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SPECIAL zu Dan Simmons

Dickens letztes Geheimnis

Dan Simmons neuer Roman »Drood«

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Aufbruchs in die Moderne. Industrialisierung und kapitalistische Lebensweise ermöglichen vielen Menschen einen raschen sozialen Aufstieg. Andere aber haben in dieser schönen neuen Welt keinen Platz mehr, und wer vorher bereits arm war, der findet sich nun zumeist ausgegrenzt und chancenlos an den Rändern der Gesellschaft wieder. Kein anderer Autor hat die Atmosphäre des Elends in den ärmeren Gesellschaftsschichten dieser Epoche so gut eingefangen wie der englische Autor Charles Dickens. Aus seinen Werken spricht das soziale Gewissen der Zeit, denn Dickens wollte mit seinen Werken das Publikum aufrütteln und aufklären, dass es ohne soziale Reformen so nicht weitergehen könne.

Ein einschneidendes Erlebnis in Dickens Leben
Am 9. Juni 1853 ist Charles Dickens in ein schreckliches Zugunglück bei Staplehurst in der Grafschaft Kent verwickelt, das er wie ein Wunder unverletzt und unbeschadet überlebt. Doch seit diesem Tag ist er für den Rest seines noch fünf Jahre währenden Lebens von dem Unglück tief traumatisiert. Er meidet seitdem Zugreisen und durchlebt die schrecklichen Stunden im Geist immer wieder.

Dieses einschneidende Ereignis in Dickens Leben macht der amerikanische Autor Dan Simmons zum Ausgangspunkt seines neuen Romans »Drood«. Simmons, der als Autor bereits in einer ganzen Reihe von Literaturgattungen reüssierte, und deutschen Lesern vor allem als Verfasser von Horror- bzw. Science-Fiction-Büchern bekannt sein dürfte, hat mit »Drood« eine wunderbare Mischung aus Biographie, Geistergeschichte und Gesellschaftsroman geschaffen, dessen beinahe 1000 Seiten den Leser von Anfang an in den Bann ziehen und bis zum Ende nicht mehr loslassen.

Simmons lässt die Geschichte von William Wilkie Collins erzählen, der Dickens Freund, Ko-Autor und Rivale zugleich war. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts hat man den zu seinen Lebzeiten sehr erfolgreichen und dennoch lange vergessenen Collins als Autor wiederentdeckt. Mit seinen Romanen und Erzählungen hat er Vorläufer moderner Detektivgeschichten und Mystery-Thriller geschaffen.

Dickens Geheimnis
Collins spricht in »Drood« dann auch eine Leserschaft der fernen Zukunft an, in der er sich und sein Werk längst vergessen glaubt. Er verspricht ihr schonungslose Aufklärung über die letzten Jahre des weltberühmten Autors Charles Dickens. Denn Collins ist überzeugt, dass das Zugunglück Dickens nicht nur schlagartig verändert hat, er verdächtigt ihn sogar des Mordes. Der Leser erfährt aus dem Munde Collins auch die eigentliche Triebfeder der Persönlichkeitsveränderung: Während sich Dickens nach dem Zugunglück bei Staplehurst heldenhaft um Verletzte und Tote kümmert, begegnet er einem Mann von seltsamen Aussehen namens Drood: Er ist erschreckend bleich und dürr, hat keinerlei Haare, dafür aber spitze weiße Zähne und ist in einen schwarzen, capeartigen Umhang gehüllt. Der geheimnisvolle Fremde taucht nach dem Zugunglück wie aus dem Nichts auf und verschwindet genauso schnell wie er erschienen ist. Die Suche nach Drood und das Geheimnis um seine Identität werden Charles Dickens ebenso wie Wilkie Collins für die nächsten Jahre gefangen nehmen.

