Wenn du glaubst, alles verloren zu haben, bleibt immer noch die Liebe …

Rob Coates kann sich wirklich glücklich schätzen: Er ist mit seiner großen Liebe Anna verheiratet und nach vielen gemeinsamen Jahren krönt der gemeinsame Sohn Jack endlich das große Glück der beiden. Bis zu dem Moment, an dem die kleine Familie eine unfassbare Diagnose erhält: Der kleine Jack leidet an einer unheilbaren Krebsart.
Während es Rob den Boden unter den Füßen wegzieht, versucht Anna stark zu bleiben – doch anstatt zusammenzuhalten, entfernen die beiden sich immer weiter voneinander. Bis Rob einen Entschluss fasst, der das Leben der Familie für immer verändern wird …

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»Sehr eindrucksvoll und elegant geschrieben, emotional, aber dabei kein bißchen kitschig. Unbedingt empfehlenswert!« (Buchhandlung: Bücherstube Jahn)

»„Der Himmel gehört uns“ hat meine Erwartungen weit übertroffen.
Die Geschichte ist so gefühlvoll und authentisch geschrieben, dass man einfach ganz schnell mittendrin ist.« (Gloria P.)

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Leseprobe

"Der Himmel gehört uns"

Teil I

1

Sie las wie eine Besessene, bevor sie ging. Auf ihrem
Lieblingsstuhl mit der harten Lehne; im Bett, gegen einen Berg
von Kissen gestützt. Der Nachttisch war mit Büchern übersät,
die sich auch auf dem Boden stapelten. Sie bevorzugte
ausländische Krimis, und sie ackerte sie durch, ihre Lippen
sittsam verkniffen, ihre Miene steif, reglos.
Manchmal wachte ich nachts auf und sah, dass die Lampe
noch immer brannte: Anna, eine strenge, reglose Silhouette,
saß mit durchgedrücktem Rücken da, genau wie man es ihr
immer beigebracht hatte. Sie nahm nicht zur Kenntnis, dass
ich aufgewacht war, obwohl ich mich zu ihr umwandte, sondern
starrte nur in ihr Buch, blätterte die Seiten durch, als
würde sie für eine Prüfung büffeln.
Anfangs waren es nur die üblichen Verdächtigen aus
Skandinavien – Henning Mankell, Stieg Larsson –, aber
dann wandte sie sich anderen zu: deutschen Noir-Romanen
aus den Vierzigerjahren, einer Thai-Reihe, die im Phuket der
Sechzigerjahre spielte. Die Cover waren anfangs vertraut –
wiedererkennbare Schriftarten und Designs von größeren
Verlagen –, aber bald wurden sie exotischer, mit fremdartigen
Schrifttypen und anderen Einbänden.
Und dann, eines Tages, war sie weg. Ich weiß nicht, wo
die Bücher jetzt sind. Ich habe seitdem nach ihnen gesucht,
um zu sehen, ob sich ein paar von ihnen auf meine Regale
geschlichen haben, aber ich habe keine gefunden. Ich nehme
an, sie hat sie alle mitgenommen, in einen ihrer farblich
gekennzeichneten Müllsäcke verpackt.
Die Tage nach ihrem Weggang sind verschwommen. Eine
Erinnerung aus Betäubungsmitteln, zugezogenen Vorhängen
und purem Wodka. Eine beunruhigende Stille, wie die
Vögel, die vor einer Sonnenfinsternis verstummen. Ich erinnere
mich, dass ich im Wohnzimmer saß, auf einen Kristalltumbler
starrte und mich fragte, ob ein Finger Wodka waagerecht
oder senkrecht war.
Ein Luftzug wehte durchs Haus. Unter den Türen hindurch,
durch die Risse in den Wänden. Ich glaube, ich wusste,
woher er kam. Aber ich konnte nicht dorthin gehen.
Ich konnte nicht nach oben gehen. Denn es war nicht mehr
unser Haus. Diese Zimmer existierten nicht mehr, als hätten
Erwachsene mit Geheimnissen sie für tabu erklärt. Daher
saß ich einfach nur unten, in diesem alten, toten Haus,
während der kalte Wind meinen Nacken frösteln ließ. Sie
waren verschwunden, und die Stille breitete sich in jeden
Winkel aus.

Oh, ich bin sicher, sie würde sich freuen, mich jetzt zu sehen,
in dieser düsteren Nische in einem schmuddeligen kleinen
Pub verkrochen – nur ich, ein flimmernder Fernseher
und irgendein Typ, der so tut, als wäre er gehörlos, und Disney-
Schlüsselringe verkauft, die im Dunkeln leuchten. In
der Eingangstür des Pubs klafft ein Loch, als ob jemand versucht
hätte, sie einzutreten, und durch das flatternde, durchsichtige
Plastik kann ich ein paar Jugendliche sehen, die auf
dem Parkplatz herumhängen, rauchen und Kunststücke auf
einem alten BMX vorführen.
»Ich hab’s dir ja gesagt.« Sie würde es natürlich nicht laut
aussprechen – dafür hatte sie zu viel Klasse –, aber es wäre
da, auf ihrem Gesicht, eine fast unmerklich hochgezogene
Augenbraue, der Anflug eines Lächelns.
Anna fand immer, dass ich ein bisschen ungeschliffen
war, die Sozialbausiedlung nie wirklich abschütteln konnte.
Ich erinnere mich, was sie sagte, als ich ihr erzählte, dass
mein Dad seine Samstagnachmittage im Allgemeinen im
Wettbüro verbrachte. Höfliche Verwunderung, dieses selbstgefällige
leise Lächeln. Denn niemand in ihrer Familie ging je in ein Pub.
Nicht einmal an Weihnachten?, fragte ich einmal.
Nein, sagte sie. Sie tranken vielleicht nach dem Mittagessen
ein Glas Sherry, aber das war alles, mehr nicht. Stattdessen
gingen sie zum Glockenläuten.
Jetzt ist es dunkel, und ich kann mich nicht erinnern, wie
die Sonne untergegangen ist. Ein Wagen heult draußen auf,
und seine Vorderlichter gleiten um das Pub wie der Suchscheinwerfer
eines Gefängnisses. Ich gehe zurück an die Bar
und bestelle mir noch ein Pint. Köpfe wenden sich zu mir
um, aber ich nehme keinen Augenkontakt auf, meide die
starren Blicke, das unergründliche Nicken.
Ein stämmiger Fischer sitzt auf einem Barhocker, zur Tür
gewandt, als ob das Pub sein Publikum ist. Er erzählt einen
rassistischen Witz über eine Frau, die eine Affäre hat, und
das Zupfen eines vereinzelten Schamhaars, und ich erinnere
mich, ihn einmal nach der Schule gehört zu haben, in einer
Gasse in Ost-London, wo die Leute Pornozeitschriften und
leere Coladosen wegwarfen. Die Stammgäste lachen über
die Pointe, aber das Barmädchen schweigt und wendet sich
von ihnen ab. An der Wand hinter ihr hängen Seite-drei-Bilder
von halb nackten Frauen und gerahmte Zeitungen vom
Tag nach dem elften September.
»Vier Pfund zehn, Darling«, sagt das Barmädchen und
stellt mir das Bier hin. Meine Hände zittern, und ich suche
ungeschickt in meiner Brieftasche herum, verschütte mein
Kleingeld auf dem Tresen.
»Entschuldigung«, sage ich. »Kalte Hände.«
»Ich weiß«, erwidert sie, »es ist eisig da draußen. Ich mache
das schon.« Sie sammelt die Münzen vom Tresen ein,
und dann, als wäre ich ein gebrechlicher Rentner, zählt sie
den Rest des Geldes aus meiner Hand ab.
»So, bitte sehr. Vier Pfund zehn.«
»Danke«, sage ich, ein wenig beschämt, und sie lächelt.
Sie hat ein freundliches Gesicht, die Art, die man an Orten
wie diesem nicht oft sieht.
Als sie sich bückt, um den Geschirrspüler auszuräumen,
nehme ich einen langen Schluck Wodka aus meinem Flachmann.
Es ist leichter, als sich zu jedem Pint einen Kurzen zu
bestellen. Das verrät einen als Trinker, und dann behalten sie
einen im Auge.
Als ich zurück zu meinem Tisch gehe, bemerke ich eine
junge Frau, die am anderen Ende der Bar sitzt. Davor saß
sie bei einem der Männer, einem der Freunde des Fischers,
aber jetzt ist er gegangen, ist mit quietschenden Reifen in
einem aufgemotzten Kombi weggefahren. Sie sieht aus, als
ob sie sich für einen Ausgehabend in Schale geschmissen
hat, in einem kurzen Rock und einem knappen Glitzertop,
die Wimpern spitz und dunkel.
Ich beobachte das Barmädchen, vergewissere mich, dass
sie mich nicht sehen kann, dann nehme ich noch einen
Schluck Wodka und spüre dieses vertraute Kribbeln, dieses
traurige kleine Glücksgefühl. Ich sehe zu der Frau hinüber,
die an der Bar sitzt. Jetzt kippt sie Schnäpse, ruft dem Barmädchen
etwas zu, das, wie ich vermute, ihre Freundin ist.
Als sie lacht, fällt sie fast von ihrem Hocker, nur um im letzten
Moment wieder ins Gleichgewicht und zu Atem zu kommen.
Ich werde bald zu ihr hinübergehen. Nur noch ein paar
Drinks.

