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Start der sensationellen Krimireihe um das Ermittlerteam Greg Carver & Ruth Lake

Liverpool: Detective Greg Carver und seine Kollegin Ruth Lake jagen nun schon seit Monaten einen perfiden Frauenmörder. Der Fall bringt vor allen Carver an seine Grenzen. Schließlich liefert die Gerichtsmedizin einen entscheidenden Hinweis, der die Ermittlungen nicht nur an die Universität sondern auch zu einer illustren Wohngemeinschaft führt. Carver und Lake stehen kurz vor dem Durchbruch, als der Fall persönlich wird. Denn Opfer Nummer fünf passt so gar nicht in das Beuteschema des »Dornenmörders«. Dafür sieht es Carvers Frau zum Verwechseln ähnlich …

Dieser Roman ist unter dem Titel »Tattoo« als Paperback erschienen.

Er ist nicht zu stoppen!

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Leseprobe

1


Die Frau steht im Wohnzimmer von Detective Chief Inspector Greg Carver. In ihrer Hand ein Colt 1911. Nach außen hin wirkt sie ruhig, gefasst. Sie hat einen Job zu erledigen. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, dreht sich einmal im Kreis und nimmt jedes einzelne Detail ihrer Umgebung in sich auf. Nichts wurde verändert. Eine leere Whiskyflasche liegt umgekippt auf dem Boden. Greg Carver sitzt zusammengesackt in einem Sessel, ein Bein angewinkelt, das andere ausgestreckt. Während sie auf ihn hinunterschaut, empfindet sie Wut und Verachtung, aber auch eine gewisse Portion Mitleid. Seine Augen sind geöffnet, Blut sickert aus der Schusswunde in seiner Brust. Sie verlagert das Gewicht der Pistole in ihrer behandschuhten Hand und sichert die Waffe. Ein beißender Geruch nach Alkohol, Pistolenrauch und Blut liegt in der Luft, ihr Magen rebelliert. Sie atmet kräftig aus und befreit so ihre Nase von dem Gestank.
Sie geht weiter in die Küche. Sein Laptop steht aufgeklappt da, Unterlagen sind über den Tisch verstreut. Der Boden ist übersät mit zusammengeknülltem Papier. Auf einem Stuhl neben dem Tisch steht eine Archivbox aus Pappe. Die Frau wirft zwei der Aktenordner vom Tisch hinein und schlägt anschließend die Pistole vorsichtig in einen Bogen Papier ein. Behutsam legt sie die Waffe obenauf in die Archivbox.
Zwischen den über den Tisch verteilten Dokumenten entdeckt sie ein gerahmtes Foto, das umgekehrt daliegt. Es zeigt DCI Carvers Ehefrau Emma auf der gemeinsamen Hochzeitsreise. Sie sitzt auf einem Felsvorsprung unweit eines Wasserfalls. Emma ist blond und schlank. Sie trägt eine enge Jeans, dazu Sandalen mit Keilabsatz und ein blaues Folkloreoberteil. Ihre langen, seidig glänzenden Haare sind in der Mitte gescheitelt. Sie lächelt. Die Frau trägt das Foto in Carvers Wohnzimmer, wischt ihre Fingerabdrücke ab und stellt es oben auf den Schrank, wo es immer steht.
Im Schlafzimmer hängen mehrere Bögen im Format A3 an der Wand. Auf einem sieht man fünf Fotos von fünf lächelnden Frauen, daneben handgeschriebene Notizen.

