VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü

SPECIAL zu Daniel Jonah Goldhagen

"Unsere Epoche ist ein Zeitalter des Massenmords"

"Schlimmer als Krieg" von Daniel Jonah Goldhagen

Wenn Menschen die Vernichtung anderer Menschen als notwendig erachten, dann nimmt das Grauen, das wir Völkermord nennen, seinen Lauf. Die Täter hören auf, „die anderen“ als menschliche Wesen wahrzunehmen, verschleppen, foltern, vergewaltigen und töten sie, meist ohne nennenswerte Skrupel, sehr oft mit Freude an den Qualen der Opfer und fast immer unterstützt von der eigenen Gemeinschaft.

Abgründe menschlichen Handelns
Nach seinen leidenschaftlich diskutierten Büchern „Hitlers willige Vollstrecker“ und „Die katholische Kirche und der Holocaust“ nimmt sich Daniel Jonah Goldhagen in „Schlimmer als Krieg“ nun eines Themas an, das jede Dimension zu sprengen scheint: die des Verstehens, die des Empfindens und erst recht die der Darstellung durch Sprache. Goldhagens Vorhaben ist es, Massenmorde und andere Formen eliminatorischer Angriffe wie Unterdrückung und Vertreibung im Hinblick auf ihre Ursachen und ihren Ablauf so genau zu analysieren, dass sich daraus Ansätze für eine mögliche Vermeidung zukünftiger Gräuel ergeben. Mit dem Anspruch des Systematikers, aber alles andere als emotionslos, blickt er in die finstersten Abgründe menschlichen Handelns. Er hat Interviews mit Tätern und Opfern geführt, unzählige Quellen ausgewertet, Statistiken erstellt und Klassifikationen entwickelt. Zwei seiner wichtigsten Befunde finden sich gleich zu Anfang des Buches:

Das Morden geht weiter
„Unser Zeitalter, das mit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts seinen Anfang nahm, erlebte einen Massenmord nach dem anderen, eine Heimsuchung von solcher Häufigkeit und insgesamt solcher Zerstörungswut, dass sich das genozidale Töten als ein Problem erweist, das schlimmer ist als Krieg.“ Die Zahl der Opfer dieser „Eliminierungen“ liegt je nach Schätzung zwischen 127 und 175 Millionen Menschen. Ein überwundenes Grauen? Keineswegs: „Aberhundert Millionen Menschen sind in Gefahr, einem Völkermord oder damit verwandten Gewalttaten zum Opfer zu fallen. Sie leben unter der Herrschaft politischer Regime, denen eine Tendenz zum Massenmord eigen war und ist.“ Der Sudan, Iran und Nordkorea sind hier nur die prominentesten Beispiele.

„Jeder Massenmord ist anders.“
Insbesondere die unzähligen und oft nur schwer erträglichen Augenzeugenberichte, die Goldhagen für sein Buch aufgenommen und zusammengetragen hat, belegen seine Aussage: „Jeder Massenmord ist anders.“ Die Ähnlichkeiten und Unterschiede aller bekannten Fälle von Völkermord in einer Art analytischen Typologie herauszuarbeiten, ist das wesentliche Anliegen des Autors. Wie es zu eliminatorischen Angriffen kommt, wie sie durchgeführt werden, welche Motive die Täter haben und warum solche Angriffe enden: Das sind zentrale Fragestellungen des über 650 Seiten starken Werkes. Es widmet sich den Facetten moderner Eliminierungspolitik, ihren Ursprüngen und Mustern, dem Denken und Handeln der Täter und den Vorstellungen, die dem Morden zugrunde liegen.

