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Christoph Lodes Fantasy-Trilogie »Pandaemonia«

Christoph Lodes Fantasy-Trilogie »Pandaemonia«

Interview mit Christoph Lode zum Erscheinen der Pandaemonia-Trilogie

Christoph Lode
© Peter von Felbert

Ihr Debütroman „Der Gesandte des Papstes“ erschien Anfang 2008. Damals waren Sie noch als Sozialarbeiter in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg beschäftigt und nebenbei als Autor tätig. Seit Anfang 2009 arbeiten Sie hauptberuflich als Schriftsteller. Hat dieser Schritt viel Mut erfordert, und was hat sich seither für Sie verändert?

Natürlich ist mir dieser Schritt nicht leichtgefallen – eine sichere Stelle in einem interessanten Tätigkeitsfeld gibt man nicht auf, ohne es sich vorher gut zu überlegen. Aber die Verlockung, mich ganz dem Schreiben meiner Romane widmen zu können, war so stark, dass ich ihr, allem Sicherheitsdenken zum Trotz, nicht widerstehen konnte. Außerdem hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits Verträge für weitere Bücher und hätte die „Doppelbelastung“ von Job und Schreiben kaum noch schultern können.

Geändert hat sich seitdem sehr viel. Früher musste ich nach der Arbeit oder an freien Tagen schreiben. Dieser Zeitdruck hat sich deutlich reduziert, was mir die Möglichkeit gibt, neue Ideen zu entwickeln oder ein Manuskript auch mal ruhen zu lassen, wenn ich nicht weiterkomme. Überhaupt habe ich jetzt viel mehr Zeit zum Nachdenken, was der Qualität meiner Geschichten zugute kommt.

In Ihrem zweiten Buch „Das Vermächtnis der Seherin“, das wie Ihr Debütroman im Mittelalter angesiedelt ist, haben Sie verstärkt phantastische und mystische Elemente eingesetzt. Nun wird als nächstes Ihre „Pandæmonia“-Trilogie erscheinen, in der Sie sich ganz in ein phantastisches Reich begeben. Zeigt sich hier eine konsequente Entwicklung, die Sie vom historischen Roman zur Fantasy geführt hat, oder lieben Sie das Spiel mit unterschiedlichen Genres?

So unterschiedlich finde ich meine ersten beiden Bücher und die Pandæmonia-Trilogie gar nicht. Sowohl „Der Gesandte des Papstes“ als auch „Das Vermächtnis der Seherin“ sind keine reinen historischen Romane, sondern im Grunde auch Phantastik, wenngleich eine ganz andere Art. Die Entwicklung sehe ich eher darin, dass ich mich schriftstellerisch mehr traue als früher und Pandæmonia breiter und komplexer angelegt habe, als ich es vor ein paar Jahren gekonnt hätte.

Was fasziniert Sie als Autor besonders an der Fantasy?

Fantasy ist sense of wonder. Sie erzählt von Dingen, die in unserer geordneten und rationalen Welt keinen Platz mehr haben. Ich erfinde gerne fremdartige Orte, wo man hinter jeder Ecke auf seltsame Geschöpfe oder bizarre Geheimnisse stoßen kann, wo es exotische Gesellschaftsformen und Kulturen gibt. Eine solche Welt bunt und spannend und trotzdem glaubwürdig zu schildern, stellt für mich den größten Reiz an Fantasy dar.

Ein historischer Roman bindet den Autor an Vorgaben: Tatsächliche Ereignisse und reale Schauplätze müssen einbezogen und der Überlieferung getreu dargestellt werden. Die Fantasy lässt dem Autor viel größere Freiheiten. Hat sich dadurch für Sie ein wesentlicher Unterschied bei der Arbeit an der „Pandæmonia“-Trilogie ergeben?

Ja, das war wohl der größte Unterschied, verglichen mit meinen ersten beiden Romanen. Für die Pandæmonia-Trilogie musste ich eine eigene Welt entwerfen, was mir einerseits extrem viele Freiheiten geboten und mich andererseits vor enorme Herausforderungen gestellt hat. Man kann keine Fantasywelt schaffen, indem man wahllos verschiedene Zutaten in einen Topf wirft. Ein stimmiger Hintergrund erfordert eine stringente innere Logik, und man muss bei jedem Detail abwägen, ob es ins Gesamtbild passt.

