Das Opfer ist der neue Held

Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben

Donald Trump, die AfD und radikale Verfechter der Identitätspolitik haben etwas Wichtiges gemeinsam: Sie sehen sich als Opfer finsterer Mächte. Die neuen Opfer unterteilen die Welt in Gut und Böse. Dialog ersetzen sie durch Empörung, Fakten durch Bauchgefühle. Sie geben sich als Richter über unsere moralischen Normen, brechen diese aber ständig selbst. Ihren wachsenden Einfluss nutzen sie allein für sich, während wirklich Machtlose leer ausgehen. Nie zuvor beklagten Menschen wegen geringerer Anlässe, ihnen widerfahre gewaltiges Unrecht - und nie zuvor hatten sie damit mehr Erfolg. Dabei liegen die wahren Ursachen, weshalb wir uns ohnmächtig, benachteiligt oder bedroht fühlen, meist nicht im Hier und Jetzt, sondern in unserer Kindheit. Bestsellerautor Matthias Lohre bietet verblüffende Einsichten eines Phänomens, das unser Leben immer stärker prägt, und zeigt Auswege aus dem Opfer-Denken.

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Matthias Lohre
© René Riis

Matthias Lohre

Matthias Lohre, geboren 1976, arbeitet als Journalist und Autor in Berlin und berichtet über Politik aus der Hauptstadt und den Bundesländern. Neun Jahre Redakteur der taz, zuletzt als politischer Reporter. Heute ist er u.a. für Die Zeit und ZEIT ONLINE tätig. Autor des Bestsellers "Das Erbe der Kriegsenkel".

Drei Fragen an den Autor

Wie ist die Idee zu Ihren Buch entstanden?
Alles begann mit einem Post-it-Zettel. Auf den schrieb ich schlicht „Opfer?“. Denn mir war aufgefallen, wie häufig ganz unterschiedliche Menschen sich heute als Opfer bezeichnen. Donald Trump und seine Anhänger sehen sich ebenso als Verfolgte einer linken Verschwörung wie AfDler oder Brexit-Befürworter. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums erklären sich Vertreter ethnischer und sexueller Minderheiten zu Diskriminierungsopfern - aber nicht vorrangig durch Frauenhasser oder Rassisten, sondern durch scheinbar harmlose Äußerungen ihrer Freunde, Nachbarn und Kollegen. Dabei galt „Opfer“ noch vor wenigen Jahren als Schimpfwort. Was hat sich so rasch und drastisch gewandelt? Und was verbindet linke und rechte „Opfer"? Als ich den Post-it-Zettel beschrieb, nahm ich mir vor, genau das herauszufinden. Für mich war die wichtigste Erkenntnis: Opfer sind nicht einfach „die anderen“. Wir alle können uns als Opfer fühlen, wenn wir nicht verstehen, was uns ängstigt.

Wer sollte Ihr Buch Das Opfer ist der neue Held unbedingt lesen?
Fragen Sie sich, warum öffentliche Debatten heute so hysterisch ausfallen? Rätseln Sie, was Millionen Menschen an Donald Trump, Boris Johnson oder der AfD so anziehend finden? Fühlen Sie sich manchmal ohnmächtig oder bedroht, ohne zu wissen, warum? Dann - und aus vielen weiteren Gründen - ist dieses Buch etwas für Sie.


Warum ist es wichtig zu erkennen, dass eine Opferrolle Macht verleiht?

Viele Menschen, die sich heute als Opfer bezeichnen, sind nach herkömmlicher Ansicht gar keine. Vielmehr sind sie Opfer-Vertreter: Sie maßen sich an, für Benachteiligte zu sprechen. Den Opfer-Status nutzen sie, um ihre Gegner unter moralischen Druck zu setzen. Wer sich ihren Forderungen widersetzt, den beschimpfen sie als verlogen, verblendet und machtversessen. Sie ersetzen Fakten und Dialoge durch Ressentiments und Vorwürfe. So stiften sie Verwirrung. Doch nur wer erkennt, wann vermeintliche Opfer sie manipulieren wollen, kann sich ihren Ansprüchen widersetzen. Das ist enorm wichtig. Denn der Aufstieg des Opfers bedroht unsere demokratische Debattenkultur.

EINLEITUNG

Was das Opfer zum Helden unserer Zeit macht

IST DONALD TRUMP DER BEDAUERNSWERTESTE MENSCH DER WELT?

