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Exklusive Hintergrundinformationen vom Autor

Christoph Peters zu "Das Jahr der Katze"

Obwohl der Roman, „Das Jahr der Katze“, ähnlich wie schon sein Vorgänger „Der Arm des Kraken“, Elemente des Kriminalromans bzw. Gangster-Thrillers aufgreift, haben beide Genres – zumindest in ihrer westlichen Ausprägung – für die formale und inhaltliche Struktur des Buches nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Wichtigste Referenzfolie waren vielmehr die postmodern-existenzialistischen Yakuza-Filme, wie sie die zeitweilig auch in Europa stark rezipierten Regisseure Takeshi Kitano und Takashi Miike gedreht haben.

Viele der Antihelden in Kitanos und Miikes Filmen sind abgehalfterte oder ausrangierte Gangster, die sich zwischen der Selbststilisierung der Yakuza als wahren Erben der Samurai–Tradition und der „Banalität des Bösen“ aufreiben. Oft befinden sie sich – ähnlich wie die Hauptfigur beider Romane, Fumio Onishi – in einem Zustand aus lethargischen Nihilismus’ und Desperadotum, bis sie erneut vom Strudel der Gewalt fortgerissen werden, aus dem es – wie im antiken Drama – kein Entrinnen gibt. Diese Zwangläufigkeit gründet meist nicht in psychoanalytisch signifikanten Motiven bzw. Traumata, sondern folgt einer karmisch-schicksalhaften Mechanik die, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr angehalten werden kann. Da die Protagonisten nicht in erster Linie entsprechend ihrer eigenen Optionen entscheiden, für deren Konsequenzen sie dann auch individuell verantwortlich wären, sondern in überpersönliche Hierarchien eingebunden sind, bekommt die Zeichnung von Figuren und Handlungen vielfach einen geradezu amoralischen Charakter.

Aufgrund der im kriegerisch-buddhistisch Denken Japans verbreiteten Auffassung, dass Leben und Tod nur zwei Seiten derselben Medaille sind und alle Beteiligten immer wieder von einer auf die andere wechseln, haben auch die Gewaltexzesse eine andere Bedeutung und Funktion als in den westlichen „Spannungsgenres“. Sie ereignen sich oft unerwartet, punktuell und eruptiv und sind dann weder logischer Kulminationspunkt einer individuellen Entwicklung, noch finden anschließend Läuterungsprozesse entsprechend einer säkularen „Schuld-Sühne“-Logik statt.

Der Roman spielt an vielen Stellen implizit und explizit mit dieser anderen Sicht auf Freiheit und Eigenverantwortlichkeit des Individuums. Allerdings setzt im Verlauf der Geschichte Onishis deutsche Freundin Nikola gerade auch bei den japanischen Protagonisten Entwicklungsprozesse in Gang, die weder dem dortigen Verhaltenskodex noch den Mustern japanischer Dramaturgie entsprechen. Auf ihre direkte und autonome Art stellt Nikola ebenso den japanischen Glauben an unumstößliche Hierarchien und schicksalhafte Unausweichlichkeit wie auch das macho-hafte Gebaren der japanischen Männerbünde in Frage.

Diese Irritationen spiegeln sich vor allem im zweiten Erzählstrang wieder – einem inneren Monolog des Zen- und Kampfkunstmeisters Harada, der ebenso im Militarismus des alten Japan wie im anarchischen Potenzial des Zen-Buddhismus verwurzelt ist. Meister Harada hat der Yakuza über viele Jahre als Trainer und Berater zur Seite gestanden. Der Ton seiner Erzählstimme ist an die Unterweisungen zweier bedeutender Zen-Meister des 20. Jahrhunderts, Sawaki Kodo und Taisen Deshimaru Roshi, angelehnt, deren Bücher auch in der deutschen Zen-Szene große Verbreitung gefunden haben. Insbesondere Sawaki Kodos Reden zeichnen sich durch drastische Vergleiche und robuste, teilweise vulgäre Formulierungen aus, die keinerlei Rücksicht auf die emotionalen Befindlichkeiten von Schülern bzw. Lesern nehmen. Zu den feierlichen Verklärungen, wie sie im westlichen „Selbstfindungs-Zen“ verbreitet sind, haben beide Meister zeitlebens auf größtmögliche Distanz gehalten.

