Regenbeins Farben

Novelle

(3)
Hardcover
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Auf einem Friedhof in der Nähe der Einflugschneise eines Flughafens treffen sich regelmäßig drei Frauen, um die Grabstätten ihrer verstorbenen Männer zu pflegen: Lore Müller-Kilian, eine kapriziöse Industriellengattin mit Hang zur Champagner-Einsamkeit; die 80-jährige Kunstprofessorin Ziva Schlott sowie Karline Regenbein, eine bescheidene, im Abseits des Kunstbetriebs wirkende Malerin. Eines Tages taucht dort Eduard Wettengel auf. Auch er ist seit kurzem verwitwet. Mit einem Mal kommt Leben in die Trauergemeinschaft. Das weibliche Trio buhlt um die Gunst des Galeristen. Herrlich komische, bissig-schöne Verwicklungen nehmen ihren Lauf.

»So detailverliebt und farbig ihre Sprache ist, so zurückhaltend ist die Handlung dieser versponnenen Novelle.«

Meike Schnitzler / Brigitte (25. März 2020)

ORIGINALAUSGABE
Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-630-87601-6
Erschienen am  16. März 2020
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Trauerschwestern und Flügelwesen

Von: Atalante

05.07.2020

„Im Halbdurchsichtigen drei Nereiden, aus ihren Höhlen am Grunde des Meeres gestiegen, hoch zu ihrem Gott, der auf einem Fabelwesen über Wellen reitet, vorne Pferd, hinten Fisch. Nymphen umkreisen ihn, und er erfleht ihre Gesellschaft, spielt den Schiffbrüchigen, den sie beschützen, besingen, begleiten sollten. Doch die Nymphen treiben andere Spiele. Im Wasser schwesterlich schwebend, sind die Seefrauen, die nur sich selbst unterhalten, in kecken Spielen plaudernd, mit Delfinen singend. Während der Gott um Rettung seiner Mächtigkeit fleht, zwingt er sein Reittier zu einer schaumschlagenden Levade. Poseidon, der Poser! Der Hippokamp trägt in durch die brodelnde Brühe der Geschichte (…)“ Diese laut- und wortschönen Sätze verraten Kerstin Hensel als Lyrikerin, die ihre poetische Sprache auch in der Novelle „Regenbeins Farben“ verwendet. Darin vereint sie vier Personen zu einer besonderen Gemeinschaft. Fast ein volles Jahr währt diese, lediglich drei Minuten fehlen, wie die punktgenauen Datierungen im ersten und letzten Kapitel zeigen. Auch wenn der Tod als Motiv diese Novelle durchzieht und ein Teil der Handlung kammerspielartig auf einem Friedhof stattfindet, handelt es sich keineswegs um ein trauriges Buch. Als Trauerbuch hingegen ließe es sich sehr wohl bezeichnen, denn es erzählt, wie man Trauer bewältigt und sich von der Vergangenheit befreit. Die Kunst ist dabei das Mittel der Wahl. Dies zeigen schon die ersten Kapitel, in denen uns die Friedhofsgemeinschaft vorgestellt wird. Die Malerin Karline Regenbein ist die Jüngste, an Alter wie an der Dauer ihrer Trauer gemessen. Es folgen Eduard Wettengel, der Galerist, Lore Müller-Kilian, die ihr Mäzenatentum dem verstorbenen Gatten verdankt und schließlich die Älteste, Ziva Schlott, die Kunstprofessorin mit „Kippchen“. Alle vier kannten sich bereits bevor ihnen „der Tod eine tröstende Gemeinschaft