»Wenn Jesus eine Frau hatte, dann wäre sie die Frau in der Geschichte, die am deutlichsten zum Schweigen gebracht wurde und die Frau, die am dringendsten eine Stimme braucht, um sich Gehör zu verschaffen.« Sue Monk Kidd

Das Buch Ana von Sue Monk Kidd

Mein Name ist Ana. Ich war die Frau von Jesus aus Nazareth.

So beginnt der lange erwartete neue Roman von Bestsellerautorin Sue Monk Kidd. Es ist die fiktive Lebensgeschichte von Ana, der Gefährtin Jesu. Die Erzählung setzt im Jahr 16 nach Christus ein, im von den Römern besetzten Galiläa. Dort wächst Ana in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Sie ist ein kluges Mädchen mit rebellischem Geist und messerscharfem Verstand. Ana lernt Lesen und Schreiben, studiert die Thora und beginnt heimlich die Geschichten der vergessenen Frauen der Heiligen Schrift aufzuzeichnen: Eva, Sarah, Rebecca, Rachel und Ruth. Als Ana vierzehn ist, soll sie an einen alten Witwer verheiratet werden, doch sie lernt auf dem Markt einen jungen Mann mit dunklen Locken und einer großen Sehnsucht in den Augen kennen, der ihre wahre Bestimmung wird.

»Das großartige Werk einer Schriftstellerin auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Ein meisterhaft gelungener historischer Roman.« New York Journal of Books

Oder lieber reinhören?

00:00
00:00

Tauchen Sie in die Geschichte ein...

1.
Mein Name ist Ana. Ich war die Frau von Jesus ben Joseph aus Nazareth.
Ich nannte ihn Liebster, und er nannte mich lachend Kleiner Donner.
Er sagte, wenn ich schliefe, höre er manchmal ein Grollen in mir,
ein Geräusch wie ferner Donner über dem Zippori-Tal oder sogar von noch weiter her,
jenseits des Jordans. Ich bezweifele nicht, dass er etwas hörte.
Mein ganzes Leben lang war ich von Sehnsüchten ergriffen, die des Nachts in mir aufstiegen,
um bis zum Morgengrauen zu wehklagen und zu singen.
Dass mein Ehemann sich über mich beugte, dort auf unserer dünnen Strohmatte,
und meinem Herzen lauschte, sprach für die Güte, die ich am allermeisten an ihm liebte.
Was er hörte, war mein Leben, das darum flehte, das Licht der Welt zu erblicken.

