Der Fremde aus Paris von Isabella Hammad

Von klassischer Brillanz und unerhörter Aktualität.

Montpellier, zu Beginn des Ersten Weltkriegs: Als der junge Palästinenser Midhat von Bord eines Dampfers aus Alexandria geht, ist das für ihn der Aufbruch in eine strahlende Zukunft. Begierig wirft er sich in sein Medizinstudium, saugt die französische Kultur auf, verliebt sich in die emanzipierte Jeannette. Doch in den vom Krieg aufgeschreckten bürgerlichen Salons bleibt Midhat ein Fremder - und muss lernen, wie zerbrechlich alles ist: aus Freunden werden Feinde, aus Liebe wird Verrat. Er flüchtet sich in das exzessive Treiben in Paris und von dort zurück in die strenge väterliche Obhut nach Palästina. Doch auch aus seiner Heimat ist im Streben um Unabhängigkeit mittlerweile ein Pulverfass geworden...

Virtuos erzählt Isabella Hammad vom Leben eines Grenzgängers und Wurzellosen. Es ist der bewegende Roman einer Liebe zwischen den Kulturen und das Epos einer Zeitenwende.

»Dass dieser grandiose Roman das Debüt einer Autorin in den Zwanzigern sein soll, scheint unmöglich und ist dennoch wahr. Isabella Hammad ist ein ungeheures Talent und ihr Buch ein Wunder.« Zadie Smith

Weitere Pressestimmen zum Buch

»Ein fesselnder historischer Roman, eine ergreifende Liebesgeschichte und eine eindrucksvolle Familiensaga.« - Jonathan Safran Foer

»Ein opulentes Epos über die Widerstandskraft der Liebe.« - VOGUE

»Ein fantastischer Roman, der tief eintaucht in eine turbulente Vergangenheit, aber aus der Perspektive unserer unsicheren Gegenwart.« - The New York Times

»Eine visionäre Schriftstellerin.« - The Economist

»So gegenwärtig wie klassisch.« - The Bookseller

»Eine Geschichte, die ins Herz trifft und den Verstand. (...) Man kann sich fallenlassen und genießen.« - Publishers Weekly

»Ein unglaublich kraftvolles Debüt. Isabelle Hammad ist eine großartige neue Stimme.« - Nathan Englander

»Die Genauigkeit, mit der The Parisian sowohl ein einzelnes Leben wie auch die großen politischen Umstürze heraufbeschwört, ist beeindruckend.« - Independent