1. Tali Tredwin – Todestag: 3. Januar. Alter: 27, 1,62 groß, braune Haare, braune Augen. Geschieden, 2 Kinder. Rücken und Schultern tätowiert – blaue Tinte. Tattoo stark verwaschen und unscharf, fleckig. Maori-Symbole & Augen – geschlossen/halb geöffnet. Dorn einer Berberitze.
2. Evie Dodd – Todestag: 10. März. Alter: 25, 1,65 groß, schwarze Haare, grün-braune Augen. Verheiratet, 3 Kinder. Torso, Hals, Arme, Beine, Füße/Sohlen, Hände/Handflächen tätowiert – blaue Tinte. Stilisierte Pflanzen, Sigillen & Augen – geschlossen/halb geöffnet/geöffnet. Tattoo verwaschen. Dorn einer Berberitze.
3. Hayley Evans – Todestag: 6. Juni. Alter: 28, 1,60 groß, braune Haare, braune Augen. In einer Beziehung, 1 Kind. Torso, Hals, Arme, Beine, Füße/Sohlen, Hände/Handflächen tätowiert. Stilisierte Pflanzen, Dornen, Sigillen & Augen – geschlossen/halb geöffnet/geöffnet. Blaue Tinte. Tattoo weniger verwaschen. Pyracantha-Dorn.
4. Jo Raincliffe –Todestag: 2. September. Alter: 35, 1,68 groß, braunes Haar, braune Augen. Verheiratet, 2 Kinder. Torso, Hals, Arme, Beine, Füße/Sohlen, Hände/Handflächen tätowiert – blaue Tinte. Stilisierte Pflanzen, Dornen, Sigillen usw. Tinte nicht verwaschen. Pyracantha-Dorn.
5. Kara Grogan – Todestag: 22. Dezember. Alter: 20, 1,78 groß, blonde Haare, blaue Augen. Torso, Hals, Arme, Beine, Füße/Sohlen, Hände/Handflächen tätowiert – schwarze Tinte. Keine Unschärfe. Stilisierte Pflanzen, Dornen, Sigillen & Augen – sehr viele Augen. Pyracantha-Dorn.


Sie nimmt die Bögen von der Wand, faltet sie zusammen und nimmt sie mit in die Küche. Dort sammelt sie die restlichen Unterlagen ein – inklusive der zusammengeknüllten Notizen –, legt sie ebenfalls in die Box und schließt den Deckel.
Sie wischt über Türklinken, Lichtschalter, den Sessel. Dann hebt sie den Karton hoch und verlässt das Haus. Vorsichtig steigt sie die Feuerleiter an der Rückseite des Gebäudes hinunter und geht über die Einfahrt. Obwohl erst kürzlich geräumt wurde, sind ihre Fußabdrücke im frisch gefallenen Schnee deutlich zu erkennen. Es ist stockdunkel, in den meisten Häusern entlang der Straße sind die Vorhänge zugezogen. Sie ist sich so gut wie sicher, dass niemand sie gesehen hat.
Wenige Minuten später kehrt sie ohne Handschuhe und ohne die Box zurück und geht die Stufen zur Haustür hoch. Dort wischt sie die Klingel sauber. Dann presst sie ihren Daumen darauf. Ohne abzuwarten zieht sie ein Schlüsselbund aus der hinteren Hosentasche und sperrt mit einem der beiden Schlüssel daran auf. Im Haus folgt sie ihrem Weg von vorhin, berührt bedächtig die Oberflächen, die sie eben erst gesäubert hat. Sie beendet ihren Rundgang vor Carvers Sessel, und als ihr Blick erneut auf die leere Flasche fällt, zupft etwas am Rande ihres Bewusstseins, eine Art Jucken, an das sie nicht herankommt. Doch für all das hat sie keine Zeit – was geschehen ist, ist geschehen.
Sie geht in die Hocke, hält sich an den Armlehnen fest und starrt ihm ins Gesicht. Ein kurzes Schnappen nach Luft, dann schnellt sie wieder hoch.
Schwer atmend und mit klopfendem Herzen betrachtet sie ihn. Das hast du dir nur eingebildet. Sie beugt sich erneut zu ihm, hält die Luft an, fixiert seinen starren Blick. Greg Carvers Augen sind hellbraun mit goldenen Sprenkeln. Manchmal scheinen diese hellen Flecken zu schimmern, doch nicht jetzt. Stattdessen wirken sie trüb, tot. Sie schiebt sich noch dichter an ihn heran, beobachtet, wagt kaum zu atmen – und wieder sieht sie das eine Augenlid leicht flattern. Sie stößt einen verhaltenen Fluch aus.