Könnten Sie umreißen, worum es in der „Pandaemonia“-Trilogie geht?

Die Geschichte spielt in Bradost, einer Metropole, die ein bisschen viktorianisch anmutet. Die mächtige Alchymistin Lady Sarka beherrscht die Stadt und unterdrückt die Bewohner mit der Hilfe der unheimlichen Spiegelmänner. Der 15-jährige Jackon, ein bettelarmer Schlammtaucher, gerät in ihre Fänge und erfährt, dass er die Macht hat, die Träume anderer Menschen zu beeinflussen. Die beiden anderen Hauptfiguren, der junge Blitzhändler Liam und Vivana, die Tochter eines berühmten Erfinders, versuchen derweil, den Tod von Liams Vater aufzuklären. Sie suchen nach dem rätselhaften Gelben Buch von Yaro D'ar und werden nach und nach in die Machenschaften von Lady Sarka verwickelt.

Hatten Sie von Anfang an geplant, eine Geschichte zu schreiben, die sich über drei Bände erstreckt?

Pandaemonia war von Anfang an als Trilogie angelegt. Zwar handelt es sich um eine fortlaufende und zusammenhängende Geschichte, aber jedes der drei Bücher hat eine eigenständige Dramaturgie, Thematik und Stimmung.

In Ihrer Trilogie gibt es drei Realitätsebenen, die als getrennte Welten nebeneinander existieren und nicht von allen Menschen gleichermaßen wahrgenommen werden können: die für alle sichtbare Metropole Bradost, die Stadt der Träume und das Pandaemonium. Diese Welten bedingen einander und beeinflussen sich gegenseitig. Eine besondere Herausforderung muss es für Sie gewesen sein, das Pandæmonium, das Reich der Dämonen, zu beschreiben, da es sich am stärksten von der uns bekannten Welt unterscheidet. Gab es bestimmte Quellen wie Mythen, Sagen oder Heldenepen, die Sie zur Darstellung des Pandæmoniums angeregt haben?

Nur bedingt. Natürlich denkt man sofort an die christliche Hölle, wenn man die Bezeichnung „Pandaemonium“ hört, aber ich habe beim Schreiben darauf geachtet, dass das Pandaemonium keinem bekannten mythischen Ort oder religiösen Konzept allzu sehr ähnelt. Religion spielt in der Pandæmonia-Trilogie eine sehr untergeordnete Rolle; entsprechend hat auch das Pandæmonium keine religiöse Funktion in der Geschichte.

Einige Gefährten wagen es, in das Pandaemonium einzudringen, und begeben sich dort auf eine abenteuerliche Reise. Welche Bedeutung hat das Reisen in Ihren Romanen?

In allen Romanen, die ich bis jetzt geschrieben habe, spielen Reisen eine große Rolle. Ich mag es einfach, meine Figuren durch die Welt zu schicken und sie fremde Orte besuchen zu lassen. Das gibt mir die Möglichkeit, immer neue Schauplätze einzuführen und der Geschichte so mehr Buntheit zu verleihen. Außerdem sind Reisen ein gutes Mittel, um die innere Entwicklung der Figuren voranzutreiben und zu versinnbildlichen: Auf seiner Reise lernt der Protagonist Neues und ist am Ende der Geschichte ein reiferer Mensch.

Die zweite Parallelwelt ist die der Träume. Woran haben Sie sich bei der Beschreibung der Träume orientiert?

Zunächst habe ich mir angeschaut, was die Sagen- und Götterwelten von diversen europäischen und außereuropäischen Völkern dazu zu sagen haben. Mythologie ist immer eine Fundgrube für Ideen, und in diesem Fall hat mir der indianische Schamanismus die eine oder andere Anregung geliefert. Gleichzeitig habe ich zu moderner Traumforschung recherchiert und mich lange mit einer befreundeten Tiefenpsychologin und Expertin für Träume unterhalten. So ist das Konzept der Seelenhäuser entstanden. Zu guter Letzt habe ich mir angesehen, wie andere Autoren der Phantastik, Lovecraft beispielsweise oder Neil Gaiman, an das Thema herangegangen sind – um dann alles ganz anders zu machen.

Welche Rolle spielt die Magie in Ihren Romanen?