organisiert hat“ in efeuumrankter Friedhofsstille, die laut vom Lärm der landenden Flugzeuge gestört wird. Vom unvermeidlichen Glockengeläut abgesehen und vom Gläserklirren, was die mit Hut und hohen Hacken ausgestattete Lore verursacht, sobald sie ihren Kristallkelch befüllt, natürlich mit Veuve Cliquot. Auch mit über Siebzig ist sie „lebensgierig als sei die Endstunde ihrer Existenz gegenwärtig“. An ihrer Seite kämpft Ziva Schlott, geborene Scharlach, hustend gegen den Efeu. Dass sie diesen Kampf mit Fünfundachtzig auf Dauer nicht gewinnen wird, ist ihr in sarkastischer Altersweisheit bewusst. Von dieser ist Karline noch weit entfernt. Zwar hat der Tod ihres Mannes sie von ebendiesen befreit, doch die wahre Freiheit wartet noch. Im Wege steht der Galerist Eduard, dem auch das Sehnen ihrer Grabnachbarinnen gilt. Als (Wett)engel auf dem Friedhof ist er der Hahn im Korb. Die Witwenkonkurrenz und das Witwergebahren inszeniert Hensel in perfekt konstruiertem Aufbau. Während der Haupterzählstrang in kurzen Kapiteln von Begegnungen und Befindlichkeiten der Protagonisten berichtet und schließlich in der Vernissage von „Regenbeins Farben“ gipfelt, gewähren lange Kapitel eine Rückschau auf die Entwicklung der Figuren. Diese erzählen auch von den Zuständen, von der Gesellschaft und vor allem vom Kunstverständnis, dem offiziellen und dem inoffiziellen, in der damaligen demokratischen Republik. Dies gelingt Hensel mit subtilem Humor. Humor zeigen schon die sonderbaren Namen in ihrem Ensemble. Noch deutlicher zeigt er sich in den Äußerlichkeiten und in den Lebensgeschichten ihrer Helden. So schmückt Wettengel, dessen Name Lore als „Mischung aus Spielhölle und Himmelsglück“ bezeichnet, „ein Bund fossiler Lockenpracht, das, die Schläfen am unteren Hinterkopf miteinander verbindend, unter der Mütze hervorquillt“. Seine schier unglaubliche Ehe findet ein Ende als seine unbefriedigte Frau ins Koma fällt, man könnte sagen einem Ehe-Annoiisma erliegt. Karlines Kindheit hingegen schildert Hensel in einem Märchenton, während für die Ehe mit Rüdiger Habich Kurzsätze genügen. Bisweilen taucht sie diese Verbindung aber auch ins Mythische. Dann erscheint Habich(t), der seiner Frau auch im Tode noch droht, als böser Zauberer, der die geraubte Karline im Ehegefängnis hält. Nicht nur die unglaublichen Begebenheiten in „Regenbeins Farben“ machen Spaß, sondern auch die Sprache Kerstin Hensels. Kunstvoll verknüpft sie Alliteration mit anderen Klangwiederholungen und verleiht durch Reihungen Rhythmus, „Sie zertritt die Eishaut der Pfützen vor der Friedhofspforte“. Es finden sich Wortschöpfungen, wie „Lockenkranzglatzkopf“. Witziges, wie die chinesische Delikatesse „goldbraun frittierte Kinderhände“, steht neben Tiefsinnigem, wenn das Glück als Jojo am Lebensfaden empfunden wird. Nicht vergessen werden dürfen die zahlreichen Naturbilder, die sich nicht nur in Karlines Nereiden-Gemälde mythisch aufladen. Zu entdecken gibt es Vieles, in dieser Novelle voller Flügelwesen.

