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Alles begann mit ihm ...

Es begann alles damit, dass sie ihn traf – ihn, die Liebe ihres Lebens. Als Catherine damals als Studentin Lucian zum ersten Mal sah, war ihr gleich klar: Das ist für immer. Er ist ihr Seelenverwandter, nichts wird sie auseinanderbringen. Doch dann geschah etwas, das alles änderte. Catherine verließ Lucian, heiratete jemand anderen, gründete eine Familie. Und trotzdem kann sie Lucian nicht vergessen. Als sie ihn 15 Jahre später wiedertrifft, ist alles wieder da, die Vertrautheit von damals, das Gefühl, endlich wieder ganz zu sein, sich selbst in dem anderen wiedergefunden zu haben. Aber manchmal kann man nicht mehr anfangen, wo man aufgehört hat. Und manchmal holt einen die Vergangenheit mit solcher Macht ein, dass sie droht die Gegenwart zu zerstören und damit alles, was man liebt …

Bist du bereit für die große Liebe?

Für Sehnsucht, tiefe Gefühle und die Verbundenheit zweier Liebender? Dann lass dich in die Geschichte von Catherine und Lucian fallen!

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Minibanner Empson

Leseprobe

"Zweimal im Leben"

Meine Lieblingspflegerin ist bei mir. Sie bürstet mir die Haare immer so behutsam, dass es nicht wehtut. Mein Gesicht tupft sie sachte mit einem warmen Waschlappen ab, schrubbt nicht wie die anderen. Ich könnte reagieren. Doch ich tue es nie.
Die Pflegerin spricht zu mir, während sie meine Oberlippe anhebt und mit kleinen kreisenden Bewegungen meine Zähne putzt. Dann hält sie mir ein Glas Wasser an den Mund und sagt: »Nehmen Sie jetzt einen großen Schluck, Liebes, und spülen Sie damit aus.«
Sie nennt mich immer »Liebes« oder »meine Schöne«, niemals Catherine. Manchmal kann ich mich ein Weilchen auf ihre Worte konzentrieren, bevor meine Träume mich wieder zurückzerren zu dir.
»Später kommt Ihre Familie zu Besuch«, sagt die Pflegerin.
Mein kleines Mädchen wird mit seinen weichen Händchen mein Gesicht streicheln, mein Junge wird stumm neben meinem Stuhl stehen und mich wie immer mit ernsthaftem Blick betrachten. Mein Mann wird zu mir sprechen und mir von seinem Tag erzäh-len, dabei aber angespannt wirken. Das ist nur allzu verständlich. Es muss ein seltsames Gefühl sein, Tag für Tag auf eine Wand einzureden.
»Hallo, Catherine«, wird mein Mann sagen. Er spricht mich jetzt nur noch mit meinem Namen an.
Liebes. Catherine. Begriffe ohne Bedeutung. Ich bin das, was ich für sie sein soll. Meist sitze ich reglos da, während die Worte um mich herumwirbeln wie goldene Stäubchen im Sonnenlicht.
»Genesung« – dieses Wort wird häufig ausgesprochen. Von Sam, der dabei unterschwellig aggressiv klingt. Von dem Psychiater, der sich dabei so lässig anhört, als wolle er sagen: Kommt doch nicht auf ein paar Tage an. Aber Sam kommt es sehr wohl auf ein paar Tage an. Er will genau wissen, wie lange er noch warten muss: eine Woche, einen Monat, den Rest seines Lebens? Wie lange noch, bevor er seine Frau zurückbekommt?
Und ich treibe, treibe durch die Zeit. Bin wieder jung, neunzehn Jahre alt, an der Schwelle zu zwanzig. Werde geliebt, ganz und gar, mit einer Leidenschaft, die meine Knochen, mein Blut, mein Gehirn durchflutet. Nur das spüre ich: diese intensive Wärme, das Licht, das hell leuchtende Glück. Und es fühlt sich so gut an, darin zu verweilen, solange ich es festhalten kann, solange ich den Moment bewahren kann.
»Ich werde dich nie verlassen«, sage ich, und du hältst mich ganz fest, so schlummern wir ein, ineinander verschlungen, und ich schlafe die ganze Nacht durch. Doch dann wache ich auf, die Welt verschiebt sich, gerät ins Wanken, und alles ist anders.