2.
Mein Vermächtnis beginnt im vierzehnten Jahr meines Lebens, der Nacht, in der meine Tante mich auf das flache Dach des Hauses meines Vaters in Sepphoris führte.
Sie hatte einen unförmigen, in Leinen gewickelten Gegenstand dabei.
Ich folgte ihr die Leiter hinauf und beäugte neugierig das geheimnisvolle Bündel, das sie sich wie ein Neugeborenes auf den Rücken gebunden hatte, konnte jedoch nicht erraten, was sich darin verbarg. Sie summte ein Lied auf Hebräisch, in dem es um die Jakobsleiter ging,
und zwar so laut, dass ich Sorgehatte, ihr Geträller könne durch die Fensterschlitze des Hauses
dringen und meine Mutter wecken. Sie hatte uns verboten, zusammen aufs Dach zu steigen, denn sie fürchtete, Yaltha könnte mir allzu kühne Gedanken einflüstern.
Anders als meine Mutter, anders als jedes weibliche Wesen, das ich kannte, war meine Tante eine gebildete Frau. Ihr Verstand war wie ein riesiges, wildes Land, das keine Grenzen kannte. Sie ließ sich durch nichts aufhalten. Vier Monate zuvor war sie aus Gründen, über die niemand sprach, zu uns gekommen. Ich hatte gar nicht gewusst, dass mein Vater überhaupt eine Schwester hatte, bis sie eines Tages vor uns stand, in einem schlichten, ungefärbten Gewand, mit finster funkelnden Augen, der schmale Körper kerzengerade und stolz.
Mein Vater schloss sie nicht in die Arme, und meine Mutter auch nicht.
Sie gaben ihr eine Dienstbotenkammer am oberen Hof und wollten auf keine meiner Fragen antworten. Auch Yaltha wich mir aus. »Dein Vater hat mich schwören lassen, nicht über meine Vergangenheit zu sprechen. Ihm wäre es lieber, du würdest glauben, ich sei vom Himmel gefallen wie Vogelmist.« Mutter sagte, Yaltha habe ein Schandmaul.
Hier waren wir uns ausnahmsweise einig. Der Mund meiner Tante war ein wahrer Quell von aufregenden und unvorhersehbaren Äußerungen. Das war es, was ich am meisten an ihr liebte.
Heute Nacht war nicht das erste Mal, dass wir uns nach Einbruch der Dunkelheit aufs Dach hochschlichen, damit uns niemand belauschte.
Unter dem Sternenhimmel aneinandergeschmiegt, hatte mir meine Tante von jüdischen Mädchen in Alexandria erzählt, die auf Holztafeln mit mehreren Wachsschichten schrieben,
wundersame Dinge, wie ich sie mir kaum vorstellen konnte.
Sie hatte mir von Jüdinnen erzählt, die dort Synagogen leiteten, die zusammen mit Philosophen studierten, Gedichte schrieben und ihre eigenen Häuser besaßen. Von ägyptischen Königinnen. Pharaoinnen. Großen Göttinnen. Wenn die Jakobsleiter bis ganz in den Himmel reichte,
so tat es die unsere auch. Yaltha zählte nicht mehr als viereinhalb Jahrzehnte, doch ihre Hände wurden bereits krumm und knotig. Die Haut auf ihren Wangen war zerknittert, und ihr rechtes Auge hing wie eine verwelkte Blume schlaff in seiner Höhle. Trotzdem stieg sie flink und geschickt die Treppe hoch, wie eine anmutige Spinne.
Ich sah ihr dabei zu, wie sie schwungvoll über die oberste Sprosse auf das Dach kletterte;
das Bündel auf ihrem Rücken schwang hin und her.
Wir ließen uns auf Grasmatten nieder, einander zugewandt.
Es war der erste Tag des Monats Tishri, doch die kalten Regenfälle des Herbstes hatten noch nicht eingesetzt. Der Mond loderte wie ein kleines Feuer in den Hügeln.
Der Himmel war schwarz, wolkenlos, voller Glut. Von den Kochfeuern zog der Geruch von Pitabrot und Rauch über die Stadt. Ich konnte es kaum erwarten, zu erfahren, was sich in dem Bündel verbarg, doch sie ließ den Blick wortlos in die Ferne schweifen,
und ich übte mich in Geduld.


