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Lob des Schattens Entwurf einer japanischen Ästhetik

Mit Illustrationen von Suishu Klopfenstein-Arii

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Gebundenes Buch mit Schutzumschlag ISBN: 978-3-7175-4082-3

Erschienen: 27.09.2010
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«Wie ein phosphoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so gibt es ohne Schattenwirkung keine Schönheit.»

Am Beispiel des Umgangs mit Licht und Schatten gelingt Tanizaki Jun’ichiro der faszinierende Entwurf einer japanischen Ästhetik. Kunstfertig und mit Leichtigkeit ergründet sein Essay die Wurzeln fernöstlicher Schönheit.

Ob Gärten, Häuser oder Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs – im Umgang mit Licht und Schatten liegt der Schlüssel zum Verständnis japanischer Ästhetik. Gerade das Halbdunkel und die irritierende Düsternis bringen den Glanz bestimmter Materialien aufs Eindrücklichste zur Geltung. Die Eleganz lackierter Flächen, das Glitzern der Gold- und Silberfäden alter Gewebe entfalten sich ausschließlich im Schattenspiel zwischen den Objekten. Farbe und Struktur japanischen Papiers rückt erst der Dämmerschein ins rechte Licht. «Das, was man als schön bezeichnet, entsteht in der Regel aus der Praxis des täglichen Lebens heraus. So entdeckten unsere Vorfahren, die wohl oder übel in dunklen Räumen leben mussten, irgendwann die dem Schatten innewohnende Schönheit, und sie verstanden es, den Schatten einem ästhetischen Zweck dienstbar zu machen», erklärt Tanizaki Jun’ichiro.

Einen besorgten Blick richtet er Richtung Westen. Denn was bedeuten der Siegeszug des elektrischen Lichts und gleißender Helligkeit für die jahrtausendealten Schönheitsvorstellungen seiner Heimat? An der Wende zur Moderne geschrieben, wurde Tanizakis berühmter Essay zum «ästhetischen Testament Japans» (Neue Zürcher Zeitung).

In bibiophiler Ausstattung mit einem Schutzumschlag aus Naturpapier, gebunden in schwarzes, geprägtes Strukturpapier, mit einer Original-Kalligraphie.

Besprechung der Werke von Tanizaki Jun'ichiro im Blog "Kölner Leselust" Zum Blog-Beitrag

«Überlebensstrategien im Kampf gegen das ewig Hässliche. Tanizakis Band könnte den vom Fortschrittsdenken erschöpften Europäer retten... Bei Tanizaki kommt das Menschenrecht des Auges zur Geltung.»

Süddeutsche Zeitung, 10.11.2007

Jun'ichiro Tanizaki (Autor)

Tanizaki Jun'ichiro (1886-1965) wurde in Tokio geboren. Beide Eltern stammten aus alten Kaufmannsfamilien. Der hochbegabte Jun'ichiro, der schon in der Schule durch stilistische Glanzleistungen Aufsehen erregt hatte, studierte in Tokio englische und japanische Literatur. Er verließ die Universität jedoch ohne Abschluss und entschied sich für die Schriftstellerlaufbahn. Beeinflusst von Oscar Wilde, Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und seinem Lehrer Nagai Kafu nahm er von Anfang an einen antinaturalistischen Standpunkt ein und wurde zum Bannerträger des Ästhetizismus. Sein Hauptthema ist die Suche nach Schönheit und nach einer oft übersteigerten, sich am Rande des Abartigen bewegenden Sinnlichkeit und Erotik.
1923 zog er in das Gebiet von Kyoto-Osaka und wandte sich vermehrt der traditionellen Kultur zu. Sein Hauptwerk, der umfangreiche Familien- und Gesellschaftsroman «Sasame yuki» («Feiner Schnee»), entstand 1943-1948. Tanizaki schreibt eine breit angelegte, kraftvolle, präzise Prosa.
Der lange Essay «In'ei raisan» («Lob des Schattens», 1933) ist ein Schlüsselwerk für Tanizakis Ästhetik, zeugt sowohl von seinem ausgeprägten Sensualismus wie für seine Hinwendung zur Tradition und reflektiert in einzigartiger Weise die Situation des Umbruchs, die Spannung zwischen Alt und Neu, zwischen Ost und West, in der sich Japan in den dreißiger Jahren befand und noch heute befindet.

