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Claudia Winter im Interview

Über das Reisen, Rezepte und die Schriftstellerei

Schriftsteller verbringen viele Monate mit ihren Figuren, entwickeln sie und gehen mit ihnen durch Freud und Leid. Nun steht „Glückssterne“ schon eine Weile im Laden. Wie schaffst du es, deine Protagonisten loszulassen, wenn das Manuskript fertig ist?
Ich bin eine ziemlich gute „Loslasserin“. Menschen und Dinge müssen uns verlassen, wenn es an der Zeit ist – diese Haltung zieht sich bei mir durch alle Lebensbereiche, und deshalb fällt es mir relativ leicht, meine Romanfiguren ziehen zu lassen. Manchmal bin ich sogar regelrecht erleichtert, weil sie mir über ein Jahr nicht immer nur Freude bereitet haben, sondern mich oft auch viele Nerven kosten. Es ist immer schön, die Tür der Vergangenheit zu schließen, um der Zukunft (und damit neuen, aufregenden Figuren) ein Fenster zu öffnen.

Was tust du als Erstes, wenn du den letzten Satz eines Romans getippt hast?
Ich atme auf. Dann atme ich durch. Und dann überlege ich mir, was verdammt ich mit der freien Zeit anfangen soll, die ich plötzlich habe. Meist habe ich aber schon in der Endphase eines Romans bereits neue Ideen entwickelt – und mache mich bald an die Recherche für das neue Buchkind.

Du schilderst die Schauplätze deiner Bücher, das Leben in der Toskana und in Schottland, sehr authentisch. Wie recherchierst du für deine Romane?
Zunächst recherchiere ich sehr umfassend über das Internet, lese Reiseführer (vor allem literarische) und Romane, die in der Gegend spielen. Ich lege ein dickes One-Note-Notizbuch mit allen Quellen an und lese mir die Artikel und Berichte mehrmals durch. Dann suche ich mir den passenden Ort für die Geschichte aus und reise dorthin, meist für zwei Wochen, wenn ich Glück habe, kenne ich das Land und seine Bewohner bereits. Aber auch hier liebe ich die Herausforderung, mich mit etwas ganz Neuem zu befassen – die Bretagne, in der mein neuer Roman spielen wird, ist ein Beispiel dafür, darüber wusste ich vorher überhaupt nichts. Als Autorin auf Entdeckungsreisen zu gehen, gehört zu meinen Lieblingsmomenten beim Bücherschreiben.

Deine Bücher sind sehr humorvoll und deine Figuren treten in so manche Fettnäpfchen: Musst du beim Schreiben manchmal selbst lachen?
Ich schmunzle eher, denn ich liebe den hintergründigen, trockenen Humor, der nicht allzu offensichtlich daherkommt. Ja, ich grinse ab und an – und manchmal schlucke ich auch, gerührt oder traurig, wenn es um Themen wie Verlust oder Tod geht. Und manchmal kommt dann an der besonderen Stelle, auf die meine Leser hoffentlich hinfiebern, das „Hach!“. Das mache ich am liebsten: „Hach!“ sagen.

Wie viel Inspiration findest du in der Realität? Sei ehrlich: Bist du heimlich mit Aidan verheiratet?
Selbstverständlich. Und mit Fabrizio. Und mit meinem neuen Mr. Right, den ich leider (noch) nicht verraten kann. Es steckt nämlich ein bisschen von jedem meiner „Helden“ in dem Mann, den ich an meiner Seite wissen darf.

Fabrizio und Aidan, die Helden deiner beiden letzten Romane, sind sehr unterschiedliche Männer: Wer würde in der Realität eher dein Herz erobern?
Tendenziell wohl Aidan. Ich mag seine Wärme, seine Geduld. Seine Hartnäckigkeit, seinen Humor. Er ist sanft und einfühlsam, ohne dabei ein Weichei zu sein und kann auch ganz schön austeilen, wenn Josefine ihm auf den Nerven herumtanzt. Das hat schon was.

