Hodges, Charles
© David Myers

Lolly und ich

Die Hochzeit der Schwester meiner Frau stand bevor, und kurz zuvor feierte ihr künftiger Ehemann seinen Junggesellenabschied. Mit ihm und einem halben Dutzend anderer Männer fuhr ich daher nach Brighton an die englische Südküste, wo seine letzten Stunden in Freiheit gefeiert werden sollten, bevor die Tore des Ehegefängnisses für immer hinter ihm zuschlugen.

Im Vergleich zu anderen typisch britischen Junggesellenabschieden verlief dieser relativ zivilisiert, was wohl daran lag, dass das Durchschnittsalter der Teilnehmer bei mindestens fünfzig lag. (Ohne mich wäre es deutlich niedriger gewesen.) Nichtsdestoweniger wurden wir genötigt, ein schreckliches Paintballspiel zu absolvieren, mit Quad Bikes eine Schlammpiste zu durchpflügen und eine Anlage für Gewehr- und Bogenschießen unsicher zu machen, und das alles an einem nasskalten Samstag im Februar. Irgendwann brachen wir dann endlich zum Abendessen und einer spätabendlichen Kneipentour auf.

Um halb zwei Uhr nachts sehnte ich mich nach meinem Hotelbett. In Gedanken war ich bereits bei den Problemen, die mich erwarteten, wenn ich bald völlig verkatert wieder zuhause im höchst respektablen Tunbridge Wells einträfe. Zu dieser Zeit versuchten meine Frau und ich gerade verzweifelt, für unseren zehnjährigen Sohn eine weiterführende Schule zu finden – eine Prozedur, die in ihren angenehmsten Phasen zumindest als nervenaufreibend zu bezeichnen war.

Unsere damalige Wunschschule (nicht zuletzt, weil sie sich in fußläufiger Entfernung befand) finanziert zwar der Staat, doch geleitet wird sie von der Church of England. Sie heißt Bennett Memorial Diocesan School, zu Ehren von Sir Thomas Bennett, auf dessen wohlhabende Witwe die Stiftung ursprünglich zurückgeht. (Bitte lesen Sie weiter, das hat durchaus etwas mit meiner Geschichte zu tun.) Derartige Schulen sind in England weit verbreitet und vor allem bei Eltern beliebt, die hoffen, religiöse Prinzipien würden ihre Sprösslinge auf dem Pfad der Tugend halten. Der einzige Haken an der Sache ist, dass man sein Kind nur dort unterbringt, wenn man schriftlich nachweisen kann, dass man in den letzten fünf Jahren regelmäßig zur Kirche gegangen ist. Als überzeugte Atheisten ohne Familie oder Freunde im Dienst des Herrn, die einem eine Gefälligkeit erweisen könnte, standen unsere Chancen schlecht, und das ärgerte mich. Wir trugen zwar mit unseren Steuern zur Finanzierung der Einrichtung bei, waren aber aus religiösen Gründen ausgeschlossen. Es war, als hätte die Reformation da etwas verpasst.

Außerdem ging mir noch eine andere Sache durch den Kopf: Mir fehlte die weibliche Hauptfigur für mein zweites Buch mit Tom Knight. Ich hatte in groben Zügen einen grausigen Fall, in dem er ermitteln sollte, aber noch niemanden, der ihm den Kopf verdrehen würde. Dass diese entscheidende Lücke immer noch klaffte, nervte mich ziemlich.

Ich stimmte noch einem letzten Absacker zu, fest entschlossen, gleich danach in mein Hotel zurückzukehren. Aber der Jägermeister hatte andere Pläne. Merkwürdigerweise ist er in England bei jungen Leuten sehr beliebt, vor allem unter der treffenden Bezeichnung „Jaegerbomb“ gemixt mit Red Bull. Nach vier Gläschen – das Red Bull ließen wir klugerweise weg – fand ich mich, auf wundersame Weise wiederhergestellt, in einem bequemen Sessel neben einer Poledancing-Bühne wieder.

Herren eines gewissen Alters wirken in derartigen Etablissements nicht ohne Grund etwas suspekt, doch als Gast des Junggesellenabschieds hatte ich das perfekte Alibi: Ich zeigte, für jedermann ersichtlich, ausschließlich Solidarität mit meinem künftigen Schwager, indem ich unerschütterlich an seiner Seite ausharrte, bis er den Abend für beendet erklärte. Ich verdrängte den Gedanken, dass ich vor kaum einer halben Stunde eigentlich entschlossen gewesen war, die Segel zu streichen.

Vom Kräuterschnaps wohlig benebelt sah ich einer Frau zu, die in etwa drei Metern Höhe ihren Körper im rechten Winkel von der Stange streckte, und einer weiteren, die einen senkrechten Spagat machte, während sie sich mit nur einer Hand an der Stange festhielt. Wieder andere beschränkten sich darauf, sich am unteren Teil der Stange zu räkeln, was ganz offensichtlich weniger anstrengend, aber ebenso bezaubernd war. Bekleidung war praktisch nicht vorhanden. Wie Odysseus, der an den Mast seines Schiffes gefesselt den Sirenen lauschte, ließ ich mich von dem Schauspiel verführen.