Die Pflegerin kommt wieder herein. Sie hat irgendeinen Akzent, aber ich konnte mich noch nicht lange genug konzentrieren, um herauszuhören, woher sie stammt.
»Sie sind da, Liebes. Ihre Familie. Heute sind Sie ganz in Ihren Träumen versunken, nicht wahr, meine Schöne? Reden Sie ruhig mit ihr, sie kann alles hören.«
Daisy kniet sich neben meinen Stuhl und bettet ihren Kopf auf meinen Schoß. Ich spüre, wie Sam meine Hände ergreift, erst eine, dann die andere, und sie auf Daisys kurze dunkle Locken legt. Und ich merke, dass Joe wie immer rechts neben meinem Stuhl steht. Joe spricht nicht mehr zu mir.
Zu Anfang sagte er noch »Hallo, Mum«, mehr nicht, und in diesen beiden Worten hörte ich seine ohnmächtige Wut. Aber ich kann ihm nicht helfen. Ich kann niemandem helfen.
Sam steht am Fenster und verdeckt mit seinem großen schlanken Körper den Blick auf meinen Baum. Ich möchte, dass Sam beiseitetritt. Zwei Schritte würden schon ausreichen.
»Sprich mit uns, Catherine. Bitte. Zeig uns, dass du es kannst.«
Ich höre die Verzweiflung in seiner Stimme und, ja, auch die Frustration. Sam ist ein lieber und fürsorglicher Mann, jeden Tag kommt er zu mir, obwohl es keinerlei Anzeichen gibt, dass ich zurückkehren werde, obwohl ihm kein Termin genannt wird, an dem ich meinen einsamen Baum zurücklassen, durch die Flure der Klinik gehen und hinaustreten werde in das düstere Parkhaus. Doch ich höre in Sams Stimme auch die Worte, die er nicht ausspricht, den heimlichen Vorwurf von Eigensinn und Selbstsucht.
»Sie könnte also sprechen, wenn sie nur wollte?«, fragt er Greg, den Psychiater mit den New-Balance-Sneakers und dem akkuraten Seitenscheitel.
»So kann man das nicht sagen«, antwortet Greg. »Physisch wäre es möglich, aber Ihre Frau hat die Sprachfähigkeit verloren. Das lässt sich nicht durch bloßen Willen rückgängig machen. Wir müssen her-ausfinden, warum sie aufgehört hat zu sprechen. Meist ist der Grund eine unbewusste Vermeidungsstrategie. Auf diese Weise wird etwas ausgeblendet, das unerträglich wäre. Catherine ist verstummt, weil sie die Ereignisse von Shute Park an jenem Tag nicht verarbeiten kann. Sie kann sich dem Trauma nicht stellen und unterdrückt stattdessen die Erinnerung daran. Nicht zu sprechen ist ihre Form von Abwehr.«
Greg blendet Sam mit Fachsprache, beschreibt die dissoziative Störung, an der ich offenbar leide, und bezieht sich sogar auf Freud.
»Im neunzehnten Jahrhundert kam diese Störung weitaus häufiger vor, vor allem bei Frauen. Von Hysterie haben Sie bestimmt schon mal gehört?«, sagt Greg so munter und beiläufig wie bei Party-Small Talk. Ich spüre Sams Ablehnung, obwohl ich ihn nicht ansehe. »Dabei kam es des Öfteren zu Anfällen von Stupor oder Amnesie. In Catherines Fall ist es so, dass sie nicht sprechen kann. Für sie fühlt es sich wohl so an, als seien ihre Stimmbänder eingefroren. Wir bezeichnen das als Mutismus.«
Später geht Greg neben mir auf die Knie, ich höre seine Gelenke knacken. Er bringt mich auf eine Idee, die es mir ermöglicht, mehr Zeit mit dir zu verbringen.
»Ich kann mir denken, wo Sie in Gedanken sind«, sagt er, und ich fühle die Intensität seines Blicks, ob-wohl ich nach draußen auf meinen Baum starre. »Sie stecken immer noch dort fest, nicht wahr? Am Ende. Vielleicht würde es Ihnen helfen, ganz zum Anfang zurückzukehren, um alles zu ordnen. Ich weiß, dass das schwer für Sie ist, Catherine. Aber ich glaube, Sie müssen es tun, um in Ihren Gedanken Ordnung zu schaffen.
Sie könnten sich das Geschehene als Geschichte vorstellen«, sagt er mit leiser, beruhigender Stimme, so wie ich immer zu den Kindern gesprochen habe, wenn sie Albträume hatten. »Denken Sie sich jeman-den aus, dem Sie die Geschichte erzählen können.«
Und das fällt mir wirklich leicht.
Es ist schließlich unsere Geschichte, deine und meine. Deshalb werde ich sie natürlich dir erzählen.