Die allermeisten Bewohner der Pandaemonia-Welt bekommen Magie nie zu Gesicht, denn sie ist aus dem Alltag beinahe vollständig verschwunden. Für die Protagonisten der Bücher gilt das jedoch nicht. Sie werden aus ihrem Alltag herausgerissen und im Verlauf der Geschichte in bizarre und bedrohliche Ereignisse verwickelt, wodurch sie auf Schattenwesen, Ghule und Alchymisten treffen und allerlei magische und unheimliche Phänomene erleben.

Fantasyliteratur wird gelegentlich vorgeworfen, sie befördere Eskapismus und blende die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Realitäten unserer Zeit aus. Was würden Sie im Hinblick auf die „Pandaemonia“-Trilogie entgegnen?

Zunächst einmal halte ich diesen Vorwurf für Unsinn. Gute Fantasy hat immer einen Bezug zur Gegenwart und kann als Kommentar zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen gelesen werden – man denke nur an die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett. Natürlich gibt es Fantasy, die Eskapismus befördert und ein rückständiges Menschenbild vertritt, aber das gilt in gleichem Maß für andere Genres.

Die Pandaemonia-Trilogie handelt von politischer Unterdrückung und der Frage, wie sich der Einzelne dagegen zur Wehr setzen kann. Ferner erzählt die Geschichte davon, wie Macht Menschen verändert und korrumpiert. Diese Themen sind so alt wie das Erzählen selbst und gleichzeitig hochaktuell. Ich glaube daher nicht, dass ich mir Eskapismus und Realitätsferne vorwerfen lassen muss.

Welche Fantasyromane haben Sie besonders gern gelesen, und finden sich darunter Bücher, die Sie inspiriert haben?

Begeistert hat mich zuletzt George R.R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer“. Von Terry Pratchett und Neil Gaiman kaufe ich blind jedes Buch. Deutsche Autoren, die ich sehr schätze, sind Christoph Hardebusch, Oliver Plaschka und Kai Meyer. Zu Pandæmonia inspiriert haben mich ältere Sachen von Michael Moorcock, die ich als Jugendlicher gelesen habe, und die "His-Dark-Materials-Reihe" von Philip Pullman.

Auf Ihrer Homepage finden sich Links zu den Internetauftritten zahlreicher anderer Autoren sowie auf das Montségur Autorenforum. Wie wichtig ist für Sie der Austausch mit anderen Schriftstellern und die Organisation in Netzwerken?

Mir macht es Spaß, mit befreundeten Schriftstellern über das Schreiben zu reden. Das erweitert den Horizont und hilft mir, Lösungen zu finden, wenn ich mit meinem Roman Probleme habe. Außerdem ist Schreiben mitunter ein recht einsames Geschäft. Da ist es schön, wenn man über Schriftsteller-Netzwerke mit Kolleginnen und Kollegen in Kontakt kommt.

In Ihrem Internet-Journal beziehen Sie Leser bereitwillig in den Schaffensprozess Ihrer Romane ein. Was bewegt Sie dazu?

Wer erzählt nicht gern über seinen Beruf? Außerdem werde ich oft gefragt, wie man sich die Arbeit eines Schriftstellers vorstellen muss. Leser interessiert es, wie ein Buch entsteht und was ein Schriftsteller tut, damit aus einer Idee eine spannende Geschichte wird.

Sie schildern Ihre Herangehensweise beim Schreiben bemerkenswert präzise, anschaulich und nachvollziehbar. Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Erfahrungen auch an angehende Schreibprofis zu vermitteln, etwa in Seminaren für kreatives Schreiben an einer Universität?

Ich weiß nicht, ob ich die Geduld mitbringe, die ein Schreiblehrer braucht. Jetzt kann ich mir das noch nicht so recht vorstellen. In ein paar Jahren sieht es vielleicht anders aus.

Neben der „Panaemonia“-Trilogie wird 2011 im Goldmann Verlag Ihr dritter historisch-phantastischer Roman „Die Bruderschaft des Schwertes“ erscheinen. Wissen Sie schon, in welche Richtung Sie Ihr nächstes Projekt führen wird?

Das steht noch nicht fest. Aber ich glaube, es wird etwas sein, das an meine Vorgängerromane anknüpft und gleichzeitig in eine ganz neue Richtung geht.

Das Gespräch führte Elke Kreil.