Christian Schwägerl »Menschenzeit«

SPECIAL zu Christian Schwägerl »Menschenzeit«

Apocalypse now?

Von Otto Peter

„Eine neue Welt ist am Wachsen, eine Menschenwelt“, schreibt der mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl (SPIEGEL) in seinem neuen Buch. Der Mensch formt, gestaltet, beeinträchtigt, zerstört die Welt. Tierarten verschwinden, die Meere werden leer gefischt, der Regenwald wird abgeholzt. Tiere sind kaum mehr als ein industrielles Vorstadium der abgepackten Steaks im Supermarktregal. Moderne Technologien haben dem Menschen die Mittel an die Hand gegeben, einen galoppierenden Konsum- und Produktionsrausch in Gang zu setzen und damit eine gewaltige Bevölkerungsexplosion auszulösen. Bis 2050 werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Folge? Der Mensch nimmt noch mehr Einfluss auf die Ökosysteme und auf das Klima als jemals zuvor in der Geschichte der Erde. Kriege, Krisen und Konflikte werden sich häufen. Selbst die naturbelassenen Räume, die Biome, werden zu einem Produkt des Menschen. Vor allem der Mensch aus der reichen Welt erschafft das, was künftig Umwelt sein wird. „Der Mensch kann bei dem Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, ,mission completed‘ melden.“

Albtraum und Apokalypse
Künftig wird der Homo sapiens in seine Beherrscher- und Schöpfer-Rolle noch weiter hineinwachsen. Er wird synthetisches Leben erschaffen können. Im 22. oder 23. Jahrhundert wird es nicht nur möglich sein, so Schwägerl, das Klima gezielt mit Design-Gasen zu beeinflussen, sondern auch das ganze Öko-System so zu regulieren, wie wir das aktuell schon mit elektrischen Schaltkreisen tun. Der Autor mahnt, dass der Mensch womöglich noch nicht reif genug sei, diese Schöpferrolle verantwortungsbewusst gegenüber anderen Lebewesen und der Umwelt ausfüllen zu können. Und so nimmt er den Leser mit auf eine faszinierende, mitunter schockierende Reise – von der Zeit, als Cyanobakterien oder Blaualgen die Erde bevölkerten, bis in die Gegenwart, von den salzigen Wüsten Afrikas und des Nahen Ostens zu den überfüllten Metropolen in den USA, in Mexiko oder China. Dabei streift er Ökonomie und Politik, bezieht Literatur und Wissenschaft mit ein und entwirft so ein epochales Panorama der Welt von heute, ein Panorama, bei dessen Anblick dem Leser der Atem stockt und albtraumhafte, apokalyptische Visionen aufziehen. Wird der Mensch am Ende zu seinem eigenen Totengräber?

Maß plus Vernunft gleich Hoffnung
Schwägerl stellt der Menschheit ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Unsere Zeit sieht er von Neid, Egoismus, dem Raubbau an der Erde, einem aus dem Ruder gelaufenen Lebensstil und einem zukunftsvergessenen Denken geprägt, dessen fatal enger Horizont von Politik und Wirtschaft vorgegeben wird. „Es wird aber immer klarer“, so der Autor, „dass die Gegenwartspräferenz für das Leben und Überleben im 21. Jahrhundert und darüber hinaus nicht ausreicht.“
Was tun? Gibt es Hoffnung? Oder wird die Menschheit sich durch eine selbst verursachte ökologische Katastrophe am Ende auslöschen? Der Wissenschaftsjournalist verweist auf die dem Menschen immanente Kreativität und sein gewaltiges Potenzial zu lernen und sich neuen Lebenssituationen anzupassen. Er plädiert für ein schnelles und gründliches Umdenken, das uns befähigen müsse, Maß zu halten und Vernunft walten zu lassen – mit Hilfe einer gewaltigen Investition in Wissenschaft, Forschung und Bildung. „Wir verdienen, indem wir verzichten“, hat ein bekannter Manager gesagt. Dies sollte, so Schwägerl, das Motto einer Ökonomie der Zukunft werden.

Spannend wie ein Thriller
Die Botschaft des Buches ist klar und deutlich: Die Menschheit muss sich neu erfinden. Als eine Menschheit, die wirklich teilt und sich um die Ärmsten kümmert, die auf Wissenstransfer setzt, ihre Umwelt schätzt und Gemeinsamkeit als echten Wert begreift. Nur so, da ist sich der Autor sicher, können wir die globalen Herausforderungen bewältigen.
Dieser faktenreiche und profunde Band, in klarer, verständlicher Sprache verfasst, unternimmt einen ersten Schritt in diese Richtung – ohne zu einer Predigt zu geraten. Im Gegenteil ist die Wirkung des Buches eher der eines guten Thrillers vergleichbar, entfaltet es doch einen gewaltigen Sog. Man begreift: Es gibt einfach keine Alternative dazu, eingerostete Gehirnzellen zu neuem Leben zu erwecken, bequeme Gewohnheiten aufzubrechen und Zuversicht zu schaffen – wenn die „Menschenzeit“ nicht zu einem jähen und baldigen Ende verdammt sein soll.

Otto Peter
(Literaturtest)
Berlin, August 2010