SPECIAL zu Charlotte Link

Fremde Leben

Buchempfehlung von Carsten Hansen

Ein Mann, der sich in die Leben anderer schleicht
Er ist jung, er hat keine Arbeit, keine Freundin, kein Geld und sehr viel Zeit und er lebt noch im Haus des Bruders. Dessen Frau Millie hasst ihren Schwager, misstraut ihm. Denn Samson Segal geht jeden Morgen aus dem Haus und bleibt stundenlang weg, drückt sich vor den Häusern in seiner Nachbarschaft herum, obwohl es bitterkalt ist. Samson beobachtet Menschen, vor allem Frauen. Er schleicht sich in die Leben, weiß genau, wer wann das Haus verlässt und wieder zurückkommt. Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, wenn es früh dunkel wird, sieht er schon am Nachmittag in die hell erleuchteten Fenster hinein – und kann das tun, was er mit am allerliebsten tut: Gillian Ward und ihr perfektes Familienleben beobachten. Ihr Leben mit Mann Tom und Tochter Becky. Ja, Samson liebt Gillian …

Zuerst fühlen sie sich beobachtet – dann schlägt der Mörder zu
Detective Inspector Fielder und seine Kollegin Christy McMarrow haben ganz andere Probleme als einen harmlosen Spanner. Die alleinstehende Rentnerin Carla Roberts wird in ihrer Londoner Wohnung ermordet. Tatmotiv? Fehlanzeige. Carla lebte sehr zurückgezogen, doch vor ihrem Tod fühlte sie eine nicht fassbare Bedrohung. Der Fahrstuhl fuhr immer öfter zu ihr in den 8. Stock hoch – doch es stieg nie jemand aus … Auch die verwitwete Ärztin Anne Westley fühlt sich beobachtet. Sie lebt gerne in dem einsam gelegenen Landhaus in Turnbridge Wells – bis sich auch in ihrem Leben die Angst einnistet. Anne spürt, dass sie jemand im Visier hat …

Psychopathischer Serienkiller mit Hass auf Frauen?
Der Makler findet sie tot im Badezimmer. Anne hatte sich zum Verkauf des Hauses entschlossen, wollte nach London ziehen, weg von hier. Zu spät. Ein Detail weist Inspector Peter Fielder darauf hin, dass beide Taten zusammenhängen – er hat es mit einem Serienmörder zu tun. Über das Motiv rätselt die Polizei weiter – welche Verbindung gibt es nur zwischen den beiden Opfern, oder lebt hier ein Psychopath seinen Hass auf Frauen wahllos aus? Als ein weiterer Mord passiert – diesmal in Gillian Wards Umfeld, schlägt Samson Segals Schwägerin Millie Alarm bei der Polizei. Sie hatte zuvor heimlich den Computer ihres Schwagers geknackt und ein wahrlich beunruhigendes Dokument gefunden. Für sie steht fest: Samson ist der Mörder. Als der Wind davon bekommt, taucht er unter und die Polizei sucht verzweifelt ein Phantom. Ob Inspector Fielder und Christy McMarrow auf der richtigen Fährte sind, wird sich zeigen.

Die dunkle Vergangenheit des Handballtrainers
Denn nun schaltet sich auch Ex-Ermittler John Burton in den Fall ein. Seit er nicht mehr im Polizeidienst arbeitet, schlägt er sich unter anderem als Handballtrainer durch – und trainiert Gillian Wards Tochter. So lernen Gillian und John sich kennen und bald empfindet John mehr für die attraktive Frau. Doch er gilt als Weiberheld und hüllt sich in Schweigen, wenn ihn Gillian auf seine Vergangenheit anspricht. Warum nur hat er den Polizeidienst verlassen, was ist da vorgefallen? Als Gillians beste Freundin, die Staatsanwältin Tara Caine, sich Johns Akte kommen lässt, entdeckt sie, warum John darüber nicht reden will … Und auch Inspector Fielder und Christy McMarrow stoßen auf eine Spur, die der Schlüssel zu allem sein könnte.

Virtuos und vielschichtig erzählt: Charlotte Link bietet großes Kino
Charlotte Link zeigt in „Der Beobachter“ ihr großes Können, eine Kriminalgeschichte so packend, psychologisch fein austariert und virtuos zu erzählen, dass man als Leser mitfiebert und mitleidet, mitbangt und miträtselt wie bei „großem Kino“. Man ertappt sich dabei, die Figuren warnen zu wollen vor dem was kommt und hört sich laut „Oh nein!“ rufen, wenn Anne Westley ihrem Gefühl, beobachtet zu werden, misstraut und doch die Tür öffnet. Ihrem Mörder öffnet. Die vielen Schichten, die Charlotte Link übereinanderlegt und wie sie wieder eine andere Spur einführt, einen anderen Faden knüpft, das ist so anregend wie atemberaubend spannend. Weiterer Beweis ihres Könnens: Wo gar nicht wenige Autoren sich im Krimi-Finale haarsträubende Konstellationen ausdenken, die die Intelligenz der Leser beleidigen, schafft es Charlotte Link scheinbar mühelos, das Ende psychologisch glaubwürdig und bestens erzählt zu verankern. Ein Buch aus einem Guss. Ein Buch wie eine Wundertüte. Und ein Buch, das man definitiv nur an einem Wochenende oder mit viel Lesezeit anfangen sollte: denn Aufhören kann hier sicher niemand mehr!
Carsten Hansen
Literaturtest
Berlin, November 2011

Der Beobachter

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