2


Tag eins

Die Frau hielt den Sanitätern die Tür zu Greg Carvers Haus auf. Langsam stiegen sie die Stufen hinauf, der Schnee darauf hatte sich durch das viele Rein und Raus in Matsch und dann in Eis verwandelt. Ihre eigenen Fußabdrücke, die von der Feuerleiter an der Seite des Hauses die Einfahrt entlanggeführt hatten, waren dank des stetigen Schneefalls rasch unter einer weißen Decke verschwunden. Der Polizeihubschrauber, der über ihren Köpfen kreiste, schaltete die Suchscheinwerfer aus und drehte unvermittelt ab. Höchstwahrscheinlich war er von der Einsatzleitung zurückbeordert worden, weil der Schneesturm stärker wurde. Die Rettungsfahrzeuge standen mit blinkendem Blaulicht da, die Einfahrt zu Carvers Haus wurde vom Licht der Fahrzeugscheinwerfer erhellt, zu beiden Seiten waren Bereiche mit Absperrband abgeriegelt, um Schaulustige fernzuhalten. Sie folgte den Sanitätern bis zu dem bereitstehenden Rettungswagen und wechselte ein paar Worte mit ihnen. Dann sah sie zu, wie Carver ins Innere des Fahrzeugs geschoben wurde.
Innerhalb der Absperrung stand ein Einsatzwagen der Kriminaltechnik. Zwei CSIs und der Crime Scene Manager standen in voller Montur dahinter, bereit, ins Haus zu gehen, sobald sie grünes Licht bekamen.
Die Frau atmete tief durch, ehe sie auf die beiden Männer zusteuerte. »Sie können dann übernehmen«, teilte sie ihnen mit.
»Ist es wirklich wahr?«, fragte der leitende Beamte.
»Es ist Carver, ja«, bestätigte sie.
»Du lieber Himmel, Ruth.« Sanft berührte er sie am Ellbogen.
Detective Sergeant Ruth Lake wandte sich ab. »Augen überall«, murmelte sie leise vor sich hin. Jenseits der Absperrung hatte sie bereits zwei Vertreter der örtlichen Presse ausgemacht.
»Wo bringen sie ihn hin?«, fragte einer.
»Ins Royal.« Ihr schnürte es die Kehle zu, sie brachte keinen Ton mehr heraus.
»Kann ich irgendetwas für Sie tun?«
»Erledigen Sie Ihren Job bitte gründlich.«
»Das versteht sich von selbst.«
Ruth Lake senkte den Kopf, eine Geste der Entschuldigung. »Ich habe die Türen angefasst – Klinken und Schlösser …« Sie runzelte die Stirn, als versuchte sie, sich weiterer Details zu entsinnen. »Ein paar Lichtschalter und den Sessel – im Wohnzimmer im vorderen Wohnbereich. Er war … dort habe ich ihn …«
Er nickte. »Verstehe. Wir werden Ihre Schuhe benötigen.«
Sie strich sich über die Augenbraue. »Ich lasse sie Ihnen bringen.«
»Wie sind Sie denn reingekommen?«
»Die Tür stand sperrangelweit offen«, gab sie zurück. Doch ihre Finger schlossen sich unwillkürlich um das Schlüsselbund in ihrer Tasche. Sie wandte die Augen ab.
Er senkte den Kopf, um ihren Blick einzufangen. »Wenn es da drinnen Beweise gibt, werden wir sie finden, Ruth.«
Sie blinzelte zweimal. »Ich weiß.« Ein Lächeln brachte sie nicht zustande.
Ein Fahrzeug kam in die Straße gebogen und hielt an, ein stämmiger Mann stieg aus. Er knöpfte seinen Mantel zu und bahnte sich mit weit ausholenden Schritten seinen Weg durch die Menge der Schaulustigen, als wären sie Luft für ihn. Detective Superintendent Jim Wilshire war der Presse nicht sonderlich zugetan.
Die beiden Journalisten an der Absperrung drehten sich einen Sekundenbruchteil zu spät um, um ein brauchbares Foto schießen zu können. Der Polizeibeamte hatte sich bereits darunter durchgeduckt und war schon ein ganzes Stück weiter, ehe sie sich wieder gefangen hatten.
»Superintendent«, rief einer von ihnen. »Sir – war es der Dornenkiller?«
Ruth Lake wechselte einen Blick mit dem Crime Scene Manager. »Ich komme später auf Sie zu«, sagte sie.
Während die CSIs ins Haus gingen, drückte sie den Rücken durch und wartete auf den Superintendent.
»Detective Sergeant Lake«, begrüßte Wilshire sie.
»Sir.«
