SPECIAL zu Moritz Stetter: Dietrich Bonhoeffer

Neue Leser gewinnen – mit einer Graphic Novel über Dietrich Bonhoeffer

Die Striche in den Bildern sind dick, große Flächen schwarz. Die Gesichter sehen ernst und traurig, oft verzweifelt aus. Alptraumhafte Geister umschweben die Figuren. Die Stimmung ist bedrückend, zunehmend bedrohlich. Kein Wunder, denn die Bilder zeigen die Lebensgeschichte des bekannten Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, der als einer der letzten NS-Gegner, die mit dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler in Verbindung gebracht wurden, im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde.

Und mit diesen Bildern geht das Gütersloher Verlagshaus einen neuen Weg: Sie füllen eine sogenannte Graphic Novel, ein illustriertes Sachbuch, das so ganz anders ist als Comics üblicher Machart. Zusammen mit „Bonhoeffer“ erschien „Risiken und Nebenwirkungen“, eine Graphic Novel über Medikamentenabhängigkeit; zwei weitere Graphic Novels sind für das kommende Frühjahr geplant.

„Wir wollen mit diesem neuen Genre neue Zielgruppen ansprechen“, erklärt Verlagsleiter Klaus Altepost im Gespräch mit dem BeNet. „Mit einer Graphic Novel können wir die Vielfalt unserer eher ernsten Themen auf eine Weise darstellen, die insbesondere jüngere Menschen ansprechen soll. Denn viele der heute 20- bis 30-Jährigen haben stärker auf visuellen Eindrücken basierende Lesegewohnheiten und -vorlieben – ihnen kommen wir mit einer Graphic Novel entgegen. Für unser Verlagshaus ergeben sich da ungeahnte Möglichkeiten.“

Entscheidender Impuls von eigener Mitarbeiterin

Der entscheidende Impuls für die neue Buchgattung im Gütersloher Verlagshaus kam dabei von einer eigenen Mitarbeiterin. Marlen Günther ist Juniorlektorin im Bereich Sachbuch Gesellschaft und konzentriert sich in dieser Funktion besonders auf die Bedürfnisse einer jüngeren Zielgruppe. Sie war es, die im Sommer 2009 ihrem Vorgesetzten, Programmleiter Thomas Schmitz, den Vorschlag machte, es doch einmal mit diesen ungewöhnlichen, bei jungen Menschen inzwischen sehr in Mode gekommenen Büchern zu versuchen. Zum damaligen Zeitpunkt selbst erst 26 Jahre alt, verband die Verlagsmitarbeiterin damit auf ideale Weise Beruf und Hobby miteinander: „Ich interessiere mich seit meiner Kindheit für Comics aller Art“, erzählt die in Brandenburg aufgewachsene Marlen Günther. Nachdem sie in der früheren DDR zunächst noch „Digedags“ und später „Abrafaxe“ verschlungen hatte – erst die älteren Exemplare vom Vater, dann die selbst gekauften –, stieg sie nach der Wende auf „Westcomics“ um. Und schließlich belegte die heutige Juniorlektorin im Studium der Angewandten Kulturwissenschaften im Bereich Sprache und Kommunikation auch noch ein Comic-Seminar. Inspiriert durch den Professor kam das Interesse für ernsthafte illustrierte Bücher hinzu, sogenannte Graphic Novels. Art Spiegelman habe sie zum Beispiel mit „Maus“, einem längst zum Kult gewordenen illustrierten Buch über die Erlebnisse seines Vaters im Holocaust, sehr beeindruckt. „Persepolis“, eine Autobiografie einer Frau im Iran, und die Biografie „Cash“ hätten ein Übriges getan. „Da lag dann irgendwann die Idee, wie wir vom Gütersloher Verlagshaus neue, vor allem jüngere Leser für unsere Titel gewinnen können, sehr nahe“, kommt die Verlagsmitarbeiterin, die 2007 als Volontärin im Gütersloher Verlagshaus begann, zurück auf ihre Arbeit.

Nun ging es Schlag auf Schlag: Nachdem sie auch Verlagschef Klaus Altepost einen Stapel Graphic Novels gezeigt, verschiedene Titel aus dem bestehenden Programm als mögliche Beispiele für ein illustriertes Buch aufgezählt und ihn rasch mit ihrer Idee für sich gewonnen hatte, folgte kurz darauf eine Präsentation vor dem Verlagsteam und schließlich eine weitere vor dem Beirat des Gütersloher Verlagshauses – und die Mitglieder beider Gremien sprachen sich sofort für das neue Genre aus. „Die Frage, unser Programm auf eine innovative Weise neuen Zielgruppen zu präsentieren und damit natürlich das Image unseres Verlags anzureichern, ist eine grundsätzliche gewesen, aber ich bin froh, dass wir alle uns mit Begeisterung hinter das Projekt gestellt haben“, beschreibt Klaus Altepost den Prozess. Aus diesem Prozess heraus wiederum kam die Anregung, auch die Kernkompetenzen des Verlags mit langer, protestantisch geprägter Tradition auf diese Weise abzubilden – beispielsweise mit einem Buch über Dietrich Bonhoeffer.

