Ursula Kollritsch und Stephanie Jana

Coco, Sophie und die Sache mit Paris

Redakteurin Coco und ihre beste Freundin, die alleinerziehende Literaturagentin Sophie, teilen jedes Geheimnis miteinander. Na ja, fast. Dass Coco sich ausgerechnet in Nik, den charmanten Bruder ihres Exmannes verliebt hat, behält sie für sich. Erst will sie Nik in Paris besuchen und herausfinden, ob die Sache mit ihm ernst ist. Doch als Sophie sich kurzerhand mit ihrer 14-jährigen Tochter Freddy der Reise anschließt, gestaltet sich der Trip in die Stadt der Liebe ganz anders, als von Coco erträumt. In Sophies laubfroschgrüner Rostlaube führt sie die turbulente Fahrt über das malerische Elsass direkt in den Sommer ihres Lebens …
Eine herzerfrischende Komödie über Freundschaft, Liebe und die wunderbaren Überraschungen des Lebens.

Auf geht's nach Paris!

Taschenbuch
eBook
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Ursula Kollritsch
© Thomas Dashuber

Interview mit Ursula Kollritsch und Stephanie Jana

Ihr Roman »Coco, Sophie und die Sache mit Paris« erscheint am 21. April 2020 im Goldmann Verlag. Coco und Sophie sind Freundinnen und sie begeben sich zusammen auf eine Reise. Sie haben sich auch zusammen auf eine Reise begeben. Sie haben gemeinsam einen Roman geschrieben. Wie kam es dazu?

Wir gehörten zu den Menschen, die immer schon ein Buch schreiben wollten. Als wir uns vor über zehn Jahren kennengelernt haben, sozusagen als Sandkastenliebe mit unseren Kindern, waren wir beide gerade dabei, uns selbstständig zu machen als Redakteurinnen und Lektorinnen. Irgendwann war dann der Traum vom Bücherschreiben so groß, dass wir mit einem Experiment starteten: Wir schlüpften in die Rollen von zwei Freundinnen – Bine und Bella, denen übrigens auch der jetzige Roman gewidmet ist –, die sich fast 20 Jahre aus den Augen verloren hatten und plötzlich wieder per E-Mail Kontakt zueinander aufnahmen. Für dieses Projekt gaben wir uns und den Figuren ein Jahr Zeit. Das Ergebnis war der 2015 veröffentlichte Roman „Das Jahr des Rehs“. Das hat uns so verbunden und großen Spaß gemacht, dass wir danach weiterschreiben wollten: Neue Figuren erfinden, andere Welten erschaffen, mehr Geschichten erzählen, die berühren. Jetzt sind wir sehr aufgeregt und glücklich, dass wir mit Coco und Sophie zwei wunderbare neue Freundinnen erfunden haben, die endlich im April in die Welt hinaus dürfen.

