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Charles Cumming im Interview zu »Die Trinity Verschwörung«

Geheimagenten tragen weder Schusswaffen noch kämpfen sie mit Haien

Charles Cumming über seinen Spionagethriller Die Trinity Verschwörung


In Großbritannien werden Sie als Autor brillanter Spionageromane gefeiert und erhielten für Ihren jüngsten Roman „A Foreign Country“ soeben den renommierten Ian Fleming Steel Dagger Award 2012, der jährlich im Gedenken an James-Bond-Erfinder Ian Fleming für den besten Agententhriller vergeben wird. Sie haben dabei sogar Autoren wie Thomas Harris und Neal Stephenson aus dem Rennen geschlagen, die ebenfalls für den Preis nominiert waren. Mit „Die Trinity Verschwörung“ erscheint nun zum ersten Mal einer Ihrer Thriller auf Deutsch. Wie kamen Sie als Autor zum Genre des Spionageromans?

Auf jeden Fall hat mich mein Kontakt zum britischen Auslandsgeheimdienst MI6 dazu angeregt, Spionageromane zu schreiben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht besonders viel von John le Carré, Len Deighton oder gar Ian Fleming gelesen. Ich habe Englische und Amerikanische Literaturwissenschaft studiert, demzufolge entsprachen meine Vorlieben eher dem Mainstream. Studenten beschäftigen sich an der Universität normalerweise nicht mit Thrillern!
In Großbritannien hat der Spionageroman eine lange Tradition, die bis ins Jahr 1903 zurückreicht, als Erskine Childers´ „The Riddle of the Sands“ erschien (dt.: „Das Rätsel der Sandbank“). Als Urvater des seriösen Spionageromans gilt Eric Ambler, der in den 1930er Jahren eine großartige Thrillerserie schrieb. Das beste Buch aus der Reihe ist wahrscheinlich „A Coffin for Demetrios“ (dt.: „Die Maske des Dimitrios“). Ambler politisierte den Spionageroman und John le Carré verwandelte ihn schließlich in eine Form der Kunst. Jeder, der heutzutage Spionageromane schreibt, steht in dieser Tradition und spürt Ian Fleming, Len Deighton und sogar Graham Greene über sich wachen.


1995 nahm der Secret Intelligence Service (MI6), der britische Auslandsgeheimdienst, auf der Suche nach geeigneten Mitarbeitern Kontakt zu Ihnen auf. Wie kam der MI6 auf Sie?

Ein alter Schulfreund meines Stiefvaters, der kurz zuvor aus dem Dienst beim MI6 ausgeschieden war, trat an mich heran. Er mochte mich und war der Meinung, ich sei ein geeigneter Kandidat für das Auswahlverfahren.


Sie nahmen an einem längeren Auswahlverfahren des Secret Intelligence Service teil, es kam jedoch nie zu einer Zusammenarbeit. Stattdessen inspirierte Sie die Begegnung mit dem MI6 zu ihrem ersten Roman „A Spy By Nature“. Hatten Sie festgestellt, dass Sie sich nicht zum Spion, sondern besser zum Schriftsteller eignen?

Ja. Außerdem merkte ich, dass ich auf einer Goldmine saß, was den Stoff für einen Roman anging. Spionage ist Teamarbeit, Schreiben ist ein einsamer Beruf. Ich habe mich von jeher besser für ein Leben als Einzelgänger geeignet.


„Die Trinity Verschwörung“ geht auf den größten Spionageskandal in der britischen Geschichte zurück: Innerhalb des britischen Geheimdiensts war während des Zweiten Weltkriegs und bis in die Sechzigerjahre hinein ein Spionagering aktiv, der die Sowjetunion mit wichtigen Informationen versorgte. Da fünf ehemalige Cambridge-Absolventen diesem Spionagering angehörten, wurde er unter dem Namen „Cambridge Five“ bekannt. In „Die Trinity Verschwörung“ tauchen ein Zeitzeuge und Dokumente auf, die nahelegen, es habe neben den fünf Agenten einen sechsten, bisher nicht enttarnten Mann gegeben. Ist es richtig, dass Sie selbst in den Besitz bisher unveröffentlichter Dokumente über ein Mitglied der „Cambridge Five“ gelangten und dass Sie dies zu Ihrem Roman inspirierte?

Ja. Eine Freundin händigte mir eine Dokumentensammlung mit neuem Material über einen der “Cambridge Five”-Spione, Antony Blunt, aus, die von ihrer Mutter zusammengestellt worden war. Unter den Papieren fanden sich seine Sterbeurkunde, Protokolle von Gesprächen mit Kollegen und Freunden und eine Kopie seines Testaments. Das brachte mich auf die Idee zur „Trinity Verschwörung“. Was, wenn ich in diesen Dokumenten den Beweis dafür entdeckt hätte, dass dem Spionagering ein weiteres Mitglied angehört hätte, dessen Verrat nie aufgedeckt worden war.


