Der Gott der Stadt

Roman

(3)
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Am Anfang steht der Tod. Jemand versinkt zwischen geborstenen Eisschollen und eine Leiche baumelt von der Decke eines Theaters. Die Todesfälle liegen Jahrzehnte auseinander, doch es ist der gleiche Todestag: der 16. Januar. Im Winter 1912 ertrank Georg Heym beim Schlittschuhlaufen, 1995 werden die Novizen einer elitären Schauspielschule im gerade wiedervereinten Berlin auf sein verrätseltes Faust-Fragment angesetzt. Angestachelt von ihrem Professor verstricken sie sich immer tiefer in den Gedankenlabyrinthen des genialischen Dichters. Der psychologische Druck steigt, Konkurrenz entflammt, Wahn und Wirklichkeit beginnen zu verschwimmen. Dann wird ein Toter auf der Probebühne der Schule gefunden. War es Mord, Selbstmord - oder doch ein Teufelspakt?

»So viel Lesevergnügen bei so viel stofflicher und gedanklicher Tiefe hat man selten.«

Olaf Przybilla / Süddeutsche Zeitung (03. September 2019)

ORIGINALAUSGABE
Hardcover mit Schutzumschlag, 672 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87566-8
Erschienen am  19. August 2019
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Das Leben ein Traum

Von: Frau Lehmann

12.10.2019

1995. Hochschule für Schauspielkunst Erwin Piscator Berlin. Die Erstsemester im Fachbereich Schauspielregie sollen gemeinsam ein Konzept für die Aufführung eines Faust-Fragments des Schriftstellers Georg Heym entwickeln. Angestachelt von Ehrgeiz, und grenzenloser Bewunderung für ihren Mentor, den Starregisseur Korbinian Brandner, und belastet mit diversen eigenen Problemen, gehen die Studenten dabei immer weiter an ihre Grenzen und darüber hinaus. Bis es zu einem Todesfall kommt. Weggesuchtet. Ein Wort, bei dem sich jedes Mal meine Nackenhaare hochstellen, wenn ich es in einer Rezension lese. Und doch ist es das erste, was mir in den Kopf kommt, wenn ich an diesen Roman denke. Einen Tag und eine Nacht habe ich mit diesem über 600 Seiten starken Buch verbracht, im letzten Drittel schon gewaltig mit dem Schlaf kämpfend, aber ich wollte es nicht weglegen, wollte unbedingt weiterlesen. Dabei könnte ich nicht einmal sagen, ob der Roman gut oder mittelmäßig ist. Ob jemand, der die darin beschriebene Welt nicht kennt, ihn genauso spannend fände, genauso plausibel. Ich habe gelesen und mich erinnert. An all die Tanzsäle, in denen ich Blut und Schweiß gelassen habe, an all die Lehrer, die wir grenzenlos verehrt haben, obwohl sie im Nachhinein betrachtet, das Wort Pädagogik vermutlich nicht einmal hätten buchstabieren können, an die Euphorie bei einem Lob, sei es auch noch so klein und im Vorbeigehen gemurmelt, an die weltenzerstörende Kraft einer Kritik, die selten fördernd, sondern meist einfach nur weit unter der Gürtellinie lag. Tanz, nicht Schauspiel. Aber so gleich in den Abläufen. Die Erwin Piscator-Hochschule gibt es nicht. Aber sicherlich ein Dutzend andere, die genau so funktionieren. In denen ehemalige Sänger/Tänzer/Schauspieler ihr Wissen weiter geben, mal im besten Sinne, indem sie es teilen und den Nachwuchs nach Kräften fördern und mal gedankenlos niedermachend, im Glanze ihrer eigenen Wichtigkeit, nicht ahnend, was ihr bedenkenlos verteiltes Gift anrichten kann. Erinnert habe ich mich auch an die Freude zu lernen. Wissen anzusammeln über mein Fachgebiet, intensiv ein Thema zu erarbeiten, Neuland zu erobern. Wie bei mir nicht anders zu erwarten, stapeln sich hier die Bücher zum Thema Theater, zu Tanz- und Theatergeschichte, Anatomie, Künstlerbiographien, Bildbände. Das alles findet sich in diesem Roman. Dazu kommt die Spannung der Wendejahre, als Osten und Westen in den Köpfen noch geteilt waren. Die Piscator liegt in Ostberlin, die Lehrer stammen noch aus den alten DDR-Theaterzeiten, Christiane Neudecker bindet sie sehr geschickt in die dortige Theaterlandschaft ein. Die Erstsemester sind zum Großteil aus dem Westen. Welten treffen aufeinander, Traditionen treffen auf Unverständnis. "Für mich ist "Der Gott der Stadt" ein großartiges Buch, das mich sprachlich und inhaltlich überzeugen konnte. Weggesuchtet.