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1.
Auf dem Dampfer von Alexandria nach Marseille gab es einen weiteren Araber, er hieß Faruq al-Azmeh. Am zweiten Tag der Reise steuerte er mittags auf Midhat zu, einen Teller mit Toast und eine Gebetskette aus Bernstein in den Händen. Er setzte sich, zupfte an den Aufschlägen seines Hemdes
und erklärte ohne Umschweife, er sei auf dem Rückweg von Damaskus, um seine Tätigkeit als Sprachdozent an der Sorbonne wieder aufzunehmen. Er habe Paris bei Ausbruch des Krieges verlassen, wolle nach dem Wunder an der Marne aber unbedingt zurückkehren.
Er hatte graue Augen und einen kantigen Kopf.
»Baris.« Er seufzte. »Dort ist mein Leben.«
Diese Worte beflügelten die Phantasie des jungen Midhat Kamal. Er stellte sich Rampenlichter vor,
die einen Tanzsaal voller Frauen beleuchteten. Er musterte Faruqs Kleidung, den graublauen Dreiteiler
und die indigoblaue Krawatte mit der silbernen Nadel in Vogelgestalt.
Ein schlichter Spazierstock aus dunklem Holz lehnte am Tisch.
»Ich will Medizin studieren«, sagte Midhat. »An der Universität Montpellier.«
»Bravo«, sagte Faruq.
Midhat lächelte, als er nach der Kaffeekanne griff. Auf einmal entspannten sich Muskeln, deren Verkrampfung ihm gar nicht bewusst gewesen war.
»Sie besuchen Frankreich zum ersten Mal«, sagte Faruq.
Midhat nickte stumm. Fünf Tage waren vergangen, seit er in Nablus von seiner Großmutter Abschied genommen hatte und auf einem Maulesel nach Tulkarem geritten war. Von dort war er mit der Haifa-Bahn
bis El Qantara gefahren und in den Zug nach Kairo gestiegen. Nach ein paar Tagen im Haus seines Vaters war er in Alexandria an Bord des Schiffes gegangen. Er hatte sich an die endlose Wasserfläche gewöhnt, von weißen Schaumkronen durchsetzt und silbern glitzernd im Sonnenlicht.
Mittagessen gab es um eins, Tee um vier, Dinner um halb acht, und anfangs
saß er allein da und beobachtete, wie die Europäer mit Messer und Gabel aßen. In einem vollen Raum entwickelte er die Angewohnheit, nach dem roten Schopf des Kapitäns Ausschau zu halten, ein Franzose namens Gorin, und nach dem Dinner sah er zu, wie dieser die Brücke, wo er dem Steuermann Anweisungen gab, betrat und wieder verließ. Gestern hatte er sich dann einsam gefühlt. Urplötzlich.
Als er am Bug saß und auf den Kapitän wartete, wurde ihm sein an der Bank lehnender
Hinterkopf bewusst, ein Gefühl, das auf bizarre Art schmerzhaft war. Er spürte, wie seine Beine aus dem Becken ragten. Seine Nase, sonst unsichtbar, wuchs auf die doppelte Größe an und ragte ins Blickfeld. Seine ganze Gestalt war eine harte, schwere, wunde Last, sein Herz schlug rasend schnell.
Er glaubte, das Gefühl werde verfliegen. Aber so war es nicht, und abends fand er die Gespräche mit dem
Quartiermeister, den Stewards im Speisesaal und den anderen Passagieren überraschend mühsam.
Sie merkten doch sicher, wie wund seine Haut war. Nachts drückte er immer wieder auf die Aufzugskrone seiner Taschenuhr und klappte den Deckel über dem weißen Zifferblatt auf. Das Ticken schläferte ihn ein. Dann erwachte er wieder, und wenn er im weiteren Verlauf der Nacht nach der Uhrzeit schaute,
bildete er sich ein, in den langsam vorrückenden Zeigern die Regungen eines monströsen Geschöpfs erkennen zu können. Deshalb lächelte er seinen neuen Freund nun erleichtert an.
Er hatte das Gefühl, dass seine zuletzt harten Konturen etwas weicher wurden.
»Welche Vorstellung haben Sie?«, fragte Faruq.
»Wovon? Von Frankreich?«
»Vor meiner Ankunft hatte ich zig Bilder im Kopf. Manche erwiesen sich als zutreffend.
Manche waren …« Er drückte die Lippen mit den Fingern zusammen und lächelte selbstironisch.
»Perücken zum Beispiel waren eine fixe Idee von mir. Sie wissen schon, künstliche Haare. Ich kann nicht genau sagen, wie ich darauf gekommen war, vermutlich hatte ich eine alte Zeichnung gesehen.«
Midhat brummte, als würde er nachdenken, und schaute aus dem Fenster aufs Meer.
Sein Gymnasium in Konstantinopel hatte sich am französischen Lycée orientiert.
Die Lehrbücher waren allesamt aus Frankreich importiert, genauso die Hälfte der Lehrer
und die meisten Möbel. Die Schüler hatten auf Korbgeflechtstühlen mit Sprossenlehne gesessen,
La poésie épique en Grece gelesen und sich die Namen der Elemente in einer Mischung aus Französisch
und Latein eingeprägt. Sie waren erst auf dem Flur wieder ins Türkische,
Arabische oder Armenische verfallen. Wenn etwas zuerst auf Französisch formuliert worden war,
blieb es dabei, sodass Midhat, um Beispiele zu nennen, seine inneren Organe als »le poumon« und »le coeur«, »le cerveau« und »l’encéphale« bezeichnete und auch die verschiedenen philosophischen
Konzepte auf Französisch verinnerlicht hatte, etwa »l’altruisme« oder »la condition humaine«.
Doch obwohl er fünf Jahre lang tief in alles Französische eingetaucht war, rang er um ein Bild Frankreichs, das sich von der Möblierung jenes Klassenraums löste, von dem aus man in den heißen türkischen
Himmel blickte. Selbst jetzt, von diesem Dampfer aus betrachtet, lag die Provence in einem Nebel und hinter der Krümmung des Erdballs verborgen.
Er sah wieder Faruq an. »Ich habe keine Vorstellung von Frankreich.«
Er rechnete mit Faruqs Verachtung. Aber der zuckte nur die Schultern und senkte den Blick auf den Tisch.
»Waren Sie mal in Montpellier?«, fragte Midhat.
»Nein, ich kenne nur Paris. Die Universität ist natürlich berühmt für ihre medizinische Fakultät.
Rabelais hat dort studiert, nicht wahr?«
»Ah, Sie haben Rabelais gelesen!« Faruq lachte in sich hinein.
»Nehmen Sie ein bisschen Marmelade, bevor ich alles verputzt habe.«
Nach dem Frühstück zog sich Faruq in seine Kabine zurück, und Midhat ging an Deck und setzte sich an den Bug. Er betrachtete das Meer und lauschte dem Gespräch einer Gruppe europäischer Amtsträger – Niederländer, Franzosen, Briten –, die sich auf der Bank nebenan laut unterhielten, zuerst über die Technik des Schiffes, danach über den deutschen Vorstoß auf Paris. Er verstand sie nur teilweise. Unter Midhats Füßen knarrten Planken: Ein Kind tollte über das Deck. Im Hintergrund verglichen zwei junge Frauen Postkarten, der Wind spielte mit den Troddeln ihrer Sonnenschirme.
Gestern beim Dinner hatten diese Mädchen ihre herrlichen Haare wie Hüte präsentiert, in Wellen gelegt und mit Juwelen geschmückt, die im Schein der Lüster glitzerten. Nach einer Weile wurde die Tür der Brücke geöffnet, und ein rothaariger Mann, Kapitän Gorin, erschien und ließ die Knöchel knacken.
Ein uniformierter Amtsträger sprang von der Bank, um ihn anzusprechen,
und als Gorin die Lippen bewegte – Midhat konnte seine Worte wegen des Windes nicht verstehen –, vertieften sich die Falten in seinem Gesicht. Gorin zündete sich eine Zigarette an, die er mit beiden Händen vor dem Wind schützte, löschte das Streichholz durch ein Schütteln und barg die Glut der Zigarette dann in der hohlen Hand. Der andere Mann verschwand, und Gorin lehnte an der Reling und rauchte.
Seine Locken flatterten; sie schienen lose am Kopf befestigt zu sein. Er schnippte den Stummel über Bord und ging unter Deck. Midhat beschloss, ihm zu folgen. Gorin verschwand gerade in der Luke, da ging Midhat an den lauten Europäern vorbei und schwang sich hinter dem Kapitän die Metalltreppe hinunter.
Die erste Tür des Ganges öffnete sich zu einem Salon voller Menschen.
In einer Ecke spielte ein Grammophon. Als er Ausschau nach Gorin hielt, begegnete er dem Blick Faruqs,
der an einem Tisch saß, vor sich einen Bücherstapel.
»Schön, Sie zu sehen«, sagte Faruq. Er hatte sich umgezogen, trug nun einen dunklen Anzug und eine gelbe Krawatte mit grünen Sechsecken.
»Die habe ich Ihnen mitgebracht. Mehr habe ich nicht dabei. Ein paar Gedichtbände … wieder mal Gedichte, diese sind tatsächlich recht gut … und Die drei Musketiere. Das ist die Basislektüre für jeden jungen Mann, der zum ersten Mal nach Frankreich reist.«
»Vielen Dank.« »Ich hole uns etwas zu trinken, und dann üben wir Französisch. Whisky?«
Midhat nickte. Er setzte sich und griff, um seine Nervosität zu verbergen, nach Die drei Musketiere.
Er schlug blind die Seite mit dem Vorwort des Autors auf.

