Wem erzähle ich das?

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Wenn Ali Smith die Regeln des Erzählens erklärt, entfalten sich Geschichten. Ihre Vorlesungen über Literatur sind eine Liebesgeschichte, wie sie noch keiner je gehört hat – eine Geschichte zweier Liebender ebenso wie die Geschichte der Liebe des Menschen zur Kunst und was sie für unser aller Leben bedeutet.


DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Originaltitel: Artful
Originalverlag: Penguin
Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87436-4
Erschienen am  06. März 2017
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Ali Smith und die Liebe zur Literatur

Von: Rabenfuss sucht Tintenfass

15.06.2019

Es ist ein Buch über die Liebe. Über den Verlust, das Abschiednehmen, Trauern. Loslassen. Diesen endlos langen Prozess der Neuorientierung. Und es ist ein Buch über die Poesie, die Literatur, die Kunst. Es ist ein Buch von Ali Smith und nennt sich: „Wem erzähle ich das?“ Ich gebe zu, ich habe sie ein bisschen vor mir hergeschoben, diese Buchbesprechung… Warum? Weil ich fast sprachlos war. Irritiert. Hin & hergerissen. Wie schon zuvor bei der schottischen Schriftstellerin Ali Smith. Es ist ein sprachliches Wunderwerk, dieses Buch, keine Frage. Und es rüttelt, nein, nicht auf, sondern durcheinander. Da werden verschiedene Ebenen mit- und ineinander verschachtelt, verwoben, dass es einem fast schwindlig wird. Einderseits eben die Liebes-, Trauer-, Loslassgeschichte, die da in Ich-Form erzählt wird. Keine banale Geschichte. Nein, denn die Geliebte – Ehefrau und langjährige Lebensgefährtin – ist tot. Seit einem Jahr schon. 1 Jahr und 1 Tag. Dann steht sie plötzlich wieder vor der Tür. Ein seltsames Zwischenwesen, voller Staub und Sand. „Das Husten war so typisch, das konntest nur du sein.“ Die tote Geliebte kommt immer wieder und benimmt sich, nun ja, etwas sonderbar. Sie spricht in manchmal fremder Sprache, klaut wie ein Rabe, lässt Dinge fallen und kümmert sich wenig um Konventionen.Sie ist bereits etwas vermodert und klapprig und vor allem: sehr eigenwillig… Verwoben sind diese sonderbaren Begegnungen mit Erinnerungen der Ich-Erzählerin, Erlebnissen, Gesprächen, Gedanken von früher. Und dem Alltag von heute – Arbeit, Kurzurlaub, Therapiesitzung, einsame Abende daheim. Um dann, schleichend in Poetik-Vorlesungen hineinzugleiten. Literatur in all ihren Formen wird eingeflochten in die Erzählungen, verschwimmen mit dem Allgegenwärtigen. Von Shakespeare zu Katherine Mansfield, Oliver Twist und Jane Austen, über W.C. Williams, Sylvia Plath, Dylan Thomas und Colette bis zu Ovid und Ezra Pound reicht die Palette. Gedichte und Textauszüge werden besprochen, zueinander in Beziehung gestellt. Die tote Geliebte war immerhin Kunst- und Literaturwissenschaftlerin, ihre Unterlagen liegen noch im Haus verstreut – und werden so zur Reise in verblichene Vergangenheiten und öffnen zugleich das Tor in eine neue Gegenwart, eine neue Zukunft. Filme, Fotographie, darstellende Kunst in all ihren Spielarten finden ebenso Eingang in das Buch – eine ungewöhnliche Mischung von Roman, Erzählung, Autobiographie (?) und detaillierten Abhandlungen über Kunst und Literatur. Als Laie wird mir letzteres manchmal fast zu viel. Zu genau, zu spezifisch. Große Namen und Werke rattern in unüberschaubarer Zahl durch meinen Kopf – ohne fundiertes Literaturgrundlagenwissen wird es manchmal etwas mühsam. Und doch immer wieder faszinierend. Wie Metaphern, Vergleiche, Bilder einander umgarnen, ins Fantastische, Surreale abgleiten, sich im realen Alltag wiederfinden. Der Besuch bei einer Psychologin, das Durchackern des Oliver Twist, das Neu-Sich-Formieren, sich finden. Es ist ein außergewöhnliches Buch, verspielt und doch geistreich, herausfordernd – man braucht Geduld und viel Liebe zu Kunst und Literatur – dann jedoch wird man reichlich belohnt! Ali Smith: „Wem erzähle ich das?“ Luchterhand Literaturverlag, München 2017, gebunden. ISBN: 978-3-630-87436-4

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Über Literatur und Literaturgeschichte in einer Zeit der Trauer und des Verlusts

Von: Stephanie Schuster

28.02.2018

Ein Buch der Trauer und Melancholie. Beim Aufräumen und Sortieren der Hinterlassenschaft der Geliebten reüssiert die Ich-Erzählerin über gemeinsam Gelesenes und Erlebtes. Dadurch reinigst sie auch ihre Seele und lässt den Schmerz zu. So begegnet der Leser Künstlern und Begebenheiten der Kunst- und Literaturgeschichte als säße er als dritter mit im Zimmer und lausche dem intimen Dialog zweier Frauen. Dieser Umstand wirkt etwas bemüht, die wiederkehrende Anrede mit „Du“, die der toten Geliebten gilt, lässt den Leser als Voyeur dabeisitzen. Manchmal lockert sich der Erzählton, sobald Ali Smith tiefer in die Literatur eintaucht und sich mit Romanfiguren, Autoren und ganz persönlichen Erlebnissen beschäftigt, vergisst man die Rahmenhandlung. So breitet sie ihr Wissen nach und nach aus, gibt Einblick in die Psychologie, in die Auseinandersetzung mit Sprache und Sprachformen. Auch wenn es für die Autorin vermutlich der beste Weg war, dieses Buch zu schreiben, berührt diese gewählte Form nicht wirklich und verwässert leider die vielen klugen Gedankengänge.

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Vita

Ali Smith wurde 1962 in Inverness in Schottland geboren und lebt in Cambridge. Sie hat mehrere Romane und Erzählbände veröffentlicht und zahlreiche Preise erhalten. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman »Beides sein« wurde 2014 ausgezeichnet mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award, dem Goldsmiths Prize und 2015 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction. Mit »Herbst« kam die Autorin 2017 zum vierten Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize.

Zur AUTORENSEITE

Silvia Morawetz

Silvia Morawetz, geb. 1954 in Gera, studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik und ist die Übersetzerin von u.a. Janice Galloway, James Kelman, Hilary Mantel, Joyce Carol Oates und Anne Sexton. Sie erhielt Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds, des Landes Baden-Württemberg und des Landes Niedersachsen.

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