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Ein Faust-Fragment von Georg Heym

Von: Marina Büttner

01.09.2019

Es ist das erste Buch, dass ich von Christiane Neudecker lese. Bei der Premiere ihres neuen Romans „Der Gott der Stadt“ erfuhr ich nun mehr über sie und ihr Schreiben. Im Literaturhaus Berlin sprach sie mit Insa Wilke über die Entstehung des Romans und las einige Passagen. Die Standardfrage nach dem autobiographischen Hintergrund wurde auch hier gestellt und war auch schlüssig. Denn ihr Roman spielt in einer Regie-Klasse der in der DDR hoch angesehenen Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin in den Nachwendejahren. Die aus Nürnberg stammende 1974 geborene Neudecker hat ebenso in dieser Zeit dort studiert. Im Roman heißt die Schule Piscator-Schule und die Regie-Klasse die unter dem charismatischen, von den Schülern angebeteten Regisseur und Professor Korbinian Brandner in die Regiearbeit eingeweiht wird, besteht aus lauter „Westdeutschen“, was im Roman auch eine Rolle spielt. Die Geschichte beginnt mit der Ich-Erzählerin Katharina, die von Nürnberg nach Berlin zieht und voller Träume in dieses Studium hineingeht. Zunächst erfahren wir mehr von ihr und begleiten sie durch die erste Zeit ihres Studiums. Sie himmelt Brandner an, hat aber zunächst so ihre Probleme mit den vier anderen Studenten. Als Brandner ihnen die Aufgabe stellt aus einem Fragment des 1887 geborenen, mit nur 25 Jahren tödlich verunglückten Georg Heym, das sich mit der Faust-Thematik beschäftigt, ein Stück zu kreieren, beginnt ein rasanter, geradezu teuflischer Konkurrenzkampf. “ … draußen donnerte es, eine dunkle Wolkendecke schob sich über den Innenhof der Bibliothek, der Gott der Stadt rang mit dem Fürsten der Finsternis, alles zog sich zu.“ Im Verlauf des Romans wechseln immer wieder die Erzählperspektiven, werden auch die privaten Hintergründe der anderen Studenten Schwarz, der eigentlich lieber Filmregisseur werden will, François, der sich am liebsten in Bücher verkriecht, Nele, die schon Schauspielerfahrung hat, aber auch ein kleines Kind, Tadeusz, der Brandner schon lange kennt und Brandners selbst und das was aktuell in ihnen vorgeht, näher beleuchtet. Gedicht von Georg Heym Buchvorstellung, moderiert von Insa Wilke Anthologie für expressionistische Dichtung "Menschheitsdämmerung" Schließlich beginnen Proben und die ersten Prüfungen zur Inszenierung, die Brandner am Todestag Heyms auf der öffentlichen Bühne sehen will. Doch obwohl alle auf ihre Weise mit dem Fragment umgehen, und etwas auf die Beine stellen, ist Brandner absolut nicht zufrieden. Er hat sich der alten (DDR-)Schule verschrieben und ist nicht bereit Zugeständnisse an abweichende oder modernere Entwürfe zu machen: „Wir psychologisieren nicht.“ Dies zeigt er seinen Schülern deutlich, er demütigt sie und geht schließlich soweit, das Stück aus dem Spielplan zu streichen. Dass Brandner womöglich dunkle DDR-Geheimnisse verbirgt, ahnen seine Schüler nicht. Seine Schüler, allen voran Nele und die ehrgeizige Katharina, entscheiden nun unkonventionellere Wege zu gehen und proben heimlich auf der Probebühne auf ihre Weise. Das schweißt sie zusammen. Als schließlich ein Probetermin von François Szene um Mitternacht angesetzt wird, da es sich um eine spiritistische Sitzung handeln soll, laufen die Ereignisse aus dem Ruder. Denn François hat sich in satanistische Kreise begeben, um möglichst nah am teuflischen Geschehen im Faust zu sein … Diese Nacht hat für alle Konsequenzen. Christiane Neudecker hat einen unglaublich starken Roman geschrieben. Hier passt alles. Er ist spannend und stimmig konstruiert, die Figuren sind exakt ausgearbeitet und kommen einem nah, wenngleich einige sehr unsympathisch sind, die Sprache passt und das Setting im Schauspielbetrieb ist höchst aufschlussreich. Mich hat die Lektüre von Heym-Gedichten durch den Roman begleitet. Ich liebe es, wenn Romane Türen zu weiteren Texten und Autoren öffnen. Unten das namengebende Gedicht von Georg Heym, mit anderen in der empfehlenswerten expressionistischen Anthologie „Menschheitsdämmerung“ veröffentlicht: Der Gott der Stadt Auf einem Häuserblocke sitzt er breit, Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit Die letzten Häuser in das Land verirrn. Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal, Die großen Städte knien um ihn her. Der Kirchenglocken ungeheure Zahl Wogt auf zu ihm aus schwarzer Träume Meer. Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik Der Millionen durch die Straßen laut. Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blau. Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen. Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt. Die Stürme flattern, die wie Geier schauen Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt. Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust. Er schüttelt sie. Ein Meer aus Feuer jagt Durch eine Straße. Und der Glutqulam braust Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt. Ich bin begeistert und beeindruckt und empfehle dieses Leseerlebnis uneingeschränkt. Ein diabolisches Leuchten!

