VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü
C. J. Tudor im Interview - Gross

Newcomering C. J. Tudor über „Der Kreidemann”

C.J. Tudor rockte mit ihrem Thrillerdebüt den Lizenzmarkt, noch bevor „Der Kreidemann“ überhaupt in Großbritannien erschienen ist. Dabei hat alles ganz harmlos angefangen: mit Kreide-Strichmännchen in der Hauseinfahrt. Sie haben das Leben der Autorin aus Nottingham auf den Kopf gestellt.

Von Null auf 39 in wenigen Monaten: „Der Kreidemann“ wurde in 39 Länder verkauft. Wie ist Ihnen ein solcher Erfolg gelungen, und dann noch als Schreibanfängerin?

Ich hatte mir gewünscht, dass überhaupt eine Lizenz verkauft wird – und dann das! Ich habe keine Ahnung, wie es passiert ist. Es war verrückt und unglaublich aufregend, als immer neue Nachrichten ankamen, dass wieder eine Lizenz verkauft ist oder die nächste Buch-Auktion ansteht. Eine wirkliche Schreibanfängerin war ich allerdings nicht, auch wenn „Der Kreidemann“ mein erstes Buch ist, das veröffentlicht wird. Ich habe zwar spät begonnen, vor rund zehn Jahren mit Mitte 30. Seitdem habe ich aber viel geschrieben, zum Teil auch fast fertige Manuskripte, habe also ausprobiert, verworfen, neu formuliert und vor allem Erfahrungen gesammelt.

Was hören Sie: Was begeistert die Leser an Ihrem Buch?

Die beiden Zeitebenen kommen gut an: Die Geschichte spielt in den achtziger Jahren und 2016. Ebenso die für einen Thriller ungewöhnliche Perspektive: „Der Kreidemann“ ist zu einem großen Teil aus der Sicht eines Zwölfjährigen erzählt, so dass Kindheitserfahrungen, seine Clique, Freundschaften eine große Rolle spielen. Viele betonen auch, dass sie die Charaktere der Kindergang stark finden, über die ich schreibe: Ed, Fat Gav, Metal Mickey, der den Spitznamen von seiner Zahnspange hat, Hoppo und Nicky, das einzige Mädchen. Die Jungen finden die Leiche einer jungen Frau im Wald – das ist der Angelpunkt der Geschichte, um die sich alles dreht. Aber auch die Eltern sind involviert, durch sie kommen noch einmal andere Themen, Konflikte, Spannungen in den Thriller. Eds Mutter etwa arbeitet als Ärztin in einer Abtreibungsklinik, die der Pfarrer der kleinen Stadt, Nickys Vater, mit seinen Anhängern bekämpft.

Kreidezeichnungen spielen eine wichtige Rolle. Was hat Sie auf die Idee dazu gebracht?

Meine Tochter bekam zu ihrem zweiten Geburtstag Kreide geschenkt, das war vor zwei Jahren. Am nächsten Tag gingen wir nach draußen, sie wollte zeichnen, und so haben wir die Einfahrt mit Strichmännchen in allen möglichen Farben bemalt. Danach haben wir zu Abend gegessen, ich habe sie ins Bett gebracht und die Kreide-Strichmännchen vergessen. Als ich später nach draußen wollte und die Tür öffnete, haben sie mich erschreckt: Was im Tageslicht harmlos ausgesehen hatte, war jetzt unheimlich – und die Idee für den Thriller war mit einem Mal da. Ich war wie elektrisiert von den Kreide-Strichmännchen, bin am nächsten Tag in ein Café gegangen, habe angefangen und danach geschrieben, wann immer ich auch nur ein bisschen Zeit hatte.

Was hat Sie daran so sehr gefesselt?

Sehr wichtig war, dass ich mich an meine eigene Kindheit in den achtziger Jahren erinnern konnte: wie verwirrend es ist, zwölf zu sein, nicht mehr Kind und noch nicht Teenager, in einer Kleinstadt aufzuwachsen, die Zeit mit Freunden zu verbringen, Geheimnisse zu haben, alles Mögliche auszuprobieren, natürlich auch das, was verboten ist. Man ist eng befreundet in der Clique, es gibt aber auch Eifersucht und Spannungen, nicht jeder ist mit jedem gleich eng verbandelt. Oder irgendetwas passiert, und mit einem Mal hat sich eine Freundschaft erledigt, auch wenn man vorher unzertrennlich schien. Das war alles noch sehr lebendig in meinem Kopf. Ich fand es toll, darüber zu schreiben, und das auch noch im Sommer: Wie meine Figuren waren die Kinder draußen, mit den Rädern unterwegs, stromerten durch den Wald – das passte gut.