Die Tänzerinnen verdienen bei diesen Veranstaltungen dadurch Geld, dass sie Männer aus dem Publikum zu einer „Privatvorstellung“ in abgeschiedene Kabinen locken. Bei meiner späteren Recherche erfuhr ich von einer ehemaligen Tänzerin, dass es dabei keinesfalls zu Körperkontakt kommt, was zum Teil gesetzliche, zum Teil auch wirtschaftliche Gründe hat. Das Honorar liegt zwischen zwanzig und fünfzig Pfund für etwa zehn Minuten, und dahinter steht die Idee, den beschwipsten Kunden beständig auf mehr hoffen zu lassen und ihn so zu bewegen, für weitere Tänze zu zahlen. Meine Informantin sagte mir, dass sie an ihrem besten Abend 2000 Pfund verdient hat, nach Abzug der Ausgaben, die unter anderem in einem gewaltigen Batzen für das Kokain bestanden, das sie zum Durchhalten benötigte. Aber das erfuhr ich viel später. In jenem Augenblick hatte eine Tänzerin gerade die Stange losgelassen und ging langsam die erste Reihe der Zuschauer entlang, um einen von ihnen nach oben in eine Kabine zu locken. Als sie bei mir ankam, bemühte ich mich, meine nicht selbstverständliche Anwesenheit zu erklären, was das Eis zu brechen schien. Sie kapierte wohl schnell, dass ich kein besonders aussichtsreicher Kandidat für eine Privatvorstellung war, da sie eine solche erst gar nicht vorschlug. Dennoch schien sie keine Eile zu haben, ihr Glück woanders zu versuchen, sondern blieb und unterhielt sich ganz liebenswürdig mit mir, während die anderen Teilnehmer des Junggesellenabschieds um uns herumsaßen und zuschauten – neiderfüllt, wie ich mir gerne einrede.

Ich weiß nicht, wie sie wirklich hieß, aber ihr Künstlername war Lolly. Ich fand das perfekt – eine Abwandlung von „Lolita“ und zugleich ein altmodisches englisches Slang-Wort für Geld. Zu der Zeit wussten weder sie noch ich, dass sie zu „Lolly aus Lanzarote“ werden würde, der gertenschlanken einundsechzigjährigen Poledancerin, die Tom Knight in Ein Mann tanzt aus der Reihe ein bisschen zu genau kennenlernt.

Die echte Lolly war jedoch deutlich jünger als einundsechzig; bestenfalls Anfang zwanzig, vielleicht auch erst achtzehn. Sie war ebenso charmant und lustig und schien es hochinteressant zu finden, dass ich Schriftsteller war (einer der wenigen Vorteile dieses Jobs). Noch überraschter war sie, als sie erfuhr, dass ich in Tunbridge Wells wohnte. Dort, so stellte sich heraus, war sie aufgewachsen. Als ich fragte, auf welche Schule sie gegangen sei, antwortete sie, dass es die … Bennett Memorial Diocesan war.

Das war der krönende Abschluss dieses Abends: die Vorstellung, dass der Geist von Sir Thomas dabei zusah, wie sein ehemaliger Schützling sich um die Stange schlängelte, während ehrgeizige Eltern in Tunbridge Wells noch ein paar Stunden Schlaf abzubekommen versuchten, bevor sie am nächsten Morgen zeitig aufstehen mussten, um zur Kirche zu gehen. Ich muss aber zugeben, dass ich fand, dass Lolly ihrer Schule alle Ehre machte, auch wenn dort meines Wissens kein Poledancing-Unterricht angeboten wird.

Ich glaube nicht, dass sie je erfahren wird, was sie in jener Nacht in Gang gesetzt hat. Vielleicht wird Ein Mann tanzt aus der Reihe ein weltweiter Bucherfolg, gefolgt von einem Hollywood-Blockbuster (Lies das, Spielberg!), dann kommt ihr vielleicht zu Ohren, wozu sie mich inspiriert hat, aber die Chancen dafür stehen zugegebenermaßen eher schlecht.

Später habe ich erfahren, dass die Bennett Memorial Diocesan School ein lateinisches Motto hat: Semper Tenax, was so viel heißt wie „bei der Stange bleiben“. Wenn man nach Lollys Poledancing-Fähigkeiten geht, ist es ausgesprochen angemessen. Wie wir schon befürchtet hatten, wurde mein Sohn nicht in die Schule aufgenommen. Wir konnten es verschmerzen, da ihm letztendlich eine andere Schule sowieso lieber war und er auch wenig Interesse zeigt, Poledancer zu werden.

Wie dem auch sei: Mein Dank geht an Sir Thomas Bennett und an Lolly aus Tunbridge Wells.

Charles Hodges

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