Vor fünfzehn Jahren

Wollen wir beginnen mit »Es war einmal«, mein Liebster? Soll das unser Anfang sein? Es war einmal eine junge Frau, die nichts ahnte von Liebe, Lust oder dem wundersamen Freiheitsgefühl, das du ihr schenken würdest. Sie traf an ihrem Studienort ein, mit ihrem nagelneuen Samsonite-Koffer und ihrer geblümten Bettwäsche, ein geliebtes, gehätscheltes Einzelkind, das seine ersten achtzehn Jahre in einer behüteten Welt verbracht hatte. An der Uni schloss sie Freundschaften und lernte auch ihren künftigen Ehemann kennen. Alles ergab sich mühelos: eine Kommilitonin, die auch englische Literatur studierte und sofort zur besten Freundin wurde; Mitarbeit an der Studentenzeitung; Noten, die so gut waren, dass Prüfungen wegfielen. Sechs Wochen nach Beginn des zweiten Semesters, als das Laub der Bäume goldgelb und purpurrot zu leuchten begann, kam ein junger Mann ins Seminar gestürmt und brachte die Welt ins Wan-ken. Dieser junge Mann warst du.
Wir waren zu fünft oder zu sechst an diesem Tag, saßen in abgewetzten alten Sesseln und lauschten Professor Hardman, der gerade Miltons Darstellung von Satan als Kriegsheld erläuterte. Die Stimme des Professors war flach und monoton, seine Haut leichenbleich, und er sprach mit geschlossenen Augen, eine Hand auf der linken Brustseite, als erwarte er jeden Augenblick einen Herzinfarkt.
Die Tür flog auf, und du kamst hereingestürzt, in knittrigen Kleidern vom Vortag, mit wirren Haaren, doch all das konnte deiner Schönheit nichts anhaben. Alle außer mir kannten deinen Namen.
»Ah, Mr. Wilkes. Wie schön, dass Sie uns beehren. Setzen Sie sich doch zu Miss Elliot.« Der Professor deutete auf den leeren Sessel neben mir. »Und dann können Sie uns auch gleich vorlesen.«
Deine Stimme war dunkel und faszinierend, und du hast mit dieser umwerfenden Selbstsicherheit vorgelesen. Bei der Schilderung von Satan schloss Professor Hardman erneut die Augen, und erst nach fünf Minuten hob er die Hand und sagte: »Wundervoll gelesen, vielen Dank. Nun, was erfahren wir aus diesen ersten Versen über Satan?«
Ich glaube, alle wünschten sich, du würdest vage Plattitüden stammeln, wie die anderen Studierenden sie unter Druck hervorgebracht hätten. Doch stattdessen sagtest du, Miltons Darstellung des Satans als Held könne dich nicht überzeugen. Dann hast du auf die Schwächen in Buch vier und fünf von Paradise Lost hingewiesen, worauf klar war, dass du im Gegensatz zu uns anderen das gesamte Werk gelesen hattest. Dann trat Stille ein, und ich ahnte, dass dich jetzt alle hassten: wegen deines Aussehens, deines Selbstvertrauens, deines angeblichen Reichtums und nun auch noch für diese Demonstration von Souveränität und Intelligenz. Ich dagegen spürte schon damals, ganz am Anfang, einen Anflug von Bewunderung.
Als wir nach der Stunde auf die Straße traten, sahen wir, wie eine Streifenpolizistin gerade einen Strafzettel für den hellblauen Austin-Healey schrieb, von dem bekannt war, dass er dir gehörte.
»Ach Mist«, hast du gesagt und mich beim Arm genommen. »Kannst du einen Moment warten, während ich das kläre? Bitte? Ich möchte dich etwas fragen.«
Der Blick aus deinen hellen jadegrünen Augen ging mir durch Mark und Bein.
Ich konnte nicht hören, worüber ihr spracht. Aber als du zu mir zurückkamst, zerriss die Polizistin lächelnd den Strafzettel.
»Nächstes Mal bin ich nicht so gnädig!«, rief sie dir nach. Du hobst dankend die Hand, ohne den Blick von mir zu wenden.
»Kriegst du immer, was du willst?«, fragte ich.
»Ich versuch’s jedenfalls. Du darfst gespannt sein.«
»Tut mir leid, ich hab keine Zeit.«
Ich wollte mich abwenden, wurde aber wieder am Arm genommen.
»Was ist los? Weshalb bist so … abweisend?« Du sahst so erstaunt aus, dass ich grinsen musste. Es kam wohl nicht oft vor, dass Frauen dich zurückwiesen.
»Hab Termine und muss lernen. Das Übliche.«
»Ach, komm schon, du hast doch bestimmt zwei Stunden Zeit für ’ne Mittagspause, oder nicht?«
»Es ist einfach so, dass ich gerade eine neue Beziehung angefangen habe.«
Ich kam mir ziemlich blöd vor, als ich das sagte, und lief rot an, was dich zum Lachen brachte.
»Weiß ja nicht, was du dir vorgestellt hast, aber ich dachte wirklich nur an Lunch. Fisch und vielleicht ein Glas Wein. Da ist doch nichts dabei.«
Hin- und hergerissen stand ich da. Ich wollte mitgehen, wusste aber, dass ich es lieber lassen sollte. Ich dachte an Sam, wollte aber mit dir zusammen sein. Mit dir, meiner Zukunft. Aber das konnte ich damals natürlich noch nicht wissen.
»Heute nicht«, sagte ich dann, als weise ich einen Staubsaugervertreter an der Haustür ab.
Du hast gespürt, was in mir vorging, das sah ich an deinem Lächeln.
»Dann probieren wir’s morgen noch mal«, war deine Antwort.

Vor vier Monaten: Catherine

Unser erster Sommer auf dem Land war heiß und trocken. Der Himmel war gnadenlos blau und die Erde so durstig, dass man ihr Leiden förmlich spürte. Sam sagt, wir hätten die perfekte Zeit gewählt. So könnten wir in den langen Sommerferien die Berge, Strände und Wälder unserer neuen Wohngegend erkunden.
»Wir haben uns und die Kinder und jetzt auch noch dieses wundervolle halb verfallene Haus. Das ist doch toll«, sagt er, als ich mir Sorgen mache, wir könnten das alles nicht stemmen. »Im September trete ich meine neue Stelle an, und bis dahin können wir auf dein Geld zurückgreifen.«
Mein Geld – eine Entschädigung, weil ich vor vier-zehn Jahren meine Mutter durch Brustkrebs verloren habe und meinen Vater an eine neue Frau in New York. Wie wir lebt er das Dolce Vita, in seinem Fall allerdings mit Sushi, Kunstgalerien und einer Gattin, die Seidendessous trägt.
Nur sechs Wochen nachdem Sam seine sichere Stelle als Grundschullehrer gekündigt hatte, verließen wir London, und die Umzugslaster hielten vor dem alten Hexenhaus in Somerset.
»Ich finde es zauberhaft«, hatte ich gesagt, als ich das kleine Haus zum ersten Mal sah. Violette Glyzinien rankten sich um das rostige Gartentor, und vor dem Haus blühte eine Fülle roter, rosafarbener und weißer Rosen.
Mit seinen ungleichen Dächern – eines strohgedeckt, zwei mit Ziegeln –, den verschieden großen Fenstern, der Tür mit der abblätternden Farbe und dem wild rankenden Efeu erinnerte mich das Haus an eine Kinderzeichnung. Wir machten sofort ein Angebot, und als der Gutachter schrieb, die Wände seien feucht, und das Haus sei schlecht isoliert, kauften wir es trotzdem.
»Wir fahren nach Frome, Farbe kaufen«, sagt Sam jetzt, küsst mich und scheucht die Kinder Richtung Auto. »Ich bring aus der Bäckerei den Kuchen mit, den du so magst.«
Ich weiß natürlich, was er bezweckt. Er will mir Zeit und Raum geben, damit ich herumtrödeln und in Ruhe darum trauern kann, dass wir jetzt nicht mehr in London leben, meiner Heimatstadt seit vierunddreißig Jahren, dem Ort, an dem meine Mutter lebte und starb, was mir noch immer zu schaffen macht.
Sobald die Tür hinter meiner Familie zufällt, eile ich nach oben ins Schlafzimmer, öffne den Kleider-schrank und hole einen Schuhkarton heraus, der ganz hinten unter einem Kleiderstapel versteckt ist. Der Karton enthält Briefe, Fotos und Zeitungsaus-schnitte und ist mein Geheimarchiv über dich. Heute nehme ich ein liniertes DIN-A4-Blatt heraus, beschrieben mit blauem Kuli in deiner unverkennbaren Handschrift. Diesen Brief kenne ich auswendig. Ich weiß, wo Kommas und Gedankenstriche sitzen, an welcher Stelle ein Punkt fehlt und wo deine T zwei Striche haben. Das alles habe ich mir genau eingeprägt.

