
Der Schatten am Fenster bewegt sich. Vielleicht notiert sie gerade etwas in eins der kleinen schwarzen Hefte, verarbeitet den hinkenden Hund zu einem Vers, die schreiende Mutter oder den Mann mit der Geige zu einer Szene. Möglicherweise schreibt sie auch ein Spottgedicht, vielleicht endlich einmal eins über mich.
Wenn sie denn heute die nötige Kraft für Spott und Dichtung aufbringen kann – wenn nicht, wird sie Zuspruch brauchen. Und dafür bin ich zuständig.

Kurz bevor ich das Haus erreiche, winke ich zu ihrem Fenster hinauf. Nichts rührt sich. Wie zu erwarten. Ich lächle, weiß genau, dass sie auch das zur Kenntnis nimmt. Den Einkaufskorb stelle ich kurz auf dem Boden ab, als ob ich ihn kaum noch halten kann. Sie soll sehen, dass der Korb heute schwerer ist als gestern. Sie wird daraus schließen, dass ich neben Fisch, Gemüse und Gebäck für Schwester Farquhar und mich auch Brandy gekauft habe, zwei Flaschen.
In einer halben Stunde, wenn ich den Tee serviere, wird sie überrascht tun und behaupten, sie habe gar nicht mitbekommen, dass ich wieder da sei, und ich werde es auf sich beruhen lassen.
Wir spielen dieses Spiel schon lange, in vielen Wohnungen, an vielen verschiedenen Orten. Und wahrscheinlich hat sie es in ihrer Jugend schon genauso mit meiner Mutter gespielt.
Ich kenne Dame Edith, wie niemand sonst sie kennt. Besser als ihre Brüder und Freunde, viel besser als diese angeblichen und tatsächlichen Berühmtheiten, die bei uns ein und aus gehen und so vertraut mit ihr tun. Ich helfe ihr abends aus den Kleidern, wasche den faltigen alten Rücken, sehe sie nackt und ungeschützt. Ich halte ihre Launen aus, höre mir die Geschichten und Zornesreden an, bleibe bei ihr, wenn die namenlose Unruhe sie quält, versuche Trost zu spenden, wenn sie Trost braucht.
Meine Familie dient ihrer Familie bereits in der dritten Generation.

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Veronika Peters
© Peter von Felbert

Veronika Peters

Veronika Peters, geboren 1966 in Gießen, verbrachte ihre Kindheit in Deutschland und Afrika. Im Alter von 15 Jahren verließ sie ihr Elternhaus, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie arbeitete in einem psychiatrischen Jugendheim, bis sie Ende 1987 für zwölf Jahre aus dem sogenannten bürgerlichen Leben ausstieg und in eine Benediktinerinnenabtei eintrat. Von der Zeit, die sie dort lebte, handelt die autobiographische Erzählung »Was in zwei Koffer passt« (2007). Es folgten die Romane »An Paris hat niemand gedacht« (2009), »Das Meer in Gold und Grau« (2011), »Die Liebe in Grenzen« (2013) und »Aller Anfang fällt vom Himmel« (2015). In ihrem neuesten Roman »Die Dame hinter dem Vorhang« setzt sie der englischen Exzentrikerin Edith Sitwell ein Denkmal.
Veronika Peters ist verheiratet mit dem Schriftsteller Christoph Peters, hat eine Tochter und lebt als freie Autorin in Berlin.

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