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Das Krokodil Erzählungen

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Gebundenes Buch ISBN: 978-3-7175-2362-8

Erschienen: 02.03.2015
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Lachen mit Dostojewski! – Ein ungewohnter Blick auf den Großklassiker

Fjodor Dostojewski – der Inbegriff von existenzieller Düsternis und qualvoller Seelenanalyse? Diese Sammlung weitet den Blick. Fünf neu übersetzte Erzählungen zeigen den russischen Großmeister von einer überraschend anderen, hierzulande kaum bekannten Seite: als Autor heiterer, satirischer Geschichten.

Die Besichtigung eines leibhaftigen Krokodils scheint Iwan Matwejitsch die geeignete Vorbereitung auf eine Europareise – da wird er von dem monströsen Tier verschluckt. Für niemanden, das Opfer eingeschlossen, ist das ein Anlass zur Klage, befördert die Attraktion eines sprechenden Menschen im Reptilienbauch doch finanzielle Interessen und Eitelkeiten aller Art. Nicht um Geld, aber um seine Glaubwürdigkeit als Mann der Reformen kämpft Staatsrat Pralinski. Um Toleranz zu demonstrieren, taucht er unangemeldet bei der Hochzeit eines Angestellten auf – «Eine peinliche Geschichte» mit chaotischen Folgen. Ob Slapstick, Groteske, sanfte Ironie oder Tragikomik – Dostojewski zieht in diesem Band alle humoristischen Register.

"Düsternis und Schwermut?" Die Übersetzerin Christiane Pöhlmann über die komischen Seiten von Fjodor Dostojewski Zum Special

«Der kleine Dünndruckband ... ist ein reines buchgestalterisches Vergnügen, und Christiane Pöhlmann gibt den fünf Texten im Deutschen eine frische Sprache, ohne dabei an Zeitkolorit einzubüßen.»

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus (05.05.2015)

Fjodor Dostojewski (Autor)

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) war das zweite von acht Kindern einer verarmten Adelsfamilie aus Moskau. Vier Jahre Zwangsarbeit wegen revolutionärer Umtriebe prägten sein Leben ebenso wie seine Spielleidenschaft und daraus resultierende Geldsorgen. Neben neun Romanen verfasste Dostojewski ab 1846 zahlreiche Erzählungen, Novellen und Essays.


Christiane Pöhlmann (Übersetzerin)

Christiane Pöhlmann (geb. 1968) studierte Slawistik, Germanistik und Geschichte an der FU Berlin, außerdem Russisch und Italienisch im Dipl.-Studiengang Übersetzen an der Humboldt-Universität und der Staatlichen Moskauer Linguistischen Universität. Ihre literarischen Vorlieben sind breit gestreut, reichen von der Übersetzung russischer Jugendliteratur und Fantasy (Lukianenko) bis zur italienischen Klassik (Tarchetti). Christiane Pöhlmann arbeitet auch als Literaturkritikerin (FAZ, taz).


Eckhard Henscheid (Nachwort)

Eckhard Henscheid, geboren 1941, studierte Literaturwissenschaft und gründete zusammen mit Robert Gernhardt und anderen die legendäre "Neue Frankfurter Schule" und deren Satiremagazin "Titanic". Henscheid schreibt Romane, Erzählungen, Satiren, Lyrik, Nonsens-Dichtung, literarische und musikwissenschaftliche Essays, Reportagen sowie Glossen und Polemiken. In seinem Buch "Dostojewskis Gelächter. Die Entdeckung eines Großhumoristen" (2014) beleuchtet Henscheid Fjodor Dostojewski von einer bisher vernachlässigten Seite: als "Großhumoristen".

«Der kleine Dünndruckband ... ist ein reines buchgestalterisches Vergnügen, und Christiane Pöhlmann gibt den fünf Texten im Deutschen eine frische Sprache, ohne dabei an Zeitkolorit einzubüßen.»

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Andreas Platthaus (05.05.2015)

«Doch, Dostojewski kann sehr komisch sein, und in dieser frischen Neuübersetzung ist er es allemal.»

Ferdinand Quante, WDR5, Sdg. Bücher (08.08.2015)

»Herrlich grotesk!«

Kurier (A), 07.12.2015

«‹Die Sanftmütige› ist ein Glanzstück der kleinen Prosa des Autors.»