Ich klicke durch Facebook, blinzle, um das Display besser
sehen zu können. Mein Profil ist nichtssagend, ohne Fotos,
nur die Silhouette eines Mannes, und ich habe noch nie ein
»Like« oder einen Kommentar oder einen Geburtstagsgruß
an irgendjemanden gepostet, aber ich war jeden Tag dort,
habe gescrollt, beurteilt, gescrollt, beurteilt, schmuddelige
kleine Fenster in das Leben von Leuten, die ich nicht länger
kannte, mit ihren ganzen Sonnenauf- und Sonnenuntergängen,
ihren Radtouren durch die Highlands, der endlosen Flut
auf Instagram geposteter Pad Thais und Avocadotoasts, der
unergründlichen Selbstgefälligkeit ihrer Sushidinner.
Ich hole einmal tief Luft und nehme noch je einen Schluck
Bier und Wodka. Sie tun mir leid. All diese Tragödienjunkies
mit ihren Trikoloren und Regenbögen, die ihr Profilbild
ständig ändern, je nachdem, womit wir heute unser Mitgefühl
bekunden sollen – den Flüchtlingen, den jüngsten Opfern
eines Terroranschlags an irgendeinem gottverlassenen
Ort. Ihre ganzen Hashtags und herzlich empfundenen Posts
darüber, zu »geben«, weil sie in ihrem Auszeitjahr einmal
geholfen haben, eine Schule in Afrika zu bauen, und mit
ihrem perlweißen Mund die braune Hand eines Bettlers geküsst
haben.
Ich ändere meine Haltung am Tisch so, dass ich das Mädchen
an der Bar sehen kann. Sie hat sich noch einen Drink
bestellt, und sie lacht, gackert fast, während sie sich auf
ihrem Handy ein Video ansieht, darauf zeigt, die Aufmerksamkeit
des Barmädchens zu erregen versucht.
Ich wende mich wieder meinem Handy zu. Manchmal
zwinge ich mich, mir die Fotos der Kinder anderer Leute
anzusehen. Ich nehme an, es ist wie der Drang, an frisch
gebildetem Schorf zu kratzen, nicht lockerzulassen, bis ein
metallischer Blutstropfen hervorquillt. Die Magentritte von
Neuankömmlingen, Kinder mit Zahnlücken beim Schulanfang,
mit ihren Ranzen und zu großen Blazern; und dann
ihre Strandurlaube, mit ihren Sandburgen und Wassergräben
und Eistüten, die in den Sand gefallen sind. Große
Schuhe und kleine Schuhe, auf der Fußmatte aufgereiht.
Und dann die Mütter. Oh, diese Facebook-Mütter. Die Art,
wie sie redeten, als ob sie die Mutterschaft erfunden hätten,
die Gebärmutter, wie sie sich einredeten, sie seien anders
als ihre eigenen Mütter, weil sie Quinoa aßen und sich
die Haare zu Cornrow-Frisuren flochten und ein Pinterest-
Board mit Bastelideen für trotzige Kleinkinder führten.

