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Buchempfehlung zu Robert Habeck: Patriotismus

Linker Patriotismus?

Das erste Kapitel trägt die Überschrift „Ein linker Patriotismus“. Das Engagement für emanzipatorische Gesellschaftsveränderung, für Gerechtigkeit und Internationalität nennt Habeck „linken Patriotismus“. (S. 21) Es geht um eine linke Vaterlandsliebe, die er dem rechten Chauvinismus und Nationalismus entgegensetzt. „Ein linker Patriotismus funktioniert nach anderen Prinzipien als ein rechter Nationalismus. […] Denn die Verwirklichung von Demokratie und Menschenrechten steht im Vordergrund. Linker Patriotismus lässt sich durchaus denken als ein „Patriotismus ohne Deutschland“ (S. 56), aber nicht ohne das Grundgesetz. Linker Patriotismus ist also, zusammengefasst, ein post-nationaler, anti-chauvinistischer und weltoffener Verfassungspatriotismus. – Der spielerische und entspannte Umgang mit den nationalen Symbolen, wie ihn die dritte Generation der Nachkriegsdeutschen heute anlässlich von Fußball-Weltmeisterschaften pflegt, gefällt Habeck. Auf Deutschland bezogen, ist der linke Verfassungspatriot nichts weniger und nichts mehr als ein freundlicher „Schland-Fan“.


Politik gegen das Gemeinwohl ist unpatriotisch

Eine Regierung, die gegen das Wohl ihrer Bevölkerung – nicht nur: ihres Volkes! – handelt, die handelt unpatriotisch. Unter dieser Prämisse werden in den Kapiteln 2 und 3 des Buches viele Politikbereiche auf den Prüfstand gestellt, namentlich die Steuer-, Familien-, Bildungs-, Kultur- und Energiepolitik.
Am Beispiel der Energiepolitik zeigt sich deutlich, das es dem Autor nicht um plakative Forderungen geht, sondern um tiefere Zusammenhänge. Habeck versucht z. B. zu erklären, wie die Art und Weise unserer Energieerzeugung unser Denken konditioniert (vgl. S. 173f): Die Industriegesellschaft basiert auf den fossilen Energien Kohle, Gas, Öl und Uran. Diese haben eines gemeinsam: sie müssen gefunden, gefördert, transportiert und verbrannt werden, um nützlich zu sein. Die Industriegesellschaft hat eine Form des gesellschaftlichen Denkens hervorgebracht, die dieses instrumentalisierende Paradigma auf alle Bereich überträgt, auch auf den der Bildung und Bildungspolitik. Auch Talente müssen gefunden, gefördert und so zugerichtet werden, dass sie im Arbeitsleben verwertbar sind. Erneuerbare Energien hingegen verlangen ein ganz anderes Denken. Sie sind schlicht da. Wind, Sonne und Erdwärme müssen nur aufgefangen werden; man muss sie nicht fördern und verbrennen, um sie nutzbar zu machen. Habeck hofft, dass mit den neuen „passiven Energieformen“ auch ein neues Denken verbunden ist: An Stelle der Ausbeutung und Ausnutzung werden Pflege, Bewahrung und eine kooperative Allianztechnik, die die Eigenpotenziale der Natur nutzt, zu den Garanten des Fortschritts.

In der Art und Weise, wie er seine Überlegungen darlegt, vermeidet der Autor jeden Ausdruck des Dogmatismus. Das passt zu seinem Selbstverständnis als „linker Antikommunist“. (vgl. S. 43ff) Er pflegt ein offenes, geschmeidiges Denken, das zu originellen Ideen führt, die jedoch an keiner Stelle als der Weisheit letzter Schluss ausgegeben werden. „Ginge es nach mir“, schreibt er (S. 189), „wäre 'alternativlos' das Unwort des letzten Jahrzehnts.“


Zivildienstpflicht statt Wehrpflicht

Das Buch ist durchzogen von einer Reihe gewitzter Neuerungsvorschläge, von der Einführung des „Bürgergeldes“ als „Bildungsgeld“ (vgl. S. 125ff) über die Idee der „Sozialerbschaft“ (S. 132ff) bis zur Ersetzung der Wehrpflicht durch die Zivildienstpflicht: Wer den Zivildienst verweigert, wird ersatzweise zum Kriegsdienst herangezogen. (vgl. S. 67ff), ohne Gewissensprüfung, versteht sich. Gelegentlich neigt der Autor zur süffisanten Polemik, Beispiel: „Wenn Guido Westerwelle oder Angela Merkel das nächste Mal über den moralischen Verfall nach 68 lästern, dann sollten sie kurz innehalten und überlegen, ob sie (ohne „1968“, KH) als Homosexueller oder als Frau je höchste Partei- und Staatsämter bekleidet hätten.“ (S.192/193) Der Autor lässt sich als Angehöriger einer politischen Generation nicht schubladisieren. Auf die „68er“ bezogen, zählt er sich selbst zur „Generation der Zuspätgekommenen.“ (S. 201) Wird nicht, wer zu spät kommt, vom Leben bestraft? Unsinn, sagt der Autor. Bestraft wird nur, und das zu recht, der Unpolitische (der gar nicht weiß, wie politisch er ist), der Egomane und der Ohnemichel.



Robert Habeck lebt als Politiker in einer Welt, wo Werte wie „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“ gleichgesetzt werden mit „Mehr Netto vom Brutto“. Diese Plattitüden genügen ihm nicht. Er möchte in seinen Analysen gründlich und originell sein. Er möchte den „grünen“ Willen zur Gesellschaftsveränderung zu einer patriotischen Angelegenheit machen. Das gelingt dem Buch über weite Strecken gut. Eine anregende, zum Weiterdenken animierende Schrift!

Klaus Hansen
Aus der Rezension auf www.socialnet.de

Patriotismus Blick ins Buch

Robert Habeck

Patriotismus

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