Osteuropa, Karlheinz Kasper (01.11.2015)

»Lachen mit Dostojewski! […] Für alle, die sich noch nicht an Dostojewski herangeraut haben, sind diese Erzählungen ein sehr ans Herz gelegter Einstieg.»

Lesart, Unabhängiges Journal für Literatur 1/15

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Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann

Mit Nachwort von Eckhard Henscheid

Gebundenes Buch, 448 Seiten, 9,0 x 15,0 cm

ISBN: 978-3-7175-2362-8

€ 24,95 [D] | € 25,70 [A] | CHF 32,50* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Manesse

Erschienen: 02.03.2015

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Das Krokodil: Eine Sammlung von Dostojewski-Erzählungen [Review]

Von: Chochi Rain Datum: 06.09.2016

mitsuki.wordpress.com

Wenn man über Dostojewskis Werke spricht, geht es kaum mehr um die Frage ob sie gelungen sind oder nicht. Fjodor Michailowitsch Dostojewski ist einer der bekanntesten Autoren Russlands. Werke wie Schuld und Sühne oder Die Dämonen sorgten dafür, dass seine Werke zu Klassikern wurden. Mit klaren Worten beschreibt er seine Welt, versucht sich an verschiedenen Erzählformen und behält dabei immer einen nachdenklichen, beinah schon melancholischen Ton bei. An manchen Stellen blitzt ein Lächeln zwischen den Sätzen durch und zieht den Leser in seinen Bann.

Wer einen guten Überblick über sein Handeln bekommen möchte, der ist mit Das Krokodil mehr als nur gut bedient. Das Buch – im Manesse-Verlag erschienen – enthält fünf Erzählungen Dostojewskis aus seinen verschiedenen Lebensphasen.

Die Sammlung beginnt mit dem Roman in neuen Briefen von 1845. Die Anspielung an A.A. Bestuschews Roman in sieben Briefen ist ein klassischer Briefroman, der jedoch erst nach Arme Leute veröffentlicht wurde und daher von den Kritikern sehr schlecht aufgenommen wurde. Dies mag vor allem daran liegen, dass der Roman in neun Briefen eben nicht im Laufe eines Jahres, sondern mehr oder weniger in einer Nacht geschrieben wurde. Auch der satirische Unterton und die Anspielungen sorgten bei Kritikern eher für Verunsicherung.

Das Krokodil von 1865 ist zwar nur das Fragment einer Erzählung, gilt heute jedoch als eine der bekanntesten Geschichten Dostojewskis. Die Erzählung nimmt – wie so oft in den Handlungen des Autoren – eine etwas absurde Wendung, die aktuelle Strömungen der Philosophie kritisiert und parodiert. Eine Ehepaar geht mit einem Freund aus um ein Krokodil zu betrachten. Als die Ehefrau das Tier als hässlich und enttäuschend degradiert, möchte der Familienfreund Iwan beweisen, dass das Tier sehr viel interessanter ist und reizt es solange, bis das Krokodil ihn verschluckt. Das Ehepaar fordert sofort die Ermordung des Tieres, doch Iwan plädiert, aus dem Bauch des Krokodils heraus, dafür das Tier am Leben zu lassen. Schließlich könne er seine Tätigkeit als Beamter auch von dort ausüben und er möchte keinen wirtschaftlichen Schaden entstehen lassen.

Die kafkaeske Wende – obwohl man sich anhand der Lebensdaten immer wieder Fragen muss ob Kafka nicht eher von Dostojewski beeinflusst wurde – ist ein Kunstgriff, den der Autor viele Male benutzt.

Geschichten aus der Verbannung und emotionaler Höhepunkt

Vor allem anderen war Dostojewskis Leben davon geprägt, dass er die Vorgehen der Regierung immer wieder kritisierte. Sowohl in seinen journalistischen, als auch literarischen Texte hinterfragt er Gesetzte, Bestimmungen und Einschränkungen. So auch in seiner Erzählung Eine peinliche Geschichte von 1862, in der er über die Auflösung der Leibeigenschaft spricht.