Ich gehe zurück an die Bar und stelle mich neben die betrunkene
Frau. Jetzt, wo ich genügend Drinks intus habe, fühle
ich mich besser, und meine Hände haben aufgehört zu zittern.
Ich lächle, und sie starrt zu mir zurück, schwankt auf
ihrem Hocker und mustert mich von Kopf bis Fuß.
»Willst du einen Drink?«, frage ich fröhlich, als würden
wir uns bereits kennen.
In ihrem glasigen Blick flackert Verblüffung auf. Sie
zwingt sich, sich aufrecht hinzusetzen, sodass sie nicht mehr
zusammengesackt über dem Tresen hängt.
»Cola mit Rum«, sagt sie. Ihr Stolz ist zurückgekehrt, und
sie wendet sich von mir ab und klopft mit den Fingern auf
den Tresen.
Während ich die Drinks bestelle, tut sie, als wäre sie mit
ihrem Handy beschäftigt. Ich kann ihr Display sehen, und
sie klickt nur wahllos zwischen Apps und Nachrichten hin
und her.
»Ich bin übrigens Rob«, stelle ich mich vor.
»Charlie«, antwortet sie. »Aber alle nennen mich Charls.«
»Bist du von hier?«, frage ich.
»Camborne, geboren und aufgewachsen«, sagt sie, während
sie sich zu mir dreht. »Aber jetzt lebe ich hier oben bei
meiner Schwester.« Ihre Augen sind wie Eidechsenzungen,
huschen in meine Richtung, wenn sie glaubt, dass ich nicht
hinsehe.
»Du hast wahrscheinlich noch nie von Camborne gehört,
oder?«
»Bergbau, richtig?«
»Ja. Aber jetzt nicht mehr. Mein Dad hat bei South Crofty
gearbeitet, bis sie dichtgemacht haben«, erzählt sie, und mir
fällt auf, wie sehr ihr Akzent nach Cornwall klingt. Der sich
abschwächende Tonfall, das sanft gerollte R.
»Und du?«
»London.«
»London. Sehr schön.«
»Kennst du London?«
»War ein- oder zweimal dort.« Sie sieht wieder zum anderen
Ende der Bar, zieht einmal tief an ihrer Zigarette.
Sie ist jünger, als ich dachte, Mitte zwanzig, mit rotbraunen
Haaren und weichen, kindlichen Zügen. Sie hat irgendetwas
leicht Losgelöstes an sich, etwas, das ich nicht ganz
einordnen kann, das über das Trinken, über die verschmierte
Wimperntusche um ihre Augen hinausgeht. Sie scheint fehl
am Platz im »Schmuggler«, als ob sie sich von einer
Hochzeitsgesellschaft abgeseilt hätte und hier gelandet wäre.
»Dann machst du hier unten Urlaub?«
»So ähnlich.«
»Und, gefällt dir Tintagel?«, fragt sie.
»Ich bin erst heute angekommen. Morgen werde ich die
Burg besichtigen. Ich wohne in dem Hotel nebenan.«
»Zum ersten Mal hier?«
»Ja.«
Es ist eine Lüge, aber ich kann ihr nicht von dem einen
Mal erzählen, als wir zusammen hier waren. Wir drei, am
Ende eines nassen englischen Sommers, eingepackt gegen
den Wind, Regenjacken über Shorts. Ich erinnere mich, wie
Jack auf dem Gras neben dem Parkplatz umhertollte und
wie ängstlich Anna war – »Hand halten, Jack, Hand halten« –,
für den Fall, dass er zu nah an den Rand laufen sollte.
Ich erinnere mich, wie wir den steilen, gewundenen Pfad
hochstapften und das obere Ende der Klippen erreichten
und wie es dann, aus heiterem Himmel, einen Wetterumschwung
gab, eine fast biblische Atempause, als der Regen aufhörte,
die Wolken sich teilten und ein Regenbogen erschien.
Regenbogen, Regenbogen, rief Jack, während er von einem
Fuß auf den anderen hüpfte und die Blätter um ihn herumtänzelten
wie Feuergeister. Und dann schien es auf einmal,
als hätte irgendetwas ihn berührt oder irgendjemand ihm ins
Ohr geflüstert, und er verharrte völlig reglos und sah durch
die Lichtsäule, die die Wolken durchdrang, hoch zu dem
blauen Himmel und der verblassenden Farbpalette.
»Geht’s dir gut?«
»Was? Ja, alles bestens«, sage ich und nehme einen
Schluck von meinem Pint.
»Du warst ja auf einem völlig anderen Stern.«
»Oh, entschuldige.«
Sie trinkt die Hälfte ihrer Cola mit Rum, schüttelt das Eis
in ihrem Glas.
»Es ist ganz okay, Tintagel«, sagt sie zu niemand Bestimmtem.
»Ich arbeite im Dorf, in einem der Souvenirläden.
Meine Freundin arbeitet hier.« Sie zeigt auf das Barmädchen,
das mit dem freundlichen Gesicht.
»Es ist ein nettes Pub.«
»Es ist okay«, sagt sie. »Besser am Wochenende, und
dienstags gibt es Karaoke.«
»Singst du?«
Sie schnaubt leise. »Nur ein einziges Mal, nie wieder.«
»Schade, das würde ich gern sehen.« Ich lächle, halte
ihrem Blick stand.
Sie lacht und erwidert mein Lächeln, und dann wendet
sie den Blick verschämt ab.
»Das Gleiche noch mal?«, frage ich. »Ich nehme noch
eines.«
»Dann trinkst du nichts von dem da?« Sie streckt eine
Hand aus und klopft auf meine Jackentasche, tastet nach
meinem Flachmann.
Ich ärgere mich, dass sie mich gesehen hat, und während
ich noch überlege, was ich sagen soll, berührt sie sanft meinen
Arm.
»Du versteckst das nicht sehr gut, Kumpel.« Sie will auf
ihre Armbanduhr sehen, und dann, als ihr klar wird, dass sie
gar keine trägt, sieht sie stattdessen auf ihrem Handy nach
der Uhrzeit.
»Na dann. Einen Letzten«, sagt sie. Sie kichert vor sich
hin, während sie in ihrem engen Rock umständlich von ihrem
Hocker rutscht. Ich sehe ihr nach, als sie zu den Toiletten
geht – ein Trip, den sie sittsam angekündigt hat –, und
ich kann die Konturen ihrer Unterwäsche unter ihrem Rock
