SPECIAL zu Caro Ramsay

„Wussten Sie, dass Caro Ramsay viel Zeit damit verbringt zu überlegen, wie sie einen Mord begehen und dabei unentdeckt bleiben kann?“

Interview mit Caro Ramsay

Bitte geben Sie uns eine kurze Biografie von sich:
Nachdem ich mich in meiner Kindheit am Rücken verletzt hatte, wollte ich Osteopathin werden. Als Erwachsener habe ich mich ein zweites Mal am Rücken verletzt und musste neun Monate im Krankenhaus verbringen – in dieser Zeit schrieb ich meine ersten zwei Bücher! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht ein einziges Wort Fiktion geschrieben. Da sehen Sie, zu welchen Taten einen die Langeweile treiben kann. Um meine Romanschreiberei vorwärtszu-
bringen, habe ich 2010 meinen Abschluss in Forensischer Medizinwissenschaft gemacht und war die erste Kriminalschriftstellerin, die zum Examen angetreten ist. Im Laufe eines normalen Arbeitstages behandle ich sowohl Menschen als auch Tiere, meistens Hunde und Pferde, gelegentlich auch mal einen Hasen oder wilden Fuchs. Wenn ich etwas Zeit habe, gehe ich gerne laufen – „wenn“ ich die Zeit habe.

Engagieren Sie sich im Bereich social networking (z.B. Facebook, Twitter, etc.)?
Ich versuche mich an Facebook, bin aber zu beschäftigt, um zu tweeten!

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Wie gesagt, war ich einmal für sehr lange Zeit im Krankenhaus. Ich war überaus gelangweilt und frustriert, nicht, weil es mir sonderlich schlecht gegangen wäre, sondern weil ich mich nicht bewegen durfte. Ich musste einfach darüber schreiben, ein paar Leute abzumurksen, oder es wäre im Krankenhaus tatsächlich etwas Schlimmes passiert! Mein erster Roman beginnt damit, dass eine Blondine hilflos in einem Krankenhausbett liegt … und wurde geschrieben von einer Blondine, die hilflos in einem Krankenhausbett liegt! Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung davon, dass ich schreiben konnte, und auch keine Pläne, Krimischriftstellerin zu werden.

Wie finden Sie Ihre Themen?
Überall im täglichen Leben. Die menschliche Natur wird nie aufhören, mich zu faszinieren. Ich lese nicht wirklich Zeitungen oder schaue mir die Nachrichten im Fernsehen an, um mich zu inspirieren – ich bin keine der Autorinnen, die ein Magazin auseinandernehmen und Schnipsel in ein Notizbuch kleben. Ich verbringe lediglich viel Zeit damit zu überlegen, wie ich einen Mord begehen und unentdeckt bleiben könnte.

An welchem Buch arbeiten Sie gerade?
Ich habe vier “Police Procedurals” geschrieben, die in Glasgow spielen und sich um die beiden Hauptfiguren, die Detectives Anderson und Castello, drehen. Je mehr sich die Serie weiterentwickelt, umso mehr gehen diese Krimis in Richtung Thriller. Das fünfte Buch ist ein psychologischer Thriller, der aus dem Blickwinkel eines Mädchens mit Asperger geschrieben ist und wir werden auch wieder auf Anderson und Costello treffen, allerdings aus der Perspektive des Mädchens. Es spielt in einem abgelegenen Teil der Westküste Schottlands. Dort, wo es immer regnet.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?
PD James, Reginald Hill und Hennig Mankell – allesamt großartige Wortschöpfer, die die Story langsam ins Rollen kommen lassen, und ihr Zeit dafür geben.

Was haben Sie vor kurzem gelesen?
„The Troubled Man“ von Henning Mankell hat mich weinen lassen. Außerdem hab ich das Buch eines neuen englischen Schriftstellers namens Mari Hannah gelesen: „The Murder Wall“.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Im Grund bin ich ein alter, vegetarisch lebender Hippie, also ist meine Philosophie: Leben und leben lassen. Ich ahne, dass die meisten Krimischriftsteller einen ausgeprägten Sinn von Moral und Gerechtigkeit haben. Aus diesem Grund kommen die bösen Buben auch nie wirklich damit davon, auch wenn sie selbst natürlich felsenfest davon überzeugt sind.

Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben?
Da ich noch immer als Osteopathin arbeite, verbringe ich einen Großteil meines Tages mit meinen Patienten. Ansonsten schreibe ich in jeder freien Minute. Sogar wenn ich mit dem Hund draußen bin, plotte ich gedanklich. Also besteht mein Leben aus Arbeiten und Schreiben! Den Haushalt lasse ich links liegen. Was ich total gut finde.

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen:
1. Ich hab mal an Marathons teilgenommen – mit nicht so guten Ergebnissen.
2. Ich bin ein großer Fan von Abba und mein Partner ist ein Drummer, unter anderem in einer Abba-Tribute-Band!
3. Zusammen mit meinem Partner, einem Poltergeist und einem gestörten Pitbull namens Emily lebe ich in einem alten Haus.
4. Val McDermid hat einmal gesagt, dass mein Hund sogar für einen Hund aus Glasgow ziemlich hässlich ist. Sie hatte nicht unrecht damit.
5. Ich kann nicht tippen und neige dazu, Computer sehr schnell zu demolieren. Ich schätze es sehr, mit einem Füller, der mit roter Tinte gefüllt ist, in schöner Schreibschrift zu schreiben.

Wie würden Sie Ihren Roman in einem Satz beschreiben?
Die größte Gefahr könnte im entscheidenden Moment immer näher sein, als du ahnst!

Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Roman zu schreiben?
Zwei kleine Ideen lagen dem Ganzen zugrunde. Eine ging um die Rolle von Kindern in unserer heutigen Gesellschaft, und die andere war, dass behinderte Menschen heutzutage oft gar nicht wahrgenommen werden. Diese beiden Gedanken habe ich zusammengebracht und so lange mit ihnen gespielt, bis ich zwei starke Handlungsstränge hatte. Für die, die benutzt werden, ist Rache ein Gericht, das am besten eiskalt serviert wird.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
In jedem meiner Bücher tauchen immer wieder die gleichen Figuren auf und ich bin in sie alle vernarrt. Wenn ich mit einem neuen Buch anfange ist es, als würde ich alte Freunde wiedertreffen. In „Sein eigen Fleisch und Blut“ treten eine Handvoll Charaktere auf, die sehr böse Dinge tun, doch ich finde es sowohl lustig als auch herausfordernd, dunkle Figuren zu erschaffen, Charaktere, mit denen sich der Leser identifizieren kann und die ihm zeigen: Wow, wenn mein Leben einen anderen Verlauf genommen hätte, wäre ich vielleicht auch so geworden.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Eine Szene war eine technische Herausforderung: In einer dunklen, aber geschäftigen Straße, in der Leute ihre Weihnachtseinkäufe erledigen, sollte der Leser nicht in der Lage sein etwas zu entdecken … was, werde ich jetzt natürlich nicht verraten! Eine andere Szene, die mir schwergefallen ist, war, als sich zwei Polizistinnen auf dem Klo der Polizeistation unterhalten haben. Die beiden kommen überhaupt nicht miteinander klar und es war, nur als ich es geschrieben habe, ziemlich schwierig, die eine davon abzuhalten, der anderen eine reinzuhauen. Ich musste eine Balance erreichen und das professionelle Wesen dieser Frau unterstreichen, die natürlich nicht zuschlagen würde – zur gleichen Zeit sollte sie aber menschlich genug wirken, dass sie es wollte, diese nervtötende Frau zu schlagen.

Welche Leser sprechen Sie mit Ihrem Buch an?
Diejenigen, die temporeiche Chiller mögen, also eine Mischung zwischen einem Thriller und einem Krimi … Aber mit echten Personen als Hauptfiguren, nicht perfekten Polizisten oder übermenschlichen Attentätern. Leuten wie du und ich, die während einer Ermittlung in den Supermarkt gehen, um Futter für ihren Hund zu kaufen.

Gibt es Bücher von anderen Autoren mit denen Ihre Bücher vergleichbar wären?
Ich glaube, das ist eine Frage, die am ehesten die Leser beantworten können. Ich würde mich selbst irgendwo im Dunstkreis von Val McDermid und Reginald Hill verorten.