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"Regenbeins Farben" von Kerstin Hensel

Von: Fraggle

16.04.2020

Fazit: Würde ich meine Rezensionen noch mit einer Überschrift versehen, die über die Nennung des Titels und der Autorin hinausgeht (warum tue ich das eigentlich nicht mehr?), so hätte diese Überschrift hier „Das Sterben der Anderen“ gelautet, und ich wäre angemessen stolz darauf gewesen. Aber eigentlich tut das hier nichts zur Sache, viel wichtiger ist es, eingangs positiv hervorzuheben, dass es sich bei „Regenbeins Farben“ um einen Novelle handelt, die endlich mal den Mut hat, sich auch als eine solche zu bezeichnen, und die nicht, wie so viele andere Werke überschaubaren Umfangs, vorgibt, ein Roman zu sein. Wobei mir natürlich bewusst ist, dass es neben dem Umfang noch aussagekräftigere Kriterien für die Einordnung als Novelle gibt, dennoch: Eine Novelle ist eine Novelle ist eine Novelle und darf gerne auch so genannt werden. Und im vorliegenden Fall ist es sogar eine recht gut gelungene Novelle, deren Inhalt sich zeitlich von Ostern bis Ostern erstreckt, weswegen es nur zu passend war, dass ich sie auch an Ostern gelesen habe. Kerstin Hensel gehe mit ihrem Buch „den Verflechtungen deutsch-deutscher Biografien auf den Grund“, heißt es im Klappentext und mit dieser Einordnung ist „Regenbeins Farben“ tatsächlich treffend beschrieben. Die drei Protagonistinnen sowie der Galerist Eduard Wettengel, der das literarische Element darstellt, das das Verhältnis zwischen den drei Damen in Ungleichgewicht bringt, werden mit ihren Hintergründen und Biografien detailliert dargestellt, und das sehr gelungen, ohne dabei die Handlung im Hier und Jetzt zu vernachlässigen. Schön zu lesen ist dabei, wie Stück für Stück herausgearbeitet wird, dass der Lebensweg der Menschen, die sich da auf dem Friedhof in der Einflugschneise (ein übrigens überaus charmanter Einfall, wie ich finde) treffen, bereits zusammenhing, bevor sie sich dort regelmäßig getroffen haben. Die Schilderung der Hintergrundgeschichten der Figuren, der „Verflechtungen deutsch-deutscher Biografien“, bildet dann auch das Kernelement der Novelle. Und dieses Kernelement ist richtig gut gelungen. Wenn man berücksichtigt, welch überschaubarer Umfang Kerstin Hensel zur Verfügung stand, um gleich vier Figuren mit Leben zu füllen, dann kann man nur den Hut ziehen. Von der Künstlerin Karoline Regenbein, die zwischen dem Drang, zu malen und ihren Selbstzweifeln und der Überzeugung, nicht gut genug zu sein, gefangen ist bis zur Industriellengattin auf selbstdestruktiver Sinnsuche, die Figuren sind ausnahmlos sehr gut gezeichnet. Hinsichtlich des Stils lässt sich festhalten, dass man schon auf der ersten Seite merkt, dass „Regenbeins Farben“ in eher elaboriertem Code gehalten ist. Ich denke zwar, dass die Novelle niemanden überfordern sollte, allenfalls muss man mit Begriffen wie „megärenhaft“ zurechtkommen. Insgesamt, so war jedenfalls der Effekt bei mir, wirkt das auf Dauer allerdings eher ermüdend, auch weil es so einen gezwungenen Eindruck macht. Aber das mag man gerne anders sehen. Und inhaltlich? Nun, es ist eine Novelle, sollte ich also anfangen, wesentliche Aspekte der Story auszuplaudern, hätte ich als alsbald das gesamte Buch erzählt, was in niemandes Sinne sein kann. Deswegen muss sich die geneigte Leserschaft mit der kryptischen Formulierung begnügen, dass „Regenbeins Farben“ auch im Bereich der eigentlichen Handlung überzeugt. Punkt. Wer gerne Novellen liest und/oder an detaillierten Charakterzeichnungen Freude hat, dürfte mit „Regenbeins Farben“ zufrieden sein. Und da ich mir ein Zitat des Buches markiert habe, das ich niemandem vorenthalten möchte, weil es inhaltlich so wahr ist, erlaube ich mir, meine Ausführungen mit eben folgendem Zitat auch zu beenden: „Talent wird jedem Kind bescheinigt, sobald es Kringel malen kann, oder einer Hausfrau, die sich das öde Leben bunt aquarelliert. Frauen, die Großes leisten, besäßen Talent, Begabung oder eine besondere Fähigkeit. Männern hingegen spräche man Genie zu. (S. 151)

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Vita

Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie studierte am Institut für Literatur in Leipzig und unterrichtet heute an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: die Liebesnovellen »Federspiel« der Band »Das verspielte Papier - über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte« sowie der Lyrikband »Schleuderfigur«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.

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Pressestimmen

»Als Lyrikerin ist sie für ihr ausgeprägtes Formbewusstsein bekannt, als Prosaautorin für ihre eigenwillige Figurenzeichnung und ihren manchmal bizarren, zuweilen bösen Humor.«

Kristina Maidt-Zinke / Süddeutsche Zeitung (03. Juli 2020)

»Kerstin Hensel trägt sprachlich dick auf und bleibt dabei ganz feinsinnig.«

Claudia Ingenhoven / rbb Kultur (28. März 2020)

»Kerstin Hensel spart nicht mit Sarkasmus, wenn sie von Leuten erzählt, die das Abstellgleis des Lebens noch einmal verlassen möchten.«

Cornelia Geißler / Berliner Zeitung (02. April 2020)

»Raffiniert spinnt Hensel die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten zu einem dichten Netz, in dem sich die Leser bis zum Schluss verfangen.«

Clementine Skorpil / Die Presse am Sonntag (26. April 2020)

»Die wunderbar ausgereifte Story fasziniert durch Wortwitz sowie eine stete Neigung zur Burleske.«

Ulf Heise / Freie Presse Chemnitz (29. April 2020)

»Wann haben wir so viel Sarkasmus, Komik und Traurigkeit zugleich in einem Buch gefunden?«

Roland Mischke / Nürnberger Nachrichten (18. Mai 2020)

»Souverän manövriert Kerstin Hensel ihr literarisches Personal durch die Geschichte, die vielen weiter entfernt liegt als die Abenteuer der Sternenkrieger im Kino.«

Andreas Montag / Mitteldeutsche Zeitung (18. Mai 2020)