Werke wie dieses und seine durchweg kritische Haltung sorgten dafür, dass er inhaftiert und zum Tode verurteilt wurde. Während der Gefangenschaft entstand unter anderem die Erzählung Ein kleiner Held. Erst viel später – nachdem sein Urteil in Verbannung umgewandelt wurde und er nach seiner Zeit in Sibirien wieder nach Russland zurückkehren durfte – wurde er auch im eigenen Land als wichtiger Autor wahrgenommen.

Unter anderem geschah dies durch seine Berichte und Erzählungen in Literaturzeitschriften. Dazu gehört auch Die Sanftmütige von 1876. Es ist eines seiner letzten Werke, welches klar im Hintergrund immer noch unter dem Zeichen des ‚Hinterfragens‘ geschrieben wurde. Auch wenn es hier sein Protagonist ist, der die Fragen stellt. Die fiktive Schilderung beschreibt wie der Protagonist seine Frau kennenlernte und mir ihr zusammenlebte. Am Anfang, wie am Ende steht dabei ihr Selbstmord und die offene Frage: „Wieso hat sie sich in den Tod gestürzt?“ Innerhalb der Sammlung ist dies durchweg die emotionalste. Sie versucht mit dem Mittel der Rationalität Emotionen zu ergründen, zu bündeln und zu erklären.

Schmuckeinband fühlt sich ‚unschmuck‘ in der Hand an

Wie bereits zu Beginn gesagt, geht es bei den Werken von Dostojewski schon lägst nicht mehr darum sie in gut oder schlecht einzuteilen und sie mit Sternchen von eins bis fünf zu bewerten. Die einzelnen Erzählungen zeigen alle auf ihre Weise einen Ausschnitt aus dem Können und Leben Dostojewskis. Somit hat der Herausgeber der Sammlung einen guten Blick für das Gesamtwerk bewiesen. Auch die Erläuterungen zu den einzelnen Texten sind überaus hilfreich und auf einem für diese Art von Texten angemessenem Niveau.

Was ich leider nicht nachvollziehen kann, ist die Wahl des Einbandes. Wer beschließt einen Roman in Kunstleder zu binden? Selten habe ich ein Buch gelesen, welches sich so unangenehm in der Hand angefühlt hat. Obwohl ich das kleine Format des gebundenen Buches – es ist ungefähr handgroß – durchaus schätze, hätte mich der Einband in seinem kalten, glatten, fast schon klebrigen Einband definitiv davon abgehalten diese Ausgabe in einem Geschäft zu kaufen. Auch finde ich – ich weiß, man sollte ein Buch nicht nach seinem Cover bewerten –, dass das Cover nicht so wirklich zu einer Klassikersammlung wie dieser passt. Schwarzes Kunstleder mit neongrünem Aufdruck sagt leider nicht gerade: Ich bin ein wichtiger Teil der russischen Literaturgeschichte, sondern versucht auf absurde Art und Weise jung und frech zu wirken.

Vermutlich ist dies das erste Buch, bei dem ich lieber die E-Book-Ausgabe gelesen hätte. Sowohl die Auswahl als auch die Stimme der Übersetzerin gefallen mir sehr. Die Geschichten sind ein toller Einstieg in Dostojewskis Werk und genau deshalb werde ich es auch immer wieder gerne weiterempfehlen. Dennoch hat der Verlag mit dem Einband und der Gestaltung des Buches durchaus eine sehr ungünstige Wahl getroffen, die mich dazu verleiten würde dieses Buch mit zwei Sternen zu versehen, wenn ich der Gestaltung ebenso große Bedeutung beimessen würde, wie dem Inhalt.

Dostojewski in der Neuübersetzung

Von: Eva Datum: 13.08.2016

https://sprachgewaltig.wordpress.com/

Die neue Manesse-Ausgabe mit Erzählungen von Fjodor Michailowitsch Dostojewski verspricht auf dem Klappentext:

"Fünf Erzählungen in neuer Übersetzung zeigen den russischen Großmeister ausschweifender Schicksals- und Gedankenschwere von einer verblüffend unernsten Seite: als hinreißenden Satiriker und „maßlosen Chaoskomiker“, so Eckhard Henscheid in seinem Nachwort."

Doch hat der Manesse-Verlag wirklich neuartige Perlen des russischen Literaturgroßmeisters ausgegraben oder handelt es sich um Dostojewski wie eh und je?