Du kommst nicht mehr zu mir zurück, oder? Eine Weile habe ich mir noch eingeredet, du würdest wiederkommen. Aber nun sind schon mehr Wochen vergangen, als wir überhaupt zusammen waren, und alles erscheint mir fast wie ein Traum. Gibt es dich wirklich? Ich suche dich auf der Straße, in Pubs, in der Bibliothek, in dem kleinen portugiesischen Café, in dem wir Vanilletörtchen aßen und die alte Dame dich Audrey Hepburn nannte (sie hatte recht, wegen deiner Augen). Nirgendwo sehe ich dich, spüre dich aber noch immer. Wie dein Haar über mein Gesicht weht, wie deine Hand sich in meine fügt. Nachts wache ich auf und höre dich leise neben mir atmen. Du bist nicht mehr bei mir, aber dennoch immer da.

Diesen ersten Brief – es gibt fünf – mag ich am liebsten. Wenn ich ihn lese, kann ich mir vorstellen, dass wir noch immer diese junge Frau und dieser junge Mann sind, die an einem strahlenden Tag wie diesem in einem leeren Café in Bristol sitzen. Einziger Gast außer uns war eine Frau, die am Tisch rechts neben uns in ihren Tee starrte. Du hast ihr eines unserer Törtchen angeboten.
»Möchten Sie eins? Wir haben zu viele bestellt.«
Was nicht stimmte, wir hatten nur zwei, aber die hatten wir noch nicht angerührt, weil wir uns an den Händen hielten und nicht loslassen wollten.
»Das ist sehr nett von Ihnen«, sagte die Frau, und als sie uns ihr Gesicht zuwandte, sahen wir, dass sie sehr alt und runzlig war.
»Sie ist Audrey Hepburn, nicht wahr, Ihre Liebste?«, sagte die alte Frau, und wir lachten.
»Ja, ist sie«, hast du gesagt. Wir konnten nicht einschätzen, ob die Greisin das wirklich so empfand oder ob sie vielleicht verwirrt war.
Wenn ich diesen ersten Brief lese, kann ich mich hemmungslos meinen Erinnerungen hingeben, mit dir in diesem Café oder am Strand sein, ohne das endlose Echo von Entschuldigungen, die in meinen Träumen widerhallen. Kann unseren rosaroten Anfang noch einmal durchleben, ohne an das Ende denken zu müssen.
Die Haustür fällt ins Schloss und beendet meine Träumerei, der Schuhkarton wird hastig wieder versteckt. Ich höre Daisy im Flur rennen, sie ruft von unten: »Mami! Wir sind wieder da!«, als hätte ich an ihrer Rückkehr gezweifelt. Ich gehe runter in die Küche, die Sam und ich frisch gestrichen haben. Die Nachmittagssonne funkelt auf dem makellosen Weiß rundum. Daisy nimmt einen Kuchen aus einer Pappschachtel und legt ihn auf eine geblümte Platte aus meinem Elternhaus. Joe holt Becher aus dem Schrank, und Sam füllt den Wasserkessel, schaut zu mir herüber und sagt: »Alles okay?« Ich nicke. Es stimmt sogar zum Teil.
»Morgen gehen wir an den Strand«, sagt er. »In Lulworth Cove steht eine kleine Holzjolle zum Verkauf. Ich dachte, die schauen wir uns mal an.«
Während ich Tee eingieße und Sam den Kuchen aufschneidet und verteilt, redet er darüber, wo wir hinsegeln könnten, wenn wir das Boot kaufen, und in welcher Farbe wir es streichen würden. Er ist Spezialist für Neugestaltung, mein Mann.
Als später Liv anruft, gießt Sam mir ein Glas Weißwein ein.
»Setz dich doch ins Wohnzimmer«, sagt er. »Wir gehen zum Bach. Lass dir ruhig Zeit.«
Sam hofft wohl, dass diese Telefonate mit Drinkservice mich dafür entschädigen, dass ich nicht mehr um die Ecke von meiner engsten Freundin wohne, die ich damals am ersten Studientag kennengelernt habe und mit der ich seither fast jeden Tag spreche. Neuerdings fragt Liv mich bei jedem Anruf, was ich so mache. Sie scheint darauf zu warten, dass unser Landleben noch irgendwie spannender wird.
»Wir haben gerade Tee getrunken und Kuchen gegessen«, berichte ich. »Sam ist jetzt mit den Kindern am Bach.«
»Klingt traumhaft«, sagt Liv, hört sich aber gelangweilt an. Ich denke an die vielen Taxis vor ihrem Haus, die roten Busse, die nachmittags Pendler, Touristen und erschöpfte Eltern mit Kindern ausspucken. Das fehlt mir furchtbar, und ich horche angestrengt, damit ich ein bisschen London durch die Leitung mitkriege.
