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Christie Watson über ihr neues Buch „Die Sprache der Menschlichkeit“

„Krankenpflege heißt, mit offenen Augen zu leben“

In einem sehr persönlichen, sehr berührenden Buch erzählt Christie Watson von 20 Jahren Erfahrung als Krankenschwester. Mit ihm bricht die Britin auch eine Lanze für einen Beruf, auf den jeder irgendwann angewiesen ist, der aber wenig Wertschätzung erfährt.

Sie haben ein sehr persönliches Buch über Krankenpflege geschrieben. Worum geht es Ihnen damit?
Ich will Schwestern eine Stimme geben. Ich lese selbst gern erzählende Sachbücher über das Gesundheitswesen. Es gibt auch viele gute Titel. In der Regel sind sie von Ärzten geschrieben, meist von Männern. Die Stimme von Schwestern fehlt dagegen. Die weibliche Stimme. Dabei gibt es doppelt so viele Pflegekräfte wie Ärzte. Das sagt viel über die Öffentlichkeit, unsere Gesellschaft, unsere Menschlichkeit. Mit meinem Buch will ich Krankenschwestern eine Stimme geben. Und ich will sagen, dass Pflege der am meisten unterschätzte, aber der wichtigste Beruf ist.

Sie sprechen über einen fordernden, anstrengenden Arbeitsalltag – und über einen Beruf, den Sie sehr mögen. Was gefällt Ihnen vor allem an ihm?
Besonders wichtig war mir immer, dass man Kontakt zu jedem Menschentyp bekommt, den man sich nur vorstellen kann. Und dass man als Krankenschwester erfährt, dass letztlich alle mit denselben Dingen beschäftigt sind, egal, wer wir sind oder woher wir kommen: Familie, Liebe, Verlust, Trauer. Krankenpflege heißt für mich, das im Blick zu haben und mit offenen Augen zu leben.

Sie haben vor mehr als 20 Jahren Ihre Ausbildung begonnen. Wie kam es, dass Sie Krankenschwester wurden?
Als Teenager hatte ich tausend Ideen, was ich werden wollte. Ich wollte viele Leben leben, vieles ausprobieren: Jazzmusikerin, Sängerin, Astronautin, ich wollte Meeresbiologin werden, dann aber doch Landwirtschaft studieren. Dauernd wechselte ich meine Meinung und hatte keine Ahnung, was ich wirklich wollte. Schließlich arbeitete ich in einem Praktikum mit Menschen mit Behinderungen, und dabei kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Krankenschwestern. Mir wurde klar, dass Pflege kein Job ist, bei dem es nur um das eine oder andere geht, sondern dass hier alles zusammenkommt: Man braucht Fähigkeiten, Wissen und Menschlichkeit. Jeder Tag würde anders sein, und ich würde mich nicht langweilen. Deshalb wollte ich in die Krankenpflege.

Sie haben auf verschiedenen Stationen gearbeitet. Wo hat es Ihnen am besten gefallen?
Die meiste Zeit war ich in der Kinderintensivpflege tätig, diese Art der Arbeit mag ich auch am liebsten. Man kümmert sich um ein Baby, ein Kind, einen Teenager, kümmert sich aber ebenso um Geschwister und Eltern, Pflegeeltern und Nachbarn. Die Patienten sind in einem kritischen Zustand, befinden sich zwischen Leben und Tod, und doch wollen Kinder, junge Erwachsene, sogar Babys unbedingt leben. Dieser Wille ist unglaublich. Ältere Menschen entfernen sich mehr und mehr aus dem Leben, die Jungen aber stürzen sich darauf. Mich interessieren auch diese philosophischen Aspekte, das Nachdenken über das Menschsein.

Sie erzählen ebenso von Tagen, an denen Sie nicht zum Innehalten, zum Nachdenken gekommen sind, von Tagen in der Notaufnahme, in der Schwestern enorm unter Druck und zudem mit sehr viel Leid und mit dem Wahnsinn des Lebens konfrontiert sind, mit Unfällen, Drogen, Alkohol, Armut. Was ist besonders schwierig?
Die schwierigsten und bedrückendsten Aspekte der Pflege sind nie die Patienten, egal, welche Probleme sie haben. Pflege bringt einem bei, sich in andere hineinzuversetzen und keine Vorurteile zu haben. Eine drogenabhängige Mutter, der das Baby weggenommen wird, ist leicht zu verurteilen. Die Pflege erlaubt es einem dennoch in gewisser Weise, ihr nach Hause zu folgen, ihr Leben zu sehen, sogar mit ihr in der Zeit zu reisen und in ihre Kindheit zurückzugehen.