Dostojewski ist bekannt für seine Ausforschungen der menschlichen Abgründe. Es scheint, die Umstände machen den Menschen. Nicht umsonst wird dem Literaten zuweilen Fatalismus oder zumindest eine anhaltende Düsterheit vorgeworfen, die sich durch sein Werk zu ziehen scheint. Als Satiriker, als Schreiber mit Humor und Witz wird er jedenfalls selten vorgestellt. Doch liegt genau dort der Reiz Dostojewskis. Er vermag es auf leichte Weise, von der Schwere der Menschen zu erzählen. Mit scharfer Beobachtungsgabe und kunstvoll angelegter Situationskomik entlarvt er Heuchler und Lügner. Dabei verliert er jedoch nie seine Menschlichkeit, verfällt nicht etwa in Arroganz. Stattdessen macht er uns klar, dass das Potential zum Bösen in jedem von uns steckt. Und ist es nicht diese Erkenntnis, vor der wir uns am liebsten verschließen möchten? – die Erkenntnis, dass der von seinem Wahn und seiner Schuld verfolgte Raskalnikow in „Schuld und Sühne“ zwar Mörder, aber sicher nicht der schlechteste Charakter im Buch ist. Denn er ist doch der Einzige, der seine Tat bereut, der eine moralische Erneuerung durch Läuterung erfährt. Daher darf auf keinen Fall der Epilog des Romans übersprungen werden. Doch wie unfassbar ist überhaupt das Motiv dieses Buchs: Gibt es den gerechtfertigten Mord? Und sind die Erzählungen im neu erschienenen Band „Das Krokodil“ so unterschiedlich vom restlichen Werk Dostojewskis, das wir kennen?

Nein, eigentlich nicht.

Hierzulande lesen die meisten Dostojewski in deutscher Übersetzung und wie mannigfaltig diese gestaltet sein können, zeigt dieses Beispiel. Im Folgenden handelt es sich jeweils um den Anfang von Dostojewskis „Idiot“, der unterschiedlicher kaum ausfallen könnte.

- Der Novembermorgen, an dem der Eilzug gegen neun Uhr von Warschau nach Petersburg fuhr, war trüb und feucht.
- Ende November, bei spätherbstlichem Schneematschwetter, näherte sich gegen neun Uhr früh der Zug der Petersburg-Warschauer Eisenbahnlinie unter vollem Dampf seinem Zielbahnhof Petersburg.
- Es war gegen Ende des November, bei Tauwetter, als sich um neun Uhr morgens ein Zug der Petersburg-Warschauer Bahn mit vollem Dampf Petersburg näherte.
- Der Novembermorgen, an dem der Eilzug gegen neun Uhr von Warschau nach Petersburg fuhr, war trüb und feucht.

Und hier liegt auch das Problem mit dem ach! so düsteren Dostojewski. Seine Situationskomik, sein Witz wird meist einfach nicht mitübersetzt – so zumindest in vielen deutschen Übersetzungen. Anders sieht dies bei den englischen Versionen von Everyman’s Library aus. Dass Übersetzungen ins Deutsche so ihre Tücken haben, sieht man bereits beim Titel „Преступление и наказание“, der lange Zeit mit „Schuld und Sühne“ übersetzt wurde und sehr moralisch angehaucht wirkt. Im russischen Original handelt es sich jedoch um juristische Fachterme. „Verbrechen und Strafe“, wie der Roman in neueren Übersetzungen heißt, scheinen treffender. Jedoch fehlt dem deutschen Wort „Verbrechen“ eine gewisse moralische Qualität, die dem russischen Begriff innewohnt. Bedeutet doch „Преступление“ wörtlich „etwas übertreten“. Schon scheint die anfängliche Übersetzung mit „Schuld und Sühne“ wieder mehr Sinn zu machen.