»Kommen Sie mit mir.« Er ging ans andere Ende der äußeren Absperrung, wo weniger Leute standen. Dort spannte er einen riesigen schwarzen Regenschirm auf, mehr, um sie beide vor den neugierigen Blicken der Umstehenden abzuschirmen, wie sie annahm, und nicht so sehr als Schutz vor dem garstigen Wetter. »Greg Carver?« Seine Stimme klang heller, als man es von einem so massigen Kerl erwartet hätte.
Sie nickte.
»Wer war der erste Officer vor Ort?«
Sie sah ihn mit möglichst argloser Miene an. »Das war ich.«
»Sie waren aber schnell hier.«
»Ich habe ihn gefunden.«
Er runzelte die Stirn. »Das ist jetzt wie lange her … dreißig Minuten?«
»In etwa, ja.«
Er sah auf die Uhr. Sie wusste, dass es zehn Minuten nach Mitternacht war.
»Eigenartige Zeit für einen Freundschaftsbesuch, Sergeant, es ist mitten in der Nacht.« Er klang, als lüde er sie höflich ein, ihm eine Erklärung zu liefern, nicht als verlangte er ausdrücklich eine.
»Er wollte mit mir über den Fall sprechen.«
»Trotzdem, seltsame Zeit und seltsamer Ort für ein solches Gespräch«, sagte er, jetzt in etwas schärferem Tonfall.
Sie nickte und spürte, wie ihre Augenbraue zu zucken begann, sparte sich aber jede weitere Bemerkung.
Einige Augenblicke musterte er sie eindringlich, sodass sie sich zwingen musste, langsam und regelmäßig zu atmen, um Ruhe zu bewahren.
Plötzlich war die Straße hinter ihr in helles Licht getaucht. Sie hörte, wie sich ein Wagen näherte, Motorengeräusche und das Knirschen von Reifen auf dem frisch gefallenen Schnee. Sie warf einen Blick über die Schulter, als das wuchtige Gefährt abbremste und zum Stehen kam. Mersey View – ein lokaler Kabelsender. Wilshire hasste diese Typen mehr als irgendjemand sonst.
»Sir?«, sprach sie ihn an.
Er spähte an ihr vorbei zu dem Fernsehteam, das aus dem Van geklettert kam. »Na schön, lassen wir das vorerst auf sich beruhen«, lenkte er ein. »Aber Sie haben diese Presseheinis bei meiner Ankunft ja gehört. Die wollen wissen, ob das hier das Werk des Dornenkillers ist. Sie müssen mich also schnellstmöglich mit den Einzelheiten vertraut machen.«
Sie holte tief Luft, atmete langsam aus und sammelte sich mental so weit, um ihrem Chef die nötigen Details mitzuteilen.
»Er saß im Wohnzimmer in seinem Sessel«, erklärte sie. »Man hat ihm aus nächster Nähe in die Brust geschossen.« Sie räusperte sich. »Sieht mir nach einer Kleinkaliberkugel aus.«
»Und Sie folgern das woraus …?«
»Ich war früher selbst CSI«, teilte sie ihm mit. »Ich hatte schon mit der einen oder anderen Schusswunde zu tun. Außerdem … war da nur eine geringe Menge Blut.«
Allerdings hatte sie es deutlich gerochen. Der kupfrige Gestank drohte, ihr erneut in die Nase zu steigen.
»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, erkundigte sich Wilshire.
»Alles gut«, versicherte sie ihm. »Nur …«
Er nickte, dann verlagerte er kaum merklich sein Gewicht, und ihr wurde bewusst, dass er dem Fernsehteam die Sicht verstellte. »Verständlich. Aber nehmen Sie sich bitte zusammen. Sie sind verantwortlich für diesen Tatort, bis der befehlshabende Officer eintrifft.«
»Ich sagte, alles ist gut.«
Als er die Augen missbilligend zusammenkniff, wurde ihr bewusst, dass ihre Antwort viel zu schroff geklungen hatte. Ach, verdammt.
»Wer ist denn der befehlshabende Officer?« Wilshire blähte die Nasenflügel, weshalb sie hinzufügte: »Wenn Sie mir die Frage erlauben, Sir.«
»DCI Jansen«, antwortete er steif. »Spätestens in zwanzig Minuten sollte er eintreffen. Er wird wissen wollen, ob Sie am Tatort irgendetwas verändert haben.«
Kurz stockte ihr das Herz, dann setzte es wieder ein, das langsame, dumpfe Pochen in ihrer Brust. »Ich bin ausgebildeter CSI«, erwiderte sie.
»Trotzdem, im Eifer des Gefechts …«
»Ich war vorsichtig«, versicherte sie ihm wahrheitsgetreu.
»Hat er irgendetwas gesagt?«
»Carver?«, fragte sie törichterweise.
