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SPECIAL zu Colin Forbes »Die Schlucht«

Ein Agent und Gentleman: Ermittler Tweeds letzter Einsatz

Colin Forbes posthum veröffentlichter Thriller »Die Schlucht«

Elegant geschnittener Trenchcoat, akkurat frisiertes Haar und immer urenglisch höflich, das ist der Mann ohne Vornamen: Tweed. Einfach nur Tweed heißt der beste Ex-Scotland-Yard-Ermittler, der inzwischen als stellvertretender Direktor des britischen Geheimdienstes SIS Agenten durch die Welt dirigiert und der auch selbst noch gerne zur Waffe greift, wenn es darum geht, den Abschaum der Gesellschaft dingfest zu machen. Unterstützt von seiner brillanten und loyalen Assistentin Paula Grey bewegt sich Tweed dabei leichtfüßig und sicher in den zwielichtigen Milieus von Kriminellen, Wirtschaftsverbrechern und Spionen. Die Fähigkeiten eines James Bond nötigen ihm bestenfalls ein müdes Lächeln ab, denn er toppt sie allemal.

Tweeds letzter Fall
Seit über zwanzig Fällen in 27 Jahren schickt der Autor Raymond Harold Sawkins (Jahrgang 1923) unter dem Pseudonym Colin Forbes seinen erfolgreichen Helden in die Schlachten gegen das internationale Verbrechen. Forbes eigene Biographie ist ähnlich schillernd wie die Erlebnisse seines Helden Tweed: Schon mit 16 Jahren begann er zu schreiben. Seine Erfahrungen, die er als Offizier im Zweiten Weltkrieg und während beruflicher Aufenthalte in Rom sammelte, ließ er ebenso in seine Bücher einfließen wie die Ortskenntnisse, die er auf zahlreichen Auslandsreisen gewann, auf denen er ausgiebig Recherchen für seine Thriller betrieb.
Colin Forbes starb im August 2006 in seiner Geburtstadt London, kurz nachdem er den letzten Tweed-Roman »Die Schlucht« vollendet hatte. Tweed und seine Mitstreiter ziehen also letztmalig in den Kampf gegen das Verbrechen und lassen Millionen trauernder Fans zurück. Denn eine riesige begeisterte Leserschaft in unzähligen Ländern verfolgte stets gespannt die neuesten Abenteuer von Tweed und seiner Entourage.

Ein perfektes Team auf Mördersuche
Temporeich und unglaublich rasant gestaltet Forbes seinen Plot. Er geizt mit unnötigem Geplänkel oder amourösen Verwicklungen seiner Protagonisten und stellt stattdessen die Jagd nach den Verbrechern in den Mittelpunkt. Die Ereignisse nehmen schnell Fahrt auf, führen den Leser in rascher Abfolge an verschiedene Orte, und man vermeint die Geschwindigkeit der getunten Maseratis oder Audis regelrecht zu spüren.
Paula und Tweed sind das perfekte Team, ergänzen und unterstützen sich und scheuen auch nicht vor Waffengebrauch und finalem Todesschuss zurück. Ihre kühle Professionalität, gepaart mit echter Betroffenheit gegenüber unschuldiger Opfer, beschreibt Forbes gekonnt und schickt mit seinem Duo ein Paar auf das glatte Parkett der Agententhriller, das nach einer Verfilmung schreit.

Zwei Opfer und kein Täter
In »Die Schlucht« geraten die Ermittler von der ersten Seite an in einen lebensgefährlichen Strudel aus Hass, Habgier und Skrupellosigkeit. Eine junge Frau stürmt voller Angst in Tweeds Büro und berichtet von Verfolgern, die ihr das Leben schwer machen. Als die hilfsbereiten Agenten die Frau nach Hause begleiten, machen sie eine grausame Entdeckung: in den Eingängen der Nachbarhäuser liegen zwei brutal ermordete junge Frauen, deren Gesichter bis zur Unkenntlichkeit zerstört wurden. Mit Hilfe des herausragenden Pathologen Dr. Saalfeld und den Künsten eines schüchternen Rekonstrukteurs, erhalten die Frauen schließlich doch ein Gesicht, und Tweed und Paula können die Jagd auf den Mörder beginnen.