«Überlebensstrategien im Kampf gegen das ewig Hässliche. Tanizakis Band könnte den vom Fortschrittsdenken erschöpften Europäer retten... Bei Tanizaki kommt das Menschenrecht des Auges zur Geltung.»

Süddeutsche Zeitung, 10.11.2007

»Außerordentlich schöne und kundig kommentierte Ausgabe.«

SWR 2 Forum Buch (08.05.2011)

«Tanizaki setzt einer elektrisch erhellten westlichen Welt mit weißen Wänden und strahlendem Besteck ein abgedunkeltes japanisches Schönheitsideal mit bewusster Patina alten Teegeschirrs entgegen.»

Architektur aktuell, 1.8.2007

«Der heute noch lesenswerte Essay gilt als ‹ästhetisches Testament Japans›.»

SonntagsBlick Magazin (CH) (17.07.2016)

»Ein Muss für alle, die sich für Form und Gestaltung - nicht nur die japanische - interessieren.«

sandammeer.at, 14.10.2010

Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein

Mit Illustrationen von Suishu Klopfenstein-Arii

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 96 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
1 Kalligrafie

ISBN: 978-3-7175-4082-3

€ 14,95 [D] | € 15,40 [A] | CHF 19,90* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Manesse

Erschienen: 27.09.2010

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Tanizaki Jun'ichiro: Lob des Schattens

Von: Stephanie Jaeckel Datum: 25.10.2015

www.klunkerdesalltags.wordpress.com

Für die Menschen in Japan werden Europäer wohl immer mit den Errungenschaften der Moderne in historischer Erinnerung bleiben, als die Überbringer des elektrischen Lichts, der glänzenden Oberflächen und der gnadenlosen Sauberkeit. Weiße im durchgängigsten Sinn des Wortes, die mit ihrer schattenlosen Haut und den hypermodernen Einrichtungen die Asiaten das Fürchten lehrten. Und sie dennoch zur schleunigsten Nachahmung animierten. Denn in dem sich nach Jahrhunderten der restlichen Welt öffnenden Japan war nichts angesagter, als den Anschluss an den Westen schnellstmöglich zu gewinnen. Von 1868 an durchlief das “Land der aufgehenden Sonne” einen Modernisierungsschub, der die Industrialisierung in wenigen Jahrzehnten abwickelte und auf den neusten Stand brachte. Preußen war übrigens das überragende Vorbild – sowohl in staatlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht – für die japanische Regierung, Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war damals noch nicht aus dem europäischen Schatten getreten.

Wahrscheinlich war es in den ersten Jahren, Jahrzehnten gar keine Frage, den Anschluss an die “Zivilisation” zu suchen. Aber nach einem halben Jahrhundert Fortschritt im westlichen Sinn drängten sich Fragen auf. Denn das Neue fühlte sich trotz aller geschätzten Modernität fremd an. Das elektrische Licht war zu hell, die neuen Materialien wie Glas oder Marmor zu unflexibel und schwer, die Oberflächen zu glatt, um sich nahtlos in die japanische Kultur einzupassen. Gäbe es, so fragten sich japanische Intellektuelle, oder hätte es ohne die Invasion des Westens einen japanischen Weg zur Moderne gegeben? Und wie hätte er ausgesehen?

Einer dieser Intellektuellen ist Tanizaki Jun’ichirō (1886-1965), ein Schriftsteller aus Tokio, der neben Erzählungen und Romanen auch Essays über den japanischen Alltag schreibt, und sich hier wie da dem Zusammenspiel von (östlicher) Tradition und (westlicher) Moderne widmet. Sein Blick ist scharf, und was er bemerkt, während er einmal nach hier und einmal nach dort schaut, ist ein Schatten. Von dem ausgehend er die unterschiedlichen Kulturen regelrecht unter die Lupe nimmt.