Als ich in der königlichen Bibliothek für meine Biographie Ludwigs des XIV. recherchierte,
stieß ich durch Zufall auf die Memoiren von M. D’Artagnan, gedruckt –
wie die meisten Werke jener Epoche, deren Autoren …


Zwei Gläser, halb voll mit schwappender Flüssigkeit, glitten über den blank polierten Tisch.
»Santé. Also, ich möchte Ihnen einiges erklären. Sind Sie bereit?«
Faruq lehnte sich auf der Bank zurück und zog, als er nach dem Drink griff, mit der anderen Hand die Gebetskette aus der Tasche.
»Zunächst einmal die Französinnen. Sie finden das vielleicht komisch, aber man behandelt sie wie Königinnen. Man lässt sie stets als Erste einen Raum betreten. Prägen Sie sich das ein. Machen Sie sich darauf gefasst, dass Ihnen manches Unbehagen bereiten wird. Versuchen Sie, offen zu sein.
Bleiben Sie Ihren Wurzeln treu, auf Französisch würde man sagen: Rester fidele a vos racines, fhimet alay? Ich habe viele französische Freunde. Und spanische. Die Spanier gleichen den Arabern – die Franzosen sind anders. Die meisten sind Christen, denken Sie an Ihre christlichen Freunde in Nablus.
Ich nehme an, Sie haben in Palästina französische Pilger kennengelernt oder wenigstens gesehen.
Gibt es Missionare in Nablus?«
»Ja. Aber ich bin auch in Konstantinopel zur Schule gegangen. Ich kenne viele Christen.«
Faruq hörte nicht zu. »Nun, Sie sollten wissen, dass Missionare anders sind als ihre Landsleute daheim. Zunächst: Die Franzosen sind nicht besonders religiös. Erschrecken Sie also nicht, wenn sie sich küssen, Alkohol trinken und so fort.« Midhat lachte, und Faruq sah ihn erstaunt an.
Und weil Midhat beweisen wollte, dass er sich nicht erschrecken würde, trank er einen Schluck.
Er hatte das Gefühl, Parfüm zu trinken; er schmeckte den Whisky in der Nase.
Mit sechzehn hatte er im Schlafsaal seiner Schule heimlich Whisky gekostet. Er benetzte damals nur seine Zunge; der Junge, der die Flasche besorgt hatte, leerte sie mit seinem Komplizen, und als der Schuldirektor am nächsten Morgen ihren Alkoholatem witterte, bekamen die beiden Hiebe und wurden für drei Tage
vom Unterricht suspendiert.
»Vieles werden Sie auch mögen. Die Denkweise und die Lebensweise sind sehr kultiviert. In dieser Hinsicht gibt es gewisse Parallelen zwischen Damaskus und Paris, finde ich.«
»Und Nablus«, ergänzte Midhat.
»Ja, Nablus ist schön.« Faruq nippte und atmete aus. »Bei wem wohnen Sie in Montpellier?«
»Im Haus von Doktor Molineu. Ein Akademiker.«
»Ein Akademiker! Aha. Das wird Ihnen gefallen.«
Midhat war es egal, dass Faruq zu wissen meinte, was ihm gefiel. Er fasste das als Zeichen der Verbundenheit auf. Er wollte allem zustimmen, was Faruq sagte. Die restlichen vier Tage auf See verbrachte er damit, auf dem Oberdeck Faruqs Bücher zu lesen. Oder das Meer zu betrachten,
während die Bücher offen in seinem Schoß lagen; wegen des Windes legte er eine Hand auf die Seiten und sprach gelegentlich einen Satz vor sich hin. Er hatte sich wieder entspannt, und seine Gedanken schweiften in Tagträume ab. Er schwelgte vor allem in drei Szenarien.
Da war zunächst einmal eine Pariserin mit Schwanenhals, die sich in Jerusalem verirrt hatte und der er in perfektem Französisch den Weg nach al-Haram al-Scharif beschrieb. Ein Beobachter, meist ein Amtsträger aus Nablus, berichtete von diesem Vorfall, woraufhin Midhat als Mann von großer Güte und hoher Sprachbegabung gerühmt wurde. In der zweiten Phantasie sang er eine dal’ona – »ya tayrin taayir fis-sama’ al-aali; sallim al-hilu al-aziz al-ghali« –, was die Leute, die sein Fenster passierten und hörten, wie er die Kluft zwischen sich und der imaginären Geliebten beklagte, zu Tränen rührte.
In der dritten Phantasie rettete er einen Passagier, der über Bord zu gehen drohte, indem er ihm mit der
Eleganz eines Tänzers einen Arm um die Taille warf. Die Zuschauer applaudierten. Diese Tagträume erhöhten sein Selbstvertrauen. Sie vermittelten ihm das Gefühl, sich geschmeidig durch sein Umfeld zu bewegen; sie schenkten ihm Sicherheit, wenn er einen Raum betrat. Er nahm in regelmäßigen Abständen eine Dosis dieser Träume zu sich, als wären sie eine Medizin, und tauchte Minuten später gestärkt und erfrischt daraus auf.
Auf diese Weise gelang es ihm, seine Konturen etwas aufzuweichen – die ihn nun doch wieder beengten.
Im Hafen von Marseille schüttelte Faruq Midhats Hand und drückte seinen Arm.
»Viel Glück. Und Kopf hoch. Sie müssen mich in den Ferien unbedingt in Saint Germain besuchen.«
Der Zug nach Montpellier fuhr eine Stunde später. Die Nacht senkte sich auf eine an Palästina erinnernde Landschaft: zerklüftete Hügel, verdorrte Vegetation. Midhat schlief, den Kopf gegen die vibrierende Scheibe gelehnt, und kämpfte sich am Morgen benommen durch zwei weitere Kapitel
von Die drei Musketiere, während die Hügel am Horizont eine wellige Linie bildeten, Regentropfen gegen die Scheibe prasselten und zitternd nach unten liefen. Nach dem Mittagessen schlief er wieder ein.
Als der Ruf »Montpellier!« ertönte, war es Viertel vor fünf, und er stand auf und folgte den anderen Reisenden auf den Bahnsteig. Er war ausgelaugt und musste sich dringend waschen.