Hast du dich je in einen deiner Romanhelden „verguckt“?
Klar, in alle :)

Wer deine Bücher kauft, bekommt auch immer gleich eine kleine Rezeptsammlung für Spezialitäten wie Pasta alla Zanolla oder buttrige Scones dazu. Warum gehören Bücher und Essen für dich zusammen?
Bücher sind Genuss, so wie Essen Genuss sein sollte. Im Grunde genommen rankt sich um das Genuss-Thema mein ganzes Leben, denn was wäre es auch ohne, es heißt ja nicht grundlos „Essen hält Leib und Seele zusammen“. Ich genieße es, zu lesen, zu schreiben. Ich genieße einen guten Film, einen Spaziergang, die Gesellschaft meiner Liebsten, sogar das tröstende Stück Schokolade, wenn ich traurig bin. Das heißt nicht, dass ich andauernd und überall esse (dann wäre es schwierig mit meiner Konfektionsgröße), aber ein gutes Mahl macht die Facetten des Lebens erst vollkommen – und das schlägt sich ganz automatisch in meinen Büchern nieder.

In „Aprikosenküsse“ haben wir erfahren, dass wir Hackfleisch für ein echtes italienisches Ragú lieber als gefrorenen Klumpen in die Soße geben sollen, statt das Fleisch anzubraten. Das klingt erstmal abschreckend. Wie wagemutig muss ein guter Koch sein?
Ein guter Koch muss eigentlich nicht wagemutig sein. Er braucht nur ein wenig Übung und ein Gespür für harmonierende Zutaten. Hilfreich ist, wenn er in Mathematik kein Totalversager ist und auch etwas über Physik und Chemie weiß. Dass Hackfleisch beim Anbraten trocken wird, ist dann kein Geheimnis mehr und er weiß auch, dass stundenlanges Köcheln die Geschmäcker am intensivsten verbindet - und voilá: die genialste Bolognese ist geboren.

Deine Eltern sind beide gehörlos: Inwiefern hat das dein Schreiben beeinflusst?
Mein Papa hatte große Sorge, dass ich in sprachlicher Hinsicht gegenüber meinen Mitschülern einmal benachteiligt sein könnte. Deshalb hat er mir schon sehr früh Lesen und Schreiben beigebracht. Er hat mich in die Bibliothek gefahren und dort gelassen – zum Glück gab es damals keine Smartphones, mit denen ich mir die Zeit hätte vertreiben können. So sind Geschichten dank meines Vaters zu meiner Welt und meinem Kosmos geworden, es war nur eine Frage der Zeit, bis ich anfing, selbst zu schreiben.

Bevor du deine Bücher bei Goldmann verlegt hast, warst du bereits als Selfpublisherin erfolgreich. Was war die wichtigste Lektion, die du aus dieser Zeit mitgenommen hast?
Dass alles machbar ist, wenn man es nur brennend genug will und bereit ist, diszipliniert und unbeirrt für seinen Wunsch zu kämpfen. Ich wollte immer zu einem großen Verlag und das Selfpublishing war ein Weg, es umgekehrt zu versuchen: Nicht den Verlag zu finden – sondern den Verlag (oder den Literaturagenten) mich finden zu lassen.

Was war dein schönstes Erlebnis als Autorin?
Ich habe dank meines wunderbaren Verlags bisher ganz viele großartige Momente erleben dürfen. Einer davon war mit Sicherheit der Besuch in der Druckerei, wo ich dabei sein durfte, als mein Glückssterne-Cover gedruckt wurde und ich mit einem Glückssternekuchen überrascht wurde. Das war unglaublich. Aber oft sind es die vielen kleinen Glücksmomente, die ich schon habe, wenn ich die Wertschätzung und die Begeisterung meiner Lektorin erlebe und all derer, die mit mir Bücher machen und sie in die Welt hinaustragen. Aufgehoben sein bei Profis ist für mich ein ganz wichtiges Gefühl und diese Anerkennung zählt für mich viel mehr als ordentliche Absatzzahlen – wobei das natürlich auch zum Gesamtpaket dazugehört.

Aprikosenküsse spielt in der Toskana, mit Glückssterne durften wir nach Schottland reisen. Wohin führt uns dein nächstes Buch?
In meinem nächsten Roman treffen wir eine alte Bekannte aus den „Aprikosenküssen“ wieder. Ich erzähle darin die Geschichte von Claire, Hannas französischer Kollegin und Freundin, die bereits sehr beliebt bei meinen LeserInnen war. Mit Claire reisen wir von Berlin nach Paris und in die Bretagne. Es ist ein ganz besonderes Buch, da viel persönliches aus meinem eigenen Leben drinsteckt: Maelys, eine gehörlose junge Frau als zweite Protagonistin, die bestimmt unheimlich viele Herzen erobern wird … und mir selbst ein paar ganz spezielle „Hach!-Momente“ beschert hat.

Winter, Claudia
© Claudia Toman, Traumstoff

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