Die Hauptfigur Ihres Romans ist kein Geheimagent, sondern Historiker: Sam Gaddis, Professor für russische Geschichte am University College London. Welchen Reiz hat es für Sie, jemanden in den Mittelpunkt zu stellen, der kein Spion, sondern ein Außenseiter in der Geheimdienstwelt ist?

Diese Idee geht auf Eric Ambler zurück. Er schrieb gern über „ganz gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Situationen“. Mit anderen Worten, eine Hauptfigur, die keine besondere Ausbildung und keinerlei Erfahrung mit Geheimdiensten besitzt, die völlig unvorbereitet in eine prekäre Situation gerät. Gaddis ist mutig und klug, aber als sich das Netz der Verschwörung um ihn zusammenzieht, ist er völlig überfordert. Ich bin der Meinung, dass sich Leser stärker mit jemandem wie Gaddis identifizieren können als beispielsweise mit James Bond oder Jason Bourne.


Ihre Romane sind akribisch recherchiert. Sie verfügen über genaue Kenntnisse der Geheimdienstarbeit und schildern Schauplätze detailgetreu. Wie gehen Sie bei der Recherche vor?

Ein Großteil beruht auf gesundem Menschenverstand, vieles erfahre ich durch Gespräche mit früheren Geheimdienstmitarbeitern oder Leuten, die immer noch für den MI5 oder MI6 tätig sind. Heute haben Autoren von Spionageromanen auch das große Glück, dass sehr viel über Spionage in Büchern und im Internet zu finden ist. Vor 30 Jahren war das noch ganz anders.


Zwei der berühmtesten Autoren von Spionageromanen arbeiteten selbst eine Zeitlang als Agenten für den Geheimdienst: John le Carré und Ian Fleming. Sehen Sie sich in der Tradition einer dieser Schriftsteller?

Den größten Einfluss auf meine Arbeit als Schriftsteller hatte wohl einzig John le Carré, besonders auf meine ersten Bücher. Wenn man als Autor nach einem Vorbild für einen Thriller sucht, der zugleich ein Roman über menschliches Verhalten, über soziale Bedingungen und Politik ist, findet man in le Carré den Meister. Mir gefallen auch viele der Filme, die auf Grundlage seiner Bücher gedreht wurden. „Das Russland-Haus“ ist ein großartiger Film über den Kalten Krieg, leider wird er viel zu wenig beachtet, und „Der ewige Gärtner“ ist phantastisch.


Das Bild des britischen Geheimagenten wurde vor allem durch Ian Fleming und seine Figur des James Bond geprägt. Wie viel hat die Arbeit eines Geheimagenten tatsächlich mit dem Klischee zu tun, das durch die James-Bond-Filme vermittelt wird?

Sehr wenig. Die Geheimdienstoffiziere des MI6 tragen weder Schusswaffen, noch springen sie aus Flugzeugen oder kämpfen mit Haien. Sie haben die Aufgabe, Beziehungen zu Leuten aufzubauen und sie zu überzeugen, für die britische Regierung zu arbeiten - entweder aus Pflichtbewusstsein oder für Geld. Bond ist ein Attentäter. Wenn der MI6 jemanden für die Drecksarbeit braucht, wird der SAS (Special Air Service) geholt.


Ein wichtiges Thema Ihrer Romane ist die Frage nach der Identität: Wie kommt ein Mensch damit zurecht, einen Teil seines Lebens im Verborgenen führen zu müssen und mit niemandem teilen zu dürfen? Wie verändert das ihn und seine Beziehung zu anderen? Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen?

Ich bin der Überzeugung, dass diese Themen den Kern jedes guten Spionageromans ausmachen sollten. Wer sind wir? Was wollen wir? Wie sind wir dafür gerüstet, unsere Ziele zu erreichen? Diese Fragen haben für unser berufliches Leben genauso wie für unser privates eine entscheidende Bedeutung. Was das angeht, ist der Spionageroman ein sehr nützliches Beispiel. Spione lügen, manipulieren und sie machen Fehler, gelegentlich sind sie auch tapfer und heldenhaft. Mit anderen Worten: Sie unterscheiden sich kaum von ganz „normalen“ Leuten. Das hat mich an diesem Genre schon immer fasziniert.


Können Sie uns verraten, worum es in Ihrem nächsten Buch gehen wird?

Mein neues Buch heißt “A Colder War”, es ist die Fortsetzung von “A Foreign Country” (das 2013 auf Deutsch erscheinen wird). Die Handlung spielt überwiegend in der Türkei, und es geht um die Jagd auf einen mutmaßlichen Verräter innerhalb des westlichen Geheimdiensts. Die Hauptfigur, Thomas Kell, ist ein in Ungnade gefallener MI6-Offizier, der nach Istanbul entsandt wird, um den Tod eines Kollegen aufzuklären.

Interview: Elke Kreil