»Kann ich vielleicht am übernächsten Wochenende bei euch übernachten?«, fragt Liv. »Hab gerade eine Einladung von Lucian bekommen, zu seiner alljährlichen großen Sommerparty, du weißt ja.«
Als dein Name fällt, verlangsamt sich wie immer die Welt, die Luft wirkt kühler, und einen Moment lang verliere ich jedes Gefühl für Wörter und ihre Bedeutung. Und vielleicht beginnt in diesem Moment unsere Geschichte aufs Neue, nach fünfzehn Jahren. Als dein Name auftaucht und die Entfernung zwischen uns überbrückt.
»Catherine?«
»Ja klar, du kannst immer bei uns übernachten, das weißt du doch.«
»Und macht es dir auch nichts aus? Wenn ich ihn sehe, meine ich?«
Wenn Liv dich trifft, fragt sie das immer, als solle ich ihr sagen, was sie ohnehin schon weiß. Und ob es mir etwas ausmacht, Liv. Es schmerzt in jeder Zelle meines Körpers. Es schmerzt höllisch, dass du ihn sehen kannst und ich nicht. Und es ist schlimm für mich, dass du all diese Jahre die Freundschaft mit ihm aufrechterhalten hast, obwohl du weißt, wie sehr mir das wehtut.
Bleibe ich stumm, legt Liv immer Infos nach: »Er hat eine Ausstellung in Bruton.« Oder: »Er hat eine Wohnung in Oxford Gardens gekauft.« Einiges erfahre ich auch aus der Presse, die immer noch gerne über dich und deinen Freundeskreis berichtet. Unter »Vermischtes« sieht man dich dann vor einem Club rauchen, Champagnerglas in einer Hand, die andere an der Taille einer attraktiven Blondine. Und du blickst mit dieser Mischung aus Trotz und Verächtlichkeit in die Kamera, die sich in all den Jahren nicht verändert hat. Du lächelst nie auf diesen Fotos. Die Blondinen auch nicht.
Ich könnte Liv erzählen, dass ich wieder deine Briefe gelesen und über unser Ende nachgegrübelt habe. Dass ich mir so sehr wünsche, ich könnte es verändern, beschönigen, zurück- oder vorspulen.
Am Abend deiner Party werde ich irgendwas Giftiges nehmen, damit ich schlafen kann, und am nächsten Morgen auf Livs zensierten Bericht warten.
»Er war hinreißend«, wird sie sagen. »Er hat nach dir gefragt«, und dann bleibt mir wieder das Herz stehen.
Ich frage sie nie, was sie dir geantwortet hat, denn das weiß ich ohnehin. Dass es mir gut geht, dass die Kinder groß geworden sind. Vielleicht auch, dass wir ins West Country gezogen sind, in ein Dorf, das nur dreißig Kilometer von deinem entfernt ist. Zumindest lebe ich jetzt in deinem County, wenn wir auch sonst keinen Kontakt mehr haben.
Liv erzählt mir nie von Jack, vor dem mir graut, und auch nie von Rachel, auf die ich, obwohl ich Eifersucht verachte, rasend eifersüchtig bin. Ich wäre froh, wenn alle so einfühlsam mit mir umgingen wie Liv. Aber die anderen – sogar Sam – erwähnen Jack gnadenlos.
»Schau mal, da ist dieses Arschloch von der Uni«, hat Sam manchmal gesagt und mir in der Zeitung ein Foto von deinem Freund mit dem Zahnpastalächeln gezeigt.
»Catherine?«
Livs vorsichtiger Tonfall verrät mir, was sie als Nächstes sagen wird.
»Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst, oder?«
Meine Freundin hat nie von der Vorstellung abgelassen, dass wir ein Paar hätten bleiben sollen, du und ich. Was wohl daran liegt, dass ich ihr den Grund für die Trennung nie verraten habe. Noch am Morgen meiner Hochzeit mit Sam versuchte Liv, mich umzustimmen.
»Es ist zu spät«, sagte ich damals und bat sie, mich allein zu lassen.
Dann versuchte ich angestrengt, mir Sam frisch rasiert und im Cutaway vorzustellen, sah aber immer nur dich vor mir. Damals hattest du schon Shute Park geerbt, dein prachtvolles Anwesen. Ich sah dich mit einer Flasche Whisky am See sitzen, versunken in Erinnerungen an unsere Anfänge – jenen kalten Win-tertag am Strand, unser erstes gemeinsames Essen. Aber da habe ich mir wohl was vorgemacht. Wahr-scheinlich hast du noch geschlafen, an eine deiner Pin-up-Blondinen geschmiegt. Doch meine Träume konnte mir niemand nehmen.