Leseprobe

Prolog


Paris, Paris. Endlich!
Aufgeregt nehme ich einen großen Schluck von dem samtigen tiefroten Wein, den der schnauzbärtige Kellner mir augenzwinkernd mit den Worten »Amour fluide!« empfohlen hat. Was müssen das für Trauben gewesen sein, ein solches Rot habe ich vorher noch nie gesehen. Der Wein schmeckt himmlisch und schießt mir sofort in den Kopf. Genauso wie sich der Mann in mein Herz geschossen hat, auf den ich warte.
Nik.
Bin ich gestern wirklich – nach einer gefühlten Ewigkeit – in der Stadt der Liebe angekommen? Ich schaue mich um. Ja, es ist wahr, ich sitze hier leibhaftig in diesem kleinen Restaurant mit dem klangvollen Namen Le Relais de la Butte, was so viel bedeutet wie »der Elektromagnet am Hügel«. Doch ich fühle mich einsam zwischen den zahlreichen Gästen um mich herum, die sich lebhaft unterhalten und von meiner Anspannung nichts ahnen. Ich drehe den Stiel meines Weinglases und schwenke die Flüssigkeit darin hin und her. Wieder und wieder.
Ach, Sophie, wenn du wüsstest. Mein lang ersehntes Rendezvous. Jetzt ist es so weit. »Mensch, Coco, lass dir bloß vorm ersten Kuss die Lippen nicht blau werden vom Rotwein«, würdest du zu mir sagen, mich in die Seite knuffen und dabei dein ehrlichstes Beste-Freundinnen-Lachen erstrahlen lassen. Wenn es nicht gerade Nik wäre!
Ich schiebe mein schlechtes Gewissen beiseite und sehe auf die Uhr meines Handys. Gleich acht. Er müsste jeden Moment eintreffen. Betont gleichgültig lasse ich meinen Blick umherschweifen, während das flaue Gefühl in meinem Magen mit jeder Minute stärker wird.
Die zauberhafte Restaurantterrasse am Fuße der Sacré-Cœur, umrahmt und beschützt von riesigen Kastanien, füllt sich mehr und mehr. Das ganze Ambiente hier erinnert mich an eine Filmszene. Alles ist in Rot, Weiß und Gold gehalten und passt perfekt zusammen: die kleinen, liebevoll eingedeckten Tische, die schnörkeligen Stühle mit dicken Kissen darauf und auch die Jugendstilvasen an jedem Platz mit frischen Rosen darin. Leicht tanzen und rauschen die Blätter der stolzen Bäume geheimnisvoll im Abendwind, als wollten sie mir etwas sagen, was ich jedoch partout nicht verstehen kann.
Auf der Mauer am Ende der Terrasse hockt ein Liebespaar im Teenageralter eng umschlungen, Kopf an Kopf, und hält sich zärtlich an den Händen. So eine junge Liebe. Das rührt mich. Werde ich gleich auch so dasitzen? Mit Nik? Reiß dich am Riemen, Coco. Er ist bestimmt gleich hier.
Die Stimmen um mich herum werden lauter. Menschen strömen jetzt stärker von allen Seiten des Montmartre aus ihren Häusern, Hotels, Hinterhöfen – der Hunger treibt sie in die Cafés und Bars oder die Lust auf eine lange laue Sommernacht. Die Abendstimmung senkt sich wie eine schützende Glocke über die alte Stadt.
Ich zünde mir eine Zigarette an und blase Rauchkringel in die Luft, als könnte ich Signale versenden. Wann kommst du? Ich warte hier auf dich.
Wieder sehe ich auf mein Handy. Es zeigt die gleiche Zeit wie meine Armbanduhr. Schon Viertel nach acht. Er müsste längst da sein. Ich stelle mir seine Stimme vor, warm und tief. Sein Gesicht – so schön, dass man es nicht glauben kann – mit den rehbraunen Augen und den pechschwarzen geschwungenen Wimpern. Seine schlanken Hände, auf denen sich die blauen Adern abzeichnen, wie ich es bei Männern mag. Seine dunkelbraunen Haare, leicht gewellt und immer ein bisschen wild, obwohl kurz geschnitten. Und sein verschmitztes Lächeln, wenn er mich entdeckt, auf mich zukommt …
Der Kellner reißt mich aus meinen Gedanken und fragt, jetzt leicht besorgt, ob ich schon etwas zu essen bestellen möchte.
»Oui, oui, plus tard. J’attends encore quelqu’un …« Später, später. Ich warte noch auf jemanden. Auf ihn: Nik. Sein Name klingt wie mein Herzschlag, Nik-Nik-Nik-Nik-Nik. Das Bild würde Sophie gefallen.
Mittlerweile ist es halb neun. Jetzt ist er wirklich viel zu spät. Keine Nachricht, kein Anruf, nicht erreichbar. Funkstille, ausgerechnet. Verdammt, gleich ist mein Akku leer. Soll ich ihn noch mal anrufen?
Aber …
Was, wenn er es sich anders überlegt hat? Was, wenn er gar nicht kommt? Was, wenn er das alles am Ende gar nicht wert war?
Ich kippe den Rest des roten Liebesfluids hinunter. Auf ex.
»Rien ne va plus«, geht es mir immer wieder durch den Kopf. Hastig winke ich den Kellner herbei, bevor mir die Tränen in die Augen schießen können, um Nachschub zu bestellen – und pfeife auf die blauen Lippen …

