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SPECIAL zu Richard Laymon

Laymon über Laymon

Ich finde es faszinierend, dass fast jeder Leser ein anderes meiner Bücher als sein Lieblingsbuch nennt. Was sind meine Lieblingsbücher? Eigentlich alle. Wenn mir ein Buch nicht gefällt, schreibe ich es auch nicht zu Ende. Außerdem versuche ich, jedem Buch etwas Besonderes zu verleihen: sei es eine ungewöhnliche Wendung, eine gut gelungene Figur, interessante Schauplätze oder Themen. Es gefällt mir, ein altbekanntes Thema aufzugreifen und daraus etwas Neues zu machen. »Der Pfahl« zum Beispiel ist die ungewöhnliche Version einer Vampirgeschichte, »Das Grab« gibt dem Zombiegenre eine neue Richtung, und »Der Ripper« ist eine sehr spezielle Interpretation des Jack-the-Ripper-Mythos. Was ich auch sehr interessant finde, ist die Tatsache, dass meine Fans nach der Lektüre eines meiner Bücher nicht aufhören können, bis sie alle gelesen haben. Das ist toll.

Richard Laymon


Dieses und alle folgenden Zitate finden sich im Original neben weiteren Interviews und vielen interessanten Artikeln auf der offiziellen englischsprachigen Website Richard Laymon Kills!, die von Steve Gerlach betreut wird: http://rlk.stevegerlach.com/


Wulf Dorn über Richard Laymon

»Ein Zwischendrin gibt es nicht!«

Wulf Dorn
© Random House/Sebastian Weidenbach/Shadow-Cowboy Photography

Wulf Dorn ist längst eine feste Größe in der deutschen Thrillerlandschaft. Bereits sein Debütroman Trigger wurde ein internationaler Erfolg und begeisterte Heerscharen von Krimilesern. Als Leser ist er auch härterer Kost nicht abgeneigt – und spricht hier über einen der großen Klassiker der Horrorliteratur. Zuletzt erschien Dunkler Wahn, sein mittlerweile drittes Buch.

Meine erste Begegnung mit Richard Laymon hatte ich in seinem Todesjahr 2001, und ich hatte sie einem typischen Londoner Klischee zu verdanken: Es schüttete wie aus Kübeln, und ich suchte Schutz in einer kleinen Buchhandlung nahe des Themseufers. Dort fiel mir Savage (dt. Der Ripper, erschienen bei Heyne Hardcore) in die Hände, und während vor dem Schaufenster die Welt unterzugehen schien, führte mich Richard Laymon ins Whitechapel des Jahres 1888 und lieferte mir eine abenteuerliche Erklärung für Jack the Rippers mysteriöses Verschwinden. Dabei bediente er sich einer Sprache, die sich las wie Mark Twains Vorlage für einen Rob Zombie-Film. Ich war begeistert und vergaß alles um mich herum, bis mir der Buchhändler irgendwann höflich zu verstehen gab, er würde gerne schließen. Seit diesem Erlebnis haben Mr. Laymons Werke einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal inne.

Richard Laymon war ein Phänomen, ein Enfant terrible der Horrorliteratur. Sein einfach gehaltener Schreibstil, die explizite Schilderung von Sex und Grausamkeiten und die makaber-brutalen Themen seiner mehr als sechzig Kurzgeschichten und über dreißig Romane stießen bei Kritikern sowohl auf Begeisterung als auch auf Ablehnung. Ich kenne kaum einen anderen Horrorautor, dessen Werke stärker polarisiert hätten.

Trivialliteratur voller Voyeurismus und Abscheulichkeiten urteilen die einen, Klassiker des Horrorgenres die anderen. In einem sind sich beide Seiten jedoch einig: Man kann diesen Autor nur schätzen oder ablehnen – ein Zwischendrin gibt es nicht. Für mich gilt Ersteres, denn aus meiner Sicht gehört Laymon zu den Autoren, die verstanden haben, worauf es bei einer guten Horrorstory ankommt: Sie muss dich derart packen, dass du auch nach der letzten Seite noch ihre Zähne im Fleisch spürst. So erklärt sich von selbst, dass Laymon zu einem der bestverkauften Horrorautoren der Gegenwart wurde – wenn auch bedauerlicherweise erst posthum. Ich hätte ihm die Freude über diesen Erfolg von Herzen gegönnt.