Ein Stil wie maßgeschneidert für das Bonhoeffer-Projekt

Hier kam nun wieder Marlen Günther ins Spiel. Ihre Aufgabe war es fortan, das Projekt mit Leben zu erfüllen. „Das bedeutete vor allem und zuvorderst, einen geeigneten Zeichner zu finden“, sagt die Juniorlektorin. Da die Comiczeichner-Szene in Deutschland relativ überschaubar auf Hamburg und Berlin konzentriert ist und der Zielgruppe angemessen im Internet ausreichend Auskünfte inklusive Arbeitsbeispielen zu finden sind, hatte sie bald einen möglichen Kandidaten entdeckt: den etwa gleichaltrigen Moritz Stetter aus Hamburg. „Mir haben seine Bilder gefallen, zum Beispiel, wie er die Bildränder – Panels – unterschiedlich gestaltet und mit in die Geschichte einbezieht“, beschreibt Marlen Günther ihre Begeisterung für den freiberuflichen Trickfilmzeichner und Illustrator, der unter anderem schon mit der Gestaltung von Plattencovern auf sich aufmerksam gemacht hatte. „Er mischt zudem real anmutende Porträtbilder von Figuren mit eigenen, abstrakteren Zeichnungen, das ist einfach ein sehr beeindruckender Stil.“ Ein Stil, der für das Bonhoeffer-Projekt wie maßgeschneidert wirkte: „Nach einem Mailwechsel und einem persönlichen Treffen, zunächst von uns beiden, dann zusammen mit Programmleiter Diedrich Steen, war alles klar. Moritz war dabei, seine ersten Entwürfe begeisterten auch die Lektoratsrunde des Gütersloher Verlagshauses – er musste sich aber beeilen“, erinnert sich die Juniorlektorin. Erstens würde es, das war klar, eine Zeitlang dauern, die Zeichnungen für das Buch fertigzustellen, zweitens würde auch die Produktion des Buches eine Weile in Anspruch nehmen. Als Erscheinungstermin war der Herbst 2010 vorgesehen.

Zahlreiche Gedichte und Zitate aus Bonhoeffers Werken eingeflossen

„Das größte Problem war, die umfangreiche Biografie auf das Wesentliche und für diesen Zweck zu kürzen“, fährt Marlen Günther fort. „Immer wieder haben wir von Gütersloh aus mit Moritz Stetter über die Handlung, aber auch über viele Details gesprochen – eine sehr intensive und kreative, aber auch fruchtbare Arbeit“, resümiert sie. Der Zeichner ging in seinen Entwürfen dabei zum Teil ungewöhnliche Wege. Etwa, wie er Hitler zeichnete, nämlich als eine aus hektischen Strichen zusammengesetzte Fratze, dem Pfarrer mit erhobenem rechten Arm und Kirchenkreuze in den weit aufgerissenen Mund fliegen – ein Bild, über das Moritz Stetter sehr lange nachgedacht hat. An anderer Stelle wird ein Kirchenkreuz mit gestrichelten Linien zum Hakenkreuz fortgesetzt. Das Leid der Opfer der Diktatur visualisiert der Zeichner als geisterhafte Seelen; die Bilderrahmen wirken wie Stacheldraht, historische Figuren wie Reichspräsident Paul von Hindenburg stellt Moritz Stetter im Kontrast zu den übrigen Personen real dar. In die Bild-Text-Collagen flossen zudem zahlreiche Gedichte und Zitate aus Bonhoeffers Werken ein.

„Ich finde es ganz außerordentlich, wie es Moritz Stetter geschafft hat, die Figur des Dietrich Bonhoeffer, des zweifelnden, mit sich ringenden, dann aber zu allem entschlossenem und bis in den Tod hinein konsequenten, tief gläubigen Menschen so eindrucksvoll in Bilder umzusetzen“, freut sich Klaus Altepost über das fertige, 110 Seiten umfassende Werk, das am 27. September auf den Markt gekommen ist. Die evangelische Kirche hat sich bereits sehr positiv über das Buch geäußert: „Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland haben uns zu seiner Herangehensweise an kirchliche Inhalte gratuliert“, sagt der Verlagsleiter. Lob kam auch aus der Comic-Szene: So urteilt etwa kiezticker.de: „Prädikat: Besonders wertvoll, für Jugendliche ab 13 Jahren geeignet, als Unterrichtsstoff zu empfehlen!“ Und eine Lehrerrezension von lehrerbibliothek.de lobt: „Sicherlich will dieses Büchlein keine theologisch anspruchsvolle oder biografisch vollständige Aufarbeitung leisten, aber es vollführt hervorragende Dienste zur Einführung in das Leben Dietrich Bonhoeffers – es macht Lust auf mehr!“
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Eine Reportage von Martin Laß (b-net)

Die Fotos entstanden auf dem Comic-Festival in Hamburg 2010, auf dem das Gütersloher Verlagshaus mit einem Stand vertreten war. Abgebildete Personen: Marlen Günther und Moritz Stetter. (c) Gütersloher Verlagshaus

Bonhoeffer

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