Sie erzählen Ihren Thriller aus Eds Perspektive. Warum haben Sie sich für einen Jungen als Hauptfigur entschieden?

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich selbst ein Tomboy bin und auch früher nicht gerade mädchenhaft war. Wenn ein Mädchen im Zentrum stehen würde, hätte ich vermutlich das Gefühl, dass ihr und ihren Freundinnen anderes wichtig sein müsste als den Jungen, dass sie anderes Spielzeug haben, sich andere Geschichten erzählen, und das passte nicht. Wirklich erklären kann ich es aber nicht. Ich hatte einfach von Anfang an Eds Stimme im Kopf, und das fühlte sich richtig an.

Ed ist Ihr Erzähler, Sie sind also gleichsam in seinen Kopf eingetaucht. Mögen Sie ihn auch?

Ich mag fast alle der Figuren, aber ihn tatsächlich am meisten, obwohl – oder vielleicht auch weil – er ein bisschen schrullig ist. Er ist kompliziert, sammelt alle möglichen Dinge, versteckt und hortet sie, ist nicht der coole Sport-, sondern eher der Außenseitertyp.

Wie sehen Sie ihn als Erwachsenen dann im Jahr 2016?

Ein bisschen seltsam, schrullig ist er immer noch. Ed ist Lehrer geworden und nicht nur in seiner kleinen Heimatstadt geblieben, sondern lebt auch noch in seinem Elternhaus, ist irgendwie gefangen in seiner Vergangenheit. Er ist ein bisschen einsam, sammelt immer noch alles Mögliche, teilt sich das Haus mit seinen Erinnerungskisten und einer ziemlich unkonventionellen Untermieterin und hat einen trockenen, eher dunklen Humor, den ich sehr mag. Spannend finde ich auch die Frage, was aus Ed und seinen Freunden geworden ist, aus ihren Träumen, Hoffnungen, Wünschen.

Das ist etwas, was sich durch das ganze Buch zieht: Es ist ein spannender, geheimnisvoller Thriller, aber auch mehr. Sie erzählen nicht nur, was aus den Kids von damals geworden ist, sondern sprechen unter anderem auch über Alzheimer. Warum spielt gerade diese Krankheit eine Rolle?

Ich denke viel über sie nach. Für jemanden, der schreibt, gehört sie zum Schlimmsten, was passieren kann: die Worte zu verlieren, nicht einmal mehr das Wort für Briefkasten oder Schlüssel zu finden. Eds Vater ist Autor, ihm bedeuten Worte sehr viel – und dann erkrankt er früh an Alzheimer. Das mitzuerleben, zu sehen, wie der Vater mehr und mehr verschwindet, bewegt Ed natürlich sehr. Insgesamt ist „Der Kreidemann“ für mich eine Geschichte darüber geworden, wie wir Dinge erinnern, und auch, wie wir Erinnerungen in unserem Kopf verändern oder sie nicht wahrhaben wollen.

Arbeiten Sie nach dem „Kreidemann“ schon am nächsten Buch?

Inzwischen sogar am dritten, das veröffentlicht werden wird.

Wie ist Ihnen das so schnell gelungen?

Ich kann mich jetzt den ganzen Tag mit meinen Büchern befassen. Als ich den „Kreidemann“ geschrieben habe, habe ich als Hundeausführerin gearbeitet, ich hatte mich damit selbstständig gemacht. Ich habe das auch gern getan, das Geschäft jetzt aber aufgegeben, um Zeit zum Schreiben zu haben. Das war mein Traum, und ich kann es noch kaum fassen, dass er sich erfüllt hat.

Was tun Sie gern, wenn Sie nicht schreiben?

Mit meiner Tochter verbringe ich möglichst viel Zeit, sie ist jetzt vier und gerade in die Schule gekommen. Und mit meinem Partner, der sich lange vor allem die Rückseite meines Laptops anschauen musste. Ich lese viel, Krimis und Thriller vor allem. Sehr gern Stephen King, aber auch alles Mögliche, was ungewöhnliche Perspektiven hat oder auch nur irgendwie interessant ist. Lesen und Schreiben gehören für mich eng zusammen.

Das Gespräch führte Sabine Schmidt.

C.J. Tudor über "Der Kreidemann"

Der Kreidemann Blick ins Buch

C.J. Tudor

Der Kreidemann

Kundenrezensionen (11)

ca. € 20,00 [D] inkl. MwSt. | ca. € 20,60 [A] | ca. CHF 27,90* (* empf. VK-Preis)

Oder mit einem Klick bestellen bei

Weiter im Katalog: Zur Buchinfo

Weitere Ausgaben: eBook (epub), Hörbuch CD (gek.), Hörbuch Download (gek.), Hörbuch Download