Lob des Schattens

Entwurf einer japanischen Ästhetik

Mit Illustrationen von Suishu Klopfenstein-Arii
(3)
Hardcover
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«Wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so gibt es ohne Schattenwirkung keine Schönheit.»

Am Beispiel des Umgangs mit Licht und Schatten gelingt Tanizaki Jun’ichiro der faszinierende Entwurf einer japanischen Ästhetik. Kunstfertig und mit Leichtigkeit ergründet sein Essay die Wurzeln fernöstlicher Schönheit.

Ob Gärten, Häuser oder Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs – im Umgang mit Licht und Schatten liegt der Schlüssel zum Verständnis japanischer Ästhetik. Gerade das Halbdunkel und die irritierende Düsternis bringen den Glanz bestimmter Materialien aufs Eindrücklichste zur Geltung. Die Eleganz lackierter Flächen, das Glitzern der Gold- und Silberfäden alter Gewebe entfalten sich ausschließlich im Schattenspiel zwischen den Objekten. Farbe und Struktur japanischen Papiers rückt erst der Dämmerschein ins rechte Licht. «Das, was man als schön bezeichnet, entsteht in der Regel aus der Praxis des täglichen Lebens heraus. So entdeckten unsere Vorfahren, die wohl oder übel in dunklen Räumen leben mussten, irgendwann die dem Schatten innewohnende Schönheit, und sie verstanden es, den Schatten einem ästhetischen Zweck dienstbar zu machen», erklärt Tanizaki Jun’ichiro.

Einen besorgten Blick richtet er Richtung Westen. Denn was bedeuten der Siegeszug des elektrischen Lichts und gleißender Helligkeit für die jahrtausendealten Schönheitsvorstellungen seiner Heimat? An der Wende zur Moderne geschrieben, wurde Tanizakis berühmter Essay zum «ästhetischen Testament Japans» (Neue Zürcher Zeitung).

In bibiophiler Ausstattung mit einem Schutzumschlag aus Naturpapier, gebunden in schwarzes, geprägtes Strukturpapier, mit einer Original-Kalligraphie.

«Überlebensstrategien im Kampf gegen das ewig Hässliche. Tanizakis Band könnte den vom Fortschrittsdenken erschöpften Europäer retten... Bei Tanizaki kommt das Menschenrecht des Auges zur Geltung.»

Süddeutsche Zeitung, 10.11.2007

Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein
Mit Illustrationen von Suishu Klopfenstein-Arii
Hardcover mit Schutzumschlag, 96 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
1 Kalligrafie
ISBN: 978-3-7175-4082-3
Erschienen am  27. September 2010
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Lob des Schattens