Mit solchen und ähnlichen Problemen sah sich auch Christiane Pöhlmann bei der Übersetzung der fünf Erzählungen im Band „Das Krokodil“ konfrontiert. In der editorischen Notiz wird dies auch deutlich. Doch noch ein Weiteres wird ersichtlich. Frau Pöhlmann entspricht offenbar dem typischen Klischee des Übersetzers, bei dem es nicht zum Autoren gereicht hat. Zu sehr legt sie ihre Lesart – und schlimmer noch ihre Schreibart – auf das russische Original. Dabei besteht doch ihr Job in der Wiedergabe. Anmerkungen wie diese deuten es an:

"Dem Autor Fjodor Dostojewski wurde häufig schlechter Stil vorgeworfen. Möglicherweise zum einen, weil er keine Scheu vor Wiederholungen hatte, möglicherweise zum anderen, weil er die Zeiten – insbesondere Erzählzeit und erzählte Zeit – im Sinne einer direkten, unmittelbaren Darstellung munter miteinander vermischte. Beides wurde in dieser Übersetzung nachgeahmt."

Nachgeahmt? Sie schreibt nicht etwa nachempfunden. Es scheint nämlich ihr Werk zu werden, nicht das Dostojewskis. Deutlicher wird das jedoch im Folgenden:

"Die ausgewählten Erzählungen vereinen Situationskomik mit Sprachwitz [wie alle Geschichten Dostojewskis, Anm.]. Dieser Witz muss natürlich auch im Deutschen beim ersten Lesen „zünden“ und sollte nicht durch Anmerkungen erst umständlich erklärt werden müssen. Es war daher im einen oder anderen Fall nötig , philologische Genauigkeit hintanzustellen und sich weiter als üblich vom Original zu entfernen. […]"

So begründet die Übersetzerin, dass sie aus „кабинетные иде́и“ „Kopfgeburten“ macht, wodurch ein weiterer Satz mit „Kopf“ notwendig wurde. Bei dem russischen Begriff, den die Übersetzerin mit „Ideen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben“, beschreibt, wäre aber eine Fußnote sinnvoller gewesen, die auch darauf hätte hinweisen können, dass кабинетный eine adjektivierte Form vom russischen Wort für „Arbeitszimmer“ ist. „Arbeitszimmer-Ideen“ lehnen sich daher eher noch an Ideen aus dem Elfenbeinturm an. Jedenfalls wird die Pöhlmann-Übersetzung so dem russischen Original nicht gerecht. Sie sagt es ja selbst, dass sie sich bewusst vom Original entfernt. Wozu? Um ihren Vorstellungen von Wortwitz zu frönen statt den von Dostojewski wiederzugeben. Hätte sie nur eine blasse Ahnung von Dostojewski, wüsste sie außerdem um seinen inhärenten Wortwitz und um die auch in anderen Werken vorkommende Situationskomik, die durchaus nicht nur die „ausgewählten Erzählungen“ charakterisiert.

Aber was behauptet man nicht alles, um Neuübersetzungen zu vermarkten? Schade.

Allzu gestelzte Übersetzungsmanöver vergiften einem daher das Lesevergnügen. Ja, ich hätte tatsächlich Fußnoten bevorzugt! Die Erzählungen lassen die russische Vorlage nur noch erahnen, machen mit etwas Fantasie jedoch dennoch Freude.

„Das Krokodil“, nachdem auch der Band benannt wurde, erzählt die Geschichte von einem Beamten, der von einem Krokodil verschluckt wird und fortan in dem „Untier“ wohnt. Dem Tier wird nicht der Bauch aufgeschnitten, da sich die beteiligten Herrschaften uneins sind, was das „ökonomische Prinzip“ anbelangt. Der deutsche Besitzer verlangt schließlich Schadensersatz von keiner geringen Summe! Was allerdings vielleicht verblüfft: Der Gefressene verspricht sich ebenfalls eine große Karriere und ein langes Leben vom Aufenthalt im hohlen Tier. Am Ende steht fest, egal, wie es kommt, ob der Mensch das Krokodil isst oder umgekehrt, es geht stets nur ums Geld – zumindest dem Menschen. Warum sonst setzt Dostojewski zwei diametral unterschiedliche Zeitungsartikel, die vom kuriosen Vorfall berichten, an den Schluss? In der einen Version geht es um das delikate Krokodilfleisch, mit dem sich in Russland viel Geld verdienen ließe und im anderen um das exotische Tier, das zur Schau gestellt wird und so jede Menge Geld einbringen kann. Ums Krokodil selbst geht’s jedenfalls niemandem, nur um dessen finanzielles Potential – und um die Missinformation durch Medien.

