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Carl Hiaasen: Der lustigste Krimiautor der Welt!

Carl Hiaasen: Der lustigste Krimiautor der Welt!

„Es ist ein Drahtseilakt“

Carl Hiaasen
© Elena Seibert

Carl Hiaasen, geboren 1953 in Plantation, Florida, und Autor von sozialkritischen Screwball Comedies, über seine Art zu schreiben und warum er immer noch in Florida lebt. Der Sunshine State kommt in seinen Romanen eher schlecht weg: Ein Hort an Korruption und Verbrechen, bevölkert von durchgeknallten Typen. Das liest sich immerhin bei Hiaasen sehr lustig.

Von Thomas Askan Vierich

Warum leben Sie immer noch in Florida?
Florida bietet mir so viel Material, dass ich nicht woanders leben möchte. Außerdem ist es wichtig, dass man sich um den Ort, wo man lebt und schreibt, kümmert. Mich interessiert sehr, was in Florida passiert.

Trotz all des täglichen Wahnsinns, der korrupten Politiker, der Umweltverschmutzung, der Kriminalität, die Sie in Ihren Büchern und Kolumnen seit dreißig Jahren anprangern?
Natürlich macht mich die Kriminalität und Korruption wahnsinnig, aber ich nehme sie als Herausforderung in meinen Büchern immer wieder neue Herangehensweisen zu finden, damit umzugehen.

Bekommen Sie Drohbriefe?
Ich bin in all den Jahren nie ernsthaft bedroht worden. Eigentlich überraschend.

Ist der schräge Vogel Skink, eine Art Rächer Floridas, der in vielen Ihrer Romane auftritt, ihre Lieblingsfigur, gar Ihr Alter Ego?
Ja, den mag ich am liebsten, weil er sich mehr leisten kann als alle anderen. Er sagt sehr viel, was ich vielleicht auch schon mal im wirklichen Leben geäußert habe. Aber er tut auch Dinge, die ich mich niemals trauen würde. Vor allem hat er ein gutes Herz und pflegt eine leidenschaftliche Intoleranz gegenüber Ungerechtigkeit und Korruption.

Ihre Romane sind bevölkert von zwielichtigen Gestalten: Macht es mehr Spaß solche Typen zu erfinden als moralisch gefestigte Figuren?
Jeder ehrliche Autor wird Ihnen erzählen, dass es lustiger ist über Ganoven zu schreiben als über Heilige. Ein guter Verbrecher ist lebendig, kompliziert und niemals langweilig. Ich bekomme viel Fanpost von Gefangenen. Ich habe vermutlich eine große Gefolgschaft in der kriminellen Szene...

Auf der anderen Seite haben ja auch Ihre bösesten Bösewichter ihre menschliche Seite...
Ich versuche auch die Bösen als menschliche Wesen darzustellen. Die sind ja nicht NUR böse, das sind die wenigsten Menschen. Als Journalist lernt man, dass Kriminelle nicht als Kriminelle geboren wurden, sondern aus vielerlei Gründen dazu geworden sind. Das entschuldigt nicht ihre Taten, aber es erklärt, warum sie den Pfad der sogenannten Tugend verlassen haben.

Wie lange brauchen Sie für einen Roman? Recherchieren Sie viel? Planen Sie Ihre komplizierten Plots lange im Voraus?
Ich brauche etwa 18 Monate pro Buch. Der Rechercheaufwand variiert, aber er ist nie allzu groß. Gerade arbeite ich an einem Roman über einen Typen, der das amerikanische Gesundheitssystem betrügt. Also habe ich einige Zeit damit verbracht über solche Typen zu lesen. Und Florida ist voll von ihnen. Ich lege mir kein Konzept zurecht. Meine Protagonisten führen mich einfach von Abenteuer zu Abenteuer. Normalerweise weiß ich erst nach zwei Dritteln des Romans, wie er enden wird.

Wo liegt die Grenze zwischen Übertreibung und glaubhafter Satire? Wann wissen Sie, ob ein Gag funktioniert oder nicht? Lesen Sie Passagen Ihrer Familie vor?
Meine Art zu Schreiben ist ein Hochseilakt. Ich balanciere zwischen Humor und Spannung. Leser von Satiren tendieren dazu recht schlau zu sein, deshalb grüble ich über jede Zeile. Manche Szenen sind lustig auf filmische Art, visuell, andere wegen ihrer Erzählart, wegen der Wortwahl. Ich kann nicht sagen, warum manche Sätze funktionieren und andere nicht. Ein falsches Wort ruiniert alles. Die Einzigen, die mein Zeug lesen, während ich noch daran arbeite, sind meine Frau, mein Agent und mein Verleger in New York.