1
Wenn ein starker Fisch sich an Land wie eine Ameise fühlt und nach Luft japst.
Sophie


Liebe Sophie Bayer,
mein Name ist Hans Hinterfeld, und ich bin der Direktor des wunderschönen Hotels »Zuflucht«. In wenigen Tagen beginnt Ihre Auszeit hier bei uns im Herzen der Rhön. Diese sagenumwobene Naturlandschaft und mein Team werden Sie mit offenen Armen umfangen!
O Gott, wie schööön! Wenn das nicht wunderbar klingt. Zu gut, um wahr zu sein … Muss es eigentlich »empfangen« oder »umfangen« heißen? Was ist, wenn übergewichtige Gäste kommen? Hm, egal. Das ist ja zum Glück ausnahmsweise mal nicht mein Problem. Die Rhön wartet auf mich und ich auf sie.
Für einen Moment lasse ich die hoffnungsvolle Post des Reiseveranstalters sinken, um mit der rechten Hand meinen Bleistiftrock gerade zu ziehen und mich für eine kurze Fantasiereise am Schreibtisch zurückzulehnen. Da werde ich jäh gestoppt vom Bezug meines neuen Möchtegerndesignersesselchens. Nur mit einem schmerzhaften »Plopp« schaffe ich es, die Unterseite meiner Oberschenkel vom klebenden Kunstleder zu lösen. »Mascha!«, rufe ich innerlich aus. Denn meine mal wieder durch Abwesenheit glänzende Assistentin hat mir dieses unpraktische Trendmobiliar fürs Büro aufgeschwatzt. »Sophie, sind das echte Schnapper«, hat sie mit russischem Akzent dafür geworben. »Glaube mir, diese Schwingstühle sind ergonomitscheskije. Hat man die jetzt von Mailand bis Moskwa. Und Sohn von Onkel hat eine Superquelle …«
Den Rest ihrer Erläuterungen habe ich verdrängt, bei dem Gedanken an das Stichwort Quelle jedoch atme ich dreimal, genau wie ich es kürzlich gelesen habe, in die Tiefen meines Bauches hinein. Die Luftröhre hinunter, an Leber und Magen vorbei, durch den Dünn-, Dick- und wer weiß welchen Darm noch. Dann kippe ich langsam und sanft zurück. Nein, ich will mich nicht aufregen. Werde ich auch nicht. Nicht bei vierzig Grad am Montagmorgen unter dem Dach meiner Frankfurter Literaturagentur. Ich muss mich bloß zwei Minuten in die Rhön beamen, nur zwei klitzekleine Minütchen, bitte! Dort werde ich lachend über Streuobstwiesen laufen, mich ins saftige Gras fallen lassen und nur noch dem Wind in den Baumwipfeln zuhören. In der Rhön muss ich nichts mehr müssen und darf nur noch sein. Seit Tagen studiere ich die Reiseunterlagen wieder und wieder und klammere mich an die in meinem Kopf auftauchenden Bilder – wie eine Ertrinkende an den rot-weißen Rettungsring. Dem Himmel sei Dank! Endlich Urlaub in Sicht!
Wir gratulieren Ihnen zu Ihrer Wahl »14-Tage-Reise zum Ich« und wünschen Ihnen einen rundum erfüllenden Aufenthalt in unserem Haus. Unser Credo »Kehre bei dir ein« hat sich über die Jahre sehr bewährt. Es bildet das Dach, das es Ihnen ermöglicht, auch mal von oben auf die Dinge zu schauen. Vieles in unserem hektischen Alltag nehmen wir verzerrt wahr, manchmal ist die Sicht versperrt oder Einiges letztlich anders, als es scheint. Nehmen Sie sich Zeit für den freien Blick, und kehren Sie wieder bei sich selbst ein – und bei uns.
Einkehren – juchhu, das werde ich machen. Da kannst du Gift drauf nehmen oder sonst irgendein Zeug, mein lieber Herr Hinterfeld. Und ganz gewiss nur mit mir allein! Immer bin ich die, die »das Kind schon schaukelt«. Alle Kinder, für alle und jeden um mich herum. Als alleinerziehende Mutter genauso wie als stets zur Rettung bereite Literaturagentin. Ich darf gar nicht daran denken, was in den vergangenen Monaten alles zu tun, zu lösen, zu wuppen war. Aber das will ich auch gar nicht. Dieses Schreiben klingt so vielversprechend und herzerwärmend, dass der Vorfreudepegel auf meine freien Tage von Minute zu Minute ansteigt. Von mir aus mache ich auch den ganzen Eso-Kram, der im Prospekt in allen Details angeboten wird, mit: von Cranio bis Tao, Eichenumarmen, Waldbaden und Vollmondschwimmen. Ich bin bereit. Hauptsache, ich komme endlich bald raus aus diesem Wahnsinn hier. Mein geplanter Urlaub verspricht genau das, was ich so sehnsüchtig brauche: Ruhe, Ruhe und noch mehr Ruhe – und in diesem beschaulichen Nest in der Rhön werde ich sie finden. Dort mähen höchstens die Schafe oder rattern die Trecker. Wenn das nicht die perfekten Aussichten für diesen Sommer sind!