»Ja, Carver. Hat er irgendetwas geäußert?«
»Ich hielt ihn für tot.« Mit Schrecken stellte sie fest, dass ein Lachen in ihrer Brust nach oben drängte. Krampfhaft umklam-merte sie das Schlüsselbund in ihrer Tasche, so fest, dass die scharfen Kanten in ihre Handfläche schnitten.
»Das ist nicht die Antwort auf meine Frage.«
Sie biss sich auf die Unterlippe.
»Sergeant Lake?«
Ruth schluckte das beschämende Bedürfnis zu lachen hinunter und schüttelte den Kopf. Stattdessen konzentrierte sie sich auf eine Stelle mit strahlend weißem Schnee, der das Licht der Einsatzfahrzeuge reflektierte, abwechselnd rot und blau. Im Geiste sah sie Carvers Augen vor sich, die sie fixierten, das Flackern des Blaulichts rief ihr das leichte Zucken seines Lids in Erinnerung, der Moment, als sie erkannt hatte, dass er immer noch atmete.
Sie fing an zu zittern.
»Sergeant«, zischte Wilshire und stellte sich so dicht vor sie, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Sie sah ihm ins Gesicht, und sofort hörte das Zittern auf.
»Hören Sie, der Rettungswagen wird jeden Moment losfahren. Begleiten Sie ihn, wenn Sie möchten – diese Medienclowns wer-den sonst nicht lockerlassen, ehe sie nicht einen Kommentar von Ihnen kriegen.« Nach und nach trafen noch weitere Vertreter der Presse ein – zu den örtlichen Journalisten gesellten sich landesweite Übertragungsteams von Fernsehsendern, die wegen der Berichterstattung im Fall Kara Grogan ohnehin in der Stadt waren. Sie bauten ihre eigenen Scheinwerfer auf und riefen ihnen vom Rande der Absperrung aus Fragen zu, ungeduldig auf ein Update zur aktuellen Lage hoffend.
»Ich muss an die Arbeit«, sagte sie.
»Sie können hier am Tatort nichts mehr tun, und an den Ermittlungen können Sie sich in diesem Fall auch nicht beteiligen, das wissen Sie genau.«
»Aber i-ich bin eher von N-nutzen, wenn ich etwas tue«, stammelte sie, dann machte sie lieber den Mund zu, weil ihre Zähne so unkontrolliert klapperten.
»Wo steht Ihr Wagen?«
Lake deutete mit einer ruckartigen Bewegung ihres Kopfs auf den Renault Clio, der innerhalb der Absperrung gegenüber von Carvers Haus parkte. Carvers Akten und die Pistole befanden sich nach wie vor im Kofferraum. Sie hätte ihn wegfahren sollen, nachdem sie den Notruf abgesetzt hatte. Denn nun musste der Wagen offiziell als Bestandteil des Tatorts betrachtet werden.
»Kommen Sie.« Wilshire nahm sie sachte am Ellbogen. »Wir unterhalten uns da drin weiter.«
»Wie bitte?« Die Unterlagen. Die Waffe. »Nein!« Panisch riss sie sich von ihm los.
»Mäßigen Sie Ihre Stimme, Sergeant«, fauchte Wilshire.
»Entschuldigen Sie, Sir. Ich … ich denke, ich sollte vor Ort bleiben.«
»Sie zeigen typische Anzeichen eines Schocks«, stellte ihr Vorgesetzter fest. »Wir müssen Sie hier wegschaffen, bevor der Sturm über uns hereinbricht.«
Natürlich meinte er den Schneesturm, und dennoch kam ihr der Gedanke, dass er selten etwas gesagt hatte, das mehr der Wahrheit entsprochen hätte.
»Steigen Sie in den Wagen, ich lotse Sie unmittelbar hinter dem Krankenwagen raus. Es sei denn, Sie möchten lieber, dass Sie jemand nach Hause fährt? Dann organisiere ich einen Fahrer.«
Eine Welle der Erleichterung überkam sie. »Nein. Ich kann fahren, kein Problem. Vielen Dank.« Sie kramte in ihrer Manteltasche nach dem Autoschlüssel und setzte sich ans Steuer. Eine Weile starrte sie wie benommen geradeaus, während uniformierte Polizeibeamte die Fernsehvans aus dem Weg scheuchten, damit der Rettungswagen durchkam. Das Blaulicht des Fahrzeugs und die blinkenden Kameras schmerzten in ihren Augen wie Strobo-skoplicht und blendeten sie derart, dass sie kaum etwas sah. Doch sie umklammerte so entschlossen das Lenkrad, dass es knarzte, und biss die Zähne zusammen. Dann gab sie Gas und fuhr hinter dem Krankenwagen her.