Wenn ich Ihre Romane als satirische Screwball-Comedies beschreiben würde, wären Sie einverstanden?
Für die Menschen in Florida sind das keine Screwball-Comedies. Für die sind das Dokumentationen – getarnt als Belletristik.

Sie werden manchmal dafür kritisiert, dass sich Ihre Romane ähneln: Die gleichen Charaktere, die gleiche Story, der gleiche Masterplan. Never change a winning team?
Ich habe keinen Masterplan, wenn ich schreibe. Weil alle Bücher in Florida spielen, tendieren sie zu gewissen Ähnlichkeiten. Aber es gibt nur ein paar Charaktere, die immer wieder auftreten und manchmal verschwinden sie jahrelang. Mit jedem Roman versuche ich etwas anderes, entweder mit dem Plot oder dem Personal.

Wie viele Bücher haben Sie verkauft?
Genug, um extrem glücklich und dankbar zu sein.

Sind Sie in Florida eine Berühmtheit?
Manchmal werde ich auf der Straße erkannt. Das ist schmeichelhaft, aber eigentlich ist mir meine Anonymität als Autor lieber.

Was ist ihr Lieblingsort in Florida?
Die Keys. Dort habe ich jahrelang gelebt und kehre immer wieder gerne dorthin zurück. Ich habe ein kleines Boot und kann damit ins Hinterland fahren, wo ich ganz allein bin. Das mag ich sehr.

Wie ist momentan die Lage in Florida? Ist sie besser geworden als in den Achtzigern, als man ständig von ermordeten Touristen und niederschmetternder Umweltverschmutzung hörte?
Die Everglades werden nie mehr sein, was sie mal waren. Immerhin kümmert man sich jetzt um diese einmalige Landschaft, aber das ist alles sehr kompliziert. Die Umweltbelastung durch die Landwirtschaft ist geringer geworden. Aber es wird immer noch viel zu viel gebaut, trotz der angespannten Wirtschaftslage. Die Gier wird immer die schlimmste Seuche in Florida bleiben. Es wird immer schlaue Leute geben, die Feuchtgebiete für noch mehr Wohnblöcke und Einkaufszentren trockenlegen wollen.

Schreiben Sie Ihre Romane, um daran etwas zu ändern? Oder wollen Sie einfach „nur“ unterhalten?
Es ist die Pflicht jedes Romanciers zu unterhalten. Man muss ehrlich bleiben bei dem, woran man glaubt. Vielleicht haben deshalb meine Romane Leute berührt, die sich wirklich um die Umwelt Gedanken machen, egal ob sie in Florida oder Frankfurt leben. Ich versuche meine Leser zum Lachen zu bringen, klar, aber ich hoffe, sie lachen über die richtigen Sachen. Das ist der Trick bei Satiren.

Haben Sie Freunde in der Politik?
Es gibt Politiker, die ich bewundere, aber Freunde sind das nicht. Es ist ungesund für einen Kolumnisten sich mit den Leuten gemein zu machen, über die man schreibt oder schreiben muss.

Wählen Sie?
Ja. Wer nicht wählt, hat auch kein Recht sich über seine Regierung zu beklagen.

Sind Sie enttäuscht von Barack Obama?
Er hätte manches besser machen können, aber insgesamt hat er seinen Job gut erledigt. Er hat ja ein unglaubliches Chaos geerbt, ein finanzielles Desaster, das konnte er gar nicht alles in nur vier Jahren reparieren.

Was halten Sie von dem Film „Striptease“? Waren Sie involviert?
Ach, er hatte seine lustigen Momente. Ich war in keiner Weise an der Produktion beteiligt, wogegen ich gar nichts hatte. Meine Romane sind sehr schwer zu verfilmen, weil ihr Humor hauptsächlich in der Erzählweise liegt, im satirischen Ton. Außerdem sind sie nicht nach dieser dreiaktigen Struktur aufgebaut, die das Kino so mag. Ich habe großen Respekt vor den Drehbuchautoren, die sich mit Adaptionen herumschlagen müssen. Ich habe ganze Kisten voll mit Drehbüchern auf Grundlage meiner Romane, die wohl nie verfilmt werden. In manchen Fällen muss man sagen: Gott sei Dank. Eines meiner Kinderbücher, „Hoot“, wurde vor ein paar Jahren verfilmt. Die Kids, die mein Buch gelesen haben, scheinen den Film gemocht zu haben, obwohl er kein Kassenschlager war.

Musik, speziell Rockmusik, kommt in Ihren Romanen immer wieder vor. Hören Sie Musik, wenn Sie schreiben?
Ich trage Ohrenschützer, um den ganzen Lärm auszusperren. So bewahre ich mein Hirn davor auszulaufen.

© Thomas Vierich