„Eine peinliche Geschichte“ handelt vom sogenannten Klassenkampf und das obwohl Dostojewski sicher kein Marxist war. Ein selbsterklärter Humanist kommt in die seltene Situation, der Hochzeit eines ihm Untergebenen beizuwohnen – durch Zufall natürlich. Er setzt sich in den Kopf, durch seinen Besuch seine „Humanität“ unter Beweis zu stellen.

"Er hätte ihnen gern alles offen berichtet […] vor allem, wie progressiv er war, wollte er sich doch in seiner Humanität zu allen herablassen, selbst zu den allerniedrigsten, und schließlich, zum guten Ende, da wollte er all seine Beweggründe schildern, die ihn veranlasst hatten, uneingeladen bei Pseldonimow zu erscheinen, bei ihm zwei Flaschen Sekt zu trinken und ihn mit seiner Anwesenheit zu beglücken."

Doch der ungeladene Gast verbreitet nur Stunk, besäuft sich bis zur Bewusstlosigkeit und bereitet den frisch Vermählten nur Mühe. Am Ende sieht sich natürlich dennoch der Störenfried, der Vorgesetzte, im Recht und lediglich scheint sich einzustehen „Ich habe [mit meiner Humanität, Anm.] nicht durchgehalten“. Dabei hat er sich nicht eine Sekunde human verhalten. Ihm ging es stets nur um seine eigene Person, darum wie er wohl wirken würde, usw. Nicht umsonst sieht er seinen Besuch als „sich herablassen“ an, mit dem er das niedere Volk zu „beglücken“ vermag, von dem jedoch keiner ihn auf dem Fest haben wollte. Herzerweichend gekümmert hat man sich dennoch um ihn.

Die letzten beiden Geschichten im Buch werfen die Frage auf, inwiefern sie in diese scheinbar satirisch angehauchte Zusammenstellung passen. In „Die Sanftmütige“ wird ohne Komik und Witz, sondern ziemlich ergreifend und bierernst der Selbstmord einer Sechszehnjährigen beschrieben. Der hinterbliebene Gatte erzählt die Geschichte, die nur so strotzt vor Gedankensprüngen und Widersprüchen, wie es für die Situation durchaus angemessen ist. Statt der eigentümlichen Situationskomik steht der Bewusstseinsstrom im Vordergrund – eine Erzähltechnik, die Dostojewski wie kaum ein anderer gemeistert hat. Am Ende bleibt die Dostojewski-Erkenntnis: Viel Unglück kam über die Welt durch Verwirrung und unausgesprochene Dinge – so auch hier.

„Ein kleiner Held“ lebt von Andeutungen und genau dem Ungesagten, das so viel Schmerz bereiten kann. Bemerkenswert ist die Erzählperspektive eines sich Erinnernden. Die Geschichte handelt von einem Elfjährigen, der mit seiner aufkochenden Gefühlswelt und dem Übertritt in die Erwachsenenwelt mit all ihren Geheimnissen, Intrigen und Herausforderungen naturgemäß nur schwer zurechtkommt. Wie in der ersten Erzählung „Roman in neun Briefen“ ist Dreh- und Angelpunkt ein ebensolches Schriftstück, das beinahe seinen Empfänger nicht erreicht, am Ende jedoch für Erleichterung sorgt, ohne dass der Leser je den Inhalt des Briefs erfährt.

Das Nachwort wiederum könnte überflüssiger kaum sein. Ein sogenannter Experte exerziert auf elfenbeinernem Turm-Niveau sein persönliches Dostojewski-“Wissen“ und verliert sich dabei allzu sehr in der Bewertung/Abwertung des Autors und zahlreichen Mutmaßungen, warum Dostojewski dieses oder jenes so oder so geschrieben hat und wie es vielleicht besser hätte machen können.
Zusammenfassung

- „Das Krokodil“ – fünf Erzählungen von Fjodor Michailowitsch Dostojewski: „Roman in neun Briefen“, „Das Krokodil“, „Eine peinliche Geschichte“, „Die Sanftmütige“ & „Ein kleiner Held“
- empf. VK-Preis: € 24,95 [D], € 25,70 [A] | 32,50 [CH]
- gebundene Ausgabe, erschienen am 02.03.2015
- ISBN: 978-3-7175-2362-8

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