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Buchempfehlung zu Franz M. Wuketits, Wieviel Moral verträgt der Mensch?

Offensichtlich brauchen wir nicht nur weniger, sondern auch eine ganz andere Moral

Von Arnold Schmieder

Wir brauchen viel weniger Moral, als wir haben. Mit weit weniger, deutlich ausgedünnter Moral kämen wir auch viel besser zurecht. Dazu aber müsste sich vorab jeder von uns darauf besinnen, „dass sein Leben für ihn den obersten Wert darstellt“, und er müsste (wieder) ein „moralischer Individualist“ werden, was im Prinzip in unserer frühen Gattungsgeschichte angelegt sei. Dieser Typus des Individualisten ist dann weder hedonistisch noch amoralisch, eher antiautoritär bis moderat anarchistisch, liebäugelnd mit dem zivilen Ungehorsam, hilfsbereit aus innerer Neigung und weit davon entfernt, jemandem Schaden zufügen zu wollen. Tolerant ist er so lange, wie seine Toleranz nicht missbraucht wird. Vor allem aber will er seine Ruhe haben.

Was der Autor Franz M. Wuketits geißelt, ist nicht nur der doppelmoralische Tanzboden gesellschaftlichen Lebens, sondern sind vor allem jene moralischen Forderungen, die eine „Kaste von Moralhütern“ aufgestellt hat, als da sind die „Pflichtmoral“, die „Sollens- oder Gebotsmoral“ und die „Verbotsmoral“, zudem der „Glaube an absolute, ewige Werte“, hinter dem die Mächtigen und Herrschenden ihre Interessen verschanzen. „Moral ist ein Machtfaktor und wird häufig in den Dienst von Macht gestellt“, heißt es lapidar, woraus erhellt: „Zuviel Moral kann also leicht den Charakter verderben“ – besonders den jener „Tölpel“ (womit er das Gros vormaliger Untertanen bis Bürger moderner Gesellschaften meint), die den „Machtmenschen“ ergeben sind und „seit jeher eine unheilige Allianz“ mit ihnen bilden. Uns dieses moralischen Mülls zu entledigen und unsere menschliche Ursprungsmoral aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken, dazu soll das Buch provozieren. [...]

Die Diskussionsvorschläge können hier nur skizzenhaft bleiben; sie mögen aber nicht nur Fachwissenschaftler, sondern auch interessierte Laien auf dieses empfehlenswerte Buch aufmerksam machen und einstimmen, das Wuketits nach eigenem Bekunden unterhaltsam und allgemeinverständlich gestalten wollte – was ihm gelungen ist. Im düsteren Klageschwall um den Verfall verbindlicher Werte stellt der Verfasser moralische Versatzstücke und die Phraseologie um „Arbeitsmoral“, „staatsbürgerliche Pflicht“ und „Wertebewusstsein“ auf den Prüfstand und entlarvt, dass und warum ihnen menschliches Maß abgeht und wie dies beschaffen ist bzw. wieder sein könnte. Damit wird er bei vielen Zeitgenossen, unzufriedenen bis kritischen, offene Türen einrennen, und zwar auch da, wo seine politische Schelte zu erkennen glaubt: „Jeder Staat ist in der Tendenz totalitär, die jeweiligen Machthaber wollen ihre Interessen durchsetzen, ihre ‚Bürger‘ sind für sie nur in dem Maße interessant, in dem sie Wählerstimmen abgeben.“ [...]

Zu danken ist Wuketits, dass er mit der Dichotomisierung von Egoismus und Altruismus aufräumt und sie in einen wechselseitigen Zusammenhang bringt. Wir gehen nicht im Homo oeconomicus auf, unser Utilitarismus, dem gegenüber schon Rawls skeptisch war, hält sich in sozialen und anders gesteckten Grenzen, als eine am überkommenen liberalen Modell orientierte Marktökonomie meint. Jener Menschenwolf, den sich Hobbes noch vorstellte und womit er ein von ihm beobachtetes Resultat zu seiner eigenen Voraussetzung machte, ist nicht der Urmensch in uns, sondern bestenfalls historisch gewordenes Produkt zur subjektiven Seite – aber eben nicht nur, was Wuketits aufweist und diesem Wolf auf der Theorieebene die Zähne zieht. Und damit demonstriert er unter der Hand die Möglichkeit eines anderen Paradigmas des Bildes vom Menschen, das, was in anderen Wissenschaften auch aufkeimt, längst überfällig ist. Offensichtlich brauchen wir nicht nur weniger, sondern auch eine ganz andere Moral.

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Prof. Dr. Dr. Arnold Schmieder
In: socialnet Rezensionen
Die vollständige Rezension finden sie hier: www.socialnet.de

Wie viel Moral verträgt der Mensch? Blick ins Buch

Franz M. Wuketits

Wie viel Moral verträgt der Mensch?

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