Die Vorderseite des Bahnhofs von Montpellier ähnelte der eines Tempels. Midhat schleppte seine Reisetruhe zwischen die Säulen und beobachtete die Passanten und Automobile,
die sich über den Platz bewegten. Er wusste nicht, wie Doktor Molineu aussah.
In den Briefen der Universität war er nicht beschrieben worden, und so kam jeder Mann in Frage,
der gerade vorbeiging. Vielleicht die magere Person mit den langen Frackschößen,
die Midhat neugierig betrachtete? Oder dieser ältere Herr, der mit seiner Brille eindeutig wie
ein Gelehrter wirkte? Aber dann setzten alle ihren Weg fort, kamen nicht auf ihn zu, wie es sein Gastgeber getan hätte. Der Mann neben dem Fahrkartenschalter starrte ihn an, allerdings viel zu aufdringlich,
und Midhat wich seinem Blick aus. Die Menge vor dem Bahnhof lichtete sich, und ein Laternenanzünder trug seine Leiter zwischen die Pfähle. Ein Schwarm von Krankenschwestern eilte über den Platz zum Eingang eines gegenüberliegenden Gebäudes, wo jede ihren Regenschirm ausschüttelte. Die Glut einer Zigarette spiegelte sich in einer Pfütze und verschwand; dann ging jemand rechts an Midhat vorbei.
Der Mann hatte einen buschigen blonden Schnurrbart und war eindeutig zu jung, um der Doktor zu sein – und als er näher herankam, bemerkte Midhat, dass er unfreundlich dreinschaute und die Augen,
bekränzt von blonden Wimpern, nicht auf sein Gesicht richtete, sondern auf den Fez.
Der Mann tippte gegen die Krempe seines eigenen flachen Hutes. Midhat erkannte darin die französische Respektbezeugung, eine Geste, die man im Vorbeigehen ausführte, im Gegensatz zum Ziehen des Hutes, mit dem man beweisen wollte, dass sich darunter nichts verbarg.
Zugleich wurde er das dumpfe Gefühl nicht los, dass der blonde Mann ihn auf die fehlende Krempe an seinem Fez hinweisen wollte. Er runzelte die Stirn, und der Mann verschwand in einer Seitenstraße.
»Monsieur Kamal?«
Auf dem Bahnhofsvorplatz reckte eine junge Frau einen Arm. Kurze, braune Locken umgaben die Ohren unter ihrer Mütze. Als sie auf ihn zukam, bewegte sich die Querfalte ihres Rockes über ihrem Schoß.
Er zögerte. »Bonjour. Je m’appelle Midhat Kamal.«
Als die Frau lachte, bildeten sich Falten unter ihren Augen.
»Et je m’appelle Jeannette Molineu.«
Jeannette Molineu hielt ihm eine bleiche Hand mit knochigen Fingern hin. Midhat ergriff sie; ihre Finger waren kalt. Es war sonderbar, dass er von einer Frau abgeholt wurde, aber dann fiel ihm ein, was Faruq über französische Frauen erzählt hatte, und er folgte Jeannette zu einem großen grünen Automobil,
das auf dem Bahnhofsvorplatz stand.
»Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu lange warten lassen«, sagte sie, öffnete die Tür und glitt auf den knarzenden Rücksitz. »Wie war die Reise?«
»Sie war … ich war tagelang unterwegs.«
Der Chauffeur fuhr schnell, und der Motor übertönte ihre Stimmen. Midhat sah durch das Fenster, wie sich die Stadt hob und senkte und in Gassen verästelte, auf deren Bürgersteigen Schwärme von Regenschirmen aufgeklappt oder geschlossen wurden. Sie bogen in eine schmale Straße ein, gesäumt von Häusern mit schwarzen Balkonen und Terrakotta-Dachziegeln. Das Automobil wurde langsamer.
»Diese Stadt«, sagte Midhat, »ähnelt Nablus. Die zwei Berge, die Gebäude aus Stein, die kleinen Straßen. Aber sie ist größer, und der Stein ist gelber.«
»Sie stammen aus Nablus?«
»Ja. Und Sie wurden hier geboren.«
»Nein«, sagte Jeannette lächelnd, »ich bin in Paris aufgewachsen. Mein Vater und ich sind vor etwa vier Jahren hierhergezogen, als er die Stelle an der Universität antrat. Und ich habe hier mein baccalauréat gemacht.« »Doktor Molineu ist Ihr Vater?« »Aber ja.«
»Ah. Und Ihr Mann?«
»Ich bin noch unverheiratet. Pisson, fährst du uns bitte durchs Zentrum? Dies ist die Rue de la Loge, die größte Einkaufsstraße. Und an ihrem Ende liegt der Place de la Comédie. Montpellier ist klein, Sie werden sich rasch zurechtfinden. Ich fürchte, man sieht nicht mehr viel, weil es schon so dunkel ist.«
Midhat warf einen Blick auf das Gesicht von Jeannette Molineu. Die Schatten zwischen den Straßenlaternen ließen ihre Augen groß und schwarz wirken, sie warfen unzählige Flecken auf ihre blasse Haut und verliehen der schmalen Oberlippe größere Fülle. Während der Fahrt wechselten Schatten
und Licht, und wenn sie durch den grellen Laternenschein fuhren, kehrte sich der Effekt um.
Die Straße wurde breiter, ihre Ränder grasig. Pisson bog um eine Ecke, drosselte das Tempo vor zwei offenen Torflügeln und fuhr knirschend auf eine Auffahrt, auf die das Licht der Fenster eines großen Hauses fiel. Ein Hausmädchen knickste in der Tür, als Midhat von Jeannette in die Eingangshalle
geführt wurde. Zwischen gerahmten Bildern waren elektrische Lampen montiert, und neben einer Treppe, die sich auf der rechten Seite nach oben schwang, hing ein großer Spiegel. Eine offene Tür enthüllte eine cremefarbene Tapete und die schwarze, glänzende Hüfte eines Klaviers; dann erschien ein grauhaariger
Mann mit Hängebacken und figurbetontem Anzug.
»Bienvenue, bienvenue, Monsieur Kamal. Frédéric Molineu. Ich bin Ihr Gastgeber.«
»Guten Abend. Mein Name ist Midhat Kamal. Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Na, kommen Sie! Bonjour, mein Lieber, ich bin hocherfreut, wirklich – hocherfreut.«