erkennen, den Abdruck des Barhockers auf ihren Schenkeln.
Sie riecht nach Parfüm, als sie wiederkommt, und sie hat
ihr Make-up aufgefrischt und ihre Haare nach hinten gebunden.
Wir bestellen uns ein paar Kurze, wir reden und trinken
und nehmen beide immer wieder einen Schluck aus meinem
Flachmann. Dann zeigt sie mir Hundevideos auf YouTube,
weil ihre Familie Ridgebacks züchtet, und dann Clips von
Leuten, die sich streiten, Leuten, die auf der Straße
zusammengeschlagen werden, auf Überwachungskameras, weil
einer ihrer Kumpel aus Camborne ein Kickboxer ist, aber
jetzt ist er im Gefängnis, Körperverletzung.
Dann sehe ich auf, und alles ist verschwommen, eine
springende CD, die Lichter sind an, und ich höre das laute
Heulen eines Staubsaugers. Ich frage mich, ob ich eingeschlafen
bin, weggetreten, aber Charlie ist noch immer dort neben mir,
und ich sehe, dass wir jetzt Red Bull mit Wodka
trinken. Ich sehe sie an, und sie lächelt mit nassen, betrunkenen
Augen, und dann beginnt sie wieder zu lachen und
zeigt auf ihre Freundin, das Barmädchen, das jetzt mit mürrischer
Miene den Staubsauger über den Teppich schiebt.
Und dann gehen wir, nach einer kurzen kleinen Farce, in
der sie sagte, sie sollte jetzt besser nach Hause gehen, und
wir schlendern Arm in Arm die verlassene High Street hinunter,
kichernd und flüsternd, und stolpern die Treppe
hoch zu ihrer kleinen Wohnung über dem Souvenirladen,
in dem sie arbeitet. Als wir das obere Ende der Treppe erreichen,
sieht sie mich an. Ihr Mund ist wie ein Herz geformt,
und ich verspüre einen Schwall beschwipster Lust, daher
ziehe ich sie an mich, und wir fangen an zu knutschen.
Meine Hand fasst unter ihren Rock.
Als wir fertig sind, liegen wir auf ihrer kleinen Einzelmatratze
auf dem Boden, ohne Blickkontakt aufzunehmen, den
Kopf am Hals des anderen vergraben.
Nachdem wir uns eine angemessene Weile gehalten haben,
gehe ich den Flur hinunter auf der Suche nach dem
Badezimmer. Ich taste nach einem Lichtschalter, der jedoch
zu einem Kinderzimmer gehört. Während Charlies Zimmer
spärlich, unmöbliert war, sieht dieses Zimmer aus wie
ein Showroom in einem Kaufhaus. Eine Lampe, die wie ein
Flugzeug geformt ist, gespiegelt von einer riesigen Schablone
an der Wand. Ordentlich übereinandergestapelte Kisten
voller Spielsachen. Ein Schreibtisch mit Buntstiften und
Papierstapeln. Zertifikate und Auszeichnungen an einer
Pinnwand, für Fußball und Judo und dafür, ein Superstar in
der Schule zu sein.
Neben dem Bett steht ein Nachtlicht, und ich kann es mir
nicht verkneifen, es anzuknipsen. Ich sehe zu, wie es blassblaue
Monde und Sterne an die Decke wirft. Ich trete ans
Fenster, atme den schwachen Geruch von Weichspüler und
Kindershampoo ein. In der Ecke sehe ich eine kleine gelbe
Taschenlampe, genau wie die, die Jack früher hatte, und ich
nehme sie in die Hände, fühle das harte Plastik, den haltbaren
Gummi, die großen Knöpfe, für kleine, ungeschickte Finger
gemacht.
»Hallo«, sagt Charlie, und ich zucke erschrocken zusammen.
Ihr Ton klingt beinahe fragend.
»Entschuldigung«, stammle ich. Auf einmal fühle ich
mich sehr nüchtern, und meine Hände beginnen zu zittern.
»Ich habe das Bad gesucht.«
Sie sieht auf meine Hände hinunter, und mir wird bewusst,
dass ich noch immer die Taschenlampe halte.
»Mein kleiner Junge«, sagt sie, während ein Mond von
dem Nachtlicht über ihr Gesicht tänzelt. »Er schläft heute
Nacht bei meiner Schwester, deswegen war ich auf Sauftour.«
Sie rückt ein paar Papiere und Buntstifte zurecht, legt
sie symmetrisch zur Schreibtischkante. »Ich habe das Zimmer
eben erst einrichten lassen«, erklärt sie, während sie
irgend etwas in die Schublade des Nachttischs legt. »Musste
viel von meinem Zeug verkaufen, um es bezahlen zu können,
aber es sieht hübsch aus, oder?«
»Es ist entzückend«, sage ich, denn das war es wirklich,
und sie lächelt, und wir stehen eine Weile so da und sehen
den Planeten und Sternen zu, die durchs Zimmer tänzeln.
Ich weiß, dass Charlie mich etwas fragen will: ob ich Kinder
habe, ob ich Kinder mag, aber ich will nicht antworten,
daher küsse ich sie, und sie schmeckt immer noch nach
Wodka und Zigaretten. Ich glaube nicht, dass sie sich wohl
damit fühlt, mich hier, im Zimmer ihres Sohns, zu küssen,
und sie weicht zurück, nimmt mir die Taschenlampe aus der
Hand und legt sie behutsam zurück aufs Regal. Sie schaltet
das Nachtlicht aus und führt mich aus dem Zimmer.
Wieder auf der Einzelmatratze, drückt sie mir einen sanften
Kuss an den Hals, ungefähr so, wie man einem Kind
einen Gutenachtkuss geben würde, und dann dreht sie sich
von mir weg und schläft ohne ein Wort ein. Ihre nackte Seite
ist entblößt, und das Zimmer ist kalt, daher strecke ich einen
Arm aus und stecke die Decke unter ihr fest, und dabei muss
ich an Jack denken. Schön warm und kuschelig eingepackt. Ich
trinke den letzten Rest aus meinem Flachmann, und dann
liege ich in dem blassen bernsteinfarbenen Licht wach und
lausche auf ihren Atem.