Von: AZ

16.03.2020

Jun’ichirō Tanizakis Essay „Lob des Schattens“ ist ein wichtiges Dokument zum Verständnis japanischer Ästhetik und Kultur der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Hier denkt der japanische Schriftsteller und Essayist über den Einbruch der Moderne in die japanische Lebensweise nach. Im Jahre 1933 als Zeitschriftenartikel veröffentlicht, wird dieser Essay zu einem historischen Dokument, das uns wertvolle Informationen zur japanischen Architektur, Traditionen und Lebensräumen vermittelt. Eingeteilt in kleine, leicht lesbare Abschnitte, ist der Text nicht ohne Humor. Die ersten Abschnitte, zum Beispiel, handeln von der (negativen) Rolle des Lichtes, also Helligkeit, in Badezimmern, ein Ort, den bereits Meister Sōseki mit einem physiologischen Wohlgefühl (S. 12 & 15) in Verbindung brachte. Gestört werde dieses Gefühl des Behagens durch das unangebrachte Licht der modernen Badezimmern europäischen Stils. Wir erfahren, und dies ist das zentrale Anliegen des Essays, dass das (elektrische) Licht aufdringlich ist und in unkontrolliertem Einsatz die Harmonie und innere Ruhe des japanischen Lebensraumes stört. Tanizaki stellt Überlegungen zur Lichtqualität von japanischem und chinesischem Papier an, aber auch zu japanischer Lackarbeit. Über diese schreibt Tanizaki (S. 29): „Es ist in der tat berechtigt, «Dunkelheit», zu den notwendigen Bedingungen zu rechnen, wenn die Schönheit einer Lackarbeit beurteilt werden soll.“ Doch er bleibt nicht bei dieser Beobachtung und gelangt von einer Beschreibung der Schönheit der japanischen Lackarbeit zu einer Meditation über die japanische Kultur des Essens (S. 32): „Wenn ich die Suppenschale vor mir habe, wenn ich die Schale singen höre mit jenem ganz leisen, wie von einem fernen Insekt herstammenden Ton, der gleichsam ins Innerste des Ohrs einsickert, wenn ich meine Sinne auf den Vorgeschmack der Speise richte, die ich gleich kosten werde, dann fühle ich mich immer in einen Zustand der Selbst­ver­ges­sen­heit versetzt.“ Tanizaki schließt seinen Essay mit einem Programm für sein eigenes literarisches Schaffen (S. 80): „Ich jedenfalls möchte versuchen, unsere schon halb verlorene Welt der Schatten wenigstens im Bereich des literarischen Werkes wieder aufleben zu lassen.“ Dieser Essay ist aber auch das Testament einer tiefen Iden­ti­täts­kri­se, mit der sich jede Gesellschaft, nicht nur die japanische, zu Umbruchzeiten konfrontiert sehen muss. Die Kri­se wird ausgelöst durch den Fortschritt und die Industrialisierung, die aber nicht japanischen Ursprungs sind, und somit Eigenheiten der einheimischen Kultur nicht berücksichtigen können. Die Konfrontation mit einer fremden Kultur, die der Auslöser der Veränderungen ist, verschärft den Konflikt zwischen Tradition und Kultur auf der einen Seite und Fortschritt und Pragmatismus auf der anderen. Tanizakis Überlegungen zur Re­for­mie­rung der japanischen Schrift finden Parallelen in anderen Kulturen und Ländern, wie zum Beispiel in der Türkei und Ländern, wo die arabische Schrift im Einsatz ist. Der Text ist lesbar und zugänglich, Tanizakis Gedankengänge leicht nachvollziehbar. Man sollte diesen aufschlussreich Text nicht nur als eine Abhandlung über japanische Ästhetik lesen, sondern auch als ein Essay über Tradition, Pragmatismus und Einbruch der Moderne. Thematisch lassen sich sehr einfach Parallelen zu anderen Gesellschaften ziehen. Eine Zeittafel, Anmerkungen und eine biografische Notiz erleichtern den Zugang zum Essay. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Manesse Verlag und dem Bloggerportal der Verlagsgruppe Random House für das Leseexemplar.

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Empfehlenswert!