3


Die verschiedensten Geräusche sirren Carter in den Ohren wie Störgeräusche aus dem Radio oder wie fremdartige Klänge von einer Art Fernmesssystem eines anderen Planeten.
Er liegt auf dem Rücken. Was nicht recht Sinn ergibt: Schließlich sollte er in seinem Sessel sitzen, ein Glas in der Hand. Hat er nicht genau das gerade noch getan? Ja, er ist sich sicher und freut sich darüber, als könnte die Erinnerung diesem chaotischen Durcheinander aus Licht und Lärm eine feste Substanz verleihen. Er war am Trinken. Whisky – in nicht geringen Mengen.
Dann steht die Welt plötzlich kopf, und er weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Er spürt den Luftzug unter sich, vernimmt das Tosen der Triebwerke und verspürt ein panisches Flattern in der Brust. Ich sollte nicht hier sein, sondern in einem Fall ermitteln. Über ihm jagen Lichter vorbei, sie erinnern an die Pistenfeuer einer Landebahn. Was natürlich Unsinn ist, die Befeuerung einer Landebahn ist nicht auf dieser Höhe. Und egal, ob oben oder unten, eigentlich dürfte da nichts Vergleichbares sein. Denn um das zu sehen müsste er sich schließlich außerhalb des Flugzeugs befinden.
Himmel, Carver, du bist betrunken. Allerdings spürt er das dumpfe Pochen sich anbahnender Kopfschmerzen, was darauf hindeuten könnte, dass er gerade aus einer Ohnmacht erwacht ist. Möglicherweise ist längst ein neuer Tag angebrochen.
Ein Schatten bewegt sich durch das Licht: ein Mensch, aber seltsam formlos.
Wie eigenartig, denkt er, und auf einmal steht er auf dem St. James’s Cemetery. Die groben Sandsteinmauern des in einer Senke gelegenen Friedhofs ragen zu beiden Seiten fast fünfzehn Meter empor, errichtet auf einem großflächigen, ebenen Areal – dem Grund des einstigen Steinbruchs. Von hier stammt der Sandstein, aus dem im achtzehnten und neunzehnten Jahrhun-dert der Großteil Liverpools erbaut worden war. In westlicher Richtung reicht die steil ansteigende Böschung bis zur Liverpool Cathedral heran. Ein schneidender Wind fegt vom Mersey herüber, der eine Meile entfernt liegt, und gewinnt noch einmal an Kraft, sobald er den höchsten Punkt erreicht hat und zur Sohle des alten Steinbruchs abfällt.
DS Lake neben ihm betrachtet versonnen den Leichnam einer jungen Frau, der auf einem Hochgrab aufgebahrt liegt. Scharf zeichnet der Körper sich gegen den groben Sandstein der Friedhofsmauern ab.
»Wie eigenartig«, sagt sie und bedient sich seiner eigenen gedanklichen Formulierung. Nur dass sie auf das erste Opfer des Dornenkillers blickt, das war vor einem Jahr, also bedient er sich in Wirklichkeit ihrer Worte. Ach ja, und war er nicht vor einer Minute noch ganz woanders? Mit Rotorenlärm im Hintergrund und grellen Lichtern, die über ihn hinwegjagten?
Das Opfer ist vollständig bekleidet, doch es ist genug nackte Haut zu sehen, um zu erkennen, was man ihr angetan hat. Die Muster sind in ihre Haut geätzt: Augen, die etwas verbergen, halb geschlossen. Die etwas verbergen? Wie kommt er denn darauf? Tali – Tali Tredwin lautet ihr Name. Zu dem damaligen Zeitpunkt kannten sie ihn noch nicht, aber jetzt erscheint er ihm wichtig.
Jemand ruft: »Greg. Greg Carver?«
Im ersten Moment denkt er, es sei Ruth.