Der Holocaust als Sinnbild
Es überrascht nicht, dass der von den Deutschen und ihren Mittätern begangene Holocaust, die Entrechtung, Enteignung, Vertreibung, Erniedrigung, Folterung und Ermordung der Juden Europas, immer wieder ins Zentrum der Untersuchung rückt. Dies jedoch nicht wegen der zynischen Grausamkeit des industriellen Tötens und seiner vermeintlichen „Modernität“, sondern weil hier praktisch alle Facetten der Masseneliminierung Wirklichkeit wurden; und weil die Täter oft in unerreichter Monstrosität handelten – etwa beim Quälen und Dahinmetzeln von Kindern. Der Holocaust ist, so Goldhagens Befund, singulär wegen des beispiellosen Drangs der Täter, „jeden Juden bis hin zum kleinsten Kind umzubringen, und das nicht nur im eigenen Land, sondern letztlich in der ganzen Welt.“

„Massenmord beginnt in der Vorstellung der Menschen“
Goldhagen betrachtet und analysiert Massenmord und Eliminierung als politische Phänomene, als Vorgänge, die sich in menschlichen Gemeinschaften abspielen. Doch mit äußerster Vehemenz polemisiert der Autor gegen Ansätze, die Mord und Folter als anonyme Prozesse betrachten, in denen historische und gesellschaftliche Bedingungen bestimmte Exzesse verursachen, bei denen die Massen von fanatischen Führern manipuliert werden. „Massenmord beginnt in der Vorstellung der Menschen“, so Goldhagens Überzeugung, und er besteht darauf, dass jeder seinem freien Willen gemäß handelt. Menschen treffen ihre Wahl – auch dann, wenn sie ihren Nachbarn pfählen, weil er ein Tutsi ist, oder ein jüdisches Baby unter den Leichen seiner erschossenen Eltern ersticken lassen. Mit Zwang, so Goldhagen, lassen sich weder Zahl noch Grausamkeit der Massenmorde unseres Zeitalters erklären. Auch wenn die Täter von Anführern mobilisiert und instrumentalisiert werden: Ressentiments und Hass sind persönliche Motive einzelner Menschen für ihr individuelles Handeln. Mord ist immer Handarbeit. Nicht nur beim Einsatz einer Machete, sondern auch in Gaskammern.

Die Zukunft
Noch immer gehört Massenmord zum politischen Arsenal von Regimen und Bewegungen, etwa solchen, die einer aggressiven Variante des politischen Islams folgen. Aber wie kann man verhindern, dass ihre apokalyptische Rhetorik in Tod und Vernichtung mündet? Goldhagen nimmt alle in die Pflicht: Politik, Medien und jeden Einzelnen. Er fordert die Bereitschaft aller Bürger, Völkermorde wahrzunehmen, sie zu ächten und zu bekämpfen. Er fordert eine rechtzeitige, umfassende und schonungslos offene Berichterstattung, wann immer ein Genozid droht oder stattfindet. Und er fordert eine grundlegende Reform der politischen Institutionen, nationaler wie internationaler. Insbesondere das „internationale Umfeld“, d. h. die Bereitschaft anderer Staaten, gegen ein mörderisches Regime und seine Täter politisch, militärisch und juristisch entschlossen vorzugehen, hat maßgeblichen Einfluss darauf, ob diese den Massenmord wagen, oder nicht. Die potenziellen Mörder sollten nicht mit solch „jämmerlichen Reaktionen“ rechnen können, wie sie die USA und der Rest der „zivilisierten“ Welt angesichts der jüngsten Massenmorde im Kongo oder im Südsudan zeigten. Sie müssen wissen, dass sie beobachtet, verfolgt, bestraft und unter Umständen selbst getötet werden, sollten sie zu Tätern werden. In Asien und Afrika genauso wie in Europa und Amerika. Immer und überall.


Roland Große Holtforth
(Literaturtest)
Berlin, September 2009

Schlimmer als Krieg Blick ins Buch

Daniel Jonah Goldhagen

Schlimmer als Krieg

€ 29,95 [D] inkl. MwSt. | € 30,80 [A] | CHF 39,90* (* empf. VK-Preis)

Oder mit einem Klick bestellen bei

Weiter im Katalog: Zur Buchinfo