2

Am nächsten Morgen ist es kalt, aber sonnig, und ich gehe
über den Parkplatz, vorbei an dem Magic-Merlin-Souvenirladen
und den Reklametafeln, die König-Artus-Touren und
Essen für zwei zum halben Preis anbieten. Meine Ausrüstung
auf den Rücken geschnallt, steige ich eine Senke im Boden
hinunter und gehe dann über einen schmalen, felsigen
Fußweg, der das Festland mit der Insel verbindet. Zu meiner
Rechten liegt ein abschüssiges Stück Grasland, das zum
Rand der Klippen hinunterführt und durchsetzt von Kaninchenbauten
und gelegentlichen sandigen Stellen ist.
Ich habe nicht bei Charlie übernachtet. Sie regte sich, als
ich ging, und ich konnte mir vorstellen, wie sie sich mit
einem offenen Auge schlafend stellte, während sie auf das
Klicken des Türschlosses wartete. Die Pension lag nur ein
paar Häuser weiter. Es war seltsam, in einem Hotel zu schlafen,
wenn ich nur eine Stunde entfernt an der Küste wohnte,
aber ich wollte etwas trinken können, ohne mir Gedanken
wegen der Heimfahrt machen zu müssen.
Mit dröhnendem Kopf steige ich den felsigen Pfad hoch,
den Geschmack von Red Bull noch immer in meinem Atem.
Langsam, während die Steigung zunimmt, erklimme ich
die steilen hölzernen Stufen zu der Ruine, die Kameratasche
schwer auf meiner Schulter. Nah am Rand spüre ich
die Gischt des Meeres, und ich halte einen Augenblick inne,
um mich auszuruhen und zuzusehen, wie die Flut hereinkommt,
rasch jetzt, wie sie Sandburgen und Seetang, den
eine frühere Welle hingeworfen hat, gnadenlos hinwegspült.
Ich steige den Hügel weiter hoch bis zu dem alten Aussichtspunkt.
Hier oben sind keine Touristen, nur der Wind und das Kreischen
der Möwen. Ich finde eine flache Stelle auf dem Boden und lege
meine Holzscheibe hin, um das Stativ zu sichern, um ihm
zusätzliches Gewicht zu verleihen, damit es nicht so
leicht verrutschen kann. Ich fixiere das Objektiv,
dann befestige ich die Kamera, teste sie, um zu sehen,
ob die Rotation reibungslos funktioniert.
Die Bedingungen sind ideal. Das Meer, der Sand und das
Gras scheinen so lebendig, fast unwirklich; im morgendlichen
Licht sehen sie aus wie die Farben des Regenbogens
eines Kindes. Den Rücken zum Meer gewandt, kann ich die
natürliche Wölbung der Hügel sehen, das sanfte Gefälle ins
Tal, hinunter zu dem schmucken Städtchen. Es ist ein unglaublich
ergreifender Ort. Von hier oben könnte man fast
die Arme ausstrecken und mit den Händen über das Land
gleiten, die Erhebungen und Vertiefungen spüren, als würde
man Braille lesen.
Der Wind frischt langsam auf, warme Böen, die den Wellen
weiße Schaumkronen aufsetzen, und ich weiß, dass ich
bald anfangen muss. Ich bereite die ersten Aufnahmen für
das Panorama vor, nach Nordosten, zur Landspitze hin, ausgerichtet,
und dann beginne ich, die Stativscheibe langsam
zu drehen, wobei ich in regelmäßigen Abständen innehalte,
um Serienbilder zu machen, bis ich die ganzen 360 Grad
abgeschlossen habe.
Als das sanfte Surren der Kamera verstummt, werfe ich
einen Blick auf das kleine LCD-Display, um mich zu vergewissern,
dass alle Bilder da sind, dann packe ich meine Ausrüstung
zusammen und gehe wieder hinunter zum Parkplatz.