Vor vier Monaten: Lucian

Ich erfahre vom Tod meiner Mutter während einer unserer exzessiven Freitagspartys. Es gibt keinen guten Zeitpunkt, so was zu hören. Aber um ein Uhr morgens und besoffen ist ganz besonders unglücklich. Ich habe Champagner, Wodka Tonic und drei große Tequila-Shots intus und bin einigermaßen be-täubt. Weshalb ich auch kaum reagieren kann auf die Nachricht, die meine Schwester mir überbringt.
»Lucian?«
»Ja?«
»Hier ist Emma.«
Allein ihren Namen zu hören gibt mir das Gefühl, unter einer Gewitterwolke zu stehen, die gerade abregnet.
»Mami ist heute Nachmittag gestorben, ganz plötzlich. Ein Herzinfarkt. Sie war sofort tot.«
Diese kindische Vokabel »Mami« von einer Vierzigjährigen. Das und andere unpassende Gedanken schießen mir durch den Kopf, bis ich das Schweigen am anderen Ende nicht mehr ignorieren kann.
»Großer Gott«, bringe ich hervor. Mehr fällt mir nicht ein.
»Die Bestattung ist in London. Kommst du?«
Trotz Tequilanebel kapiere ich, dass die Frage rhetorisch ist.
»Ja, natürlich komme ich.«
»Lucian?«
»Ja?«
»Ich weiß, wir hatten jahrelang keinen Kontakt mehr, aber ich wollte dir sagen …«
Wieder Schweigen, aber es fühlt sich anders an. Ich merke, dass meine Schwester weint.
»Du wirst immer zur Familie gehören.«
Emma beendet das Gespräch, und ich stehe reglos da, das Handy ans Ohr gepresst, obwohl ich nur noch das Freizeichen höre. Tod meiner Mutter, Versöhnung mit meiner Schwester … das ist so überwältigend, dass ich es kaum begreifen kann.
Für heute Abend hatte ich alle zusammengetrommelt, damit wir Harrys frischgebackene Ehefrau in die Runde aufnehmen können. Zumindest war das die Absicht. Obwohl es tatsächlich nur wenigen jemals gelungen ist, sich in diese kleine verschworene Clique von Freunden zu integrieren, die ich als meine Familie erachte. (Wenn man eine Herkunftsfamilie wie meine hat, muss man sich Alternativen suchen.)
Da ist zum einen Jack, den ich schon fast mein Leben lang kenne. Als Achtjährige waren wir zusammen auf der Grundschule, Harry stieß dazu, als wir dreizehn waren, danach kamen die Oberschule und die Uni, und wir haben gemeinsam unsere Zwanziger durchgemacht, eine einzige Drogen- und Sexorgie. Seit der Uni sind auch Rachel und Alexa dabei.
Als ich in die Bibliothek zurückkomme, sitzen meine Freunde ziemlich steif auf den betagten Chesterfield-Sofas. Meine Lippen fühlen sich taub an, als ich die Nachricht verkünde, und die Freunde starren mich mit aufgerissenen Augen an.
»Meine Mutter ist heute Nachmittag gestorben. Offenbar ein Herzinfarkt.«
Jack und Rachel stürzen sich auf mich und drücken mich fürchterlich. Rachels blonde, nach Mandarinen duftende Mähne fegt über mein Gesicht wie ein Pferdeschweif. Das geht zu weit. Ich weiche den beiden aus.
»Bitte, Leute. Ihr wisst doch, dass wir uns nicht ver-standen haben. Ich bin nur ein bisschen benommen, weiter nichts.«
Wir lassen uns auf den Sofas nieder, Rachel schnappt sich die halb volle Tequilaflasche, hält sie hoch und füllt dann die leeren Shotgläser. Alexa geht zur Stereoanlage; kurz darauf hören wir die schwebenden, schwermütigen Klänge von Sigur Rós. Ich denke oft, dass Alexa im falschen Metier ist, denn sie schafft es immer, genau die richtige Musik zu finden. Alexa ist Schriftstellerin und recht erfolgreich, aber wir hätten sie vermutlich irgendwo in Ibiza verkuppeln sollen. Harry kippt sich den Tequila ohne Salz oder Zitrone prollmäßig hinter die Binde, und seine kleine zarte Frau Ling, die heute zum ersten Mal dabei ist, sitzt neben ihm und wirkt jetzt genauso starr und maskenhaft wie vor der Nachricht vom Tod meiner Mutter.
»Ding Dong, die Hex ist tot«, sagt Jack und prostet mir zu. Seine eisblauen Augen blinzeln.
Meine Mutter, die Hexe. Schön und kaltherzig, quälte sie für ihr Leben gern Männer; bei meinem Vater führte das zum Tod. In meiner Kindheit benahm sie sich zwar einigermaßen mütterlich, aber damals war mein Vater wichtiger für mich. Wenn er auf der Farm Zäune ausbesserte, Bäume fällte und mit der Flinte Kaninchen schoss, heftete ich mich immer an seine Fersen.
»Fahren wir zur Bestattung?«
»Ich denke schon. Wird aber nicht angenehm werden. Ich hab meine Mutter und meine Schwestern zum letzten Mal vor dreizehn Jahren gesehen, bei der Beerdigung meines Onkels.«
»Die auch alles andere als angenehm war.«
Jack habe ich bislang in meinem Leben nur ein einziges Mal verstört erlebt, und zwar als meine Mutter inmitten einer angetrunkenen Trauergemeinde herumgiftete, weil mein Onkel mich als Alleinerben eingesetzt hatte. Ich glaube, es fiel mehr als einmal das Wort »Arschloch«. Meine Familie ist von der etwas anderen Sorte.
Ich blicke zu Ling, zart und kindhaft in ihrem farbenfrohen Outfit, und merke, dass wir den eigentlichen Anlass des Abends vergessen haben. Ling schaut immer wieder zu Harry, vielleicht weil sie unsicher ist oder weil sie das alles nicht glauben kann. Wahrscheinlich muss sie sich sowieso immer wieder kneifen, dieses ehemalige Barmädchen aus Thailand, das jetzt mit einem der reichsten Männer Englands verheiratet ist.
Es ist nach vier, als sich die Runde auflöst. Harry ist betrunken, chauffiert aber seine junge Braut dennoch zu seinem monumentalen Anwesen. Alexa verzieht sich nach oben in ihr Lieblingszimmer, und Jack schwingt sich auf sein neues Klapprad, das ihm seine Frau Celia verordnet hat, damit er nicht zu häufig über Nacht bei mir bleibt.
Nur Rachel und ich sitzen noch vor der Glut am riesigen Kamin, dessen Verschalung ein wuchtiger Balken mit rostigen Haken und Nägeln abschließt. Er stammt aus einem alten Handelsschiff. Einen Nagel, der weit herausragt, nennen wir »Teufelsfinger«. Alexa hat eine blinkende violette Lichterkette drangehängt. Zuerst ging sie mir auf die Nerven, aber inzwischen mag ich sie.
»Einen letzten Schlummertrunk?«, fragt Rachel, was zwischen uns etwas anderes bedeutet.
Sie sieht bezaubernd aus mit ihrem smaragdgrünen Kleid, den glänzenden Haaren und dem perfekten Make-up. Es wäre wahrhaftig nicht das erste Mal, dass wir zusammen im Bett landen. Aber heute Nacht fühlt mein Herz sich trostlos an.