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Vita

Christiane Neudecker, geb. 1974, studierte Theaterregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und lebt als freie Schriftstellerin und Diplom-Regisseurin in Berlin. Seit 2001 arbeitet sie mit dem Künstlerkollektiv phase7 zusammen, u.a. am Forum Neues Musiktheater, bei den Internationalen Festspielen Bergen oder dem New Vision Arts Festival Hongkong. Für die Deutsche Oper Berlin verfasste sie das Libretto zu »Himmelsmechanik - eine Entortung«. Christiane Neudecker wurde für ihre Romane und Kurzgeschichten mit zahlreichen Literaturpreisen gewürdigt. Ihr neuer Roman »Der Gott der Stadt« (2019) wurde bereits im Vorfeld mehrfach ausgezeichnet, die zuletzt erschienene »Sommernovelle« (2015) erreichte die SPIEGEL-Bestsellerliste und war NDR Buch des Monats.

www.christianeneudecker.de

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Events

13. Nov. 2019

Lesung

19:30 Uhr | Berlin | Lesungen
Christiane Neudecker
Der Gott der Stadt

25. Nov. 2019

Lesung

19:30 Uhr | Düsseldorf | Lesungen
Christiane Neudecker
Der Gott der Stadt

06. Dez. 2019

Lesung

20:00 Uhr | Nürnberg | Lesungen
Christiane Neudecker
Der Gott der Stadt

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Pressestimmen

»Christiane Neudeckers Fähigkeit, Georg Heyms Literatur, deutsche Geschichte und ihre Erzählung um die fünf Regiestudenten zu verweben, ist faszinierend.«

Damaris Diener / MDR Kultur (05. Oktober 2019)

»Christiane Neudecker zieht die teuflische Schlinge aus Obsession und Machtspielen immer enger, bis man auf der letzten Seite atemlos auftaucht. Brillant!«

Julia Schmitz / tip Berlin (08. August 2019)

»Eine spannende Mischung aus einer Geschichte über das Erwachsenwerden, einem Krimi (jemand erhängt sich im Theater) und einem Spiel mit den literarischen Vorlagen.«

Peter Romir / Nürnberger Nachrichten (15. August 2019)

»Ein fesselnder und vielschichtiger Roman«

Irene Binal / Ö1 (06. Oktober 2019)

»Darüberhinaus versteht es Neudecker grandios, sowohl den Ensemblegeist der Truppe zu beschwören, als auch die Intrigen und Machtspiele untereinander in brutaler Detailfreudigkeit zu skizzieren.«

Reinhard Kalb / Nürnberger Zeitung (20. August 2019)

»Eine der interessantesten und spannendsten Autorinnen der Gegenwart – eine, die sich in keine Schubladen pressen lässt und die Leser immer wieder überrascht.«

Julia Hofmann / BR Fernsehen (12. September 2019)

Weitere Bücher der Autorin