Der Beginn

Roman

(8)
Hardcover
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Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, gelebt werden muss es vorwärts, heißt es bei Søren Kierkegaard. Terje liegt nach einem Suizidversuch im Sterben. Er lässt sein verpfuschtes Leben Revue passieren. Auf der Suche nach Antworten gräbt er sich immer tiefer in die schmerzhafte Vergangenheit, soghaft getrieben von den blinden Flecken des eigenen Lebens: der depressiven, alkoholkranken Mutter, dem abwesenden Vater, dem Abrutschen in Ticks und Gewalt als junger Mann, und dem quälenden Gefühl des Verlassenseins, das ihn immer bestimmt hat. Momente des Friedens fand er nur in der Natur. Ruhelos stellt Terje sich im Krankenhaus seinem Leben vom Ende bis zum Anfang, vom Tod bis zur Kindheit. Ein bewegendes Buch, erzählt wie im Rausch - über endgültige Entscheidungen, Vorherbestimmung und die Freiheit des Einzelnen.


Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Nora Pröfrock
Originaltitel: Begynnelser
Originalverlag: Aschehoug
Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-442-75820-3
Erschienen am  24. Juni 2019
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Leben

Von: Frau Lehmann

11.10.2019

"Ich wartete noch einen Moment, dann zog ich den Wagen auf die Gegenfahrbahn." Terje liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus, seine Lebenszeit ist nur noch knapp bemessen. Er blickt zurück, immer weiter in Richtung Vergangenheit. Carl Frode Tiller erzählt von einem Leben, in dem es von Anfang an nur wenig Chancen gibt. Terjes Mutter kämpft mit Depressionen und Alkohol, sein Vater verlässt die Familie schon früh. Nicht erkannte und nicht behandelte Depressionen führen wohl auch zu Terjes Selbstmord. Erkennen kann man das aber nur im Nachhinein, im täglichen Überlebenskampf bleibt keine Zeit für solche Schlussfolgerungen. Stück für Stück folgen wir Terje zurück in seiner Lebensbahn, lesen von der gescheiterten Ehe, dem schlechten Verhältnis zu Mutter und Schwester, erfahren von seinen Gewaltausbrüchen als Teenager und den Überforderungen seiner Kindheit. Vieles bleibt für den Leser im Moment des Lesens undurchsichtig, klärt sich bruchstückhaft erst mit dem nächsten Schritt. Mal liegen nur Tage zwischen den einzelnen Momenten, mal sind es Jahre. Immer ist da aber Terje, schwankend zwischen Aggression und maskenhaftem Lächeln. Ein düsteres, realistisches Bild zeichnet Tiller in diesem Roman. Zeigt, dass die Wurzeln für einen Suizid ganz weit in der Vergangenheit liegen können, verschüttet durch den Alltag und Phasen des vermeintlichen Glücks. Mit dem Ende vor Augen, erhalten die einzelnen Szenen eine ganz andere Bedeutung, achtet man auf Anzeichen weitaus mehr als man das hätte tun können, wäre der Roman dem normalen Lebensverlauf gefolgt. Dass das Konzept überhaupt aufgeht, ist Tillers Schreibstil zu verdanken. Immer geradlinig, mit schwarzem Humor, lässt er den Leser nicht komplett in Düsternis versinken. Er bleibt nah an seinem Protagonisten und ihm gelingt dabei das Kunststück, Terjes Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, selbst bei Gewaltausbrüchen. Trotz der Bruchstücke bleibt ein roter Faden erkennbar. Ein ganzes, kompliziertes Leben so lakonisch in Worte zu fassen, das ist nicht jedem gegeben. Daher verwundert es auch nicht zu lesen, dass Tiller zu Norwegens bedeutendsten Gegenwartsautoren gehört.

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Das Leben rückwärts verstehen