Das Haus ist etwa eine Autostunde weiter an der Küste. Das
Dorf liegt verlassen da, als ich hindurchfahre. Der Eckladen
ist noch immer geschlossen, dichtgemacht für die Dauer der
Nebensaison. Ich fahre an der Kirche vorbei und dann auf
der gewundenen Straße durch die Dünen, vorbei an dem
National-Trust-Parkplatz und dann auf dem unbefestigten
Weg hoch zum Rand der Klippen und dem Haus.
Nicht nur die abgeschiedene Lage des Cottage hat mich
angezogen, sondern vor allem die Art, wie es den Elementen
völlig schutzlos ausgeliefert war. Hoch oben auf einem Felsvorsprung
gelegen, gegenüber von St. Ives auf der anderen
Seite der Bucht, ist es das einzige Gebäude in Sichtweite. Es
gibt dort keinen Schutz, kein Tal, das den tosenden Atlantikwind
abhält. Wenn der Regen gegen die Fenster peitscht,
wenn die Meereswinde sich weigern nachzulassen, dann erbebt
das Haus, und es fühlt sich an, als würde es ins Meer
hinunterbröckeln.
Sobald ich zur Tür hereinkomme, schenke ich mir ein großes
Glas Wodka ein. Dann gehe ich nach oben in mein Büro,
setze mich an den Schreibtisch und starre durch das Mansardenfenster,
das auf die Bucht hinausgeht. Ich logge mich
in meine Profile bei »OK-Amor« und »Himmlisch Sündig«
ein, um zu sehen, ob ich irgendwelche Nachrichten erhalten
habe. Da ist eine, von »Samantha«, einer Frau, der ich vor
ein paar Wochen eine Nachricht geschickt habe.

Na du, du bist ja auf einmal verschwunden. Noch interessiert
an einem Treffen?



Ich sehe mir ihre Bilder an, überfliege die langweiligen Lackschuhe
und weggeworfenen Regenschirme und Flugzeugflügel
und Herzen auf Cappuccinos, und dann ist da eines
von ihr, irgendwo im Urlaub, und mir fällt wieder auf, dass
sie hübsch ist, eine zierliche, unauffällige Brünette.

Ich dachte, du warst es, die verschwunden ist! Und ja,
ich würde dich sehr gern treffen …


Ich schließe die Kamera an und beginne die Tintagel-Bilder
herunterzuladen. Dann gehe ich sie rasch durch. Ich freue
mich zu sehen, dass sie gut ausgerichtet sind und nicht viel
Retusche brauchen werden. Ich lade sie in das Rendering-
Programm, das ich geschrieben habe, die Software beginnt
die Bilder zusammenzunähen, und die Pixel verschmelzen
wie heilende Haut.
Das Licht kann man nie vorhersagen. An manchen Tagen,
wenn ich mit meiner Kamera unterwegs bin, denke ich, es ist
genau richtig, aber dann sehen alle Aufnahmen letztendlich
körnig oder überbelichtet aus. Heute hingegen ist es perfekt.
Das Meer schimmert, das Gras auf den Klippen ist so grün
und fest wie Billardbanden. In der Ferne kann ich die schwachen
Umrisse des Mondes sehen.
Als das Programm das Panorama fertig bearbeitet hat und
alle Bilder zusammengefügt sind wie eine Miniaturausgabe
des Teppichs von Bayeux, umhülle ich das endgültige Bild
mit einer Codeschicht, sodass die Leute es heran- und heraus
zoomen und drehen können. Als das alles fertig ist, lade
ich das Bild auf meine Website Der Himmel gehört uns.
Ich wundere mich, dass die Website so beliebt geworden
ist. Sie hat als Hobby angefangen, etwas, um meine Nachmittage
ein bisschen aufzulockern. Aber der Link wurde
bald auf anderen Amateurfotografieforen geteilt. Leute
schrieben mir, um mich nach meiner Technik zu fragen, nach
der Ausrüstung, die ich verwendete. Die Website wurde in
einem Guardian-Artikel über Panoramafotografie erwähnt.
»Schlicht und wunderschön«, schrieb der Verfasser, und ich
verspürte einen seltenen Anfall von Stolz.
Manchmal fragen mich Leute in den Kommentaren, in
ihren E-Mails: »Was bedeutet Der Himmel gehört uns? Ist es
eine Anspielung auf irgendetwas?« Ich weiß nicht, was ich
ihnen sagen soll. Denn seit ich London verlassen habe, wirbeln
mir diese Worte durch den Kopf, und ich habe keine
Ahnung, warum.
Wenn ich auf den Dünen spazieren gehe oder an meinem
Schreibtisch sitze und aufs Meer hinaussehe, flüstere ich mir
diese Wörter zu – der Himmel gehört uns, der Himmel gehört
uns. Ich wache zu ihrem Geräusch auf, und bevor ich
einschlafe, kann ich diese vier Wörter hören, als wären sie
ein Mantra oder ein Gebet, das mir als Kind eingehämmert
wurde.
Das Bild ist jetzt fertig hochgeladen, und ich sehe aus dem
Fenster, trinke meinen Wodka und warte auf den Signalton.
Es dauert ein bisschen länger als sonst. Zehn Minuten anstatt
der üblichen fünf. Und dann ist er da. Ein Kommentar –
immer der erste –, jedes Mal von demselben User.

swan09

Wunderschön. Weiter so.


Die Kommentare lauten immer ungefähr so – »Wunderschön«,
»Entzückend«, »Passen Sie auf sich auf« –, und sie
kommen immer so bald, nachdem das Bild gepostet wurde,
dass ich den Verdacht habe, dass der User irgendeine Art
automatische Benachrichtigung eingerichtet hat.
Die Nacht zieht herauf, und bevor ich zu Bett gehe,
schenke ich mir noch einen Wodka ein. Ich kann den Sog
des Schlafs spüren, die betäubende Wirkung des Alkohols,
und ich will ihn beschleunigen, will ihn noch näher holen.
Manchmal stelle ich mir gern vor, dass es Jack ist, der die
Fotos kommentiert. Ich weiß, dass er sie erkennen wird,
denn es sind alles Orte, an denen er gewesen ist, Ausblicke,
die er mit eigenen Augen gesehen hat. Box Hill, das London
Eye, ein Aussichtspunkt in den South Downs. Und jetzt Tintagel.
Nur um sicherzugehen, dass er sich erinnert, dass er die
Orte nicht vergisst, an denen wir gewesen sind, hinterlasse
ich ihm Botschaften, Textpassagen, in dem Code verborgen,
unsichtbar für Browser, lesbar nur für das Auge des
Programmierers – und, wie ich hoffe, für seines. Es sind die
Dinge, die ich zu ihm sagen würde, wenn ich könnte. Die
Dinge, die ich sagen würde, wenn sie ihn mir nicht weggenommen
hätte.