Die Zeichen meiner eigenen Kühnheit lagen in einer Truhe
aus Zedernholz in einer Ecke meines Zimmers: Papyrusrollen, Pergament und Streifen aus Seide, allesamt mit meiner Schrift bedeckt.
Außerdem Rohrfedern, ein Messer zum Spitzen, eine Schreibtafel aus Zypressenholz, Phiolen mit Tinte, eine Elfenbeinpalette und ein paar kostbare Farbpigmente, die mein Vater aus dem Palast mitgebracht hatte. Die meisten der Pigmente waren aufgebraucht, doch an dem Tag, als ich den Deckel der Truhe für Yaltha öffnete, leuchteten sie noch.
Meine Tante und ich standen da und schauten auf jene Pracht hinab. Uns fehlten die Worte.
Yaltha griff in die Truhe und hob die Pergamentrollen heraus.
Erst kurz vor ihrer Ankunft hatte ich damit begonnen, die Geschichten der Stammmütter aus der Heiligen Schrift aufzuzeichnen. Wenn man die Rabbis hörte, hätte man denken können,
die einzigen Gestalten in der Geschichte, die eine Erwähnung wert wären, seien Abraham, Isaak, Jakob und Joseph … David, Saul, Salomon … und immer wieder Moses, Moses, Moses.
Doch als ich endlich selbst die Heilige Schrift lesen konnte, hatte ich entdeckt, dass (siehe da!) auch Frauen darin vorkamen. Unbeachtet zu bleiben und vergessen zu werden,
das war die größte Schmach überhaupt. Ich schwor mir, die Leistungen dieser Frauen niederzuschreiben und ihre Errungenschaften zu lobpreisen, so gering sie auch sein mochten. Ich würde die Chronistin vergessener Geschichten sein. Das war genau die Art von Kühnheit, die meine Mutter verabscheute. An dem Tag, als ich die Truhe für Yaltha öffnete, hatte ich
bereits die Viten von Eva, Sarah, Rebekka, Rachel, Leah, Silpa, Bilha und Esther aufgezeichnet. Doch es blieb noch so viel zu schreiben – Judith, Dinah, Tamar, Miriam, Deborah, Ruth, Hannah, Batseba, Isebel. Voller Spannung und atemlos schaute ich meiner Tante dabei zu, wie sie mein Werk betrachtete. »Es ist so, wie ich dachte«, sagte sie mit glühendem Blick.
»Du bist wahrlich von Gott gesegnet.« Welch große Worte. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich gedacht, ich sei einfach nur ein wenig sonderbar – eine Laune der Natur. Eine Außenseiterin. Ein Fluch. Lesen und schreiben konnte ich schon lange, und ich besaß die ungewöhnliche Fähigkeit, aus Worten Geschichten zu formen, Sprachen und Geschriebenes zu entziffern,
verborgene Bedeutungen zu erspüren oder Ideen in meinem Kopf wie kleine Armeen gegeneinander antreten zu lassen. Mein Vater Matthias, der bei unserem Tetrarchen Herodes Antipas Oberster Schriftgelehrter und sein Berater war, sagte, meine Talente geziemten sich eher für Propheten und Heilsbringer, für Männer, die Meere teilten und Tempel bauten, die auf Bergen standen und mit Gott Zwiesprache hielten; oder schlicht und ergreifend für jeden beschnittenen Mann in Galiläa. Erst nachdem ich mir selbst Hebräisch beigebracht hatte und ihn lange umgarnt und beschwatzt hatte, erlaubte er mir, die Tora zu lesen. Seit meinem achten Lebensjahr hatte
ich ihn angefleht, einen Hauslehrer für mich einzustellen, der mich unterrichtete,
hatte ihn um Schriftrollen zum Lesen und um Papyrus zum Schreiben gebeten, um Farbpigmente, aus denen ich mir meine eigene Tinte mischen konnte, und er hatte oft nachgegeben – ob aus Anerkennung, aus Schwäche oder aus Liebe, vermag ich nicht zu sagen. Meine Bestrebungen waren ihm peinlich. Wenn er sie nicht unterbinden konnte, spielte er sie herunter. Oft sagte er, der einzige Junge in der Familie sei ein Mädchen.
Er glaubte, sich für ein derart eigensinniges Kind, wie ich es war, rechtfertigen zu müssen.
Und so sagte mein Vater gerne, dass Gott, während er damit beschäftigt war, mich im Leib meiner Mutter zusammenzustricken, mich in einem unbedachten Moment versehentlich mit den Gaben ausgestattet habe, die eigentlich für einen armen kleinen Jungen vorgesehen waren.
Ich weiß nicht, ob ihm bewusst war, wie beleidigend es für Gott gewesen sein muss, dass Vater damit ihm die Schuld in die Schuhe schob.
Meine Mutter war davon überzeugt, die Wurzel allen Übels sei Lilith, eine Dämonin mit den Krallen einer Eule und den Schwingen eines Aasgeiers, die sich Neugeborene suchte,
um sie zu ermorden, oder, in meinem Fall, mit widernatürlichen Veranlagungen zu besudeln.
Auf die Welt gekommen war ich während eines Wintersturms, der so heftig war, dass sich die
alten Frauen, die sonst einer Geburt beiwohnten, weigerten, das Haus zu verlassen,
obwohl mein hochwohlgeborener Vater nach ihnen geschickt hatte.
Meine Mutter saß verzweifelt auf ihrem Geburtsstuhl, ohne jemanden, der ihre Schmerzen lindern oder uns mit den entsprechenden Gebeten und Amuletten vor Lilith schützen konnte,
und so war es ihrer Dienerin Shipra überlassen, mich in Wein, Wasser, Salz und Olivenöl zu baden, fest zu wickeln und in eine Wiege zu stecken, wo Lilith mich fand.
Die Erzählungen meiner Eltern bahnten sich ihren Weg in das Innerste meines Körpers,
gruben sich ein in mein Fleisch und Blut. Mir war der Gedanke noch nicht gekommen,
dass meine Fähigkeiten gewollt waren und Gott mir diese Segnungen bewusst hatte zuteilwerden lassen – mir, Ana, einem Mädchen mit stürmischen schwarzen Locken
und regenwolkendunklen Augen.