Von: letteratura

29.08.2019

Am Anfang steht das Ende. Terje liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus und wird sterben. Ist er nun bei Bewusstsein, befindet er sich in einem Zwischenstadium? Denn er kann mit Mutter und Schwester, die zu ihm ans Krankenbett gekommen sind, nicht sprechen. Ihm ist bewusst, dass es kein Zurück gibt, dass man ihn nicht wird retten können, und so reist er gedanklich in die Vergangenheit, um nachzuspüren, wie es so weit kommen konnte, frei nach Søren Kierkegaard, in dessen berühmtem Zitat es ja heißt, verstehen könne man das Leben nur rückwärts, während es vorwärts gelebt werden müsse. So geht es nun rückwärts in Carl Frode Tillers neuem Roman, auf den „Beginn“ zu, und immer steht die Frage im Raum, ob wir, einmal dort angekommen, dann wirklich verstehen werden, wieso Terje beschlossen hat, nicht mehr weiterleben zu wollen. Die Konstruktion erinnert stark an Inger Maria Mahlkes 2018 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Archipel“, mit dem Unterschied, dass es dort ein gesamtes Jahrhundert war, das auf diese Weise erzählt wurde, über mehrere Generationen hinweg, während bei Tiller ein einziges Leben im Mittelpunkt steht. Wir lesen also aus Terjes Leben, die Kapitel jeweils überschrieben mit der Angabe des Zeitraums, den wir in die Vergangenheit springen. Die Schritte sind sehr unterschiedlich groß, manchmal geht es nur ein paar Tage zurück, oft Wochen und Monate, manchmal auch einige Jahre. Tiller macht das geschickt: Immer wieder war ich beim Lesen irritiert, habe mich gewundert über Terjes barsches Auftreten, seine Selbstgerechtigkeit, sein Verhalten gegenüber Menschen, die ihm doch wichtig sind, doch nach und nach habe ich ihn verstanden. Manchmal ist es eine Situation, die direkt nachgeliefert wird und zum Verständnis beiträgt, doch mit Fortschreiten der Lektüre ist es mehr und mehr ein großes Ganzes, das immer deutlicher wird. Zu Beginn des Romans hat Terje eine Frau, von der er getrennt lebt, eine jugendliche Tochter, eine alkoholkranke Mutter und eine Schwester, mit der er in einer Art Hassliebe verbunden ist. Das Verhältnis zu ihnen allen ist kompliziert. Terje selbst ist ein schwieriger Charakter, fährt schnell aus der Haut, wirkt arrogant und hält sich oft für klüger als sein Umfeld, wobei es sicher stimmt, dass er seine Mitmenschen schnell durchschaut. Es gibt aber auch den selbstkritischen Terje, denjenigen, der in Situationen, in denen er ungerecht oder gar eklig zu seinen Liebsten ist, genau um sein falsches Verhalten weiß. Es sind Situationen, in denen er Worte noch im Moment des Aussprechens bereut, aber nicht aus seiner Haut kann. Carl Frode Tiller gelingt es, diesen zerrissenen Charakter in seiner Ambivalenz zum Leben zu erwecken, einen Protagonisten, den man oft nicht ausstehen kann, den man aber nach der Lektüre glaubt, zu verstehen, und dem man sehr nah gekommen ist. Natürlich stellt sich dabei die Frage, ob sich der Entschluss, sich das Leben zu nehmen, anhand der rückwärts gelebten Lebensgeschichte wirklich befriedigend erklären lassen kann und vor allem, ob es eine Frage der Schuld ist, die hier beantwortet werden soll. Terje hat früh einschneidende Verluste erlitten, die ihn sein Leben lang prägten, aber ist es wirklich so einfach? Tiller lässt seine Leser das Geschehen selbst einordnen, und das ist gut so. Ich habe immer wieder gehadert mit der chronologisch umgekehrten Weise des Erzählens. Es liegt auf der Hand, dass sie Vor- und Nachteile hat. Einerseits ist es spannend, erst von einem Ereignis zu lesen und danach von dem, was unmittelbar auf dieses Ereignis hingeführt hat. Andererseits bricht die Erzählung immer wieder ab, wo man sie gerade ganz einfach nicht verlassen möchte. Auch lässt Tiller bewusst immer wieder größere Zeitabschnitte unter den Tisch fallen, so dass Leerstellen bleiben. Es wäre interessant, „Der Beginn“ nach Beenden der Lektüre noch einmal in umgekehrter Reihenfolge zu lesen, also chronologisch vom Damals ins Heute. Ob Tiller seinen Roman auf diese Weise geschrieben und später die Kapitel umgekehrt angeordnet hat? „Der Beginn“ erscheint bei uns im Vorfeld zur Frankfurter Buchmesse, wo Norwegen in diesem Jahr Gastland ist. Carl Frode Tiller wird dort sein, um diese oder ähnliche Fragen zu beantworten. Sein Roman gibt tiefe und schonungslose Einblicke in ein Leben, das mit der Zeit aus den Fugen gerät und hallt auch einige Zeit nach Beenden der Lektüre noch nach.

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Vita

Carl Frode Tiller, geboren 1970, ist ein norwegischer Autor, Historiker, Musiker und Komponist. Er gilt als Meister der psychologischen Zwischentöne. Seine Romane sind vielfach preisgekrönt und in 22 Sprachen übersetzt. Er gilt als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren Norwegens.

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