Die nächsten Sätze kenne ich auch schon und überfliege sie schnell:
Bitte beachten Sie, dass wir ein veganes und drogenfreies Haus sind. Wir bitten Sie daher, keine Erzeugnisse von Tieren wie Fleisch, Leder, Honig aus nichtfairem Handel, keinen Alkohol, keine Zigaretten oder andere Rauschmittel (auch nicht in Bioqualität oder aus eigenem Anbau) mitzubringen. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Sei es drum. Papier ist geduldig, wer weiß das besser als ich Bücherfrau? Bestimmt gibt es dort im Dorf ein nettes Gasthaus mit Schweinebraten, Käsespätzle und selbst gebranntem Streuobstschnaps auf der gutbürgerlichen Karte für Wanderer. Dem statte ich dann zwischendurch gerne einen Besuch ab. Und ein bisschen Heilfasten oder eine Obstkur kann ja auch nicht schaden. Alles wird gut! Nur noch ein, zwei, drei, vier, fünf Tage bis Samstag. Dann bin ich endlich raus aus diesen heißen heiligen Hallen, düse ins nahe Mittelgebirge und tiefenentspanne vor mich hin. Höre nur noch auf mich und meine innere Stimme – sanfte Hügel, Reise zum Ich, einkehren – wie und wo auch immer. Die passenden Filmsequenzen fliegen und summen in meinem Kopf herum, während ich meditativ mit dem Stuhl hin- und herwippe. Ich sehe mich schon in einer bunten Hängematte zwischen zwei Schatten spendenden Bäumen schaukeln …
»O nein, das darf doch nicht wahr sein!«, schreie ich, als ich plötzlich zu weit nach links kippe und vor lauter träumerischem Schaukeln den Stapel mit den neuen Manuskripten vom Tisch fege. Schlagartig bin ich im Hier und Jetzt. Und die Seiten der mittelmäßig talentierten, aber erfolgreich von mir vertretenen Schriftstellerin Karolina Kura liegen nun über den ganzen Boden verstreut.
Na bravo! Unter fünfhundert Blatt fängt die Kurrra, wie meine Assistentin Mascha und ich sie mit übertrieben gerolltem »rrr« nennen, gar nicht erst an. Zum Glück habe ich vor dem Ausdrucken noch die Seitenzahlen eingefügt, denn dazu fühlt sich unsere Diva Nummer eins außerstande. »Frau Bayer, Sie müssen das doch verstehen. Diese kantigen Zahlen sind nichts für eine sensible Schriftstellerin, sie engen nur ein.
Reiseunterlagen wieder und wieder und klammere mich an die in meinem Kopf auftauchenden Bilder – wie eine Ertrinkende an den rot-weißen Rettungsring. Dem Himmel sei Dank! Endlich Urlaub in Sicht!
Wir gratulieren Ihnen zu Ihrer Wahl »14-Tage-Reise zum Ich« und wünschen Ihnen einen rundum erfüllenden Aufenthalt in unserem Haus. Unser Credo »Kehre bei dir ein« hat sich über die Jahre sehr bewährt. Es bildet das Dach, das es Ihnen ermöglicht, auch mal von oben auf die Dinge zu schauen. Vieles in unserem hektischen Alltag nehmen wir verzerrt wahr, manchmal ist die Sicht versperrt oder Einiges letztlich anders, als es scheint. Nehmen Sie sich Zeit für den freien Blick, und kehren Sie wieder bei sich selbst ein – und bei uns.