Stimmen wehten von den nahe gelegenen Dächern zu uns herüber.
Ein Kind weinte, eine Ziege meckerte. Dann endlich griff Yaltha nach hinten,
holte das Bündel hervor und wickelte es aus. Schicht um Schicht entfernte sie das Leinen.
Ihre Augen leuchteten, immer wieder warf sie mir kurze Blicke zu.
Als sie die Hände hob, lag eine Schale aus Kalkstein darin,
schimmernd und rund wie ein Vollmond.
»Die habe ich aus Alexandria mitgebracht. Ich möchte, dass du sie bekommst.«
Als sie die Schale in meine Hände legte, ging ein Schauder durch meinen ganzen Körper.
Ich strich mit den Händen über die glatte Oberfläche, die weite Öffnung,
über die milchigen Wirbel im Stein.
»Weißt du, was eine Zauberschale ist?«
Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste nur, dass es etwas von großer Bedeutung und Tragweite sein musste, etwas, das zu gefährlich und zu wundersam war,
um woanders enthüllt zu werden als auf einem dunklen Dach.
»In Alexandria beten wir Frauen mit diesen Schalen. Wir schreiben unser geheimstes Gebet hinein.« Yaltha legte ihren Finger in die Schale und ließ ihn spiralförmig darin kreisen.
»Dieses Gebet singen wir jeden Tag, und dabei drehen wir die Schale langsam, bis die Worte darin zum Leben erwachen und gen Himmel aufsteigen.«
Ich starrte die Schale an und brachte kein Wort heraus. Was für ein prachtvolles, von geheimen Kräften erfülltes Ding! Sie sagte: »Am Boden der Schale zeichnen wir ein Bild von uns selbst, damit Gott auch sicher weiß, von wem die Bitte kommt.«
Mir blieb der Mund offen stehen. Ganz gewiss wusste auch meine Tante, dass ein frommer Jude niemals ein Abbild, ob von menschlicher oder tierischer Gestalt, betrachten würde,
geschweige denn eines erschaffen. Das untersagte uns das zweite Gebot.
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen,
weder von dem, was oben im Himmel noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem,
was im Wasser unter der Erde ist.
»Du musst dein Gebet in die Schale schreiben«, sagte meine Tante zu mir. »Doch bedenke gut, was du dir wünschst, denn es könnte in Erfüllung gehen.«
Ich starrte in die Rundung der Schale, und einen Moment lang erschien sie mir wie das Firmament selbst, eine umgestülpte Kuppel voller Sterne.
Als ich aufschaute, ruhte Yalthas Blick auf mir. Sie sagte: »Das Allerheiligste eines Mannes beinhaltet Gottes Gesetze, doch im Allerheiligsten einer Frau wohnen nur Sehnsüchte.«
Dann stupste sie mit dem Zeigefinger den flachen Knochen über meinem Herzen an und sprach die Worte, bei denen etwas in mir auf loderte wie eine Flamme:
»Schreib, was da drin ist, in deinem Allerheiligsten.«
Ich hob die Hand, berührte den Knochen, den meine Tante soeben zum Leben erweckt hatte, und musste blinzeln, so groß war der Aufruhr der Gefühle in mir.
Unser einer Gott, der wahre Gott, lebte im Allerheiligsten des Tempels von Jerusalem, und ich war mir sicher, es war Frevel, zu behaupten, es könnte einen solchen Platz auch in uns Menschen geben; noch schlimmer jedoch war die Vorstellung, die Sehnsüchte eines jungen Mädchens wie mir besäßen auch nur die Andeutung von Göttlichkeit.
Es war die allerschönste und allerböseste Blasphemie, die ich je gehört hatte.
Sie versetzte mich so sehr in Verzückung, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte.
Meine Bettstatt stand auf bronzenen Füßen, darauf Kissen, leuchtend bunt gefärbt in Karmesin und Sonnengelb, gefüllt mit geplättetem Stroh, Federn, Koriander und Minze,
und ich lag bis weit nach Mitternacht in der weichen, duftenden Pracht,
dachte über mein Gebet nach und versuchte, die unendlichen Weiten dessen,
was ich fühlte, in Worte zu fassen. Noch vor Morgengrauen war ich wieder auf, schlich mich die schmale Veranda entlang, die über dem Hauptstockwerk lag, stahl mich barfuß und ohne Lampe an den Räumen vorbei, in denen meine Familie schlief. Die Steintreppe hinab.
Durch den Portikus der Eingangshalle. Ich durchquerte den oberen Hof und dämpfte meine Schritte, als ginge ich über ein Bett aus Kieselsteinen, voller Angst, die Diener zu wecken, die gleich in der Nähe schliefen.
Die Mikwe, wo wir laut den Reinheitsregeln unser Bad nahmen, lag in einem feuchten Raum unter dem Haus und war nur vom unteren Hof aus zugänglich.
Ich stieg hinab, tastete mich im Dunkeln die Treppe entlang.
Während das Tropfen des Wassers in der Zisterne immer lauter wurde und meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, konnte ich langsam die Umrisse des Beckens erkennen.
Ich war geschickt darin, meine rituellen Waschungen im Dunkeln zu vollziehen
– seit meiner ersten Blutung besuchte ich die Mikwe, wie es unser Glaube verlangte, doch ich tat es nachts, ganz für mich allein, denn ich hatte meiner Mutter noch nicht gestanden,
dass ich zur Frau geworden war. Seit mittlerweile mehreren Monaten verbrannte ich die benutzten Stoffbinden im Kräutergarten. Diesmal jedoch war ich nicht aus Gründen,
die mein Frausein betrafen, dort unten, sondern um mich auf die Inschrift in meine Zauberschale vorzubereiten. Ein Gebet niederzuschreiben – das war eine ernste und heilige Angelegenheit. Der Akt des Schreibens selbst rief oft göttliche, manchmal aber auch unstete Mächte auf den Plan, die in die Buchstaben eindrangen und eine geheimnisvoll beseelende Kraft schickten,
die sich wie eine Welle durch die Tinte bewegte. Oder war es etwa nicht so, dass ein Segen,
der in einen Talisman eingraviert war, ein Neugeborenes beschützte, und ein Fluch auf einer Grabinschrift vor Plünderung bewahrte?
Ich schlüpfte aus meinem Gewand und stand, wie mich Gott erschaffen hatte,
auf der obersten Stufe der Treppe, obwohl man gewöhnlich das Unterkleid anbehalten durfte. Doch ich wünschte, mich ganz und gar zu offenbaren; nichts sollte zwischen mir und dem Wasser sein. Ich flehte Gott an, mich zu reinigen, damit ich mein Gebet mit der ganzen Aufrichtigkeit meines Herzens und Geistes schreiben konnte. Dann stieg ich in die Mikwe, tauchte unter, schlängelte mich durchs Wasser wie ein Fisch
und kam prustend wieder nach oben.
Zurück in meinem Zimmer hüllte ich mich in eine saubere Tunika, nahm die Zauberschale und meine Schreibutensilien zur Hand und entzündete die Öllampen.
Der Morgen dämmerte. Ein verschwommenes blaues Licht erfüllte das Zimmer.
Mein Herz war ein Kelch, der überfloss.

