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SPECIAL zu Britta Bannenberg »Amok«

Hinschauen statt ignorieren

Von Carsten Hansen

Winnenden, 11. März 2009. Ort und Datum haben sich im öffentlichen Bewusstsein eingeprägt. Ein 17-jähriger Amokläufer hatte fünfzehn Menschen getötet, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete. Das Entsetzen, das die Bluttat hinterließ, ist auch heute noch groß.
Immer wieder tauchen nach solchen Amokläufen reflexhaft gestellte Fragen auf: Wie lässt sich ein solches Tatvorhaben schon im Vorfeld erkennen? Was kann man präventiv dagegen tun? Viele Antworten und wichtige Empfehlungen gibt nun die Kriminologin Britta Bannenberg mit ihrem Buch „Amok. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern“.

Ein Amoklauf geschieht nie aus heiterem Himmel
Trotz des vielversprechenden Untertitels ist sich die Autorin darüber im Klaren, dass man wohl auch in Zukunft nicht jede dieser grauenvollen Taten wird verhindern können. Aber es ist eine gesicherte Erkenntnis, dass kein Amoklauf aus heiterem Himmel geschieht. Vielmehr handelt es sich dabei um lange geplante Gewalttaten, die aus übersteigertem Hass und ausgeprägten Rachefantasien resultieren. Fast immer gibt es Anzeichen für einen solchen Gewaltausbruch, seien es Verhaltensauffälligkeiten, verbale Äußerungen oder Drohungen via Handy oder Internet. Wer diese Zeichen erkennt und angemessen reagiert, hat die Chance, einen Amoklauf zu verhindern.

Auffallende Parallelen
Britta Bannenberg analysiert bisherige Amokläufe bzw. versuchte Tötungsdelikte oder Androhungen und kommt so Ursachen und Warnsignalen auf die Spur. Sie legt umfangreiches Material vor, zitiert aus Untersuchungsberichten, psychiatrischen Gutachten und Aufzeichnungen verschiedener Täter und zieht Aussagen von Beteiligten hinzu. Daraus ergeben sich deutliche Parallelen beim Profil des Täters und seines Umfelds. Amokläufer in Deutschland waren bisher ausschließlich unauffällige, stille junge Männer, die sich von ihren Mitschülern gemobbt fühlten. Bannenberg beschreibt dieses Gefühl und erklärt mögliche Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung. Häufig waren es narzisstische Persönlichkeitsstörungen, die bei eher banalen Anlässen zur Eskalation führten. Auffällig ist zudem, dass alle späteren Täter schlechte Schüler waren, ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern und Probleme im Umgang mit Mädchen hatten, sich für Waffen und Gewaltspiele am Computer begeisterten und Einzelgänger bzw. Außenseiter waren. Außerdem, darauf weist Bannenberg besonders nachdrücklich hin, hatten sie alle Zugang zu Waffen!

Echte Drohungen von falschen unterscheiden
So sinnvoll solchen Analysen sind, so falsch wäre es, davon auszugehen, dass jeder Schüler, der in dieses Raster passt, ein potenzieller Amokläufer sein könnte. Aber es ist laut Bannenberg in jedem Fall richtig, aufmerksam zu werden, wenn mehrere der genannten Faktoren zutreffen, und das Gespräch mit dem betreffenden Jugendlichen zu suchen. Da es schwer fällt, echte Drohungen von falschen zu unterscheiden, ist im Buch dazu der sehr hilfreiche, ausführliche Fragenkatalog des Landes Hessen abgedruckt. Hier wird Schritt für Schritt die Vorgehensweise nach einer Ankündigung, einer bedrohlichen Äußerung oder bei Verhaltensauffälligkeiten eines Schülers dargelegt. Bannenberg erläutert ausführlich, was Lehrer, Eltern und Mitschüler in solchen Fällen tun können.

Im Zweifelsfall den sicheren Weg wählen
Bannenbergs Buch ist ein Appell an alle Beteiligten, hinzuschauen und im Zweifelsfall eher zu früh als zu spät zu handeln. So könnten Mitschüler Hinweise geben, Lehrer Kontakt zu den Eltern aufnehmen und/oder zu psychologischen Beratungsstellen. Vor allem sollten Eltern aufmerksam sein und mit ihren Kindern sprechen. Am meisten Erfolg verspricht ein vernetztes Vorgehen. Bannenberg weist nach, dass es auf dem langen Weg hin zu einem Amoklauf immer wieder Möglichkeiten zur Intervention gibt – vorausgesetzt, das Täterumfeld ist aufmerksam und weiß angemessen zu reagieren. Eine wichtige Hilfe dafür bietet dieses Buch.

Carsten Hansen
(Literaturtest)
Berlin, Februar 2010

Amok Blick ins Buch

Britta Bannenberg

Amok

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