Gemeinsame Streifzüge durch die Londoner Unterwelt
Gemeinsam ergründen die beiden Autoren die Londoner Unterwelt, die nur über verwinkelte Krypten und Friedhöfe zu erreichen ist. Sie stoßen dabei auf die Abgründe der viktorianischen Märchenwelt. In der Kanalisation der Hauptstadt des britischen Empire hat sich eine Art von Paralleluniversum gebildet; dort leben Menschen wie Untote ohne Sonnenlicht in Slums und fristen ihre Existenz im ständigen Opiumrausch oder als verwilderte Kannibalen. Während Dickens und Collins auf immer mehr Merkwürdigkeiten stoßen, verdichten sich die Hinweise auf den geheimnisvollen Drood: Er sei ägyptischer Abstammung und habe als Oberpriester der altägyptischen Religion in der Unterwelt eine Vielzahl von Anhängern rekrutiert, die für den Tod von Hunderten von Menschen verantwortlich seien. Doch je mehr Geheimnisse Drood preiszugeben erscheint, umso stärker scheint er vom Leben Dickens und Collins Besitz zu nehmen und ihr Handeln zu lenken.

Wie glaubwürdig ist Wilkie Collins?
Doch ist Wilkie Collins tatsächlich der glaubwürdige Chronist der Ereignisse, als der er sich ausgibt? Tatsächlich ist er aufgrund seines schwächlichen Gesundheitszustandes abhängig von der der Opiumtinktur Laudanum, die er in großen Mengen zu sich nimmt. Und er sucht im Laufe des Romans auch vermehrt Zuflucht in einem der Opiumkeller, die er mit Dickens auf der Suche nach Drood ausfindig gemacht hat. Die immer stärker werdende Sucht nach der Droge aber lässt ihn aber auch immer mehr halluzinieren. So ist er bald überzeugt davon, dass sein eigener Doppelgänger des Nachts sein Manuskripte schreibt, immer häufiger erscheint ihm Drood und später fantasiert Collins davon, dass er Dickens eigenhändig umbringen wird.

Denn auch das Verhältnis der beiden Autoren leidet unter der fieberhaften Suche nach dem Phantom immer stärker und entfremdet die beiden. Je tiefer sie in die Geheimnisse um Drood eindringen, umso verdächtiger erscheint Dickens dem Freund. Dessen zunehmendes Interesse an allem Morbiden und das mysteriöse Verschwinden eines gemeinsamen Bekannten, der Collins dann in seinen Opiumträumen erscheint, nährt den Verdacht, dass Dickens den jungen Mann eigenhändig umgebracht und die Spuren des Verbrechens verwischt hat. Kurz vor seinem Tod macht Dickens dem Freund dann ein überraschendes Geständnis, das viele der Geheimnisse zu erklären scheint. Doch vor ihrer endgültigen Aufklärung erleidet der weltbekannte Autor einen tödlichen Schlaganfall und hinterlässt Wilkie Collins das mysteriöse Erbe um den schattenartigen Drood.

Dickens unvollendetes Werk als Schlüssel
Dan Simmons hat mit »Drood« ein faszinierendes Buch verfasst, in dem er die Geheimnisse um den letzten, unvollendeten Roman Charles Dickens, »Das Geheimnis des Edwin Drood«, um den sich seit dem Tod des Autors wilde Spekulationen ranken, mit der Lebensgeschichte von Dickens Zeitgenossen Wilkie Collins und dem Verhältnis beider Autoren verbunden hat.

Es ist diese Mischung aus Realitätsschilderung und der Sehnsucht nach dem Fantastischen – ganz im Sinne der Literatur des 19. Jahrhunderts – das dem Leser immer wieder Schauer über den Rücken laufen lässt und seine Sehnsucht nach Mystik und Geheimnis in unserer so aufgeklärten und rationalen Welt befriedigt.

Dr. Hendrik Müller-Reineke
Cuxhaven, Oktober 2009

Drood Blick ins Buch

Dan Simmons

Drood

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