Einkehren – juchhu, das werde ich machen. Da kannst du Gift drauf nehmen oder sonst irgendein Zeug, mein lieber Herr Hinterfeld. Und ganz gewiss nur mit mir allein! Immer bin ich die, die »das Kind schon schaukelt«. Alle Kinder, für alle und jeden um mich herum. Als alleinerziehende Mutter genauso wie als stets zur Rettung bereite Literaturagentin. Ich darf gar nicht daran denken, was in den vergangenen Monaten alles zu tun, zu lösen, zu wuppen war. Aber das will ich auch gar nicht. Dieses Schreiben klingt so vielversprechend und herzerwärmend, dass der Vorfreudepegel auf meine freien Tage von Minute zu Minute ansteigt. Von mir aus mache ich auch den ganzen Eso-Kram, der im Prospekt in allen Details angeboten wird, mit: von Cranio bis Tao, Eichenumarmen, Waldbaden und Vollmondschwimmen. Ich bin bereit. Hauptsache, ich komme endlich bald raus aus diesem Wahnsinn hier. Mein geplanter Urlaub verspricht genau das, was ich so sehnsüchtig brauche: Ruhe, Ruhe und noch mehr Ruhe – und in diesem beschaulichen Nest in der Rhön werde ich sie finden. Dort mähen höchstens die Schafe oder rattern die Trecker. Wenn das nicht die perfekten Aussichten für diesen Sommer sind!
Die nächsten Sätze kenne ich auch schon und überfliege sie schnell:
Bitte beachten Sie, dass wir ein veganes und drogenfreies Haus sind. Wir bitten Sie daher, keine Erzeugnisse von Tieren wie Fleisch, Leder, Honig aus nichtfairem Handel, keinen Alkohol, keine Zigaretten oder andere Rauschmittel (auch nicht in Bioqualität oder aus eigenem Anbau) mitzubringen. Wir bitten um Ihr Verständnis.
Sei es drum. Papier ist geduldig, wer weiß das besser als ich Bücherfrau? Bestimmt gibt es dort im Dorf ein nettes Gasthaus mit Schweinebraten, Käsespätzle und selbst gebranntem Streuobstschnaps auf der gutbürgerlichen Karte für Wanderer. Dem statte ich dann zwischendurch gerne einen Besuch ab. Und ein bisschen Heilfasten oder eine Obstkur kann ja auch nicht schaden. Alles wird gut! Nur noch ein, zwei, drei, vier, fünf Tage bis Samstag. Dann bin ich endlich raus aus diesen heißen heiligen Hallen, düse ins nahe Mittelgebirge und tiefenentspanne vor mich hin. Höre nur noch auf mich und meine innere Stimme – sanfte Hügel, Reise zum Ich, einkehren – wie und wo auch immer. Die passenden Filmsequenzen fliegen und summen in meinem Kopf herum, während ich meditativ mit dem Stuhl hin- und herwippe. Ich sehe mich schon in einer bunten Hängematte zwischen zwei Schatten spendenden Bäumen schaukeln …
»O nein, das darf doch nicht wahr sein!«, schreie ich, als ich plötzlich zu weit nach links kippe und vor lauter träumerischem Schaukeln den Stapel mit den neuen Manuskripten vom Tisch fege. Schlagartig bin ich im Hier und Jetzt. Und die Seiten der mittelmäßig talentierten, aber erfolgreich von mir vertretenen Schriftstellerin Karolina Kura liegen nun über den ganzen Boden verstreut.
Na bravo! Unter fünfhundert Blatt fängt die Kurrra, wie meine Assistentin Mascha und ich sie mit übertrieben gerolltem »rrr« nennen, gar nicht erst an. Zum Glück habe ich vor dem Ausdrucken noch die Seitenzahlen eingefügt, denn dazu fühlt sich unsere Diva Nummer eins außerstande. »Frau Bayer, Sie müssen das doch verstehen. Diese kantigen Zahlen sind nichts für eine sensible Schriftstellerin, sie engen nur ein. Das kann nicht in Ihrem Sinne sein als meine Agentin«, höre ich sie flöten. Ihre Stimme habe ich noch genau im Ohr, nachdem sie mir heute Morgen bereits unfassbare dreiundsechzig Minuten lang am Telefon die Vielschichtigkeit ihres neuesten Werks Eine Liebe auf Helgoland erläutert hat. Was gibt es daran nicht zu verstehen? Liebe, Wind, Meer. Voilà! Es könnte so einfach sein, aber die Kura verarbeitet so viele Irrungen und Wirrungen in ihren Geschichten, wie sie das wahre Leben gar nicht vertragen würde. Im Übrigen auch kein Mann. Daher ist sie Dauersingle.