Während der Recherche bin ich auf zahlreiche Belege für die engen Verbindungen von Zen-Buddhismus und Yakuza gestoßen: Einer der berühmtesten Yakuza-Bosse der 2000er Jahre, Tadamaza Goto, wurde nach seinem Ausscheiden aus der organisierten Kriminalität Zen-Priester, ein anderer Boss, Takahiko Inoue, nimmt sogar noch während seiner aktiven Zeit als Gangster die rituellen Aufgaben eines Zen-Priesters wahr. Ähnliches gilt für die traditionellen Kampfkünste Japans: Viele Karateschulen galten bis vor kurzem als Rekrutierungsstätten für junge Yakuza, einige Bosse waren zugleich hochrangige Karatemeister.

Der verstärkte Kampf gegen die Yakuza seitens der japanischen Politik und Justiz während der vergangenen Jahrzehnte, verbunden mit den Veränderungen durch Digitalisierung und Internationalisierung vieler Geschäftsbereiche, hat in Teilen des kriminellen Milieus zur Erosion des traditionellen Ethos geführt. Auf dieser Basis beschäftigt sich der Roman, weit über die japanischen Verhältnisse hinaus, mit den gegenwärtigen, weltweit ausgetragenen Auseinandersetzungen um traditionelle Werte, deren moderne Auflösung und ihr gegenwärtiges Wiedererstarken. Weitgehend unbemerkt von westlichen Medien sind auch in Japan seit einigen Jahren rechts-liberale bis neofaschistische politische Gruppierungen im Aufwind und bestimmen die Themen des öffentlichen Diskurses, wobei eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der japanischen Nachkriegsgesellschaft ohnehin nicht stattgefunden hatte.

In der Figur des Meister Harada verdichten sich diese Konflikte auf mehreren Ebenen: Zum einen ist er aufgrund seiner Ausbildung und Stellung auf besondere Weise der traditionellen Geistigkeit und Gesellschaftsordnung verpflichtet, andererseits sieht er – als jemand, der die Zen-Lehre von der Einmaligkeit des Augenblicks und der daraus resultierenden situativen Spontaneität tatsächlich verkörpert – die Gefahr der ritualisierten Erstarrung, wie sie jede Tradition von innen heraus bedroht. Als Meister ist er nicht nur verpflichtet seine Überlieferungen zu bewahren, sondern zugleich auch für deren Aktualisierung unter den sich permanent wandelnden Verhältnissen verantwortlich. In der Konfrontation mit der rebellisch emanzipierten Nikola, realisiert er, dass um der Bewahrung des Erbes willen Öffnung und Veränderung notwendig sind, während Nikola selbst mehr und mehr erkennt, welche positive Kraft den traditionellen Werten trotz allem innewohnt.

Auf der literarischen Ebene spielt der Roman mit der ruhig betrachtenden Erzählweise, wie sie sich bei klassischen japanischen Autoren wie Kawabata, Inoue und Mishima häufig findet, und verschränkt diese, insbesondere in den Gewaltszenen, mit popkulturellen Elementen, wie sie im japanischen Kino und im Manga verbreitet sind. Häufig wird hier auf das in der japanischen Kunst und Literatur verbreitete Kompositionsprinzip des „leeren Zentrums“ zurückgegriffen, d. h.: Es wird nicht das Zentralereignis erzählt, sondern die Geschehnisse davor und danach, so dass sich das „Eigentliche“ gleichsam in seiner Negativform zeigt.

Neben der Reflektion kultureller Entwicklungen in Zeiten der Globalisierung geht es in der affirmativ-dekonstruktivistischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Gattungen auch darum, festgefügte Leseerwartungen zu unterlaufen und so erzählerische Möglichkeiten jenseits der Genregrenzen zu erkunden.

Das Jahr der Katze Blick ins Buch

Christoph Peters

Das Jahr der Katze

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