Molineu schüttelte Midhat begeistert die Hand, umschloss sie kurz auch mit der anderen. Midhat wollte es ihm gleichtun, aber seine Finger waren schon wieder in die Freiheit entlassen worden. Sein Gastgeber breitete die Arme aus, eine Geste des Willkommens.
»Bitte fühlen Sie sich wie zu Hause. Es ist uns eine Ehre, Sie zu Gast zu haben, und wir freuen uns darauf, Ihnen zu zeigen, wie wir leben. Aber zuerst ein Aperitif, bitte folgen Sie mir.«
Der Salon war in Blau gehalten, zwischen Polstersofas stand ein Tisch, bekrönt von einem Silbertablett mit vier Kristallgläsern. Glastüren führten auf eine Terrasse mit gusseisernem Tisch und Stühlen, dahinter lag ein halbdunkler Rasen. »Ich merke, dass Sie zögern.«
Doktor Molineu lüpfte die Hose über den Knien, als er sich setzte.
»Aber das ist keinAlkohol. Man nennt das cordial. Absolut alkoholfrei. S’il vous plaît, Monsieur, asseyez-vous.« Midhat nahm auf einem Sofa Platz und spürte sofort, wie erschöpft er war.
Jeannette fragte: »Wann kommt Marian?«
Nun, da Vater und Tochter nebeneinandersaßen, fielen Midhat die Ähnlichkeiten auf.
Beide hatten einen direkten Blick.
Das Kinn des Doktors war markant, Jeannettes hingegen fliehend und mit einem Grübchen geschmückt. Sie hatte die Mütze abgesetzt; ihre Locken kräuselten sich nur um die Ohren, oben waren
ihre Haare platt gedrückt. Sie hatte feine Züge, und die Fältchen unter ihren Augen waren
keineswegs ein Makel, sondern steigerten ihre Schönheit. Trotz ihrer Schlankheit hatte sie breite Schultern, aber dieser Eindruck entstand vielleicht, weil sie so krumm dasaß. Midhat senkte den Blick und presste den
Daumen gegen den Stiel seines kalten Glases.
»Später, mein Liebling. Marian ist meine Nichte. Sie heiratet nächste Woche, Sie werden also eine französische Hochzeit erleben! Hochzeitszeremonien sind der eigentliche Schlüssel zum Verständnis einer Kultur. Wenn man eine Hochzeit miterlebt, versteht man die ganze Gesellschaft. Wie war die Reise?«
»Die Reise hat sehr lange gedauert. Deshalb bin ich müde. Das schmeckt wirklich köstlich.«
»Ihr Französisch ist hervorragend«, sagte Jeannette.
»Danke. Ich habe in Konstantinopel eine französische Schule besucht.«
»Ihre ersten Eindrücke würden mich sehr interessieren«, sagte der Doktor. »Hat Jeannette Ihnen die Stadt gezeigt?«
»Er ist müde, Papa. Wir sind durch die Innenstadt gefahren. «
»Die Stadt ist sehr schön«, sagte Midhat.
»Gut. Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl hier. Montpellier ist nicht groß, und ich nehme an, Sie wollen zu Fuß zur Fakultät gehen, solange das Wetter gut ist. Pisson wird Ihnen während der ersten Tage beistehen. Und am Montag, je crois qu’il y a une affaire d’inscription, und dann, Sie wissen schon, tout va de l’avant.«
Dieser Redeschwall enthielt mehrere Worte, die Midhat nicht verstand. Er nickte.
»Das Gebäude ist wunderschön«, sagte Jeannette. »Die Fakultät. Es war mal ein Kloster,
müssen Sie wissen.« »Ah, merci«, sagte Midhat zu dem Hausmädchen, das mit der Karaffe neben ihn getreten war. »Bikfi – Verzeihung, das ist genug. Nein, das wusste ich nicht.«
Molineu lehnte sich zurück und sah zur Decke auf. Sein Gesicht war zerfurcht,
das Haar von Weiß durchsetzt. Er war noch schlank, und wie unter der Hose zu erkennen war,
hatte er muskulöse Beine. Er schnellte nach vorn, die Hände auf die Knie gelegt, seine Hacken schlugen auf den Fußboden. »Großartig, dass Sie da sind. Ich fürchte, wir werden Sie mit Fragen bombardieren.
Ich bin Sozialanthropologe. Ich brenne vor Neugier.«
Midhat verstand die letzte Formulierung nicht. Doch Molineu hatte die Fingerspitzen auf sein Herz gelegt, was Midhats Puls beschleunigte, weil er glaubte, Molineu hätte Herzprobleme und würde auf einen ärztlichen Rat hoffen.
»Ich muss noch viel lernen«, sagte er. »Ich stehe ganz am Anfang.«
»Selbstverständlich, selbstverständlich. Man lernt nie aus. Was uns betrifft, so stehen wir in vieler Hinsicht natürlich nicht mehr am Anfang.«
»Leben Sie in der Nähe von Jerusalem?«, fragte Jeannette.
Eine der Phantasien, in denen Midhat auf dem Schiff geschwelgt hatte, flammte in seinen Gedanken auf – er sah die erfundene Pariserin vor sich, die durch die Altstadt Jerusalems irrte. Er spürte ein heißes Prickeln im Nacken und sagte auf Französisch so schnell wie möglich: »Wir leben nördlich von Jerusalem.
Fünf bis sechs Stunden entfernt. Der Weg ist nicht ungefährlich. Er führt über den Ain al-Haramija, einem Pass zwischen zwei Bergen. Und nach neun Uhr abends, jedenfalls so ungefähr, lauern dort Räuber.«
»Aina … wie lautet der Name?«, fragte Doktor Molineu.
»Ain al-Haramija, yaani, das bezeichnet den Ort, wo es Wasser gibt. Ich kenne die französische Bezeichnung nicht.«
»Das Meer?«
»Nein, im Boden.«
»Fluss? See?«
»Nein, im Boden. Das Wasser kommt von unten …«
»Eine Quelle?«
»Quelle, Quelle. Ain al-Haramija heißt ›Quelle der Räuber‹.«
Ein Klingeln ertönte, und Sekunden später trat Georgine, das Hausmädchen, in den Salon.
»Mademoiselle Marian und Monsieur Paul Richer.«
Die junge Frau, die in der Tür stand, trug ein grünes Kleid und glänzende grüne Schuhe. Hinter ihr erschien ein Schopf roter Locken, und Midhat erkannte auf Anhieb Gorin, den Kapitän des Dampfers.
