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Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen

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Wie funktioniert eine Masse?

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Massen ein beherrschendes Thema der Politik und Gesellschaft Europas. Im Zeitalter des Individualismus scheinen sie ihre Anziehungskraft und Gefährlichkeit verloren zu haben. Ein Irrtum. Von neuem bewegen Massen große Teile der Gesellschaft. Sie entstehen mit Hilfe moderner Medien in der Popkultur, in Sport und Konsum, in Protestbewegungen und Revolten, in neuen politischen Formationen und in Flüchtlingsströmen. Im Unterschied zu den Massen der Vergangenheit bieten sie den Individuen die Möglichkeit, sich eine imaginäre Größe, ihren Äußerungen und Schicksalen eine Öffentlichkeit zu geben.

Gunter Gebauer und Sven Rücker entwerfen eine neue Theorie der Massen, indem sie Romane und Erzählungen, Filme und Musik auswerten.

»Die Forscher lösen den Begriff der Masse aus dem Korsett der alten Ideologien und rehabilitieren ihn damit als Erklärungsmodell für sehr aktuelle Phänomene gesellschaftlichen Wandels.«

Deutschlandfunk Kultur "Lesart" (26. Januar 2019)

Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-421-04813-4
Erschienen am  21. Januar 2019
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Die Wiederkehr der „Massen“

Von: Michael Lehmann-Pape

28.02.2019

Das Zeitalter des „reinen Individualismus“ mit seiner ebenso rein gedachten Bezogenheit allein auf den Aspekt der Selbstverwirklichung schien in den letzten Jahrzehnten zumindest in den wirtschaftlich und technisch hochentwickelnden Gesellschaften, vollständig das Modell der „Massen“ früherer Zeiten (eine Elite führt, die Massen folgen, die Massen waren dabei vor allem ein Ort der „Lenkung“ bis hin zur „Propaganda“ als eigenständige politische Größe, unter Einbeziehung auch der „Angst vor der Masse“ als umwälzende Kraft, so einmal aus der „Lenkung“ ausgebrochen) abgelöst zu haben. Doch die jüngsten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, der „neue Populismus“ und die neuen „Massenbewegungen“ zeigen auf, dass dies ein trügerischer Eindruck war. Wobei die Tendenz und die Funktion der „Masse“ in der Gegenwart doch unterschiedliche Strömungen zum traditionellen Verständnis des Begriffes der „Masse“ aufweist. Auf jeden Fall aber scheint es wieder in Schlagweite zu geraten, dass „Massen mobilisiert werden….und mit Macht historische Veränderungen herbeiführen (könnten)“. Ob Occupy, arabischer Frühling, Demonstrationen in Kiew oder Istanbul, die „Masse macht sich seit etwa einem Jahrzehnt wieder deutlich, klar und vernehmbar bemerkbar und „wälzt“ durchaus auch um. Eindrücke, welche die These der Autoren deutlich stützen, dass „die Massen….nie verschwunden waren“, sondern „neue Massen“ entstanden sind, „die man nur nicht als Massen wahrgenommen hat“, weil sie nicht dem klassischen Bild der „Masse Mensch“ entsprechen. Vor allem, und darauf verweist das Buch eindringlich, ist das Selbstverständnis der Beteiligten an der Masse ein anders als historisch bisher betrachtet. Denn in der „modernen Masse“ versteht der Einzelne sich weiterhin als „selbstbestimmtes Individuum“, gar als „Singularität“ in Form einer „Teilmenge von Interessen“ an und in der Masse. Und neben dieser Beobachtung, im Blick auf Flüchtlingsströme und Populismus, tauchen zudem „klassische Massen“ am Horizont wieder auf, die sich von „modernen Massenbewegungen“ deutlich unterscheiden. Dies gemeinsam zu betrachten und neue, sozialwissenschaftliche Theorien zu formulieren zum Verständnis dessen, was passiert und wie man dem konstruktiv begegnen kann, das ist Ziel und roter Faden dieses interessanten Werkes. Wie entstehen aus unscheinbar wirkenden Anfängen „Massenbewegungen“ in Kultur und Politik? Und dies unter Einbeziehung des wahrlich neuen Aspektes des Verhältnisses zwischen Masse und Individuum mit anderem als historisch angenommenen Selbstverständnis? Was fast ein Paradoxum zu Beginn bereits darstellt, denn eine klassische „Verschmelzung“ in der Masse findet nicht mehr statt, eine Tendenz zur Vereinzelung bleibt bestehen, aber „hinter gleich aussehenden Hausfassaden“, die wiederum Sinnbilder der neuen „Massenkultur“ sind. Was die Autoren damit auflösen, dass das „Massenereignis“ eben nicht mehr „vom Privaten ins Öffentliche“ drängt, wie zu früheren Zeiten, sondern vom „Öffentlichen ins Private“ tendiert, „das Massenhandeln wird verinnerlicht“. Gepaart mit einer „Konkurrenz diverser Massen“ untereinander und einem ebenso bestehenden Konkurrenzdruck in der jeweiligen Masse. Was bereits vielfache Fragen und Themengebiete aufwirft, denen die Autoren im Lauf der Lektüre gründlich und detailliert nachgehen und damit dem Leser tatsächlich ein gutes Stückweit die „neue Welt“ zu erklären vermögen mitsamt vielfacher Anregungen zur eigenen Reflexion der eigenen Rolle in all diesem Geschehen. Bis dahin, klarzustellen, dass „die Masse“ immer Orientierungspunkt für den Einzelnen ist, dieser aber nun als „Masse“ gezielt Einfluss auf die historische Entwicklung nehmen kann. Ohne dabei, wie oft angenommen, alles Individuelle aufzulösen in einer „Anpassung“ an den Durchschnitt. Am Ende endet die Lektüre mit dem Wissen, dass letztlich spürbare und weitreichende Veränderungen nur mit und in der „Masse“ sich vollziehen.