Tintagel

Weißt du noch, Jack, wie wir zum Parkplatz zurückkamen und du ins
Brombeergestrüpp gefallen warst und dich verletzt hattest? Beide Hände,
Daddy, beide Hände, kleine rote Striemen an deinen Handflächen. Daher
habe ich deine Finger geküsst, um das Wehwehchen wegzumachen, und
du hast die Arme um mich geschlungen und mir behutsam zwei Küsse
an den Hals gedrückt. Ich erinnere mich genau, ich kann es nie vergessen.
Deine Küsse, wie ein heimliches Flüstern. Die rötlichen Sommersprossen
in deinem Gesicht. Deine Augen, warm wie das seichte Wasser.


Teil II

1

»Du siehst nicht aus wie ein Informatiker«, sagte sie.
Ein bisschen beschwipst, hatte ich an der Bar in einem
Studentenpub in Cambridge angefangen, mit ihr zu reden. Wir
befanden uns in diesem Fegefeuer – nach den Prüfungen
und vor den Ergebnissen –, eine träge, sonnenverwöhnte
Zeit, in der wir das Letzte aus unseren Studententagen herausholten.
»Weil ich keine Aktentasche und kein Herr-der-Ringe-
T-Shirt trage?«
Sie lächelte, nicht grausam, sondern wissend, als sei das
die Art Witz, die sie schon über sich selbst gehört hatte. Als
sie sich wieder zur Bar umwandte, um zu versuchen, einen
Drink zu bestellen, warf ich einen verstohlenen Blick auf sie.
Sie war zierlich, mit schwarzen Haaren, die sie sich ordentlich
aus dem Gesicht nach hinten gebunden hatte. Ihre Züge
waren scharf, aber abgemildert durch ihre blasse Haut.
»Ich bin übrigens Rob.«
»Anna«, sagte sie. »Freut mich, dich kennenzulernen.«
Ich lachte fast. Sie klang so förmlich, und ich war mir nicht
sicher, ob sie einen Witz machte. »Und, was studierst du?«,
stammelte ich, während ich versuchte, mir irgend etwas einfallen
zu lassen, was ich sagen könnte.
»Wirtschaft«, antwortete Anna, während sie mich durch
ihre Brille anblinzelte.
»Oh, cool.«
»Eigentlich solltest du jetzt sagen, dass ich nicht aussehe
wie eine Wirtschaftswissenschaftlerin.«
Ich betrachtete ihre ordentlichen Haare, so schwarz, dass
man in einen Spiegel zu blicken schien, ihre mit Büchern
vollgestopfte Tasche, den Riemen, der um das Bein des
Barhockers gebunden war, auf dem sie saß. Ich lächelte.
»Was denn?«
»Aber das tust du wirklich, ein bisschen«, sagte ich. »In
einem positiven Sinn, meine ich.«
Ihre Augen funkelten, und sie öffnete den Mund, als sei
ihr eben etwas eingefallen, was sie sagen wollte, etwas, was
sie amüsierte, aber dann überlegte sie es sich offenbar anders.
Ich wusste, dass sie mit Lola befreundet war, deren Geburtstag
wir gerade feierten. Sie sahen nicht aus wie Freundinnen.
Die überdrehte, hippiemäßige Lola, die allen gern
erzählte, dass sie nach dem Kinks-Song benannt war, und jederzeit
bereit war, ihn zu singen, wenn sie darum gebeten
wurde. Lola, die überall in der Stadt als das Mädchen bekannt
war, das sich beim Sommerball nackt ausgezogen hatte.
Und dann Anna, mit ihren vernünftigen Kleidern und festen
Schuhen. Ich hatte sie auf dem Campus gesehen, oft mit
einem Musikinstrument auf dem Rücken. Nicht lässig über
eine Schulter geschlungen, sondern sorgfältig und sicher befestigt.
Sie schien immer betont entschlossen zu gehen, als
hätte sie einen sehr dringenden Termin.
»Und, was wirst du mit Informatik machen?«, fragte sie.
Ich war nervös, sah hinüber zu meinen Freunden an der
Quizmaschine, nicht sicher, wie ich eine Frage beantworten
sollte, von der ich dachte, dass sie im Allgemeinen für Leute
reserviert war, die Altertumsgeschichte studierten. Anna
hatte irgendetwas fast Edwardianisches an sich – ihre vornehmen
Vokale und tadellosen Konsonanten. Sie sprach mit
der Präzision und Haltung einer Figur in einem Enid-Blyton-
Roman. Ein bisschen brav, ein bisschen artig.
»Landkarten«, sagte ich.
»Landkarten?«
»Online-Landkarten.«
Anna schwieg. Ihre Miene war ausdruckslos, unergründlich.
»Hast du schon mal von diesen neuen Google Maps gehört?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Das war vor einer Weile eine kurze Meldung in den
Nachrichten. Ich schreibe eine Software, die damit zusammenhängt.«
»Das heißt, du wirst in eine Firma einsteigen?«, fragte Anna.
»Nein, ich werde meine eigene gründen.«
»Oh«, sagte sie, wobei sie mit einem Finger über den
Rand ihres leeren Glases glitt. »Das klingt ja ehrgeizig, auch
wenn ich zugegebenermaßen nicht viel von solchen Dingen
verstehe.«
»Kann ich mal dein Handy haben?«
»Wie bitte?«
»Ich kann dir zeigen, was ich meine …«
Anna blickte verwirrt, wühlte in ihrer Handtasche und
förderte ein altes Nokia zutage.
Ich lächelte.
»Was denn?« Ihr Grinsen bildete zwei fast symmetrische
Grübchen in ihren Wangen. »Es hat alles, was ich brauche.«
»Das glaube ich dir gern«, sagte ich. Ich ließ es mir von ihr
geben, wobei meine Hand ihre Finger streifte.
»Okay … stell dir vor, in Zukunft wirst du hier ein viel größeres
Display haben, vielleicht sogar einen Touchscreen, und
irgendwo hier wirst du eine Karte haben. Die Leute – jeder –
werden in der Lage sein, die Karte um bestimmte Dinge zu
ergänzen – Restaurants, ihre Laufstrecken, was immer sie
wollen. Und ich arbeite an einer Software, die dir das ermöglicht,
mit der du Dinge hinzufügen, die Karte nach deinen
Wünschen so gestalten kannst, wie du sie haben willst.«
Anna blickte verwirrt und berührte das blaue Display
ihres Nokia. »Das klingt interessant«, sagte sie, »auch wenn
ich irgendwie ein Technikfeind bin. Werde ich trotzdem
noch SMS-Nachrichten verschicken können?«
»Ja«, erwiderte ich mit einem leisen Lachen. Ihr Ton war
so trocken, ihre Miene so unbewegt, dass ich nicht sagen
konnte, ob sie einen Witz machte.
»Gut. Das ist ja beruhigend. Und du bist also auch mit
Lola befreundet?«
»Ja, ein bisschen«, sagte ich. »Ich habe sie im ersten Jahr
gekannt. Sie hat auf meinem Flur gewohnt.«
»Ah«, sagte Anna. »Dann bist du dieser Rob.«
Dieser Rob. Hatte ich irgendetwas getan, während ich
betrunken war? Ich erinnerte mich, wie ich mich an einem
Abend vor ein paar Trimestern mit Lola im Fez unterhalten
hatte. Sie redete von ihrer Kindheit in Kensington, als wäre
sie ein Fluch, ein Lepraglöckchen um ihren Hals. Ich fand sie
anstrengend, ein bisschen langweilig, aber ich nahm nicht
an, dass ich unhöflich gewesen war.
»Dieser Rob?«, fragte ich mit einem nervösen Lächeln.
»Oh, nein, Lola hat dich nur erwähnt«, sagte Anna beiläufig,
während sie wieder versuchte, die Aufmerksamkeit
des Barmanns zu erregen. »Sie hat gesagt, du seist irgendeine
Art Computergenie, ein Wunderkind, und noch dazu
aus einer Sozialbausiedlung.« Sie stöhnte auf, als sie
»Sozialbausiedlung« sagte, und verzog die Miene in gespielter
Empörung. »Sie hat gesagt, es sei wundervoll, dass du die
Chance bekommen hast hierherzukommen, so wie wir anderen
alle«, fuhr Anna mit einem leisen Kichern fort.
»Das ist ja so lieb von ihr«, erwiderte ich lächelnd. »Der
Junge hat’s echt drauf.«
»Wie bitte?«
»Der Junge hat’s echt drauf.«
»Was meinst du damit?«
»Ach, das ist nur so eine Fußballanspielung.«
»Oh, entschuldige, ich verfolge die Sportnachrichten
nicht«, sagte sie, als wäre es eine Kategorie bei Trivial Pursuit.
Das Pub begann sich zu füllen, und wir wurden enger
aneinandergeschoben, sodass sich unsere nackten Arme gelegentlich
berührten. An einer Seite ihres Halses hatte sie ein
kleines Muttermal, das wie ein Herz geformt war. Ich war
für einen Moment in Gedanken verloren, während ich ihre
Haut betrachtete, als sie meinen Blick auffing.
»Und woher kennst du Lola?«, fragte ich, während ich
den Blick rasch abwandte.
»Wir sind zusammen zur Schule gegangen«, sagte Anna
vage, als würde sie über irgendetwas anderes nachdenken.
»Roedean?«
»Ja.«
Ich hatte mir schon gedacht, dass Anna vornehm war,
aber nicht Roedean-vornehm. »Und du?«, fragte ich.
»Was soll mit mir sein?« Sie klang angespannt, auf einmal
abwehrend.
»Wenn wir mit dem Laden hier fertig sind, meine ich.«
»Oh, verstehe. Buchhaltung«, erwiderte sie, ohne innezuhalten.
»Ich habe vier Jobangebote in der City, und ich
werde mich bis Ende der Woche entscheiden, welches ich
annehme.«
»Wow, cool.«
»Nicht unbedingt cool, aber das ist eben, was ich tue.
Oder vielmehr, was ich tun werde.« Sie lächelte matt. »Wir
werden hier wohl nie einen Drink bekommen, oder?«
»Nein. Vor allem jetzt nicht.« Ich wies mit einem Nicken
auf eine Gruppe von Männern in Rugbyshirts. Einer von
ihnen trug nur Unterwäsche und eine Schutzbrille.
»Allerdings.« Anna wandte den Blick ab. Auf einmal
schien sie nicht mehr interessiert, und ich konnte mir vorstellen,
wie sie sich einen Weg zurück zu ihren Freundinnen
bahnte und ich sie nie wiedersehen würde.
»Willst du mal mit mir ausgehen?«, fragte ich.
»Ja«, sagte sie so schnell, dass ich dachte, sie hätte mich
nicht verstanden.
»Ich meine …«
»Entschuldige«, meinte sie, »vielleicht bin ich ein bisschen
verwirrt, aber ich dachte, du hättest mich um ein Date gebeten.«
»Das habe ich auch. Das habe ich«, sagte ich, wobei ich
mich etwas näher vorbeugte, um sie über die Musik hinweg
verstehen zu können.
»Sehr schön.« Sie lächelte wieder, und sie roch nach Seife
und frisch gewaschenen Haaren.
»Tut mir leid, es ist ein bisschen laut hier drinnen«, sagte
ich. »Kann ich vielleicht deine Telefonnummer oder E-Mail
oder irgendwas haben?«
Anna wich einen kleinen Schritt zurück, und mir wurde
bewusst, dass ich mich zu nah zu ihr vorbeugte. »Ja, aber
unter einer Bedingung.«
»Okay«, sagte ich, während ich noch immer über ihren
»Dieser Rob«-Kommentar nachdachte. »Was denn?«
»Du gibst mir mein Handy wieder.«
Ich senkte den Blick, und mir wurde bewusst, dass ich
ihr Nokia noch immer in der Hand hielt. »Oh, Scheiße,
entschuldige.«
Sie lächelte und steckte das Telefon ein. »Okay«, sagte
sie. »Meine E-Mail-Adresse lautet Anna Mitchell-Rose at
yahoo.co.uk. Alles in einem Wort. Mitchell mit zwei L, keine
Punkte oder Bindestriche.«

