SPECIAL zu Caro Ramsay

Engel von damals – Geister von heute

Rezension von Karl Hafner

Caro Ramsays konfrontiert in „Ich habe gesündigt“ einen Polizisten mit seiner verdrängten Vergangenheit

Die junge Frau hat ihr Gesicht bei einem Säureattentat verloren. Sie liegt schwer verletzt im Krankenhaus und alles, was der junge Polizist Alan McAlpine in ihr sieht, ist reine Projektion. Trotzdem verliebt er sich in sie. Der Fall selbst scheint nicht allzu kompliziert, sonst wäre der unerfahrene McAlpine gar nicht erst damit betraut worden. Wahrscheinlich Eifersucht oder Rache. Ein enttäuschter Liebhaber. Die sind ja zu allem fähig. Später stirbt die schwer verletzte Frau, die Alan für sich Anna getauft hat. Wer dieses scheußliche Verbrechen begangen hat, kann nicht geklärt werden. McAlpine wird von dem Fall abgezogen. Anna steht ihm einfach zu nahe, um noch objektive, saubere Polizeiarbeit leisten zu können.

Caro Ramsays Thriller „Ich habe gesündigt“ spielt zum überwiegenden Teil 22 Jahre nach diesem Vorfall. Alan McAlpine hat inzwischen bei der Polizei in Glasgow Karriere gemacht. Er gilt als Spitzenpolizist mit hundertprozentiger Aufklärungsquote. Um seine Frau Helena, eine charmante, erfolgreiche Künstlerin, beneidet ihn die halbe Welt – und doch schwelt da etwas in McAlpine vor sich hin seit diesem Fall, damals vor 22 Jahren. Die hohe Kunst der Verdrängung – darum dreht sich Ramsays Thriller, der im Original „Absolution“ heißt. Freisprechung von der Sünde. Erlösung. Beinahe alle Figuren haben in der Vergangenheit Verletzungen erlitten, die sie möglichst nicht wahrhaben wollen. Doch nichts lässt sich ein Leben lang verdrängen …

Stochern im Religiösen
McAlpines Erinnerungen brechen sich langsam Bahn, als er zur Aufklärung einer aktuellen Mordserie in sein altes Revier versetzt wird. Seit 22 Jahren hat er das Partickhill-Gebäude gemieden wie die Pest. Er fuhr sogar Umwege mit dem Auto, um es nicht sehen zu müssen. Jetzt ist er Leiter einer Einsatztruppe, die sich um die bestialische Ermordung dreier Frauen kümmern muss. Sie alle wurden von hinten mit Chloroform betäubt, im Zusammensacken mit einem Messer von unten nach oben aufgeschlitzt und mit ausgebreiteten Armen zurückgelassen. Die Positionierung der Leichen lässt auf ein religiöses Motiv schließen. Die Presse schreibt bereits über den ‚Kruzifixmörder'. Irgendeine Verbindung zwischen den Frauen muss es geben, doch es dauert geraume Zeit, bis zumindest ein paar Schnittpunkte im Lebenswandel gefunden werden – und auch die wirken erst einmal sehr konstruiert. Die Ermittlungen gestalten sich anfangs schwierig, ein paar lausige Hinweise hier, ein paar halbgare Vermutungen da. Einen wirklichen Durchbruch gibt es lange nicht und doch liest sich dieses Stochern im Nebel sehr spannend und interessant.

Wühlen in der Psyche
Mindestens genauso spannend ist die Art, wie Ramsay ihre Figuren charakterisiert und entwickelt. Stückchenweise, geschickt in Dialoge verpackt, erfährt der Leser immer mehr über die Protagonisten. Steht am Anfang vor allem McAlpine im Zentrum der Ermittlungsarbeit, verlagert sich das Geschehen im Laufe der Geschichte auf die Schultern seiner Kollegen. McAlpine selbst ist bald nicht mehr wirklich Herr der Lage, zu aufgewühlt ist er von seinen Erinnerungen. Dazu kommen zuviel Alkohol, ein Autounfall und ein Schlüsselbeinbruch. Niemand weiß, was mit McAlpine los ist. Über die Geschichte mit Anna hat er mit niemandem geredet.

Heimlicher Leiter der Ermittlungskommission ist bald der Profiler Batten, der seinen Kollegen eine Checkliste mit wahrscheinlichen Charaktereigenschaften des Täters vorlegt. Das Beziehungsgeflecht im Polizeirevier ist kompliziert, Rivalitäten und gemeinsame Erlebnisse in der Vergangenheit prägen den Umgang miteinander. Anderson, einer von McAlpines Untergebenen und sein bester Freund, führt eine schwierige Ehe und ist an nichts mehr interessiert als dem Wohl von Helena, McAlpines Frau. Die Polizistin Costello dagegen hegt seit Jahren eine tiefe Bewunderung für McAlpine und wird doch nie mehr für ihn sein als eine Kollegin.

Costello wird bald zur zweiten Hauptfigur. Aus ihrer Sicht wird bald deutlich, dass der Täter, der offensichtlich Frauen abgrundtief hasst, laut Checkliste jeder ihrer Kollegen und Freunde sein könnte. Schließlich hatten die getöteten Frauen anscheinend volles Vertrauen in ihren Mörder, der zudem höchstwahrscheinlich noch sehr charmant und intelligent sein muss. Das würde sogar auf Costellos Chef McAlpine zutreffen!

Erlösung im Chaos
Zwar steht die Psychologie der Figuren in Ramsays pessimistischem Thriller klar im Vordergrund, doch vergisst die Autorin in keinem Moment, die eigentliche Handlung bohrend und konsequent zu einem bitteren Ende zu führen. In gekonnten Parallelmontagen treibt sie das Geschehen mehrgleisig voran, mit dem richtigen Timing für Szenenabbrüche und Perspektivwechsel. Die Spannung ist bis zum Finale hoch, die Gehetztheit der Polizei nimmt zu, jeder der Beamten besteht auf einem anderen Hauptverdächtigen. In die Ermittlungen mischt sich eine gute Portion Chaos und der jeweilige Erkenntnisstand bleibt lange Zeit so gering, dass ein kleiner Hinweis reicht, um sämtliche Mutmaßungen über den Haufen zu werfen. Schauplatz dieses Thrillers ist ein ausgesprochen düsteres Glasgow, und unweigerlich denkt man beim Lesen des Buches an den schottischen Autor Ian Rankin, der seine dunklen Geschichten vorwiegend in Edinburgh spielen lässt, abseits der Touristenpfade, in den schäbigen Ecken der Stadt. Caro Ramsay macht dieser Tradition mit ihrem Debütroman alle Ehre. Vielleicht gelingt es ihr ja, neben Rankins Edinburgh auch ihr Glasgow auf der internationalen Krimilandkarte zu etablieren. Ihre Glasgower Polizisten würden auf jeden Fall noch viel, viel Stoff für weitere Geschichten hergeben.
Karl Hafner
München, April 2008