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Vita

Gunter Gebauer, 1944 in Timmendorfer Strand geboren, ist einer der profiliertesten Philosophen Deutschlands, im TV und in den Tageszeitungen wird er regelmäßig zu den wichtigen Themen befragt. Seit 1978 hat er den Lehrstuhl für Philosophie und Sportsoziologie an der Freien Universität Berlin inne, 1993 wurde er Sprecher des Interdisziplinären Zentrums für Historische Anthropologie. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, zuletzt bei Pantheon »Das Leben in 90 Minuten. Eine Philosophie des Fußballs« (2016).

Sven Rücker, 1975 in Bad Segeberg geboren, lebt als Autor, Essayist und Dozent für Philosophie in Berlin. Nach einem Studium in Freiburg und an der Freien Universität Berlin promovierte er 2009 in Philosophie. Seine Doktorarbeit wurde mit dem Ernst-Reuter-Preis für die beste Dissertation in den Geisteswissenschaften der FU ausgezeichnet. Seit 2010 lehrt er Philosophie an der FU. Zu seinen philosophischen Arbeiten zählt insbesondere »Das Gesetz der Überschreitung. Eine philosophische Geschichte der Grenzen« (2013). Für den Deutschlandfunk hat er eine Reihe mehrstündiger Radioessays verfasst. Sein Theaterstück »Die Terroristen« (2008) ist in Luxemburg und Wien aufgeführt worden.

© Bernd Wannenmacher/Pressestelle FU Berlin
Gunter Gebauer
© Privat
Sven Rücker

Pressestimmen

»Massenerlebnisse schärfen heute die Identität des Einzelnen. Dieses Paradox hebt die originelle Kulturgeschichte der Masse hervor.«

3sat "Kulturzeit" (13. März 2019)

»Mit diesen bemerkenswerten Einsichten geben Gunter Gebauer und Sven Rücker konstruktive Hinweise für aktuelle politische Diskussionen.«

Buchkultur (14. Februar 2019)

»Das Buch ist auffallend gut geschrieben und entsprechend angenehm zu lesen, und es bietet eine Reihe interessanter Hinweise.«

kulturport.de (09. April 2019)

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