Charlotte Rørth: Die Frau, die nicht an Gott glaubte und Jesus traf

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DIE ZWEITE BEGEGNUNG

Ich habe mich wieder auf den Weg gemacht. Zum fünften Mal innerhalb gut eines Jahres bin ich nach Úbeda gefahren. Dieses Mal ist es so kalt und nass, wie es im Januar eben sein kann. In der Stadt sind kaum Menschen, auch nicht in der Sakristei der Sacra Capilla del Salvador. Ich sitze dort fast allein. Es ist etwas klamm und ziemlich kühl, und es riecht streng nach Kalk und alten Steinen. Vor Kälte zitternd ziehe ich meinen Mantel enger um mich und zwinge mich zur Ruhe. Ich nicke einem jungen Paar zu, das sich die Statuen ansieht und darüber redet, dass sie bald nach Hause fahren müssen.

In derselben Sekunde, in der sie die Sakristei verlassen, kommt er. Gleich links von mir taucht er auf. Ich atme langsam, spüre, wie Freude die Überraschung überlagert, so dass ich mich gar nicht erst wundern kann, eine weitere Begegnung zu erleben. Ich sitze ganz still auf derselben Bank wie beim letzten Mal, aber sie ist seit dem Februar umgestellt worden. Er ist wieder den Kiesweg entlanggegangen, so dass wir uns jetzt etwas weiter vorn begegnen, wo der Weg einen Bogen macht. Er trägt immer noch sein blaues Gewand, und zu seiner Rechten fällt das Gelände immer noch zum Tal hin ab. Ich sehe wieder die Zitronen- und Olivenbäume aber das Dorf und der Hügel, die sich beim letzten Mal links hinter ihm befunden hatten, sind außerhalb meines Gesichtsfeldes. Ebenso die Jünger.Auch das Licht ist so wie beim letzten Mal. Der Himmel ist blau, die Sonne weiß, sein Schatten kurz.

Für ihn ist so viel Zeit vergangen, die es braucht, um die vielleicht zwanzig Meter zu gehen und eventuell stehenzubleiben, um mit Vorbeigehenden zu sprechen. Er redet mit ihnen allen, denke ich, und bin maßlos gerührt und verblüfft, weil er wollte, dass ich ihn wiedersehe. Er muss sehr beschäftigt sein, aber so wirkt es nicht. Für mich ist die Zeit stehengeblieben, oder richtiger gesagt, gedehnt worden, oder noch besser, gelöscht. Ich weiß, dass er das weiß. Er ist in allen Zeiten. Jetzt weiß ich es auch. Für ihn sind wenige Minuten vergangen, für mich waren es elf Monate, aus historischer Sicht fast zweitausend Jahre. Um mich herum ist das Gefühl für Zeit in Auflösung. Er aber steht fest auf beiden Beinen dort direkt vor mir, sowohl auf dem Boden Israels als auch auf den Steinfliesen in der spanischen Sakristei sowie in meinem Bewusstsein, und er löscht mit der konkreten Anwesenheit seines Körpers alles Unbegreifliche aus. Und so erscheint es mir als völlig natürlich und selbstverständlich, dazusitzen und an einem nasskalten Januartag des Jahres 2010 Jesus von hinten zu sehen und dabei eine so große Freude zu verspüren, dass sie sich nicht glaubhaft beschreiben lässt. Die Freude ist noch größer als bei der ersten Begegnung. Auch größer als irgendeine andere Freude.

Er sieht mich nicht sofort und geht weiter, aber als ich ihn ein paar Minuten lang von hinten angesehen habe, wendet er den Kopf und blickt über die linke Schulter, erkennt mich sofort wieder und lächelt. Er steht still da, abwartend. Ich frage ihn, was ich tun soll. »Ich verlasse mich auf dich«, sagt er. Und dann geht er.

Die Frau, die nicht an Gott glaubte und Jesus traf

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