“Wenn man einzelne Personen aus der Nähe betrachtet, scheint es Japaner zu geben, die weißer sind als Leute aus dem Westen, und umgekehrt westliche Menschen, die dunkler sind als Japaner; doch die Qualität dieser Weiße und dieses Dunkels ist verschieden. (…) Es (gibt) japanische Ladys, die in ihren Abendkleidern den Ausländerinnen in nichts (nachstehen) und auch weißere Haut hatten als sie; aber wenn sich auch nur eine von diesen Damen unter die Ausländer mischte, war sie aus der Entfernung sofort zu erkennen. Und zwar darum, weil sich bei Japanern, mögen sie noch so hellhäutig sein, im Weiß eine leichte Schattierung bemerkbar macht. (…) Besonders in den Fingergabelungen, um die Nasenflügel, im Genick und dem Rückgrat entlang ergibt sich eine schwärzliche Tönung wie von einer Staubschicht. Die Haut von westlichen Menschen ist hingegen am Grunde immer hell und durchsichtig (…) vom Scheitel bis zu den Fingerspitzen sind sie von einem klaren, unvermischten Weiß.” (61/62)

Die Beobachtung ist fast schon indiskret, aber für Tanizaki Jun’ichirō keineswegs eine anstößige Bemerkung. Für ihn ist der Unterschied eine Art Basis für die Unterschieden zwischen Ost und West und ein Plädoyer für den Schatten. Was mich laut zum Lachen gebracht hat, ist der Vorschlag des Autors, die Toilette als Schlüssel für eine gelungene Architektur zu betrachten. Deshalb, weil ich seit Jahren predige, über neue Häuser (und damit sind meist Museen gemeint) kein Urteil zu fällen, bevor man nicht die Toilette besucht hat. Für einen Menschen aus dem Westen ist es aufregend zu lesen, wie sehr man in Japan bemüht war (und bis heute noch ist), ausgerechnet das WC in einen Ort des guten Geschmacks zu verwandeln. Keine Frage, dass sich Tanizaki Jun’ichirō – wenn auch höflich – über den Westen lustig macht, wo man diesen Ort als unrein behandelt und sich sogar scheut, in der Öffentlichkeit davon zu sprechen.

“Die Schönheit des Abgegriffenen”, so könnte man sein Lob des Schattens resümieren, weil das wahrhaft Schöne für ihn aus der täglichen Praxis entsteht. Nicht das Neue ist schön, sondern das, was immer schon da ist. Und die Dinge sind um so vollkommener, je schlichter sie sind und je natürlicher. Interessant bei Tanizaki Jun’ichirōs Schilderungen ist für mich, dass er Schönheit auch immer mit Vertrautheit und Wärme in Verbindung bringt. So schreibt er, sein Grauen vor Zahnärzten beruhe vor allem auf deren moderne Einbauten und den vielen glitzernden Gegenständen (dem Krach des elektrischen Bohrers ganz zu schweigen). Alte Dinge mit abgegriffenen, matten Oberflächen hingegen strahlen für ihn eine Wärme aus, die das menschliche Herz beruhigt. Selbst Papier ist für ihn nicht Papier, sondern ein Unterschied wie Tag und Nacht, wenn er das westliche Papier betrachtet, das das Licht zu reflektieren scheint, während japanische und chinesische Papiere “wie eine Fläche weichen, frisch gefallenen Schnees die Lichtstrahlen satt in sich aufsaugen.” (23)

Äußerst verblüffend fällt für mich sein Vergleich zwischen westlichen und östlichen Frauen aus. An manchen Stellen möchte ich laut lospoltern, oder mich über den männlichen Blick mokieren, und ich mag ihm in mancher Argumentation so gar nicht folgen, doch ist, was er schreibt, durchaus interessant. Zumal es stets den asiatischen Blick auf das Eigene und das Fremde zeigt, dem wir eben nur aus umgekehrter Richtung folgen können. Was soll ich sagen? Ein spannendes Buch für diejenigen, die bereits einige Erfahrung mit der japanischen Kultur gemacht haben oder sich gerade neu in diese Welt stürzen. Historische Hintergründe helfen sicher zum Verständnis der Lektüre, aber im Nachhinein weiß man nie, was man zuerst gesehen hat, das Huhn oder das Ei. An manchen Stellen kommt der Text arg altherrenhaft daher und ich weiß nicht, ob dies dem Autor oder seinem Übersetzer, dem 1938 geborenen Eduard Klopfenstein anzurechnen ist. Eine aktuelle Übersetzung würde mich auf jeden Fall zum nochmaligen Lesen verführen. Was wir – übrigens auch im Westen – dem Schatten verdanken, weiß ich seit der Lektüre noch einmal mehr zu schätzen.

Tanizaki Jun’ichirō: Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik. Aus dem Japanischen von Eduard Klopfenstein. Zürich 2002. Für das Rezensionsexemplar geht mein herzlicher Dank an Random-House.

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