Richard Laymons Bücher sind Kult, ein Muss für Genreliebhaber, und ich kann mich Stephen Kings Worten nur anschließen: »Es wäre ein Fehler, Richard Laymon nicht zu lesen!« Glauben Sie ihm, ein wirklich schwerer Fehler!


Ein brillanter Stilist

Scharfe Kunst: Die wunderbare Welt des Richard Laymon

Anatomie eines Mordes: Der Titel des meisterhaften Gerichtsfilms von Otto Preminger könnte programmatisch auch für das Werk von Richard Laymon stehen. Freilich gibt es bei Laymon mehr als nur einen Mord, dafür steht in seinen Büchern immer wieder die (bevorzugt weibliche) Anatomie im Zentrum der literarischen Betrachtung. In bester Exploitation-Manier zelebriert Laymon die weibliche Brust, was ihm mitunter deutlich wichtiger ist als der eigentliche Gang der Handlung. Aber Laymon ist kein Sexist: Immer wieder behaupten sich bei ihm weibliche Figuren gegen die schonungslose Gewalt, der sie ausgesetzt sind; analog dazu wird das Personal der Psychopathen und Killer nicht vom Patriarchat dominiert. Gleiches Recht (und Sterben) für alle. Laymon gilt als böser Bube der Thriller- und Horrorliteratur und, ja: Er ist ein Literatur-Anarchist, Sittenstrolch und Anti-Künstler par excellence. Vor allem aber ist Laymon ein brillanter Stilist.

»Heute ist die Jacht explodiert.« So lautet der erste Satz in Laymons Die Insel, einem seiner erfolgreichsten Bücher. Wozu andere Autoren mehrere Seiten brauchen, benötigt Laymon nur wenige schlichte Worte. Unmittelbarkeit, Setting, Konflikt, ungewöhnliche Erzählperspektive, Leseerwartung werden in diesem ersten Satz etabliert. Aber Laymon beherrscht auch die Kunst der Zerdehnung. In Das Spiel begleiten wir die Protagonistin nach einem spannenden Romanauftakt über viele hundert Seiten durch ihr Alltagsleben, das mehr und mehr zusammenfällt. Aber jedes Mal, wenn man glaubt, jetzt kommt’s, passiert – nichts. Und dann wieder nichts. Laymon schafft es, den Leser mit Minimaldosen an Plot und Spannung gerade so bei der Stange zu halten, dass er unbedingt wissen will, wie es weitergeht. Dann, gerade wenn deine Augendeckel sich langsam zu senken beginnen, reißt Laymon auf den nächsten zwei Seiten plötzlich alle Grenzen ein. Der Schock sitzt, du bist hellwach und denkst: Verdammt, er hat es wieder geschafft …

Laymon ist vor allem deswegen ein Anarchist, weil er sämtliche Gesetze von Spannungsaufbau, Erzählperspektive und Handlungsführung genüsslich mit Füßen trifft. Nie weiß der Leser, was ihn auf den nächsten drei Seiten erwartet; nie ist eine Laymon-Geschichte zu Ende, bevor du das letzte Wort gelesen hast.

Gleiches lässt sich auch von Laymons souverän spontanem Umgang mit Genremustern sagen. Der Ripper ist Horrorgeschichte, Serienkillerplot, Coming-of-Age, Entwicklungsroman, Western und Liebesgeschichte in einem – und doch geht alles auf.

Dabei hat Der Ripper eines der schönsten Laymon-Enden überhaupt (keine Ironie!). In der neuen Veröffentlichung Die Klinge vereint Laymon die psychologisch einfühlsame Studie verschiedener Schicksale im akademischen Milieu mit einer American-Psychoartigen Road-Story. Auch hier gilt: Vorsicht vor dem Ende!

Die literarische Welt wäre ohne Laymon um einiges sicherer – aber auch um einiges langweiliger. Schließen wir in bester Laymonscher Verknappung mit den Worten seines Protegés und Freundes Steve Gerlach: Richard Laymon Kills!

Tim Müller