Von: Marlon - Die Buchblogger

04.11.2017

Versprochen hatte ich mir von diesem Buch einen Text über Kunst, Architektur und deren Verhältnis zu Licht und insbesondere: Schatten. Ich wusste schon, dass Schatten eine große Wirkung haben können, dachte aber, eine weite Sicht durch eine Person, die sich über einen langen Zeitraum Gedanken zu dem Thema gemacht hat, könnte mir noch mehr interessante Informationen bringen. Außerdem wollte ich nach meinem Murakami-Flop im letzten Jahr noch einmal einen asiatischen Autoren ausprobieren, um zu sehen, ob es wirklich generell am geografischen Unterschied lag, oder ob mich Murakami allein damals einfach nicht überzeugen konnte. Und es ging auch sehr gut los! Im ersten Drittel geht Tanizaki (das ist der Nachname) stark auf die japanische Architektur ein und dabei auch wie und warum sie so eng mit Schatten und besonderen Lichteinwirkungen verbunden ist. Er beschreibt zum Beispiel, wieso die shoji, die traditionellen, mit Papier bespannten Holzrahmen, ein so wichtiger Bestandteil von japanischen Häusern sind und wieso sie nur funktionieren, wenn ein bestimmtes – lichtdämmendes, am besten noch mit Goldfäden durchzogenes – Papier in sie eingelegt wird. Er stellt die These auf, dass Schatten einem Raum und sogar einem ganzen Ort, egal ob drinnen oder draußen, eine ganz neue Kraft verleihen können und oft auch erst bestimmte Stellen so besonders machen. Aber er bleibt nicht nur bei Thesen! Er stellt nicht nur fest, sondern versucht auch alles mit Beispielen zu erklären und erläutert immer seine Ideen, ohne dabei etwas vorzuschreiben, sondern betont extra jederzeit, dass es seine Meinung ist, über die er hier schreibt. Der Teil über Architektur nimmt etwas ein Drittel des Buches ein. Danach redet er größtenteils über japanisches Theater und wieso es so „magisch“ wirkt. Aber ganz ehrlich, so interessant war das für mich nicht. Ich bin kein Japan-Fan und plane auch keine Reise in diese Richtung in der nächsten Zeit, aber jemand, der sich für so etwas oder die japanische Kultur im generellen interessiert, könnte daran echt Spaß haben, da er auch hier nicht nur oberflächlich bleibt, sondern auch tiefgreifendere Aspekte erläutert. Der Schreibtil von Tanizaki hat mir sehr gut gefallen. Er weiß, wie man es ausdrücken muss, wenn man seinen Standpunkt erklären will und dabei den Leser auch noch unterhalten möchte. Ich könnte mir auch vorstellen, dass sein Schreibstil sehr klassisch asiatisch ist und deshalb wundere ich mich, dass mir dieses Buch auch so gut gefallen hat und ich es so schnell lesen konnte durchgelesen habe. Bei Murakami hatte ich immer das Gefühl, seine Bücher wären sehr „kalt“ und irgendwie sogar deprimierend, aber das hier war eher entspannt und hat bildhaft von japanischen Buchten und Bergregionen erzählt. Trotzdem muss man ihn als Autoren auch im historischen Kontext sehen: er veröffentlichte diesen langen Essay 1933 in einer Zeitung und schreckte – wie so viele zu dieser Zeit – auch nicht zurück, von „der asiatischen Rasse“ oder „Negern“ zu sprechen. Trotzdem muss ich darauf hinweisen, das diese Aspekte nur sehr kurz auftreten und ich nach dieser Lektüre Tanizaki nicht als Rassisten bezeichnen würde. Denn im Grunde geht es ihm nur um die Unterschiede zwischen westlichen Ländern und China und Japan. Er kritisiert zwar indirekt, dass „der Westen“ Asien überannt habe und die traditionellen Kulturen dort mit Dingen wie elektrischem Licht vertrieben habe (und somit auch seine geliebten Schatten), aber macht auch klar, dass es zu großen Teilen auch Asiens eigene Schuld war. Er geht der Ansicht nach, dass viele Erfindungen anders funktionieren und aussehen würden, wären sie von Asiaten erfunden. Da sie jedoch von Amerikanern, Deutschen, Engländern und vielen anderen Europäern für den Weltmarkt hergestellt wurden, gingen diese Geräte nicht auf die Kulturen in Asien ein und passen somit zum Beispiel nicht zu traditionell japanischer Architektur oder Theaterkunst. Er selbst wurde 1886 in Tokio geboren und hat somit eine starke Verbindung zu der Kultur des Landes. Dadurch, dass er in einer Kaufmannsfamilie aufgewachsen und viel gereist ist, kann er von vielen verschiedenen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken berichten – Egal ob er von legendären Luxu-Hotels schreibt oder von kleinen Lehmhütten auf dem Land. Er wirkt sehr gelehrt und erfahren in dem was er tut und gibt seinem Buch eine gewissen „Entspanntheit“, die man manchmal bei solchen Büchern vermisst. Loben möchte ich auch an dieser Stelle wieder die besondere Aufmachung des Buches. Wie jedes Manesse-Buch sind die Seiten sehr qualitativ und man hat sich Gedanken über das komplette Gestaltungspaket gemacht. Ich mag das reduzierte Cover mit den gedeckten Farben. Besonder wichtig ist hierbei wohl das Material aus dem der Schutzumschlag gefertigt wurde. Er besteht aus einem dicken, etwas unsauberen Papier, dass eher eine leicht gelbliche Farbe hat. Tanizaki geht in diesem Buch auf den Unterschied zwischen komplett weißem und leicht getöntem, handgearbeitetem Papier ein und so würde diese Aufmachung wohl auch dem Autoren selbst gefallen. Wie man es von Manesse kennt, gibt es auch bei diesem Buch wieder Anmerkungen und biografische Notitzen am Ende des Buches, die einige – darunter besonders die japanischen – Begriffe für den Leser sehr verständlich und gut erläutern. Dazu kommt noch ein kleine Übersicht der Epochen der japanischen und chinesischen Geschichte, die für mich zwar nicht so wichtig waren, wie die Anmerkungen, aber auch beim Lesen hin und wieder helfen können. Gefallen hat mir auch die Übersetzung von Eduard Klopfenstein, die sehr durchdacht und hochwertig gewirkt hat. Alles in allem ein gutes Buch, dass viele Aspekte abdeckt, die die Kraft von Schatten beleuchten. Eine Empfehlung besonders für Japan-Fans! – 3/5 Sterne