»Muss allein sein, Rachel«, sage ich. »Das blaue Zimmer ist für dich hergerichtet, wie immer.«
»Verstehe«, sagt sie mit einem traurigen kleinen Lächeln, das mich beinahe umstimmt. Wir haben unsere eigenen Regeln, meine Freunde und ich, folgen nicht den bürgerlichen. Aber wir kümmern uns umeinander.
Mit einem großen Glas Brandy gehe ich in mein Schlafzimmer. Es ist fast fünf, und das erste Morgenlicht dringt durch einen Spalt in den Samtvorhängen. Mary, meine Haushälterin, hat mein Bett aufgedeckt und eine Karaffe Wasser mitsamt Glas auf den Tisch gestellt. Diese kleinen liebevollen Gesten finde ich tröstlich. Wäre meine Mutter eher wie Mary gewesen … wer weiß, wie mein Leben dann geraten wäre.
Ich setze mich ans Bettende und sehe mich in dem Zimmer um, in dem früher mein Onkel gelebt hat. Es hat sich seit damals kaum verändert. Die Möbel sind alt, wuchtig, maskulin, obwohl mein Onkel eher manieriert wirkte. Er war der ältere Bruder meines Vaters und seit seinem achtzehnten Lebensjahr offen schwul und stolz darauf, was in den Siebzigern noch nicht häufig vorkam. Ich glaube, es wurde davon geredet, ihn zu enterben, aber dazu kam es dann nicht. Als mein Onkel hier lebte, wurde das Anwesen zum Synonym für Ausschweifungen, mit Partys, die manchmal eine ganze Woche dauerten. Was mir heute das Leben mit den Dorfbewohnern erleichtert: Ich brauche bloß zu erwähnen, wie es damals in Shute Park zuging, dann schert sich keiner mehr um meinen Lebensstil.
Den gigantischen Mahagonischrank meines Onkels habe ich angefüllt mit meinen Hemden: weiße und schwarze vorne, blaue, grüne, rosa und gelbe dahinter. In den Regalen stehen meine Bücher, an den Wänden hängen zwei meiner Gemälde. Eines habe ich auf dem Hügel an der Grenze meines Grundstücks gemalt; ich habe hundert Versionen davon, aber dieses hier – nur in verschiedenen Blauschattierungen (vergeblicher Versuch, Picasso zu imitieren) – ist mein Lieblingsbild von diesem Ausblick. Das zweite Bild im Raum ist ein Porträt meines Vaters, das ich mit neunzehn nach einem Foto von ihm gemalt habe. Damals war er schon zehn Jahre tot, aber er fehlte mir noch immer schrecklich, und ich wollte ihn in meinen Träumen wiederbeleben, mit seinem löchrigen Kaschmirpulli und dem blau getupften Seidentuch, wie er einen Karton frischer Eier auf den Tisch stellte und sagte: »Und jetzt machen wir Omelett, mein Kleiner.«
Zwei Elternteile, zwei Gefühle, Liebe und Hass; mein Heranwachsen war geprägt von krassen Gegensätzen.
An Schlaf ist nicht zu denken. Ich könnte mich hinlegen und Erzählungen von Raymond Carver lesen, die Alexa mir zum Geburtstag geschenkt hat; oder auf meinem Skizzenblock etwas zeichnen, um mich von den Gedanken an meine Mutter abzulenken. Am meisten bedrückt mich, dass nun jede Chance für Versöhnung dahin ist, dass wir einander nie mehr um Verzeihung bitten können. Als ich sechzehn war, hat-ten wir uns in einem großen Krach komplett überworfen und seit damals kaum miteinander gesprochen. Grund für das Zerwürfnis war die Tatsache, dass mein Onkel alles mir vererbt hatte – nicht nur das große Anwesen, das meine Mutter schon vom ersten Tag ihrer Ehe an glühend begehrt hatte, sondern auch noch das gesamte Geld. Ich wäre großzügiger mit meiner Mutter gewesen, wenn ich sie nicht so sehr gehasst und ihr nicht die Schuld am Tod meines Vaters gegeben hätte; eine kindische Reaktion, deren Gründe ich erst jetzt zu begreifen beginne. Reue lastet schwer auf mir.
Schließlich tue ich das, was unter Garantie immer die Dämonen vertreibt und mich ins Licht zurückbefördert: Ich nehme aus der obersten Schublade des Kleiderschranks eine Bleistiftzeichnung von dem Mädchen heraus, das ich so sehr geliebt habe. Viel Zeit verging, bis ich mir diese Zeichnung wieder ansehen konnte; sie ist sehr schnell entstanden, enthält aber diese einmalige Mischung aus Unbeschwertheit und Liebesrausch, die jene viel zu kurzen Monate damals geprägt hat. Die Beziehung endete katastrophal mit einer kalten, gefühllosen Trennung, die mir das Herz zerriss und schlimmer war als alles, was ich wegen meiner Mutter durchlitten hatte. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie eine Person, die so bezaubernd und liebenswert war wie Catherine – und ich weiß ganz genau, dass ich mich nicht irre –, mich auf so achtlose Weise verlassen konnte. Nach der Trennung habe ich monatelang gegrübelt, was ich wohl falsch gemacht hatte. War ich zu reich, zu arrogant oder einfach zu begriffsstutzig? Aber das ergab alles keinen Sinn, weil wir einander so nahegekommen waren, mit Haut, Herz und Seele. Deshalb entschied ich mich schließlich für die einzig plausible Erklärung: Sie liebte den anderen Mann mehr als mich.
Inzwischen kann ich diese Zeichnung beinahe nüchtern betrachten. Die Augen sind mir damals gut gelungen. Deshalb mag ich dieses Bild wohl so sehr. Diese unergründlichen Augen einer Filmgöttin; eine klassische, nahezu unirdische Schönheit, die Menschen dazu veranlasst, stehen zu bleiben und ungläubig zu glotzen. Ich frage mich, wo Catherine jetzt ist, ob sie sanft atmend schläft, an ihren Mann geschmiegt, die Füße in seine gefügt. Trägt sie die Haare kürzer, wirkt sie älter, gibt es Fältchen in dem schönen Gesicht? Immer mal wieder habe ich im Internet nach ihr gesucht, aber es gibt nirgendwo Bilder, weder bei Facebook oder Instagram noch bei Alumnitreffen an der Uni. Ihre Freundin Liv sehe ich gelegentlich, und sie hat Verständnis dafür, dass ich etwas über meine große Liebe wissen will. Liv erzählt bereitwillig, meist über die Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Über den Mann spricht sie nie, diesen Mann, für den Catherine mich verlassen hat. Aber obwohl sein Name unerwähnt bleibt, ist er doch präsent.
Jetzt lege ich mich endlich ins Bett, lehne die Zeichnung an die Carver-Erzählungen und fühle mich getröstet von Catherines ernsthaftem Blick, bis mir endlich die Augen zufallen.