Showdown in der Provinz
Schnell führen die Ermittlungen die beiden mitsamt ihrer kunterbunten Mitarbeiter in die hart umkämpfte Businesswelt der Ölmagnaten und schließlich in die britische Provinz. Dort in Gunners Gorge, einem Dorf mit bluttriefender britischer Historie, treffen die Londoner auf versnobte Mitglieder der Upper Class, die sich in einer hasserfüllten Familienfehde gegenseitig bekriegen.
Und während Paula in Lebensgefahr gerät, Tweed immer tiefer in die Geheimnisse der alteingesessenen und vermeintlich ehrwürdigen Familie des Lord Bullerton eindringt, versammeln sich langsam aber sicher immer mehr Menschen mit bösen Absichten in dem kleinen englischen Dörfchen. Die Anzahl der tödlichen Schusswaffen verzehnfacht sich an nur einem Tag, denn neben den ausgezeichneten Schützen der SIS tauchen auch noch Auftragskiller auf, die Tweed ausschalten sollen. Im einzigen Pub von Gunners Gorge geben sich Jäger und Gejagte bald schon die Klinke in die Hand.
Der Schlüssel zu den Morden an den Londoner Frauen aber liegt in der Geschichte des Ortes verborgen, und die hochherrschaftlichen Mitglieder der Familie Bullerton sowie ihre undurchsichtigen Angestellten haben mehr als nur eine Leiche im Keller … Schon seit Jahrzehnten schwelt ein tödlicher Familienstreit in den edlen Gemäuern, und mehr als ein Mitglied der Sippe ist unter mysteriösen Umständen verschwunden oder gar ums Leben gekommen.
Als dann noch ein bekannter Ölsucher im Ort auftaucht, Gerüchte über das schwarze Gold aufkommen und Lord Bullertons Sohn Paula den Hof macht, nehmen verhängnisvolle Geschehnisse ihren Lauf. Das idyllische Dorf erlebt ein vernichtendes Inferno, das viele Menschen in den Tod reißt. Der Mörder glaubt im Chaos untertauchen zu können, doch er hat die Rechnung ohne Tweed gemacht …

Actionkino in Buchform
»Die Schlucht« ist grandioses Actionkino in Buchform, voller zeitloser Helden und Powerfrauen, die ohne Zögern ihren Weg gehen. Die Moral ist glasklar und konsequent: die Guten werden siegen und viele der Bösen ihr Leben lassen.
Tweed und seine Mitarbeiter sind wortkarg und arbeiten präzise und zielstrebig. Nur manchmal schimmern gefühlvolle Regungen durch die Seiten, etwa wenn Paula in ernster Gefahr schwebt und Tweed unter enormen Zeitdruck und umgeben von mordllüsternen Verbrechern verzweifelt versucht, seine Assistentin zu retten. Am Ende steht die Truppe um Tweed als Sieger da - dank der Fähigkeiten ihres Chefs und auch dank der kreativen technischen Abteilung der SIS, die laufend technisch ausgereifte Geheimwaffen entwickelt.
Trotz der kühlen und oft kargen Sprache schafft es Colin Forbes, die zwischenmenschlichen Beziehungen, aus denen die Motive des Mörders entstehen, glaubwürdig und nachvollziehbar zu schildern. Eine unheilvolle Atmosphäre aus Lieblosigkeit und Arroganz formte diesen Menschen, der als einzigen Ausweg das Töten sah.
Tweed, der Agent ohne Vornamen, wendet im Gegensatz zu James Bond relativ konventionelle Methoden an, aber er ist ein Mann mit einem Ziel und einer ureigenen Mission: Die Welt von Verbrechern zu befreien. Leider ist »Die Schlucht« sein letzter Fall. Doch in der Phantasie der Leser werden Paula und Tweed weiterleben. Und vielleicht erträumt so mancher Fan auch ein romantisches Happy End für die beiden …

Ein Buch wie der nächtliche Schuss aus einer Waffe: schnell, tödlich, unentrinnbar.

Bianca Reineke
Dassel, Juni 2009