Eine Woche später, das Kino. Während wir die Trailer sahen,
konnte ich die Wärme ihres Körpers spüren, und ich wollte
am liebsten einen Arm ausstrecken und sie berühren, meine
Hand auf ihr nacktes Bein legen. Ich sah sie ein paarmal von
der Seite an, in der Hoffnung, sie würde sich zu mir umwenden,
unsere Blicke würden sich treffen, aber sie starrte
einfach nur auf die Leinwand, mit gestrafftem Rücken, als
würde sie in der Kirche sitzen, ihre dick gerahmte Brille auf
der Nase. Sie bewegte sich nur, wenn sie geräuschlos etwas
aus ihrer Tüte mit gemischten Süßigkeiten nahm. Ich hatte
zugesehen, wie sie sie abzählte, als sie sie kaufte: fünf von
der obersten Reihe, fünf von der untersten.
Ich war während des ganzen Films nervös, der von einem
unerträglichen Herumtreiber handelte, der durch Nordamerika
trampte und dann in Alaska starb. Ich konnte das Ende
kaum abwarten. Anna hingegen schien er zu gefallen – danach
zu urteilen, wie still sie saß, wie sie den Blick nie von
der Leinwand abwandte.
Als der Film zu Ende war, dachte ich, sie könnte einer dieser
Menschen sein, die in ehrfürchtigem Schweigen dasitzen,
bis die letzte Zeile des Abspanns abgelaufen ist, aber
in dem Augenblick, in dem die Leinwand schwarz wurde,
stand sie auf und griff nach ihrer Jacke.
»Und, wie fandest du ihn?«, fragte ich, während wir die
Treppe hinunter zur Kinobar eilten.
»Ich habe ihn gehasst«, antwortete Anna. »Jede einzelne
Minute davon.«
»Wirklich?«
»Ja, er war absolut grauenhaft.«
In der kleinen Lobbybar setzten wir uns an einen Tisch
neben einem antiken Klavier. »Das ist ja witzig«, sagte ich.
»Ich dachte, er hätte dir gefallen.«
»Nein, ich habe ihn gehasst. Ich fand diesen Typen richtig
unangenehm. Einfach durchs Land zu reisen, ohne seiner
Familie Bescheid zu geben. Er hat sich um niemanden außer
sich selbst einen Deut geschert.«
Einen Moment lang stellte ich mir vor, wie ich sie mit meinen
Freunden in der Sozialbausiedlung bekannt machte.
»Du fandest es nicht cool, als er seine ganzen Besitztümer
aufgegeben und sein Geld verbrannt hat?«, fragte ich. Es
machte mir Spaß, sie aufzustacheln. Anna nahm ihre Brille
ab, wischte sie mit einem kleinen Lappen ab und legte sie in
ein altmodisches Etui.
»Was in aller Welt war denn daran ›cool‹?«, entgegnete
sie, während sich ihre Wangen röteten. Dann blinzelte sie ein
bisschen, als müsste sie ihre Brille wieder aufsetzen. »Oh,
du hast einen Witz gemacht«, meinte sie lächelnd. »Verstehe.
Aber im Ernst. Seine Familie hat hart für das gearbeitet, was
er hatte, und er hat das alles aufgegeben, nur wegen … wegen
irgendeiner langweiligen Teenagerphilosophie. Er war
wirklich überaus selbstgefällig.«
Auf einmal schien sie ein wenig verlegen, und sie verstummte,
als die Bedienung uns unsere Drinks brachte.
»Hat dir denn der Film gefallen?«, fragte sie, als wir wieder
allein waren.
»Nein«, sagte ich. »Ich habe ihn einfach nur gehasst.«
Anna strahlte. »Gut. Da bin ich aber froh.«
»Was war das gleich wieder, was er ständig zu den Leuten
gesagt hat? ›Schafft euch jeden Tag einen neuen Horizont.‹«
»Gott, ja«, sagte Anna. »Dieser salbungsvolle New-Age-
Schwachsinn.«
»Und weißt du, was witzig war?«
»Was denn?«
»Dass er bei dieser einen Sache, die er unbedingt tun
wollte, nämlich in der Wildnis zu leben, na ja, darin war er
auch nicht sehr gut, oder? Er ist gescheitert.«
»Genau«, sagte Anna lachend. Ihre blauen Augen blitzten
in dem düsteren orangefarbenen Schimmer der Bar. »Gott,
du hast recht, sogar in dem Punkt war er ein echter Versager.
Wenn er wirklich auf den Rat der Leute gehört hätte, die
es besser wussten, der Leute, die Erfahrung damit hatten, in
der Wildnis zu leben – Wildnisexperten zum Beispiel –, dann
wäre er vielleicht noch am Leben.«
»Wildnisexperten?«
»Ja, genau«, bestätigte sie, wobei sie mich eindringlich ansah.
»Ich glaube, das ist die offizielle Bezeichnung.«
Ich sah Anna an, während sie einen Schluck von ihrem
Drink nahm. Sie war wirklich wunderschön, ihr Mund immer
an der Schwelle zu einem Lächeln, ihre Augen funkelnd
wie ein Versprechen. Sie war zu gut für mich. Sie würde nach
London gehen und letztendlich mit der Art Typ zusammenkommen,
der zu ihren Oberstufenbällen eingeladen war.
»Und was ist mit dir, wo wohnen deine Eltern?«, fragte
Anna, und mir wurde bewusst, dass ich sie anstarrte.
»Mein Dad lebt noch immer in Romford.«
Anna zögerte, nahm noch einen Schluck von ihrem Drink.
»Sind deine Eltern geschieden?«
»Meine Mum ist gestorben. Als ich fünfzehn war.«
»Oh«, sagte Anna. »Tut mir leid.«
»Schon gut«, erwiderte ich, »es ist ja nicht deine Schuld.«
Sie brauchte einen Moment, um meinen kleinen Witz zu verstehen,
und ich grinste, und sie lächelte zurück, ein wenig
entspannter.
Ich redete nicht gern von diesem grotesken Morgen, an
dem Dad vor der Schulpforte auf mich wartete. Aus irgendeinem
Grund trug er seinen besten Anzug. Er sagte nicht viel.
Das musste er nicht. Mum war in der Arbeit zusammengebrochen,
sagte er, ein schwerer Schlaganfall. Sie hatten
immer darüber gewitzelt, dass er als Erster gehen würde.
»Und, wo bist du zu Hause?«, fragte ich Anna.
»Oh, das Haupthaus ist in Suffolk, aber dort waren wir
eigentlich nicht so oft, dass es sich wie ein Zuhause anfühlen
würde.«
»Ah, schon ein hartes Leben, mit so vielen Häusern …«
Ich wusste nicht, warum ich das sagte. Es sollte eine flapsige,
witzige Bemerkung sein, aber es klang einfach nur
kleinlich und unfreundlich.
Anna sah mich finster an und nahm rasch einen Schluck
von ihrem Drink, als müsste sie gehen. »Ehrlich gesagt, Rob,
wenn du es unbedingt wissen musst, ich bin mit einem Stipendium
auf die Roedean gegangen, und meine Eltern sind
arm wie Kirchenmäuse.«

Galerie der besonderen Momente

Luke Allnutt
© Roy Baron

Wer ist Luke Allnutt?

Luke Allnutt ist in Großbritannien aufgewachsen und arbeitet als Journalist.
Der Himmel gehört uns ist sein bewegender Debütroman, der international für Furore sorgte und von der Presse gefeiert wird. Noch vor Erscheinen hat er sich in 30 Länder verkauft. Luke Allnutt lebt mit seiner Frau und den zwei gemeinsamen Söhnen in Prag und schreibt derzeit an seinem nächsten Roman.

»Diese zu Tränen rührende Geschichte geht unter die Haut. Wunderschön erzählt und einfach unvergesslich.« (Clare Swatman)

»Diese einfühlsame Geschichte über die Liebe eines Vater zu seinem Sohn ist herzzerreißend schön und wird auch dann noch lange nachklingen, wenn Sie die letzte Seite längst gelesen haben.« (The Express)

»Selten findet man eine Geschichte, die so mitreißend über Liebe und Verlust erzählt. Luke Allnutt schreibt genauso überzeugend über Herzschmerz und Verzweiflung wie über die Kraft der Hoffnung.« (The Lady)

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