Weiterlesen

Leserstimmen

Beeindruckender historischer Roman, welcher uns in die Zeit kurz nach Christi Geburt entführt

14.10.2020

Meine Meinung

Das Buch Ana war mein erstes Buch der amerikanischen Autorin Sue Monk Kidd und es wird sicher nicht mein letztes von ihr sein. Die Autorin erzählt vom ersten Satz an unglaublich fesselnd und einnehmend die Geschichte der jungen Frau Ana. Es beginnt alles im Jahr 16 n.Chr. Ana ist ein 14-jähriges, sehr aufgeschlossenes und neugieriges Mädchen. Ihr liebstes Hobby ist das Schreiben und das in einer Zeit, in der Frauen das Lernen und Schreiben strengstens verboten ist. Doch Ana lässt sich davon nicht aufhalten. Sie beginnt nicht nur heimlich damit das Leben der vergessenen Frauen aus der heiligen Schrift niederzuschreiben, sondern hält auch ihre Geschichte und jene der Frauen, die sie auf ihrem Lebensweg begleiten, fest. Ana gibt ihnen allen eine Stimme. Ana ist eine Stimme!

Ich bin absolut überwältigt davon was Sue Monk Kidd zu Papier gebracht hat. Ich hätte noch viel, viel Länger weiter lesen können und bin zugebenermaßen auch ein bisschen traurig, dass ich mich nach ca. 570 Seiten von Ana verabschieden musste. Ana ist so eine starke Persönlichkeit, eine Rebellin ihrer Zeit, und ich hab ihre Geschichte wirklich geliebt. Die junge Frau ist eine Kämpfernatur durch und durch. Sie kämpft für ihre Freiheit und die Verwirklichung ihrer Träume. Aber nicht nur Ana war eine ganz wunderbare Protagonistin. Auch die anderen Haupt- und Nebencharaktere wie Anas Tanta Yaltha, ihr Bruder Judas, aber natürlich auch ihr Ehemann Jesus, wurden absolut treffend und authentisch gezeichnet. Ich kann mir wirklich vorstellen, dass sie alle genau so gelebt haben könnten. Man merkt einfach beim Lesen, dass die Autorin sich eingehend mit der damaligen Zeit auseinandergesetzt haben muss. Sie verknüpft gekonnt Fakt und Fiktion miteinander und lässt historische und biblische Ereignisse in ihren Roman einfließen. Ich konnte ganz wunderbar mit all meinen Sinnen in die Zeit nach Christi Geburt abtauchen; diese schmecken, fühlen und riechen.