»Bonsoir, Kapitän«, sagte er.
Jeannette fuhr zu ihm herum, als der rothaarige Mann sagte: »Bonsoir.«
Er erwiderte Midhats Nicken und streckte ihm die Hand hin.
»Ich heiße Paul Richer. Ist mir ein Vergnügen.«
»Hallo«, sagte Marian.
»Marian ist unsere junge zukünftige Braut«, sagte Doktor Molineu.
Während sich alle setzten, starrte Midhat das wettergegerbte Gesicht des Mannes an, den er als Kapitän Gorin kannte. Er glaubte, Fieber zu haben. Das Hausmädchen brachte zusätzliche Gläser für den Likör,
und die Müdigkeit überkam ihn in Schüben; er trotzte ihr, indem er ein Bein, einen Arm,
einen Fuß bewegte, alles, um präsent zu sein, hier auf diesem Sofa, in diesem blauen Salon.
»Unfassbar, dass es bald so weit ist, liebe Marian«, sagte Jeannette.
»Dies ist unser junger Gast aus dem Proche-Orient«, sagte der Doktor, »Monsieur Kamal, der hier Medizin studieren will. Er ist gerade erst angekommen. Wir dürfen wohl vermuten, dass er sich gerade etwas désorienté fühlt.«
»Papa.«
»Vraiment!«, sagte der Mann, der Kapitän Gorin war oder auch nicht. »Woher stammen Sie?«
»Aus Nablus. Das liegt nördlich von Jerusalem und südlich von Damaskus.«
»Magnificent.«
»Er will Arzt werden«, sagte Jeannette.
Midhat verdrehte den Oberkörper. Diese Haltung hielt ihn wach. Außerdem konnte er so das Gesicht von Paul Richer erneut in Augenschein nehmen. Dabei wurde ihm klar, dass es doch nicht
Kapitän Gorin war. Weder der rötliche Backenbart noch die braun gebrannten Wangen kamen ihm bekannt vor. Dies war ein Fremder namens Paul Richer, und das Lächeln, das seine Lippen umspielte, verriet,
dass er den forschenden Blick Midhats bemerkte. Als Midhat dies bewusst wurde, durchfuhr ihn ein ebenso heftiger Ruck wie bei seinem ersten Irrtum, und er wurde von einem säuerlich
schmeckenden Unbehagen erfüllt.
»Monsieur Midhat«, sagte Jeannette. »Sie sind sicher sehr müde. Möchten Sie zu Bett gehen?
Georgine, vielleicht will Monsieur Midhat wissen, wo sein Schlafzimmer ist? Er wirkt … die Reise hat ihn sicher stark ermüdet.« Und so führte man Midhat an diesem 20. Oktober des Jahres 1914, kurz vor neunzehn Uhr, in ein Eckzimmer im Obergeschoss des Hauses der Molineus in Montpellier.
Durch das Fenster sah man den dämmerigen Garten und ganz hinten einen hohen Baum.
Das Zimmer hatte eine gelb gestreifte Tapete, und gegenüber des Bettes, neben dem Kamin, stand ein
Holzstuhl vor einem Tisch, darauf eine Vase mit Lilien, deren orangener Blütenstaub auf den glänzenden Lack rieselte. Seine Reisetruhe stand neben dem Kleiderschrank.
Er zog die Schuhe aus und sank auf das Bett. Auf dem Rücken liegend, dachte er wieder an den unten sitzenden Fremden namens Paul Richer und versuchte, sich den Kapitän vor Augen zu führen.
Rote Locken, Wangenfalten. Alle anderen Details blieben verschwommen.
Er spürte immer noch das Schwanken des Meeres. Die Bilder dessen, was er an diesem Tag erlebt hatte, ballten sich hinter seinen Augenlidern: morgens der Anblick der französischen Küste, die in der blauen Ferne auftauchte; die Passagiere, die vom Frühstück aufstanden und sich vor den Fenstern versammelten; der Hafen von Marseille, das Gedränge vor den Fallreeps, die Automobile, die Pfiffe; Jeannette,
die mit ausgestreckter Hand auf ihn zukam; die abendliche Stadt, aus dem Automobil gesehen;
der Likör, der Salon, das Schlafzimmer, die Decke. Er merkte, dass er die Augen geschlossen hatte,
und öffnete sie wieder. Die Farben waren verblasst. Er lag auf der Seite, der Fußboden
vor dem Fenster schimmerte im Mondschein. Im Dunkeln wirkte das Schlafzimmer geräumig.
Midhat versank in einem Halbschlaf, richtete sich dann aber auf; er fror plötzlich. Jacke ausziehen, Hosenträger abstreifen, Hemd aufknöpfen. Und dann ein Flüstern, ein Klappern – nicht von einem Menschen, sondern von zwei Objekten, die einander streiften. Er starrte die Tür an und bemerkte,
wie sie vom Luftzug aufgedrückt wurde. Sie war nicht richtig zu gewesen.
Er stand auf und drückte die Klinke. Die Tür schwang lautlos auf. Da war der Flur des Obergeschosses. Grau und leer. Die Luft hier war kühler. Der Rand des Läufers, der die Treppe bedeckte,
war leicht nach oben gebogen. Darüber schwang sich das Geländer nach unten.
Und am anderen Ende des Flurs, wo noch tieferes Dunkel herrschte, stand eine Lampe neben einer geschlossenen Tür. Er wich zurück. Er drückte die Tür zu, bis er den Riegel einrasten hörte,
und schlüpfte unter das kalte Laken. Er sah zur dunklen Zimmerdecke auf und schloss die Augen.
Das Bettzeug war nach kurzer Zeit so warm wie seine Haut, und er konnte sich vorstellen,
wieder in Nablus zu sein. Die Erinnerung an eine Zeit, als er im Schlaf gewandelt war, keimte in ihm auf, damals war er etwa vierzehn gewesen. Als ihn der Gebetsruf weckte, fand er sich im Bett neben seiner Großmutter wieder, seiner Teta, die einen Arm um seine Taille gelegt hatte.
Er wollte sich verwirrt und beschämt aufrichten und setzte einen Fuß auf die kalten Fliesen – bis Teta ihm über das Haar strich. Du hast im Schlaf geredet, sagte sie.
Nur keine Sorge, habibi, schlaf wieder ein, habibi.