Vor fünfzehn Jahren

Du hast mir Nachrichten hinterlassen, an meinem Arbeitsplatz in der Bibliothek. Wenn ich mir ein Buch holen ging, fand ich danach in meiner Kabine einen Zettel, auf dem in deiner markanten Handschrift stand: Lunch?
Es war mir ein Rätsel, wie du rausgefunden hattest, wo ich am liebsten arbeitete: weit weg von den Quatschtanten im zweiten Stock und dem Durchgangsverkehr an den Klos. Und ich fragte mich, ob du dann wohl irgendwo mit verschränkten Armen und diesem leicht ironischen Lächeln zusahst, wie ich den Zettel auseinanderfaltete. Keine Ahnung, wie ich dich hätte finden sollen, selbst wenn ich die Einladung hätte annehmen wollen – was ich unter keinen Umständen wollte, redete ich mir ein. Ich musste schließlich an Sam denken. Und diese dekadenten exzessiven Freunde von dir waren mir unheimlich, von denen wollte ich mich fernhalten. Dennoch bekam ich jedes Mal Herzklopfen, wenn ich die Zettel las. Ist es heute so weit? stand auf einem, auf einem anderen: Magst du Austern?
Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber ich brauchte morgens länger fürs Anziehen, probierte ewig herum, war sorgfältiger mit Make-up und Haaren.
Das nächste Milton-Seminar fand statt, aber der Sessel neben mir blieb leer, und die Stunde mit der schwächlichen Stimme des Profs und der zähen Interpretation von Buch vier zog sich endlos in die Länge. Als ich zur Bibliothek ging, war ich völlig aufgelöst. Reiß dich zusammen, sagte ich mir, du hast doch einen Freund. Na ja, beinahe jedenfalls. Sam und ich hatten uns Zeit gelassen. Zu Anfang waren wir nur befreundet, aber es lag etwas anderes in der Luft. Sein Lächeln, die Blicke aus den dunklen Augen, die auf mir ruhten, wenn er glaubte, ich würde es nicht merken. Dann zu Anfang des zweiten Semesters ein Mondscheinspaziergang am Hafen, bei dem wir zum ersten Mal Händchen hielten, und vor wenigen Tagen der erste Kuss. In meinem ersten Semester an der Uni gab es für mich nur diesen großen fußballverrük-ten Sternendeuter-Wissenschaftler, bis du in mein Seminar geplatzt bist und meine Welt auf den Kopf gestellt hast.
Die nächste Nachricht tauchte fast wie von Zauberhand auf, während ich mit gesenktem Kopf über meinen Büchern brütete. Offenbar war ich so konzentriert, dass ich nichts bemerkte. Erst nach einer Weile fiel mir auf, dass an der Tischkante ein Stück Papier lag. Es sah anders aus als die bisherigen Nachrichten, und als ich es auseinanderfaltete, blickte ich auf eine Bleistiftzeichnung, die so detailreich und atmosphärisch war, dass mir der Atem stockte. Ein Restaurant mit Holzwänden, einer Skihütte ähnlich, karierte Tischdecken. In Einmachgläsern Blumen, so präzise gezeichnet, dass sie als Gerbera erkennbar waren und ich förmlich kirschrote oder orange Blütenblätter vor mir sah. Auf einem Tisch standen eine Flasche Wein und zwei gefüllte Gläser, daneben das Wort: Unsere? Allein dieses verbotene Wörtchen ließ mir das Blut zu Kopf steigen. Unter der Zeichnung stand: Ich bin um 13.00 vor der Bibliothek. Das blaue Schriftbild war mir inzwischen schon vertraut: die Schwünge am L, das bauchige B, doch jetzt wurde mir bewusst, dass es sich um eine Künstlerhandschrift handelte. Diese Zeichnung eröffnete mir einen neuen Blick auf dich und schwächte meinen Widerstand.
Ich warf einen Blick auf die große weiße Wanduhr. Zehn vor eins. Die Welt schien mir voller Verheißungen, während ich abwechselnd auf den vorrückenden Zeiger und auf die kunstvolle Zeichnung blickte.
Um Punkt eins packte ich meine Bücher zusammen und verließ die Bibliothek.

Clare Empson
© Melanie Woods

Die Autorin Clare Empson

Clare Empson ist Journalistin und arbeitete für überregionale Zeitungen, für die sie so ziemlich über alles berichtete: vom Kollaps der großen Investmentbanken bis hin zu »Tee mit Barbara Cartland« (ganz in pink natürlich, inklusive des Kuchens). Vor acht Jahren zog sie dann aufs Land und gründete den Kultur- und Lifestyle-Blog Countrycalling. Die idyllische Landschaft inspirierte sie zu ihrem ersten Roman, der die dunkle Seite des Paradieses beschreibt. Clare lebt mit ihrem Mann und drei Kindern an der Grenze zwischen Wiltshire und Dorset in England.

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