Während ich die kreuz und quer verteilten Blätter zusammenklaube und resigniert sortiere, blinkt die Nummer meiner besten Freundin Coco auf dem Handydisplay. Sie ruft schon wieder an? Während ich vorhin telefoniert habe, hat Coco bereits dreimal versucht, mich zu erreichen. Wahrscheinlich will sie in der Kaffeepause mit mir quatschen oder die Details vom Wochenende erzählen. Oder ob doch etwas los ist? Hektisch checke ich meinen großen, für heute und die nächsten Tage vollgeschriebenen Papierkalender, beschließe zeitgleich, das Kura-Chaos Mascha auf den Tisch zu schieben und Cocos Anruf leider, leider nicht anzunehmen. Wenn ich jetzt rangehe, ist meine Tagesplanung gelaufen. Sorry, bitte entschuldige, liebste Coco! Ich hauche dem Telefon ein schnelles, von Herzen kommendes Handküsschen zu und verspreche telepathisch, mich, sobald es irgendwie geht, bei ihr zu melden.
Das Handy hört auf zu blinken, und ich seufze wehmütig. Leider haben Coco und ich gerade beide so viel um die Ohren – sie in der Zeitungsredaktion des Frankfurter Tagblatts, ich in der Agentur –, dass wir nicht mal unsere täglichen Freundinnen-Updates schaffen: Lebst du noch? Was gibt’s Neues? Was, Harry, dieser Zausel von Autor?! Und Sibylle erst, unfassbar. Du fehlst mir, du mir erst und so weiter. Der Alltagswahnsinn und seit Tagen auch diese unerträgliche Hitze haben uns und, wie es scheint, das ganze Land fest im Griff. »Jahrhundertsommer« schwärmen die Wetterfrösche in allen Medien, während ich hier in den Mansardenräumen meiner Bücheragentur und genauso zu Hause in meiner ansonsten geliebten Altbauwohnung nach frischer, kühler Luft hechele.
Es ist typisch: Kurz bevor es in die Sommerpause geht, kommen alle Autoren noch mit jeder Menge Ideen, Fragen, Leseproben, Exposés und Empfindlich- und Befindlichkeiten von A wie »Alles umsonst, Sophie! Ich soll einfach kein Buch schreiben« bis Z wie »Zum Teufel, diese Schnepfe hat mir die Idee geklaut!« Nachts schlafe ich so schlecht, dass ich nicht mal zum Träumen komme, weil die Handlungsstränge neuester Romanprojekte durch meine Gedanken schwirren, gefolgt von nicht enden wollenden To-do-Listen, die sich im Nebel weiter und weiter ausrollen. Dabei ist Coco die Listenschreiberin von uns beiden. Am Morgen sitze ich dann wie jetzt müde und völlig erschöpft mit einem Pott Kaffee vor meinem Laptop und klebe, statt in der Hängematte oder sonst wo die Seele baumeln zu lassen, am Schwingstuhl fest.
Entnervt streiche ich mir meine feuchten hellbraunen Haare aus dem Gesicht und wende mich stöhnend dem mannshohen Stapel mit Exposés zu. Was ist nur los? So kenne ich mich gar nicht. Eigentlich liebe ich meine Arbeit: Die Regale voller Bücher, den Geruch der Manuskriptseiten, die Geschichten, die aus dem Nichts eine Welt entstehen lassen, meine einzige Angestellte und Hilfe Mascha, auch wenn sie ständig irgendwelche Spezialitäten und Schnäppchen von ihrer russischen Großfamilie anschleppt, und letztlich liebe ich sogar meine verrückten, kapriziösen Schriftsteller. Doch zurzeit ist mir alles einfach zu viel. Ist das schon die Midlife-Crisis? Instinktiv mache ich ein Schnell-Lifting und ziehe meine Lachfältchen um die Augen mit den Fingerspitzen nach hinten. Macht Coco immer, soll straffen. Dabei nicke ich einem der gerahmten Schnappschüsse von meiner gegenwärtig pubertierenden Tochter Freddy, eigentlich Frederike, zu, die Coco darauf als Baby im Arm hält.
Auf meinem Schreibtisch steht eine ganze Fotoserie von meinen beiden Lieblingsmenschen. Sie schneiden lustige Grimassen und lachen um die Wette. Wenn ich sie betrachte, fühle ich mich sofort besser. Und Licht am Ende des Tunnels ist ja in Sicht: Wenn ich diese Woche überstanden habe, wartet ein exquisites Viersternehotel auf mich mit allem Zipp und Zapp. Mit Menschen, die ebenfalls nur ihr inneres Seelenheil und Entspannung suchen. Mein erster Urlaub ganz für mich alleine, seit ewigen Zeiten. Ganze vierzehn Tage lang. Freddy wird die ersten beiden Wochen der Sommerferien bei ihrem Vater Frank und dessen Familie Nummer zwei verbringen. Diese Vorstellung lässt mich beruhigt weiterarbeiten – für alles ist gesorgt.
...