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Isabella Hammad über ihren Roman

Leserstimmen

Aus der Fremde nach Hause - ohne anzukommen

Von: M.Sch.
24.09.2020

Um es vorweg zu sagen, das Buch "Der Fremde aus Paris" ist ganz nach meinem Geschmack. Es wird eine faszinierende Lebensgeschichte - angelehnt an das Leben des Großvaters der Autorin - erzählt und gleichzeitig bekomme ich als Leser Einblicke in arabische Familienstrukturen, die uns in der westlichen Welt fremd sind. Für mich begann es schon mit dem wunderschönen Cover, welches die Düfte arabischer Gärten und Märkte in meiner Vorstellung beflügelte. Doch was wäre ein eindrucksvolles Buchcover ohne mitreißenden Text? Meine Bedenken, dass ich bei den vielen aufgeführten arabischen Namen nicht den Überblick behalten würde, erwies sich als gegenstandslos.

Was mich an diesem Buch von der ersten Seite an fesselte, war die wunderschöne, fast blumige Sprache der Autorin. Die harten und abgehackten Sätze, wie sie in der modernen Literatur vielfach Verwendung finden, sind nicht ihr Stil. Für mich ein sehr gelungenes Erstlingswerk.

Um den Roman zu verstehen, denken wir uns zurück in die Zeit des 1. Weltkrieges. Midhat, ein junger Palästinenser kommt zum Medizinstudium nach Frankreich und findet sich in einer ihm fremden Kultur. Er ist ein Fremder. Doch er hat das Glück, im Hause eines weltoffenen Mannes wohnen zu dürfen. Nach und nach fühlt er sich heimisch, schließt Freundschaften, verliebt sich in die Tochter des Hauses und glaubt, dazu zu gehören, um letztlich festzustellen, dass er immer ein Fremder blieb. (S.114) "...er ist eindeutig ein Beweis dafür, dass man Araber erziehen kann..." Diese Feststellung seines Gastgebers, bringt ganz deutlich zum Ausdruck wie man ihn einschätzt und verletzt ihn zutiefst. Überstürzt flüchtet er nach Paris, lebt dort mit anderen Arabern und führt ein freies Leben mit vielen unverbindlichen Liebschaften. Midhat, der Frauenliebling. Doch als das Geld aufgebraucht ist, musste er zurück zu seinem Vater. Bis zu dieser Episode lernen wir einen jungen Mann kennen, dem die Welt zu Füßen liegen wird.