Macht eine Mutter, die nicht für ihr Kind sorgen kann oder will, Sie nicht wütend?
Auch sie hat eine Geschichte, und die versuche ich, zu verstehen. Eine Drogenabhängige zu sehen, der das Kind weggenommen wird, ist traurig. Belastend sind aber politische Aspekte. In Großbritannien gab es acht Jahre lang einen drastischen Sparkurs. Das Wissen von Schwestern ist auf einem so hohen Niveau wie nie zuvor, sie leisten sehr viel und haben niemals härter gearbeitet, unter zum Teil unmöglichen Bedingungen. Das Gehalt reicht dennoch nicht, manche hier in Großbritannien sind auf Lebensmitteltafeln angewiesen oder sogar obdachlos.

Was läuft schief?
Vermutlich wird jeder irgendwann einmal Hilfe brauchen oder seine Angehörigen kommen in die Situation, aber man denkt nicht daran, wenn man diese Erfahrung noch nicht selbst gemacht hat. Ich glaube auch, dass das Wertesystem des Westens nicht stimmt, die falschen Themen stehen im Zentrum: Jugendkult, Narzissmus, Geld, Macht. Schwestern mit ihrer Freundlichkeit, Anteilnahme, ihrem Wissen werden dagegen nicht geschätzt.

Ist Wertschätzung das, was am meisten fehlt?
Es fehlt Wertschätzung, die sich in finanziellen Mitteln niederschlägt, damit Schwestern von ihrer Arbeit leben können und damit sie Zeit haben für die Menschen, die ihnen anvertraut sind. Patienten sind sehr kompliziert, und dabei geht es oft nicht einmal nur um Medizin. Sie haben soziale, emotionale, psychische Probleme, das Alter spielt eine immer größere Rolle. Sie brauchen Hilfe zu Hause, manche sind aber zu arm, um sie sich leisten zu können. Das alles muss man sehen, man muss damit umgehen, nach Lösungen suchen, auch nach neuen, kreativen Lösungen. Der Schlüssel dafür sind aber die finanziellen Mittel.

Aktuell heißt Pflege oft sehr viel Stress. Wie ist es Ihnen gelungen, Anteil zu nehmen, freundlich zu sein, die Menschlichkeit zu bewahren?
In gewisser Weise haben hier die Patienten geholfen oder der Beruf: Man ist sich immer bewusst, dass es anderen schlechter geht als einem selbst. Das ist ein beunruhigendes, aber auch sehr starkes Geschenk der Pflege. Wenn man andere leiden sieht, merkt man, dass es einem selbst nicht so schlecht geht, und denkt darüber nach, dass man die kostbaren Seiten des Lebens schätzen sollte.

In Ihrem Buch sprechen Sie nicht nur über andere, die Sie gepflegt haben. Sie laden die Leser auch ein, sie zu Ihrem Vater zu begleiten, als er schwer krank ist und von einer Ihrer Kolleginnen betreut wird, die Sie sehr schätzen. Warum wollten Sie über diese privaten Momente schreiben?
Es ist nur fair, nicht nur über die Erfahrungen anderer zu sprechen, sondern auch über meine eigenen. Vor allem aber hat diese Erfahrung der Krankheit meines Vaters und seines Sterbens alles verändert. Bis dahin hatte ich nicht wirklich den Wert des Lebens geschätzt, Freundlichkeit, Pflege. Dann verstand ich aber auf eine andere Weise, dass Pflege Können und Wissen bedeutet, nicht nur Wissen über Krankheiten. Es geht auch um die kleinen Dinge, die Schwestern tun: Bettwäsche wechseln oder dem anderen beim Essen helfen. Bei diesen kleinen Handlungen ist alles entscheidend. Eine erfahrene Schwester bemüht sich mit jedem Handgriff, mit jeder Geste darum, es dem Patienten leichter zu machen.

Es ist Ihnen immer wieder gelungen, den dunklen Seiten Ihres Berufs Positives abzugewinnen. Haben Sie dennoch jemals Ihre Entscheidung bereut, ihn ergriffen zu haben?
Bereut habe ich sie nicht, nur oft davon geträumt, keine Nachtschichten mehr zu haben, mehr Geld zu verdienen, nicht so lange, anstrengende Arbeitstage absolvieren zu müssen. Entscheidend ist aber eben, dass es auch die anderen Seiten gibt. Für jede schlechte Stunde gibt es einen Tag, an dem man Wunder sieht und Liebe, an dem man versteht, warum wir leben und wer wir sein können.

Das Interview führte Sabine Schmidt.

Die Sprache der Menschlichkeit Blick ins Buch

Christie Watson

Die Sprache der Menschlichkeit

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