SPECIAL zu Claude Cueni »Das große Spiel«

"Wissen ist sexy!"

Interview von Karoline Bien

John Law wurde 1671 in Edinburgh geboren und starb 1729 in Venedig. In den 58 Jahren seines Lebens machte er sich einen Ruf als Frauenheld, brillanter Mathematiker und vor allem als Erfinder des Papiergeldes. Lange reist er durch Europa und kämpft für die Anerkennung seiner Idee, bis er in Paris vom Herzog von Orléans eine Chance bekam – und zum reichsten Mann seiner Zeit wurde. Doch der Erfolg war nicht von Dauer. Der Schweizer Autor Claude Cueni hat den Lebensweg der historischen Figur John Law in einen packenden Roman gebracht und erzählt eine wahre Geschichte, die wirklich unglaublich klingt. Cueni hat schon Romane, Hörspiele und Theaterstücke veröffentlicht und Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben. Der 50-Jährige lebt mit seiner Familie in Binningen bei Basel.

Wie kam es zu der Idee, einen Roman über John Law zu schreiben?
Claude Cueni: Mein Sohn entdeckte ihn in den Memoiren des Duc de Saint Simon. Ein Casanova, Kartenspieler, Duellist, Mörder, Mathematikgenie soll das Papiergeld "erfunden" und damit seinen Ruf als größter Geldtheoretiker aller Zeiten begründet haben. Einfach unglaublich, aber eben wahr. Es war mir sofort klar, dass mein Sohn einen ganz außergewöhnlichen Stoff entdeckt hatte. Dann dachte ich mir: Mein letzter Roman "Cäsars Druide" erzählt den Gallischen Krieg als Businessplan zur Refinanzierung von Cäsars Karriere. Da ist Geld aus Metall, aus Gold. Bei John Law aus Papier. Ich dachte, das ist Band zwei einer Trilogie. Im dritten und letzten Band, den ich jetzt schreibe, ist Geld digital. Die Geschichte des Geldes ist eben auch die Geschichte der Menschheit, die Geschichte von Liebe und Leidenschaft.

Das Buch enthält eine Fülle von historischen Fakten und Einblicken in den Lebensalltag des 18. Jahrhunderts. Wie haben Sie das alles recherchiert?
Claude Cueni: Geschichte ist meine große Leidenschaft. Ich bin in einigen Epochen zu Hause. Im frühen 18. Jahrhundert haben wir bereits erste Printmedien, am Vorabend der Aufklärung kommt das Tagebuchschreiben groß in Mode und über John Law, den wohl reichsten Mann seiner Zeit, gibt es in der französischer Sprache, die meine Muttersprache ist, unzähliges Material. Es ist phantastisch, über diese Zeit zu schreiben, weil man im Gegensatz zur römischen Antike enorm viele Quellen hat und das Alltagsleben bis hin zur großen Politik sehr genau nachbilden kann. Man riecht den ganzen Dreck der damaligen Zeit in jedem Dokument.

Eignet sich Ihr Roman sogar für den Geschichtsunterricht?
Claude Cueni: In erster Linie will ich Geschichten erzählen, die berühren, bewegen und nachhaltig wirken. Ich will ein gewaltiges Sittengemälde der damaligen Zeit entwerfen und auf keinen Fall belehren. Da ich aber alles sehr aufwändig recherchiere und später auch mit Fachleuten diskutiere und überprüfen lasse, eignen sich meine historischen Romane auch für den Geschichtsunterricht. "Cäsars Druide" zum Beispiel wird heute in vielen Gymnasien als offizielle Begleitlektüre zum "De bello gallico" gelesen. Ich denke: Wissen ist einfach sexy. Solange man unterhält und nicht belehrt. Das ist der entscheidende Punkt.

Hätten Sie gerne in der Zeit von John Law gelebt?
Claude Cueni: Auf keinen Fall! Von zehn Kindern sterben acht. Man verliert mehrmals seinen Ehepartner, jede Lungenentzündung kann zum Tod führen. Wenn Sie keine Arbeit haben, verhungern Sie tatsächlich. Und wenn Sie das alles überleben, sterben Sie im Krieg. Und wenn Sie auch das überleben, müssen Sie zum Zahnarzt und sterben an einem Eiterzahn. Verglichen mit der damaligen Zeit leben wir heute in Westeuropa alle in einem Fünfsternehotel. Aber nur der Vergleich mit anderen Epochen lässt uns erkennen, dass früher nichts besser war, sondern dass heute alles besser ist. Ich kriege viele Mails von Leserinnen und Lesern, die mir schreiben, dass dieses Buch ihre Sicht der Dinge nachhaltig verändert hat.

John Law ist eine Spielernatur und ein begnadeter Kartenspieler. Können Sie diese Leidenschaft nachvollziehen?
Claude Cueni: Absolut. Ich wollte schon als kleiner Knirps Schriftsteller werden. Und sonst gar nichts. Ich habe immer alles auf eine Karte gesetzt. Entweder Erfolg oder Untergang. Diese Risikobereitschaft, gepaart mit Disziplin, Ausdauer und Leidenschaft, verbindet mich mit John Law, der wie kein anderer die Kraft des Handelns verkörpert. Die Auseinandersetzung mit John Law verleiht tatsächlich Mut, die Widrigkeiten des Schicksals zu akzeptieren und stets das Unmögliche zu versuchen. In jedem freien Schriftsteller steckt wahrscheinlich eine Spielernatur.

Sie haben schon diverse Drehbücher geschrieben, unter anderem für "Cobra 11" oder den "Tatort". Ist das Drehbuch zu "Das große Spiel" schon in Arbeit?
Claude Cueni: Nach über 50 verfilmten Drehbüchern liegt es auf der Hand, dass ich auch beim "Großen Spiel" das Drehbuch schreibe. Da John Law nur wenige Jahre vor der Geburt von Patrick Süsskinds Grenouille stirbt, können Sie sich ja vorstellen, mit wem ich zurzeit Gespräche führe. John Law ist ein idealer Filmstoff.

Womit beschäftigten Sie sich zurzeit? Vielleicht mit dem nächsten historischen Roman?
Claude Cueni: Ich habe bereits die ersten hundert Seiten meines nächsten Romans geschrieben. Aufgrund des Medieninteresses an "Das Große Spiel" habe ich mich aber nun entschlossen, die Romanarbeit erst später weiterzuführen. Das fällt manchmal sehr schwer, weil ich es gewohnt bin, morgens um fünf aufzustehen und weiterzuarbeiten. Jetzt sprudelt die Handlung im Kopf weiter, und ich muss die Tinte zurückhalten. Aber ich will mich nicht beklagen. Ich lebe im Jahre 2007 und nicht zur Zeit des Sonnenkönigs.

Interview von Karoline Bien

Das große Spiel

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