Der bedauernswerteste Mensch der Welt erbte ein Vermögen und besuchte eine teure Elite-Uni. Danach heiratete er eine Reihe von Models – nacheinander natürlich – und verdiente Millionen als Star seiner eigenen Reality-TV-Sendung. Sein Name stand schon für Macht, Selbstvertrauen und Reichtum, als er sich seinen größten Traum erfüllte. Er kandidierte für die Präsidentschaft – und besiegte die klare Favoritin. Jetzt war er mächtiger und berühmter denn je. Als Präsident lebte er so, wie Kinder sich den Alltag eines Königs vorstellen mögen. Den halben Tag sah er fern. Er lud eine siegreiche American-Football-Mannschaft zu sich nach Hause und servierte ihr zwischen vergoldeten Kandelabern Berge von Burgern, Pommes und Pizza. Wenn ihm irgendetwas nicht passte, schrieb er im Bett oder auf dem Klo Twitter-Nachrichten, mit denen er die halbe Welt aufschreckte. Und wenn er auf seinem großen Schreibtisch einen Knopf drückte, brachte ihm ein Butler eine Diet Coke. Zwölfmal pro Tag. Trotzdem stellte Donald Trump sich, nur wenige Monate nach seiner Wahl, an ein Rednerpult und rief der Menge zu: »Kein Politiker in der Geschichte – und ich sage das mit großer Gewissheit – wurde schlimmer oder unfairer behandelt!«
Schlimm und unfair behandelt? Trump war nie gefoltert worden. Nie war er wegen seiner Überzeugungen ins Gefängnis gekommen, und nie hatte er sich verstecken müssen. Im Gegenteil schien er jederzeit zu sagen und zu tun, worauf er gerade Lust hatte. Warum also beklagte er sein Schicksal? Und warum teilten Dutzende Millionen Amerikaner seine Sicht? In ihm sahen sie einen Macher, der den Neid seiner Feinde auf sich zog. Sie glaubten Trump, wenn er ihnen sagte, eine Verschwörung hoher Staatsbediensteter wolle ihn zu Fall bringen. Sie schrien Reporter an, wenn er behauptete, TV-Sender brächen Live-Übertragungen seiner Reden ab, weil diese ihnen nicht gefielen. Sie wiederholten sein Wort von der »Hexenjagd «, durch die finstere Bürokraten ihn angeblich zu Fall bringen wollten. Sie empörten sich mit Trump, wenn dieser das Schicksal von Ex-Mitarbeitern beklagte: »Wer wird die jungen und wunderschönen Leben derer zurückgeben, die durch die verlogene Hexenjagd erschüttert und zerstört wurden?« Sie seien »mit Sternen in ihren Augen nach Washington, D.C.« gereist, um »unserer Nation zu helfen… Zurück kehrten sie in Fetzen!« Trumps Anhänger scherte es nicht, dass Gerichte diese Berater reihenweise wegen schwerer Delikte verurteilten. Im Gegenteil. Jede Kritik bestärkte sie in ihrer Überzeugung, böse Mächte wollten ihr Idol daran hindern, ihnen zu helfen. Sie glaubten Trump, wenn er seinen damals 56 Millionen Twitter-Followern schrieb: »Das Opfer hier ist der Präsident.«
Der mächtigste Mensch der Welt – ein Opfer?
»Wir alle verstehen uns als Zentrum unseres eigenen Universums«, sagt Chris Cillizza vom US-Nachrichtensender CNN. »Aber Trump treibt diese Sicht ins absolute Extrem. Er glaubt, das Universum sei hinter ihm her, und deshalb verdiene er von allen Mitleid und Sympathie.« Dabei ist Trumps aggressives Selbstmitleid nicht einmal das Bemerkenswerteste. Noch erstaunlicher ist, wie es ihm gelang, Millionen Amerikaner von seinem Opferstatus zu überzeugen. Indem er sich als von finsteren Mächten Verfolgter präsentierte, den allein die Unterstützung loyaler Anhänger vor dem Fall bewahre, schmälerte er seine Macht nicht. Er festigte sie. Der 45. US-Präsident bietet das spektakulärste Beispiel einer Entwicklung, die vor seinem Amtsantritt begonnen hat und unsere Welt lange nach seinem Abgang prägen wird: den Aufstieg des Opfers vom Außenseiter zum Helden.
In Deutschland beschwören AfD-Politiker eine »Selbstzerstörung unseres Staates und Volkes« und plakatieren den Slogan Wir sind nicht das Weltsozialamt! Angeblich betrieben Politik und Medien die »Überfremdung« Deutschlands. Das Ziel des verräterischen Regimes sei der »Volkstod«. Dass niemand außer ihnen die Verschwörung erkennt, beweist aus ihrer Sicht gerade deren Ausmaß – und ihre Erwähltheit. Ihr Bauchgefühl gilt ihnen als unanfechtbare Wahrheit.
Ähnliches sehen wir in Ungarn, wo Premier Viktor Orbán die Gefahr durch die EU beschwört: Die »virtuelle Welt der privilegierten europäischen Elite« plane einen »Bevölkerungsaustausch« durch »Massen einer anderen Kultur aus einer anderen Zivilisation«. In der Türkei behauptet Präsident Recep Tayyip Erdoğan, verantwortlich für die tiefe Wirtschaftskrise seines Landes sei eine westliche Verschwörung, um die Türkei »in die Ecke zu drängen«. In Brasilien erklärt Präsident Jair Bolsonaro, das Land müsse sich »vom Sozialismus, der Umkehrung der Werte und der politischen Korrektheit befreien«, und sein Außenminister sieht sogar im Klimawandel eine »marxistische Verschwörung«. Die vermeintlichen Opfer halten ihre Gegner für so allmächtig wie unfähig.
Die neue Lust am Opfer-Sein floriert auch unter Linken. An Universitäten fordern Studierende umfassenden Schutz vor unliebsamen Meinungen ein. Sie fürchten, selbst Worte in einem Buch könnten sie traumatisieren. Literaturklassiker erhalten deshalb »Triggerwarnungen«. Die sollen junge Leser davor bewahren, sich schockartig an schmerzvolle Erlebnisse erinnert zu fühlen. Selbst dann, wenn es gar nicht ihre Erlebnisse sind, sondern die anderer Frauen, Schwuler oder African Americans. So sei es schwarzen Studenten nicht zuzumuten, rassistische Schimpfworte in einem Artikel zu lesen – selbst wenn der Text Rassismus kritisch behandelt. Genauso müssten weibliche Jura-Studierende Vorlesungen meiden dürfen, welche die Rechtsprechung in Vergewaltigungsfällen behandeln. Die neuen Opfer erklären anderer Leute Leid zu ihrem eigenen und leiten daraus ein Recht auf Schutz ab. Ihr subjektives Empfinden genügt. Jeder Einwand, jede Verteidigung bestätigt ihnen nur die Verblendung der anderen. Die neuen Opfer halten sich für ohnmächtig, aber moralisch überlegen. [...]

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