»Verdammt, nicht so laut«, will er brüllen. »Merkst du nicht, dass ich höllische Kopfschmerzen habe?« Doch unvermittelt ist er in Dunkelheit gehüllt, und Ruth ist verschwunden. Ein gleißender Blitz, gefolgt von stechenden Schmerzen hinter den Augäpfeln.
»Beide Pupillen sind gleich groß und reagieren auf Licht«, sagt jemand.
Die Stimme kommt Carver nicht bekannt vor. Er versucht zu sprechen.
»Relativer afferenter Pupillendefekt positiv, linkes Auge«, stellt die Stimme fest. »Können wir bitte einen mobilen CT-Scanner bekommen?«
Carver hat das Gefühl, antworten zu müssen, kriegt aber immer noch keinen Ton heraus.
Die Schatten huschen geisterhaft über ihn hinweg. Wenigstens sind die Triebwerke verstummt. Irgendetwas stimmt hier nicht. Er war in seiner Wohnung und trank. Da war noch jemand. Eine Frau. Er weiß noch, dass sie Sex hatten. In der Wohnung? Nein, woanders, aber der Ort fühlt sich vertraut an. Er schreit die Frau an. Eine Waffe. Hatte ich eine Pistole in der Hand? Wieder dieses grelle Blitzen, dann weitere Schatten. Jemand geht durch seine Wohnung. Jetzt – oder damals? Die Zeiten geraten durcheinander. Außerdem warst du nicht in der Wohnung – nicht mit dieser Frau.
Aber wo dann? Plötzlich trifft ihn die Erkenntnis: da/nicht da; geisterhafte Gestalten; Düsentriebwerke; und die Landebahnbefeuerung über seinem Kopf – das alles folgt der wirren Logik eines Traums. Er braucht nur aufzuwachen.
Im nächsten Augenblick ist er wieder in der Wohnung, die Präsenz im Raum ist greifbar, ein vager Umriss, ein dunkles Etwas, das sich seinem Sichtfeld entzieht. Er will den Kopf drehen, ist aber wie gelähmt. Die Angst ist erdrückend, schwer lastet sie auf seiner Brust. Nachtschreck, denkt er. Er hatte schon des Öfteren solche Angstzustände – in der Regel nach einem heftigen Be-säufnis. Wenn er sich nur bewegen könnte – einen Finger, eine Augenbraue –, dann würde er aufwachen, und der Albtraum hätte ein Ende.
Der Schatten senkt sich auf ihn herab, starrt ihm ins Gesicht. Ruth. Eine Welle der Erleichterung durchströmt ihn. Ruth, will er sagen, ich bin stockbesoffen, dieser Traum ist grauenvoll. Weck mich verdammt noch mal auf.
Aber er blinzelt nur, und sie ist verschwunden.
Geräusche, Bewegung. Seine Augen wollen nicht scharfstellen. Er kann sich nicht bewegen, doch die Furcht einflößende Präsenz ist fort, und die bleierne Schwere auf seiner Brust lässt nach – er kann wieder normal atmen. Jenseits der Vorhänge seines Wohnzimmers blinkt Blaulicht, er muss an ein Rave-Event denken, auf dem er mit Emma war. Er hört das Knattern von Hubschrauberrotoren. Dann senkt sich erneut Dunkelheit über ihn.

Dieses Ermittlerduo geht unter die Haut

Greg Carver

Detective Chief Inspector Greg Carver, Alter 37, leitender Ermittler im Dornenkiller-Fall; impulsiv und intuitiv, nimmt es mit Regeln nicht so genau; die Arbeit an dem Fall belastet Carver, er gerät immer mehr aus der Bahn, trinkt zu viel; inzwischen von Ehefrau Emma getrennt.

Ruth Lake

Detective Sergeant Ruth Lake, ausgebildete CSI, „Super-Recogniser“, erkennt Gesichter jederzeit wieder, auch aus größeren Menschenmengen heraus; interessiert sich für Körpersignale und Körpersprache, „liest“ in Menschen.

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