Was Sue Monk Kidd hier gelungen ist, ist wirklich meisterhaft. Die Autorin schreibt die Geschichte nicht um. Sie eröffnet uns jedoch einen neuen, anderen Blickwinkel. Wir werden wohl nie erfahren, ob Jesus tatsächlich verheiratet war. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es genau so gewesen sein könnte, wie Sue Monk Kidd es in ihrem Werk erzählt. Ja, ich möchte daran glauben, dass es Ana, die starke und mutige Frau an Jesus Seite tatsächlich gegeben hat.
Fazit

Das Buch Ana aus der Feder von Sue Monk Kidd ist ein bildgewaltiger, historischer Roman, der uns Leser/innen in die Zeit kurz nach Christi Geburt entführt. Es geht um Ana, eine junge Frau aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, die später auch die Ehefrau von Jesus wird. Das ist aber nur ein Detail am Rande. Vordergründig ist Anas Geschichte. Ihr Kampf um Freiheit, ihr Bestreben nach Glück und die Verwirklichung ihrer Sehnsüchte stehen im Fokus dieses historischen Epos. Ana erzählt die Geschichte der Frauen in einer Zeit, in der diesen das Schreiben und Lernen verboten war. Sie gibt ihnen eine Stimme.

Für mich ist Das Buch Ana ein absolutes Herzensbuch und Lesehighlight, das mein Bücherregal mit Sicherheit nie wieder verlassen wird. Ich kann es wirklich nur empfehlen! Lasst euch diesen großartigen historischen Roman nicht entgehen.

Lesen Sie weiter

Worte sind zu wenig um dieses fantastische Buch zu beschreiben.

Von: Christine Schneider
11.10.2020

"Mein Name ist Ana. Ich war die Frau von Jesus aus Nazareth."

So beginnt dieses Buch unter dem ich mir erstmal nicht wirklich vorstellen konnte, was mich erwartet.

Jetzt beim Schreiben der Rezension, wird mir bewusst in welcher wahnsinnig, spannenden und grandiosen Geschichte ich abtauchen durfte. Worte sind zu wenig um das Buch zu beschreiben, anders kann ich es nicht sagen.

Der sprachgewaltige Erzählstil gemischt mit philosophischen und spirituellen Aspekten ist dazu noch lehrreich und toll recherchiert.

Die Autorin vermittelt keine Lehre, die uns in eine Richtung drängen möchte. Vielmehr hinterfragt sie und regt zum Nachdenken an.

Zusammenfassen oder auf Passagen des Buches einzugehen, ist mir in diesem faszinierenden Werk zu wenig und ich würde der Geschichte Anas in keinem Wort gerecht werden, daher verzichte ich darauf.

Erwähnen sollte ich allerdings, das die Geschichte fiktiv ist, wobei sie auf historische Recherchen zurück greift, außerdem soll das Buch nicht den christlichen Glauben vermitteln!

Ein Meisterwerk !

Lesen Sie weiter
Alle anzeigen Rezension schreiben
Sue Monk Kidd
© Tony Pearce Photography

Über die Autorin

SUE MONK KIDDS Debütroman »Die Bienenhüterin« avancierte vom Geheimtipp zum Bestseller. Der Roman wurde allein in den USA über sechs Millionen Mal verkauft, er wurde in sechsunddreißig Sprachen übersetzt. Millionen LeserInnen haben ihre berührenden Geschichten wie »Die Meerfrau« oder »Die Erfindung der Flügel« verschlungen. »Das Buch Ana« ist Sue Monk Kidds vierter Roman, der in den USA sofort auf der Bestsellerliste stand und von der Presse begeistert aufgenommen wurde. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in South Carolina.

Alle Bücher von Sue Monk Kidd bei btb

Unser Service-Angebot für Sie:

Jetzt ein Buch Buy local Für das Wort und die Freiheit #FreeWordsTurkey