Ortswechsel: Midhat ist wieder in Nablus bei seiner Familie. Doch auch hier ist er nun ein Fremder. Zu sehr hatte er sich and das europäische Leben gewöhnt. Ihm bleibt nichts übrig, als ein folgsamer Sohn zu werden und sich dem Willen seines Vaters zu beugen. Nichts bleibt von dem Midhat, der er in Frankreich geworden ist.

Als Leser bekommt man in dem Roman zusätzlich eine geschichtliche Lehrstunde. Waren es zuvor Türken, die das Land eroberten, so bestätigte nun der Völkerbund die Mandate der europäischen Mächte Frankreich und Großbritannien. (S.428) Doch die dortigen Menschen fanden sich mit der Unterdrückung nicht ab und es brodelte. Überall regte sich der Widerstand. Selbst beim Lesen wird man erfasst von dieser Energie der Menschen, dem Aufbruch und dem Wunsch nach Selbstbestimmung. Das Tragen des Kopftuches wird für die Frauen ein Symbol ihrer Abgrenzung zu den Kolonialmächten. Nur Midhat bleibt ängstlich distanziert. Hat ihn sein Vater, die erzwungene Unterordnung - gebrochen? Wie von der Familie gewünscht entschließt er sich zur Brautwerbung (S.430). Es ist, als werde er von seiner Familie gelebt. Ganz deutlich kommt dies auf S. 446 zum Ausdruck: "Er war wütend. Er hatte alles für diesen Mann getan. Hatte sich all seinen Ansichten gefügt, jeder Entscheidung. Und das mit Erfolg!... Midhat hatte das Gefühl, dass sein Leben ein schwankendes Gebilde war, das rings um ihn zusammenbrach." Als Leser hat man Mitleid mit diesem Mann, der es jedem in seiner Familie recht machen wollte, um seine große Liebe betrogen wurde und sich selbst, seine eigenen Wünsche dabei aus den Augen verlor.

Die tiefe persönliche Not von Midhat kommt bei einem Gespräch mit Antoine zutage, als er sagen kann: "Vater... ich vergebe dir".

Die Zeittafel am Ende des Romans erleichtert dem Leser, die geschichtlichen Abfolge der Ereignisse zu erfassen.

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Berührend und bereichernd

Von: pw
23.09.2020

Die Hauptfigur in diesem Roman ist Midhat Kamal, ein Palästinenser, der als junger Mann kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges zum Studium nach Frankreich geschickt wird. Nach fünf Jahren kehrt er in seine Heimat, das palästinensische Dorf Nablus, zurück. Wir verfolgen seine Geschichte und Probleme, die seiner Wegbegleiter und irgendwie auch die des palästinensischen Volkes über gut zwanzig Jahre, also bis in die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Mein erster Eindruck dieses imposanten Werkes von über 700 Seiten war das lange Personenverzeichnis am Anfang – voller arabischer Namen, was mich zunächst ein wenig schockierte. Würde ich damit klarkommen? Aber ich überschlug dann diese Seiten und widmete mich der Handlung. Schließlich würden die Personen nicht alle gleichzeitig auftreten, sondern ich könnte sie nach und nach kennenlernen, so dass ich mit den Namen dann konkrete Figuren verbinden könnte. Eine goldrichtige Entscheidung!

Ich war sofort in die Handlung hineingezogen. Ich liebe gute historische Romane, die mein Kopfkino aktivieren. Dieser Roman schaltete es im „HD-Super-Surround-Modus“ ein. Ich war den handelnden Personen nahe und lernte nebenbei eine Menge über fremde Kultur, Geschichte und Geografie.

Die Story ist meisterhaft erzählt. Die Personen aus der langen Liste am Anfang treten dann auch alle auf und ich fand es erstaunlich, dass ich nicht ein einziges Mal im Personenverzeichnis nachschlagen musste. Das zeigt, dass die Autorin es geschafft hat, mich innerhalb des Buches tatsächlich mit allen bekannt zu machen.

Außerdem hat die Autorin sehr viele Wendungen aus der arabischen Sprache in den wörtlichen Reden benutzt. Beim Lesen habe ich diese irgendwie intuitiv verstanden, ohne die Sprache zu kennen. Ich empfinde diesen gewagten Kunstgriff als äußerst gelungen, denn so wirkt das Ganze noch authentischer. Dass es am Ende ein Glossar mit Übersetzungen gibt, habe ich erst festgestellt, als ich den Roman zu Ende gelesen hatte.

Darüber hinaus war ich völlig verblüfft, dass dies der Debütroman der Autorin ist. Sie hat zwar palästinensische Wurzeln und der Roman ist angelehnt an die Lebensgeschichte ihres Urgroßvaters, aber das allein macht noch nicht die Fähigkeit aus, solch ein Meisterwerk zu verfassen.

Mein Fazit: Ich bin sehr froh, dass ich mich nicht vom langen Personenverzeichnis am Anfang abschrecken lassen habe und fühle mich durch die Lektüre dieses Buches sowohl berührt als auch bereichert.

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Isabella Hammad
© Kathy Coulter

Es ist die Geschichte ihres eigenen Urgroßvaters...

ISABELLA HAMMAD wuchs in London auf, lebt in London und New York. Ihre Erzählungen erschienen u.a. in The Paris Review und wurden mit dem Plimpton Prize for Fiction ausgezeichnet. Ihr Debütroman »Der Fremde aus Paris« ist angelehnt an die Geschichte ihres eigenen Urgroßvaters. Er wurde weltweit in 16 Länder verkauft und ist für den Observer eines der wichtigsten Debüts sowie für die New York Times einer der wichtigsten Romane 2019.

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