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Vita

Jun'ichiro Tanizaki

Tanizaki Jun'ichiro (1886-1965) wurde in Tokio geboren. Beide Eltern stammten aus alten Kaufmannsfamilien. Der hochbegabte Jun'ichiro, der schon in der Schule durch stilistische Glanzleistungen Aufsehen erregt hatte, studierte in Tokio englische und japanische Literatur. Er verließ die Universität jedoch ohne Abschluss und entschied sich für die Schriftstellerlaufbahn. Beeinflusst von Oscar Wilde, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und seinem Lehrer Nagai Kafu nahm er von Anfang an einen antinaturalistischen Standpunkt ein und wurde zum Bannerträger des Ästhetizismus. Sein Hauptthema ist die Suche nach Schönheit und nach einer oft übersteigerten, sich am Rande des Abartigen bewegenden Sinnlichkeit und Erotik.
1923 zog er in das Gebiet von Kyoto-Osaka und wandte sich vermehrt der traditionellen Kultur zu. Sein Hauptwerk, der umfangreiche Familien- und Gesellschaftsroman «Sasame yuki» («Feiner Schnee»), entstand 1943-1948. Tanizaki schreibt eine breit angelegte, kraftvolle, präzise Prosa.
Der lange Essay «In'ei raisan» («Lob des Schattens», 1933) ist ein Schlüsselwerk für Tanizakis Ästhetik, zeugt sowohl von seinem ausgeprägten Sensualismus wie für seine Hinwendung zur Tradition und reflektiert in einzigartiger Weise die Situation des Umbruchs, die Spannung zwischen Alt und Neu, zwischen Ost und West, in der sich Japan in den dreißiger Jahren befand und noch heute befindet.

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Pressestimmen

»Außerordentlich schöne und kundig kommentierte Ausgabe.«

SWR 2 Forum Buch (08. Mai 2011)

«Tanizaki setzt einer elektrisch erhellten westlichen Welt mit weißen Wänden und strahlendem Besteck ein abgedunkeltes japanisches Schönheitsideal mit bewusster Patina alten Teegeschirrs entgegen.»

Architektur aktuell, 1.8.2007

«Der heute noch lesenswerte Essay gilt als ‹ästhetisches Testament Japans›.»

SonntagsBlick Magazin (CH) (17. Juli 2016)

»Ein Muss für alle, die sich für Form und Gestaltung - nicht nur die japanische - interessieren.«

sandammeer.at, 14.10.2010