Schon Fernweh?

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Das sagen die LeserInnen

Toll erzählte, gefühlvolle Geschichte mit Humor und Charme

Von: Luisa
03.04.2020

Die beiden Autorinnen nehmen den Leser mit auf eine turbulente und sehr lebendig erzählte Reise, auf der in einer Art „Roadmovie“ so allerhand unvorhergesehenes und mitunter auch chaotisches passiert, bis letztendlich Paris das Ziel der Reise ist, wobei gerade das Ende der Geschichte furios und wirklich herzerwärmend erzählt wird.
Es war ein wirkliches Vergnügen, der Story zu folgen und ich habe das Buch gar nicht mehr weglegen wollen…
Die Figuren in der Geschichte haben mir sehr gut gefallen, sie sind teilweise echt skurril (Regine!!) aber alle irgendwie liebenswert und haben mich mit ihren Eigenarten und Macken an Leute erinnert, die ich selber kenne und ich musste oft schmunzeln.
Auch die Freundschaft von Coco und Sophie, beide mit ihren eigenen Problemen, Sehnsüchten und ihrer eigenen Welt hat mich berührt und ist in der Geschichte wirklich glaubhaft und schön beschrieben. Die Erzählsprache im Buch ist ebenfalls toll und hat wahrlich lebendige Bilder vor meinen Augen gezeichnet, gerade die Elsass-Szenen sind wunderschön und beschreiben die Stimmung dort sehr gut, ich war sehr oft dort gewesen und hab direkt wieder Sehnsucht bekommen.
Gerade in der aktuellen Zeit gelingt es dem Roman sehr gut, den/die Leser*in in eine andere Welt zu versetzen und ganz oft ein verträumtes Lächeln -aber auch einige herzhafte Lacher- zu entlocken.
Auch die Gestaltung des Romans (Mit passender Musik-Playlist!!) ist toll und macht erstaunlich viel her.
Ein tolles Lesevergnügen, was ich wärmstens und uneingeschränkt empfehlen kann!! Klare 5 Sterne.
Luisa.

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Rasantes Hin und Her

Von: Gisa Böhm
01.04.2020

Eine Reise nach Paris mit vielen Pannen, Unwägbarkeiten, Irrungen und Wirrungen! Dabei witzig, lebenslustig und unterhaltsam. Ich finde, dieses Buch ist ein wohldosierter Mix aus Humor, Gefühl und Menschenkenntnis. Dabei haben die Autorinnen bei ihren Figuren manchmal ganz schön tief in die Kiste der Übertreibung gegriffen, manche Personen sind wirklich unglaublich, in meinen Augen zu konstruiert. Das das dem Lesevergnügen keinen Abbruch tut, spricht für die Schreibqualitäten des Autorinnenduos. Am Ende wird alles gut - das zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und lässt es einen mit einem Lächeln auslesen.

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